1. April 2015

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind die Guten

Gastbeitrag

Eine Rezension von Michael Paulwitz

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Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren, Frankfurt a.M.: Westend 2014. 208 S., 16.99 €

»Putinversteher« ist das – erfolglos zum»Unwort des Jahres« 2014 nominierte – außenpolitische Schimpfwort der Saison. Mathias Bröckers und Paul Schreyer nehmen es als Geusenwort: Wenn »Versteher« zum Negativetikett für jeden wird, der sich weigert, Konflikte wie die Ukraine-Krise als »Schwarzweißfilm mit eindeutiger Rollenverteilung« zu sehen, kommt das für sie einer »Diffamierung jeder Art von Analyse« gleich.

Im Ukraine-Konflikt geht es um machtpolitische und geostrategische Interessen und nicht um »Freiheit« und »Menschenrechte«, das ist der Ausgangspunkt für die Analyse der beiden Journalisten, die den politischen Beweggründen hinter der beiderseitigen »Wir sind die Guten«-Propaganda nachspüren und dabei auch den russischen Standpunkt verständlich zu machen suchen. Dabei gehen sie von der »Heartland«-Theorie des britischen Geopolitikers Halford Mackinder aus, die sowohl den US-Strategen Zbigniew Brzezinski als auch den russischen »Eurasien«-Theoretiker Alexander Dugin inspiriert hat: Bei den fortgesetzten US-amerikanischen Versuchen, die Ukraine und weitere osteuropäische Staaten in ihren Einflußbereich zu ziehen, geht es um die Kontrolle über das »Herzland« und damit über ganz Europa, die Degradierung Rußlands zur »Regionalmacht« (Obama) eingeschlossen.

Das ist anschaulich geschrieben, lesenswert insbesondere die Darstellung der energiepolitischen Ränkespiele im von Oligarchen-Korruption dominierten ukrainischen »Pipelinistan« und der CIA-gelenkten Installierung einer US-genehmen Regierung im Zuge des Maidan-Putsches, garniert mit in der Öffentlichkeit wenig geläufigen Personalien wie den kriminellen Machenschaften der von westlicher Propaganda zur Ikone hochstilisierten »Gasprinzessin« Timoschenko oder zu denUS-Strippenziehern Ian Brzezinski, Sohn des Sicherheitsstrategen und Enkel eines polnischen Adeligen aus der Westukraine, und Victoria »Fuck the EU« Nuland, Enkelin des orthodox-jüdischen Emigranten Meyer Nudelman aus Bessarabien, das, etwa deckungsgleich mit dem heutigen Moldawien, vor der Abtretung an Rußland 1812 allerdings zu Rumänien gehörte.

Die einleitende »kurze Geschichte der Ukraine« nimmt etwas einseitig den herablassenden russischen Standpunkt ein. Die Negativ-Bewertung ukrainischer Unabhängigkeitskämpfer wie Simon Petljura (nach dem Ersten Weltkrieg) und Stepan Bandera, der als »SS-Kollaborateur«abgetan wird, ist wie die freigebige Verwendung des Terminus »faschistisch« eher in Rußland fortwirkender Sowjet-Propaganda als historischer Genauigkeit verpflichtet. Richtig gleichwohl die Feststellung, daß die Ukraine in ihrer heutigen Gestalt aufgrund ihrer historischen Zerrissenheit im knappen Vierteljahrhundert ihrer Unabhängigkeit keine verbindende Identität entwickeln konnte.

Um so schlüssiger die Kritik von Bröckers und Schreyer an der Selbstgleichschaltung deutscher Leitmedien in den »Kriegsmodus« und an der Rolle von US-Lobbynetzwerken wie dem Atlantic Council bei der Herstellung dieser politisch-medialen Eintönigkeit. Die deutsche Politik solle sich aus der treuen Unterstützung der unipolaren US-Vorherrschaftsbestrebungen lösen, sich auf die multipolare Realität der Welt einstellen und erkennen, daß Deutschland auch in einer »geographischen Gemeinschaft mit den Russen« steht: Für diese überzeugend hergeleitete Schlußfolgerung sieht man den Autoren auch den ein oder anderen überflüssigen eigenen Rückfall ins Propaganda-Sprech – Kostprobe: Deutschland sei »den Russen« noch »etwas schuldig«, weil sie »den höchsten Blutzoll opferten, um Deutschland vom Faschismus zu befreien« – nach.

Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren von Mathias Bröckers und Paul Schreyer kann man hier bestellen. 


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