Florian Huber: Kind, versprich mir, daß du dich erschießt

Florian Huber: Kind, versprich mir, daß du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945, Berlin: Berlin Verlag 2015. 304 S., 22.99 €

 Gastbeitrag

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Im 70. Jahr nach dem vor­geb­li­chen »Tag der Befrei­ung« (von Weiz­sä­cker) schei­nen eini­ge The­men beforsch­bar zu wer­den, die unlängst noch das Kar­rie­re­en­de für His­to­ri­ker bedeu­tet hät­ten. Mas­sen­me­di­al wären sie kei­nes­falls rezi­piert wor­den. Daß am 5. Mai 2015 zur bes­ten Sen­de­zeit alli­ier­te Kriegs­ver­bre­chen the­ma­ti­siert wur­den, zeugt trotz inhalt­li­cher Män­gel von sich lang­sam ver­än­dern­den Perspektiven.

Einen weit­ge­faß­ten und zugleich inti­men Blick wirft der His­to­ri­ker Flo­ri­an Huber auf das Kriegs­en­de. Für Kind, ver­sprich mir, daß du dich erschießt hat er ins­be­son­de­re Tage­bü­cher und Amts­un­ter­la­gen aus­ge­wer­tet; es geht um die mas­sen­haf­ten Selbst­tö­tun­gen der frisch »Befrei­ten«, die in den öst­li­chen Reichs­tei­len gan­ze Dör­fer dezi­mier­ten. Auf­hän­ger ist das vor­pom­mer­sche Dem­min, am 30. April kampf­los an die Rote Armee über­ge­ben, wo infol­ge sofor­ti­ger sowje­ti­scher Exzes­se von Ver­ge­wal­ti­gung bis Brand­stif­tung bin­nen weni­ger Tage um die 1000 Men­schen Hand an sich legten.

Huber gibt erschüt­tern­de Zeug­nis­se wie­der, die auch heu­te ans Inners­te des Lesers rüh­ren: »Mit dem Rauch kam eine Unzahl ver­ge­wal­tig­ter Frau­en, teil­wei­se noch stark blu­tend, mit ein, zwei, drei, ja manch­mal vier Kin­dern an der Hand in Tran­ce, lee­ren Bli­ckes die Jar­me­ner Chaus­see her­auf­ge­wankt. (…) Mas­sen­psy­cho­se. Sie such­ten also den Tod in den Flu­ten.« Müt­ter wate­ten ins nied­ri­ge Was­ser von Tol­len­se oder Pee­ne und for­der­ten die ent­setz­ten Zuschau­er auf, ihnen ihre Kin­der hin­ter­her­zu­wer­fen, um sie dann mit »schie­rer Ent­schlos­sen­heit« eigen­hän­dig zu erträn­ken. Fami­li­en­vä­ter erschos­sen oder erhäng­ten ihre Ange­hö­ri­gen und zuletzt sich selbst; gan­ze Haus­ge­mein­schaf­ten gin­gen so in den Tod. Tage­lang schlepp­ten die ver­blie­be­nen Ein­woh­ner Lei­chen aus dem Deve­ner Holz.

Von der Mikro­ebe­ne Demmins blen­det Huber über auf das Gesamt­reich, wo aller­or­ten Bür­ger wochen­lang »für den Fall« Gift in Beu­teln um den Hals tru­gen. Erschie­ßen, Erhän­gen, das Auf­schnei­den der Puls­adern waren so all­ge­gen­wär­tig, daß das Tabu der Selbst­tö­tung ver­schwand und Pre­di­ger sich genö­tigt sahen, gegen den schwar­zen Stru­del anzu­re­den, der die Men­schen aus dem Leben riß. Die zwei­te Hälf­te des Buchs ist einer ver­dienst­vol­len Beschrei­bung des See­len­zu­stands der »Befrei­ten« gewid­met, deren gan­zes Lebens­kon­zept zer­trüm­mert lag und kei­ne Zukunft mehr erhof­fen ließ.

Inhalt­lich also ist die­ses Buch abso­lut lesens­wert, auch wenn sich bei der Lek­tü­re der Magen umdreht. Ärger­lich sind die diver­sen ein­ge­streu­ten Schuld­flos­keln, wonach etwa jedem Sowjet­sol­da­ten »klar gewor­den [sei], daß die Deut­schen auf­ge­bro­chen waren, um ihn ent­we­der als Skla­ven in ein Lager oder als Lei­che in eine Gru­be zu wer­fen«, was die unzäh­li­gen Greu­el­ta­ten an wehr­lo­sen Zivi­lis­ten erklä­re. Wer der­lei Geschichts­ko­tau ver­win­den kann, der muß Huber lesen – erst recht 70 Jah­re nach der »Befrei­ung«.

Flo­ri­an Hubers Kind, ver­sprich mir, daß du dich erschießt kann man hier bestel­len.

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