Sezession
1. April 2015

Gerhard Paul/Ralph Schock (Hrsg.): Der Sound des Jahrhunderts.

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Eine Rezension von Christian Marschall

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Gerhard Paul/Ralph Schock (Hrsg.): Der Sound des Jahrhunderts. Geräusche, Töne, Stimmen 1889 bis heute, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2013. 630 S., 7 €

In editorischer Hinsicht ist es kurios: Das hier vorgestellte Buch, vor zwei Jahren von der BpBherausgegen, ist nun unter ähnlichem Titel im Verlag Wallstein erschienen. Es hat dort ein definitiv schöneres Titelbild, etwas weniger Umfang, deutlich weniger Bilder – und dort ist keine DVD mit Gesamttext und (wichtig!) Hörbeispielen beigegeben. Der Kaufpreis ist dafür um das Siebenfache erhöht. Wer nicht ausgesprochen bibliophil ist, hat also mit dem Vierpfünder der Bundeszentrale den besseren Griff getan.

Vorgestellt und untersucht wird hier die Geschichte des 20. und des jungen 21. Jahrhunderts unter dem Aspekt des »Sounds«, des Hintergrundrauschens. Das ist eine neue, eine faszinierende Betrachtung. Noch in der Frühen Neuzeit war die »Soundscape« – hübscher Begriff! – zu 90 Prozent von Natur- und Menschenlauten geprägt. Ab dem 18. Jahrhundert dominierten Werkezeuge, Maschinen und Verkehrsmittel die Lautlandschaft. Klangforscher sprechen für die vorindustrielle Welt von einer »Hi-Fi-Soundscape«, wohingegen die moderne Stadt eine Lo-Fi-Situation produziere, in der »einzelne akustische Signale« überdeckt werden »von einer übermäßig verdichteten Anhäufung von Lauten.«

Im 20. Jahrhundert kommt es zur »auditiven Revolution«: Die modernen Ton- und Übertragungstechniken werden erfunden. Wer wußte, daß Theodor Lessing (Intellekt und Selbsthaß. Eine Studie über den jüdischen Geist) bereits vor dem Ersten Weltkrieg einen Antilärmverein gründete? Bevor Ohropax, 1907 von einem schlesischen Apotheker auf den Markt gebracht, seinen Siegeszug antrat, reüssierte eine andere Erfindung: das Antiphon. Eine kleine Kugel verschloß den Gehörgang mit dem Zweck, sich dem »akustischen Schmutz«, der »Mißhandlung der Gebildeten durch die Ungebildeten« zu erwehren. Auch der Dramatiker Carl von Sternheim verschloß sich zur sozialen Abschottung die Ohren: »Sie werden gruppenhafter immer urteilsloser, schwatzen Rundfunk … für alle misera plebs selbstverständlich. Ich trage im Umgang mit ihnen Ohropax.« Ludwig Feuerbach nannte das Ohr übrigens das »Organ der Angst«, wohingegen Augen, Hände und Geruch Sinne der Kritik und der Skepsis seien.

In sechs chronologisch gegliederten Kapiteln widmen sich 84 teils renommierte Wissenschaftler dieser Geräuschegeschichte in drei Kategorien: erstens der Medien- und Kulturgeschichte akustischer Technologien, zweitens der Klanggeschichte des Politischen (Erzeugung von Musik und Lärm in Diktaturen), drittens der Bedeutung des »Sounds« in der Erinnerungsgeschichte – der Sound der DDR war ein anderer als der westdeutsche! Lesenswerte Trivia (»der erotische Klang von Stöckelschuhen«, eine Reportage vom 100-Meter-Endlauf bei den Olympischen Sommerspielen 1936 oder »Je-t’aime-Soundtrack der sexuellen Revolution«) klingen neben der Geräuschkulisse von Fliegeralarm, Luftschutzsirenen und Stuka-Sirren an, Wagners »Walkürenritt« ertönt neben dem sogenannten »Sound der Freiheit«, dem Swing. Wir hören etwa Kaiser Wilhelms II. Rede »Stark sein im Schmerz«, die BBC-Ansprache von Thomas Mann 1941, das Ho-Chi-Minh-Kampfgeschrei der Studentenrevolte und die Erkennungsmelodie des »Schwarzen Kanals«.

Ein Kapitel widmet sich tatsächlich dem »Soundtrack des Holocaust«, hier geht es um entsprechende Filme, in denen Musik als »anklagender und überhöhender Kommentar« eingesetzt wird. Für die neueste Zeit wird eine Kulturgeschichte des Klingeltons und die »Schweigeminute« nicht vergessen. Neben den Tönen und Texten lebt dieses enzyklopädische, nicht in sämtlichen Kapiteln überzeugende, aber hervorragend aufbereitete Werk von seiner überreichen Bebilderung.

Der Sound des Jahrhunderts von Gerhard Paul und Ralph Schock kann man hier bestellen. 


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