Manfred Kleine-Hartlage: Die Sprache der BRD – 131 Unwörter und ihre politische Bedeutung

Manfred Kleine-Hartlage: Die Sprache der BRD –131 Unwörter und ihre politische Bedeutung, Schnellroda: Antaios 2015. 240 S., 22 €

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Viel­leicht kann man das neue Buch des Sozio­lo­gen Man­fred Klei­ne-Hart­la­ge am bes­ten mit Hil­fe eines klei­nen Exkur­ses vor­stel­len. Sein Titel, Die Spra­che der BRD, erin­nert nicht zufäl­lig an Vic­tor Klem­pe­rers berühm­te Stu­die des Jar­gons der NS-Herr­schaft, LTI, kurz für »Lin­gua Ter­tii Impe­rii«, also die »Spra­che des Drit­ten Rei­ches«. Der Dres­de­ner Phi­lo­lo­ge gehör­te als zum Pro­tes­tan­tis­mus kon­ver­tier­ter Jude zu den Stig­ma­ti­sier­ten und Ver­folg­ten des Regimes, des­sen Herr­schaft sich nicht zuletzt in einer geziel­ten Gleich­schal­tung der Spra­che des öffent­li­chen Rau­mes manifestierte.

Klem­pe­rer leb­te in die­ser Zeit wie ein ein­ge­kreis­tes Tier – die ein­zi­ge Waf­fe, die ihm zur wenigs­tens men­ta­len Selbst­ver­tei­di­gung ver­blieb, war sein Tage­buch, die »Balan­cier­stan­ge, ohne die ich hun­dert­mal abge­stürzt wäre.« Als Hal­te­griff dien­te ihm die an sich selbst gerich­te­te For­de­rung: »Beob­ach­te, stu­die­re, prä­ge dir ein, was geschieht – mor­gen sieht es schon anders aus, mor­gen fühlst du es schon anders; hal­te fest, wie es eben jetzt sich kund­gibt und wirkt.«

Dabei muß­te er fest­stel­len, daß sich die Pro­pa­gan­da­phra­sen der­art flä­chen­de­ckend in den Köp­fen fest­ge­setzt hat­ten, daß selbst die Geg­ner und Ver­folg­ten des Natio­nal­so­zia­lis­mus unfä­hig waren, sich deren Begriffs­rah­men zu ent­zie­hen. »Es waren kei­ne gro­ßen Unter­schie­de zu mer­ken; nein, eigent­lich über­haupt kei­ne. Frag­los waren alle, Anhän­ger und Geg­ner, Nutz­nie­ßer und Opfer, von den­sel­ben Vor­bil­dern geleitet.«

Denn »die stärks­te Wir­kung wur­de nicht durch Ein­zel­re­den aus­ge­übt, auch nicht durch Arti­kel oder Flug­blät­ter, durch Pla­ka­te oder Fah­nen, sie wur­de durch nichts erzielt, was man mit bewuß­tem Den­ken oder bewuß­tem Füh­len in sich auf­neh­men muß­te. Son­dern der Nazis­mus glitt in Fleisch und Blut der Men­ge über durch die Ein­zel­wor­te, die Rede­wen­dun­gen, die Satz­for­men, die er ihr in mil­lio­nen­fa­chen Wie­der­ho­lun­gen auf­zwang, und die mecha­nisch und unbe­wußt über­nom­men wur­den.« Wor­te aber »kön­nen sein wie win­zi­ge Arsen­do­sen: sie wer­den unbe­merkt ver­schluckt, sie schei­nen kei­ne Wir­kung zu tun, und nach eini­ger Zeit ist die Gift­wir­kung doch da.«

