Achille Mbembe: Kritik der schwarzen Vernunft

von Siegfried Gerlich --- Achille Mbembe: Kritik der schwarzen Vernunft, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2014. 332 S., 28 €

 Gastbeitrag

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Um aus dem begrenz­ten Gesichts­kreis eines von der Erfah­rung der Skla­ve­rei gepräg­ten Afro­zen­tris­mus einen umfas­sen­den Über­blick über Ras­sis­mus schlecht­hin bie­ten zu kön­nen, bedient sich Achil­le Mbem­be auch in sei­nem neu­en Buch post­struk­tu­ra­lis­ti­scher Theo­rie­an­sät­ze, die es in der Tat erleich­tern, kom­ple­xe his­to­ri­sche Rea­li­tä­ten auf simp­le Kon­struk­tio­nen zu redu­zie­ren. Über die Ideo­lo­gie­ge­schich­te der neu­zeit­li­chen Ras­s­e­theo­rien erfährt man in die­sem poli­tisch enga­gier­ten und metho­disch kon­fu­sen Pam­phlet des kame­ru­ni­schen Poli­to­lo­gen näm­lich eben­so­we­nig Sub­stan­ti­el­les wie über die Real­ge­schich­te des Ras­sis­mus gegen­über Afrikanern.

Wofür es dem Leser aller­dings die Augen öff­net, ist der von den post­co­lo­ni­al stu­dies for­cier­te ideo­lo­gi­sche Ver­fall der Ras­sis­mus­for­schung, deren jüngs­te Schu­le sich cri­ti­cal whiteness nennt, so als woll­te sie schon durch die­se Selbst­be­zeich­nung klar­stel­len, daß der Ras­sis­mus hier die Sei­ten gewech­selt hat. Mit sei­ner axio­ma­ti­schen Set­zung, durch den trans­at­lan­ti­schen Han­del mit Neger­skla­ven sei erst­mals ein »Ras­sen­sub­jekt« geschaf­fen wor­den, erklärt Mbem­be die Schwar­zen zu den exklu­si­ven Opfern des Ras­sis­mus und damit die Wei­ßen zu des­sen nicht min­der exklu­si­ven Erfin­dern. Daß auch zahl­lo­se Ange­hö­ri­ge nicht­afri­ka­ni­scher Eth­ni­en das Schick­sal der Skla­ve­rei unter nicht­eu­ro­päi­scher Herr­schaft erlit­ten haben, blen­det Mbem­be in sei­ner Geschichts­klit­te­rung kon­se­quent aus, denn der Mythos schwar­zer Unschuld und wei­ßer Täter­schaft ist ihm sakrosankt.

Fak­tisch aber waren es Afri­ka­ner, die im Lau­fe des letz­ten Jahr­tau­sends zig Mil­lio­nen Afri­ka­ner ver­sklav­ten, um die­se nach Abde­ckung des Eigen­be­darfs zunächst an ori­en­ta­li­sche und spä­ter auch an euro­päi­sche Händ­ler zu ver­kau­fen. Daß Afri­ka ab dem 11. Jahr­hun­dert zur welt­größ­ten Skla­ven­lie­fer­zo­ne wur­de, war dabei maß­geb­lich dem Islam geschul­det, des­sen drei Rei­che vom 7. bis zum 20. Jahr­hun­dert das groß­räu­migs­te und lang­le­bigs­te Skla­ven­sys­tem der Welt­ge­schich­te auf­rech­terhiel­ten. Und als im 19. Jahr­hun­dert Eng­län­der und Fran­zo­sen die welt­wei­te Abschaf­fung der Skla­ve­rei in Angriff nah­men, rüs­te­ten sich wie­der­um afro­is­la­mi­sche Eli­ten und War­lords vom Niger bis zum Nil zu »anti­ko­lo­nia­len Befrei­ungs­krie­gen«, um ihre effek­tivs­te und pro­fi­ta­bels­te sozia­le Insti­tu­ti­on zu ver­tei­di­gen. Tat­säch­lich wird die Skla­ve­rei in schwarz­afri­ka­ni­schen Län­dern wie dem Sudan oder Mau­re­ta­ni­en noch heu­te prak­ti­ziert. Nichts von all­dem wird von Mbem­be auch nur erwähnt. Für ihn sind Täter und Opfer klar nach Haut­far­ben sor­tiert, und er kennt deren nur zwei.

Inso­fern wird man unse­rem Autor, der sich im Titel sei­nes Buchs kühn an die Sei­te Imma­nu­el Kants stellt, getrost einen gra­vie­ren­den Man­gel an intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit beschei­ni­gen dür­fen. Woll­te man ihn über­dies als Ver­tre­ter des Post­ko­lo­nia­lis­mus, der sich von alt­eu­ro­päi­schen Wis­sen­schafts­stan­dards längst ver­ab­schie­det hat, an eige­nen Maß­stä­ben mes­sen, so müß­te man die binä­re Logik sei­nes buch­stäb­li­chen »Schwarz/Weiß«-Denkens als selbst dekon­struk­ti­ons­wür­dig zurückweisen.

Die Inkon­se­quenz schließ­lich, mit der Mbem­be »Neger« (»nég­re«) ein­mal mit und ein­mal ohne Anfüh­rungs­zei­chen schreibt, bezeugt nicht nur, daß sein radi­ka­ler Kon­struk­ti­vis­mus kei­ner­lei Unter­schei­dung zwi­schen Fik­tio­nen und Fak­ten, Pro­jek­tio­nen und Rea­li­tä­ten mehr erlaubt; sie bestä­tigt – unfrei­wil­lig selbst­be­züg­lich – zugleich sei­ne Dia­gno­se, daß die stol­ze »Négritu­de«, wel­che die Schwar­zen nach der Ent­ko­lo­nia­li­sie­rung davor geschützt hat, in ein iden­ti­tä­res Nichts zu stür­zen, sich immer auch einer freund­li­chen Über­nah­me ras­sis­ti­scher Zuwei­sun­gen verdankte.

Kaum zufäl­lig ver­fällt Mbem­be, sobald er theo­re­tisch abrüs­tet, lite­ra­risch unge­schützt den poli­tisch-psy­cho­lo­gi­schen Trau­ma­ta der Afri­ka­ner nach­spürt und sich auf die Suche nach ihrer ver­lo­re­nen Iden­ti­tät begibt, in apo­lo­ge­ti­schen Afrokitsch.

Achil­le Mbembes Kri­tik der schwar­zen Ver­nunft kann man hier bestel­len. 

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