David Eberhard: Kinder an der Macht.

David Eberhard: Kinder an der Macht. Die monströsen Auswüchse liberaler Erziehung, München: Kösel 2015. 304. S., 17.99 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die­se War­nung vor einer »Päd­ago­gik auf Augen­hö­he« erreicht uns aus Schwe­den, dem Land des päd­ago­gi­schen Libe­ra­lis­mus. Wer denkt, in Deutsch­land spit­ze sich ein Erzie­hungs­not­stand zu, soll­te wis­sen: Der Abstand, der hin­sicht­lich Lais­ser-fai­re (und ein­her­ge­hen­der Pro­ble­ma­ti­ken) zwi­schen Deutsch­land und Schwe­den klafft, ist ähn­lich groß wie die Span­ne, die zwi­schen dem hie­si­gen Erzie­hungs­stil der sech­zi­ger Jah­re und dem gegen­wär­ti­gen liegt. Wer hier­zu­lan­de vom »Nan­ny-Staat« spricht, kennt nicht das schwe­di­sche Sys­tem. Die Grund­schu­le in Schwe­den dau­ert neun Jah­re, erst ab Klas­se acht wer­den (eini­ge) Noten ver­ge­ben, in den Abschluß­klas­sen aller­dings nur posi­ti­ve. Che­mie­un­ter­richt endet in Klas­se neun, Phy­sik gibt es gar nicht – das beschei­de­ne Abschnei­den von Schwe­den in den PISA-Tests spricht Bän­de. Einen Blick in men­ta­le Zustän­de erhält, wer aktu­el­le schwe­di­sche Jugend­bü­cher studiert.

Daher mag der smart wir­ken­de Psych­ia­ter David Eber­hard in sei­ner Hei­mat als Mis­ter Streng gel­ten, hier muß er sich in der (ver­kaufs­träch­ti­gen) Liga der Freun­de des Grenzen­set­zens in die unte­ren Rän­ge ein­ord­nen. Eber­hard beklagt das defi­ni­tiv Bekla­gens­wer­te: Daß Schul­kin­der im Bus nicht mehr für Älte­re auf­ste­hen. Daß es einen unaus­ge­spro­che­nen Wett­be­werb um den cools­ten Vater und das kum­pel­haf­tes­te Eltern-Kind-Ver­hält­nis gibt. Daß dem Kind alles weich­ge­spült und vor­ge­kaut wird. Daß erzie­hungs­tech­nisch zuviel geschimpft, aber zuwe­nig gehan­delt wird. Daß Kin­der heu­te (er bezieht das auch auf die hohe ADHS-Rate) zuwe­nig Schlaf haben.

Im Kern warnt Eber­hard davor, die Kin­der in Wat­te zu packen. Er fin­det, die Eltern-Kind-Bin­dung wer­de über­schätzt, und gleich­zei­tig wer­de den Kin­dern zuviel »Augen­hö­he« zugestanden.

Einer­seits ver­tritt Eber­hard kei­ne auch nur ansatz­wei­se radi­ka­len The­sen. Ande­rer­seits spitzt er am lau­fen­den Band unge­bühr­lich zu, um mög­lichst kras­se, ent­le­ge­ne Bei­spie­le einer fehl­ge­lei­te­ten Päd­ago­gik zu prä­sen­tie­ren. Um zu bele­gen, daß bereits Schwan­ge­re mit über­trie­be­nen Ver­hal­tens­richt­li­ni­en trak­tiert wür­den, bemüht er eine »Bekann­te«, die sich am bes­ten die gesam­ten neun Mona­te »nicht bewe­gen« soll­te. Er spricht von einer »Still­ma­fia«, die Eltern ein­trich­te­re, schon ein ein­zi­ger Trop­fen Ersatz­milch ber­ge Lebens­ge­fahr, und von Bin­dungs­theo­re­ti­kern, die eine sie­ben­jäh­ri­ge Still­zeit ein­for­der­ten. Als abschre­cken­de Bei­spie­le für erzie­he­ri­sche Libe­ra­li­tät bemüht er Drei­jäh­ri­ge, die über Urlaubs­zie­le ent­schei­den und Zwei­jäh­ri­ge, die über Gewalt­po­ten­tia­le im Nahen Osten mit­re­den dür­fen. Ein heu­te sech­zehn­jäh­ri­ger Sohn wäre nach Eber­hard vor hun­dert Jah­ren bereits Vater gewe­sen. Geht’s eine Num­mer klei­ner?, fragt man sich Sei­te um Sei­te. Hät­ten nicht simp­le­re All­tags­bei­spie­le ausgereicht?

Wäre ein Extrakt des Buchs auf einer ein­zi­gen Zei­tungs­sei­te erschie­nen – man hät­te es als Anstoß begrif­fen. So aber liest man sich durch Red­un­dan­zen, breit geschil­der­te Fall­bei­spie­le, Fami­li­en­an­ek­do­ten, ein gewis­ses Durch­ein­an­der und eine nicht immer vor­treff­li­che Über­set­zung. Oder liegt es am Ori­gi­nal? Jeden­falls stol­pert der Leser über Stil­blü­ten zuhauf, etwa, wenn es um Schü­ler geht, die bei »grund­le­gen­den The­men wie Bil­dung und All­ge­mein­wis­sen nicht mit­hal­ten können.«

Eber­hard ist erkenn­bar stolz, jung Vater gewor­den zu sein. Er hat sechs Kin­der. In der Tat mag vie­les für frü­he Eltern­schaft spre­chen. Aber ersetzt es ein Argu­ment, daß spä­te Eltern »zu alt« seien,»um zu ris­kie­ren, daß ihrem lang ersehn­ten Spröß­ling etwas zustößt«? Ver­mut­lich wol­len sogar jun­ge Eltern sol­ches »Zusto­ßen« verhindern.

Eber­hard rät, daß man Hin­wei­se nur von Pro­fis anneh­men sol­le, die bes­tens mit Hirn­for­schung ver­traut sei­en. Weni­ge Sei­ten spä­ter beklagt er, daß die Rat­schlä­ge der Groß­el­tern­ge­nera­ti­on nichts mehr gäl­ten. Wider­sprüch­lich ist auch, daß Eber­hard betont (in Anleh­nung an Judith Rich Har­ris’ Bestel­ler Ist Erzie­hung sinn­los? ), daß elter­li­che Anstren­gun­gen wenig ver­mö­gen – um dem­ge­gen­über zu ver­deut­li­chen, wie wich­tig kla­re päd­ago­gi­sche Grund­sät­ze sei­en. Unterm Strich blei­ben Erkennt­nis­se, daß ein elek­tro­frei­er Tag ein »sehr posi­ti­ves Gefühl« ver­mit­teln kön­ne, daß man das Kind loben dür­fe, aber nicht über­trie­ben stark, und sum­ma sum­ma­rum, daß es kei­ne »per­fek­ten Eltern« gebe. Ein Paläo-Buch mit einem Neo-Titel, gewissermaßen.

Kin­der an der Macht. Die mons­trösen Aus­wüch­se libe­ra­ler Erzie­hung von David Eber­hard kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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