Herwig Birg: Die alternde Republik und das Versagen der Politik

Eine Rezension von Volkmar Weiß

 Gastbeitrag

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Her­wig Birg: Die altern­de Repu­blik und das Ver­sa­gen der Poli­tik. Eine demo­gra­phi­sche Pro­gno­se, Müns­ter: Lit 2014. 242 S., 34.90 €

Ist es das fünf­te oder ach­te Buch ähn­li­chen Inhalts, mit dem der Ver­fas­ser uns mah­nen möch­te? In den grund­sätz­li­chen Fest­stel­lun­gen hat Birg recht. Wer aber in dem neu­en Buch im Alter gereif­te und noch­mals ver­tief­te Ein­sich­ten erwar­tet, wird ent­täuscht. Das zeigt sich schon im Titel: Beru­hen die Fehl­ent­wick­lun­gen des Alters­auf­baus der Bevöl­ke­rung auf einem Ver­sa­gen der deut­schen Poli­ti­ker? In Japan etwa ver­läuft die Ent­wick­lung eher noch dra­ma­ti­scher und in den meis­ten Indus­trie­län­dern mehr oder weni­ger ähn­lich, selbst im Spa­ni­en Fran­cos und im frü­he­ren Ost­block nicht anders, manch­mal nur zeit­ver­setzt. War­um ver­sa­gen die Poli­ti­ker in jedem Land auf ähn­li­che Wei­se? Birg gibt dar-auf kei­ne Ant­wort. In demo­kra­ti­schen Staa­ten wer­den die Poli­ti­ker in frei­en Wah­len gewählt und kön­nen in der Fami­li­en­po­litk nicht voll­stän­dig an den Wün­schen der brei­ten Mas­sen vor­bei­re­gie­ren. Die Poli­ti­ker ver­spre­chen den Wäh­lern, was ihre Wahl oder Wie­der­wahl sichert. Wes­halb war und ist in unse­rer Zeit die Poli­tik­be­ra­tung durch die Demo­gra­phen so unwirksam?

Ein von Birg gepräg­ter Begriff ist »das demo­gra­phisch-öko­no­mi­sche Paradoxon«.»Je rascher die sozio-öko­no­mi­sche Ent­wick­lung eines Lan­des vor­an­schritt und je höher der Lebens­stan­dard stieg, des­to nied­ri­ger war die Gebur­ten­ra­te, gemes­sen durch die Zahl der Lebend­ge­bo­re­nen pro Frau«. Was hier für gan­ze Län­der aus­ge­sagt wird, gilt aber auch schon für die Sozi­al­schich­ten inner­halb eines Lan­des, und es gilt der­zeit auch für die indus­tri­el­len Schwel­len­län­der. Wohl­ha­ben­de und Gebil­de­te beschrän­ken zuerst die Gebur­ten­zahl und auch spä­ter stär­ker als Unge­bil­de­te. Bei stei­gen­der Bevöl­ke­rungs­dich­te, einer Vor­aus­set­zung der Indus­tria­li­sie­rung, begren­zen Paa­re welt­weit ihre Kin­der­zah­len, wenn sie befürch­ten, daß ihre Nach­kom­men den sozia­len Sta­tus der Eltern nicht mehr hal­ten kön­nen. Was ist dar­an para­dox? – Dabei ist weni­ger die abso­lu­te Bevöl­ke­rungs­dich­te von Bedeu­tung, son­dern die rela­ti­ve sozia­le Dich­te. Da in der sozia­len Hier­ar­chie Ober­schicht­plät­ze nun ein­mal sel­te­ner sind als die Plät­ze wei­ter unten, beginnt die Gebur­ten­be­schrän­kung in der Oberschicht.

Daß »das Ver­sa­gen« Teil und Aus­druck eines Regel­kreis­lau­fes ist, der sich in gera­de­zu gesetz­mä­ßi­ger Fol­ge voll­zieht – bis zu der­ar­ti­gen Über­le­gun­gen dringt Birg nicht mehr vor. Wer das nicht ver­mißt und sich über die vor­aus­sicht­li­chen »demo­gra­phi­schen Aus­wir­kun­gen auf Aus­ga­ben und Ein­nah­men der Gesetz­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung« und über »die Bun­des­re­pu­blik in der best­pro­gnos­ti­zier­ten Kri­se ihrer Geschich­te« infor­mie­ren will, der wird in die­sem gut auf­ge­mach­ten, sehr gut leser­li­chen und mit 46 Schau­bil­dern ange­rei­cher­ten Buch bes­tens bedient. In dem Kapi­tel »Migra­ti­on und Inter­na­tio­na­li­sie­rung der Bevöl­ke­rung« liest man gut belegt die sach­li­chen Grün­de, die gegen die sich bil­den­de »Mul­ti­mi­no­ri­tä­ten­ge­sell­schaft« und einen hem­mungs­lo­sen Ein­wan­de­rungs­op­ti­mis­mus sprechen.

Die altern­de Repu­blik und das Ver­sa­gen der Poli­tik von Her­wig Birg kann man hier bestel­len.

 

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