Alexander Neubacher: Total beschränkt. Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt

Alexander Neubacher: Total beschränkt. Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt, München/Hamburg: DVA/Spiegel Buchverlag. 304 S., 22.99 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Döner darf gemäß der Ber­li­ner Ver­kehrs­auf­fas­sung für das Fleisch­erzeug­nis Döner­ke­bap nur dann Döner hei­ßen, wenn das im Pro­dukt befind­li­che Hack im Fleisch­wolf gewolft wur­de. Wur­de das Fleisch hin­ge­gen mit Hil­fe einer Kut­ter­ma­schi­ne gekut­tert, han­delt es sich nicht um »Döner«, son­dern um einen »Spieß nach Döner Art«. Na und!

Neu­ge­bau­te Stra­ßen und Plät­ze müs­sen im Ber­li­ner Bezirk Fried­richs­hain-Kreuz­berg nach Frau­en benannt wer­den, bis auf dem Stadt­plan eine Quo­te von 50 Pro­zent erreicht ist. Na ja!

Wo es an Frau­en man­gelt, ist Krea­ti­vi­tät gefragt: Der neue Platz vor dem Jüdi­schen Muse­um heißt jetzt Fro­met-und-Moses-Men­dels­sohn-Platz. Fro­met war die Frau des Phi­lo­so­phen. Na gut!

Spie­gel-Wirt­schafts­re­dak­teur Alex­an­der Neu­ba­cher kennt Hun­der­te sol­cher Bei­spie­le, die bele­gen, daß es kein Zufall ist, daß der Deut­sche auf die Fra­ge »Wie geht’s?« gern mit »Alles in Ord­nung!« ant­wor­tet. Euro­pa ist rege­lungs­wü­tig, Deutsch­land ist Vor­rei­ter. Hier gibt es pein­lich über­wach­te Sprach­re­ge­lun­gen, Sand­bur­gen­bau­ver­bo­te, Nor­men, die die Innen­ma­ße von Schlaf­sä­cken regeln, Weich­ma­cher­ver­bo­te für Sex­spiel­zeu­ge und eine Ver­pa­ckungs­ver­ord­nung, die vor­sieht, daß Klei­der­bü­gel, die zusam­men mit einem Klei­dungs­stück gekauft wur­den, in den gel­ben Sack gehö­ren, Klei­der­bü­gel, die ein­zeln erwor­ben wur­den, hin­ge­gen mit dem Rest­müll ent­sorgt wer­den müssen.

Der Nan­ny­staat, sagt Neu­ba­cher, »nötigt uns sei­ne Hil­fe auf, ob wir wol­len oder nicht. Er befreit uns von der Ver­pflich­tung, selbst zu ent­schei­den, was gut für uns ist.« Wo das Ver­bot das Argu­ment erset­ze, wer­de den Bür­gern das Den­ken abge­wöhnt. Wer in ein all­zu enges Kor­sett gezwängt wer­de, ver­ler­ne, aus eige­ner Kraft auf­recht zu gehen und sei­nen eige­nen Weg zu fin­den. Neu­ba­cher fuhr­werkt dabei kei­nes­wegs wie mit der Axt im Wal­de. Er weiß genau, gera­de ein gro­ßer Staat hat Rege­lungs­be­darf, auch zum Schutz der Bürger.

Den Punkt, wo die Für­sor­ge zur Gän­ge­lung wird, sieht er – und belegt es – längst über­schrit­ten. »Es beschleicht einen der Ver­dacht, daß wir zum Opfer von Ablen­kungs­ma­nö­vern wer­den, mit denen Poli­ti­ker Hand­lungs­fä­hig­keit demons­trie­ren wol­len, wenn sie bei wich­ti­gen The­men [Neu­ba­cher nennt das Bank­ge­wer­be und den Daten­schutz] nicht vor­an­kom­men.« In sie­ben Kapi­teln (etwa »Din­kel­deutsch­land: Der Sittlichkeitsstaat«,»Vorsicht Trot­tel­bür­ger: Der Sicherheitsstaat«,»Das gute Leben und sei­ne Fein­de: Der Ent­halt­sam­keits­staat«) führt der Autor nicht nur bizar­re Para­gra­phen und Ver­bo­te vor, er geht auch auf das Men­schen­bild der Ver­bie­ter und Regle­men­tie­rer ein und prägt uns ein Hegel-Zitat ein: »Es kann nur der zu etwas gezwun­gen wer­den, der sich zwin­gen las­sen will.«

Neu­ba­cher weiß auch: »Den mora­li­schen Kon­for­mi­täts­druck der Mas­se muß man auch erst mal aus­hal­ten.« Muß man! Darf man! Soll man! Ein Buch als Argumentationsfundus!

Total beschränkt von Alex­an­der Neu­bau­er kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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