Es ist nicht schwer, Klem­pe­rers grund­le­gen­de Betrach­tun­gen auch auf die heu­ti­ge Pra­xis der ideo­lo­gi­schen Mani­pu­la­ti­on anzu­wen­den, die ver­mut­lich noch tie­fer und uner­kann­ter wirkt als zu Goe­b­bels’ Zei­ten. Auch die »Lin­gua Rei­pu­bli­cae Foe­de­ra­tae Ger­ma­niae« funk­tio­niert im Prin­zip nicht anders als die »LTI«, auch sie ist inzwi­schen ähn­lich »alter­na­tiv­los« und all­ge­gen­wär­tig. Auch sie wirkt sinn­ver­keh­rend und ver­ne­belnd, dadurch eine tota­le »kul­tu­rel­le Hege­mo­nie« erzeu­gend und absi­chernd; auch sie »ändert Wort­wer­te und Wort­häu­fig­kei­ten, sie macht zum All­ge­mein­gut, was frü­her einem ein­zel­nen oder einer win­zi­gen Grup­pe gehör­te, sie beschlag­nahmt für die Par­tei, was frü­her All­ge­mein­gut war, und in alle­dem durch­tränkt sie Wor­te und Wort­grup­pen und Satz­for­men mit ihrem Gift«.

Dies fällt fast nie­man­dem mehr auf, wie auch fast nie­mand mehr imstan­de ist, sich die­sen Rege­lun­gen zu ent­zie­hen. Sich den gän­gi­gen Stan­dard­flos­keln ana­ly­tisch-distan­zie­rend zu nähern ist also durch­aus ein Akt des Wider­stan­des. Klei­ne-Hart­la­ge lis­tet die Schla­ger des BRD-Sprechs lexi­kon­ar­tig auf, um sie mit Sar­kas­mus gewürzt nach allen Regeln der Kunst zu demon­tie­ren. Dabei lan­det er einen Voll­tref­fer nach dem anderen.

Es bedarf hier eines geüb­ten Schiff­chen­ver­sen­kers, denn die Effek­ti­vi­tät der typi­schen Schlag­wor­te, selbst – oder gera­de! – der faden­schei­nigs­ten, ist immer wie­der ver­blüf­fend. Sie funk­tio­nie­ren inzwi­schen wie Knöp­fe auf einem Auto­ma­ten. Wann auch immer jemand es wagt, sei­ne Stim­me auch noch so vor­sich­tig gegen den Sound des new­speak zu erhe­ben, sieht er sich augen­blick­lich Hor­den von Wider­spruchs­ro­bo­tern gegen­über, die sich ihm etwa mit dem belieb­ten Slo­gan »XY ist bunt! Wir leben Viel­falt!« ent­ge­gen­stel­len, dabei vor mora­li­schem Eifer aus allen Näh­ten platzend.

Anhand der poli­ti­schen Kar­rie­re des Wörtchens»bunt« läßt sich im Gefol­ge Klem­pe­rers auch treff­lich zei­gen, wie die ideo­lo­gi­sier­te Spra­che dazu neigt, sich selbst zu ent­lar­ven – die »LRFG« spricht Bän­de über die Infan­ti­li­tät und Rea­li­täts­flucht der bun­des­deut­schen Gesell­schaft. Trotz des Zucker­gus­ses sind die »Arsen­do­sen« nicht weni­ger gif­tig, wes­halb Klei­ne-Hart­la­ge hart, aber wohl lei­der zutref­fend urteilt: »Ein Staat, in dem bis hin zum Bun­des­prä­si­den­ten alle ver­meint­lich seriö­sen Mei­nungs­mul­ti­pli­ka­to­ren in ste­reo­ty­per Wei­se eine solch kin­di­sche Kitsch­spra­che spre­chen, ist zum Tode verurteilt.«

Eben­falls auf sei­ner Abschuß­lis­te: »Berei­che­rung«, »Willkommenskultur«,»Toleranz«, »Ängs­te der Men­schen ernst nehmen«,»Homophobie«, »brei­tes Bünd­nis«, »krude«,»weltoffen«, »beson­de­re Ver­ant­wor­tung«, »mün­di­ge Bür­ger«, »Haß«, »Anti­ras­sis­mus«, »Dia­log«, »Demo­kra­tie« und über hun­dert wei­te­re Ever­greens und erle­dig­te Fäl­le des lan­des­üb­li­chen »Dis­kur­ses«. Ein Buch, das den Kopf befreit, die argu­men­ta­ti­ven Arse­na­le auf­stockt und dabei auch noch vor­züg­lich zu unter­hal­ten weiß.

Man­fred Klei­ne-Hart­la­ges Die Spra­che der BRD –131 Unwörter und ihre poli­ti­sche Bedeu­tung kann man hier bestel­len.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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