Gerhard Paul/Ralph Schock (Hrsg.): Der Sound des Jahrhunderts.

Eine Rezension von Christian Marschall

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Ger­hard Paul/Ralph Schock (Hrsg.): Der Sound des Jahr­hun­derts. Geräu­sche, Töne, Stim­men 1889 bis heu­te, Bonn: Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung 2013. 630 S., 7 €

In edi­to­ri­scher Hin­sicht ist es kuri­os: Das hier vor­ge­stell­te Buch, vor zwei Jah­ren von der BpB­her­aus­ge­gen, ist nun unter ähn­li­chem Titel im Ver­lag Wall­stein erschie­nen. Es hat dort ein defi­ni­tiv schö­ne­res Titel­bild, etwas weni­ger Umfang, deut­lich weni­ger Bil­der – und dort ist kei­ne DVD mit Gesamt­text und (wich­tig!) Hör­bei­spie­len bei­gege­ben. Der Kauf­preis ist dafür um das Sie­ben­fa­che erhöht. Wer nicht aus­ge­spro­chen biblio­phil ist, hat also mit dem Vier­pfün­der der Bun­des­zen­tra­le den bes­se­ren Griff getan.

Vor­ge­stellt und unter­sucht wird hier die Geschich­te des 20. und des jun­gen 21. Jahr­hun­derts unter dem Aspekt des »Sounds«, des Hin­ter­grund­rau­schens. Das ist eine neue, eine fas­zi­nie­ren­de Betrach­tung. Noch in der Frü­hen Neu­zeit war die »Sound­s­cape« – hüb­scher Begriff! – zu 90 Pro­zent von Natur- und Men­schen­lau­ten geprägt. Ab dem 18. Jahr­hun­dert domi­nier­ten Wer­ke­zeu­ge, Maschi­nen und Ver­kehrs­mit­tel die Laut­land­schaft. Klang­for­scher spre­chen für die vor­in­dus­tri­el­le Welt von einer »Hi-Fi-Sound­s­cape«, wohin­ge­gen die moder­ne Stadt eine Lo-Fi-Situa­ti­on pro­du­zie­re, in der »ein­zel­ne akus­ti­sche Signa­le« über­deckt wer­den »von einer über­mä­ßig ver­dich­te­ten Anhäu­fung von Lauten.«

Im 20. Jahr­hun­dert kommt es zur »audi­tiven Revo­lu­ti­on«: Die moder­nen Ton- und Über­tra­gungs­tech­ni­ken wer­den erfun­den. Wer wuß­te, daß Theo­dor Les­sing (Intel­lekt und Selbst­haß. Eine Stu­die über den jüdi­schen Geist) bereits vor dem Ers­ten Welt­krieg einen Antil­ärm­ver­ein grün­de­te? Bevor Ohro­pax, 1907 von einem schle­si­schen Apo­the­ker auf den Markt gebracht, sei­nen Sie­ges­zug antrat, reüs­sier­te eine ande­re Erfin­dung: das Anti­phon. Eine klei­ne Kugel ver­schloß den Gehör­gang mit dem Zweck, sich dem »akus­ti­schen Schmutz«, der »Miß­hand­lung der Gebil­de­ten durch die Unge­bil­de­ten« zu erweh­ren. Auch der Dra­ma­ti­ker Carl von Stern­heim ver­schloß sich zur sozia­len Abschot­tung die Ohren: »Sie wer­den grup­pen­haf­ter immer urteils­lo­ser, schwat­zen Rund­funk … für alle mise­ra plebs selbst­ver­ständ­lich. Ich tra­ge im Umgang mit ihnen Ohro­pax.« Lud­wig Feu­er­bach nann­te das Ohr übri­gens das »Organ der Angst«, wohin­ge­gen Augen, Hän­de und Geruch Sin­ne der Kri­tik und der Skep­sis seien.

In sechs chro­no­lo­gisch geglie­der­ten Kapi­teln wid­men sich 84 teils renom­mier­te Wis­sen­schaft­ler die­ser Geräusche­ge­schich­te in drei Kate­go­rien: ers­tens der Medi­en- und Kul­tur­ge­schich­te akus­ti­scher Tech­no­lo­gien, zwei­tens der Klang­ge­schich­te des Poli­ti­schen (Erzeu­gung von Musik und Lärm in Dik­ta­tu­ren), drit­tens der Bedeu­tung des »Sounds« in der Erin­ne­rungs­ge­schich­te – der Sound der DDR war ein ande­rer als der west­deut­sche! Lesens­wer­te Tri­via (»der ero­ti­sche Klang von Stö­ckel­schu­hen«, eine Repor­ta­ge vom 100-Meter-End­lauf bei den Olym­pi­schen Som­mer­spie­len 1936 oder »Je‑t’aime-Soundtrack der sexu­el­len Revo­lu­ti­on«) klin­gen neben der Geräusch­ku­lis­se von Flie­ger­alarm, Luft­schutz­si­re­nen und Stu­ka-Sir­ren an, Wag­ners »Wal­kü­ren­ritt« ertönt neben dem soge­nann­ten »Sound der Frei­heit«, dem Swing. Wir hören etwa Kai­ser Wil­helms II. Rede »Stark sein im Schmerz«, die BBC-Anspra­che von Tho­mas Mann 1941, das Ho-Chi-Minh-Kampf­ge­schrei der Stu­den­ten­re­vol­te und die Erken­nungs­me­lo­die des »Schwar­zen Kanals«.

Ein Kapi­tel wid­met sich tat­säch­lich dem »Sound­track des Holo­caust«, hier geht es um ent­spre­chen­de Fil­me, in denen Musik als »ankla­gen­der und über­hö­hen­der Kom­men­tar« ein­ge­setzt wird. Für die neu­es­te Zeit wird eine Kul­tur­ge­schich­te des Klin­gel­tons und die »Schwei­ge­mi­nu­te« nicht ver­ges­sen. Neben den Tönen und Tex­ten lebt die­ses enzy­klo­pä­di­sche, nicht in sämt­li­chen Kapi­teln über­zeu­gen­de, aber her­vor­ra­gend auf­be­rei­te­te Werk von sei­ner über­rei­chen Bebilderung.

Der Sound des Jahr­hun­derts von Ger­hard Paul und Ralph Schock kann man hier bestel­len. 

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