Sezession
1. April 2015

Herwig Birg: Die alternde Republik und das Versagen der Politik

Gastbeitrag

Eine Rezension von Volkmar Weiß

Herwig Birg: Die alternde Republik und das Versagen der Politik. Eine demographische Prognose, Münster: Lit 2014. 242 S., 34.90 €

Ist es das fünfte oder achte Buch ähnlichen Inhalts, mit dem der Verfasser uns mahnen möchte? In den grundsätzlichen Feststellungen hat Birg recht. Wer aber in dem neuen Buch im Alter gereifte und nochmals vertiefte Einsichten erwartet, wird enttäuscht. Das zeigt sich schon im Titel: Beruhen die Fehlentwicklungen des Altersaufbaus der Bevölkerung auf einem Versagen der deutschen Politiker? In Japan etwa verläuft die Entwicklung eher noch dramatischer und in den meisten Industrieländern mehr oder weniger ähnlich, selbst im Spanien Francos und im früheren Ostblock nicht anders, manchmal nur zeitversetzt. Warum versagen die Politiker in jedem Land auf ähnliche Weise? Birg gibt dar-auf keine Antwort. In demokratischen Staaten werden die Politiker in freien Wahlen gewählt und können in der Familienpolitk nicht vollständig an den Wünschen der breiten Massen vorbeiregieren. Die Politiker versprechen den Wählern, was ihre Wahl oder Wiederwahl sichert. Weshalb war und ist in unserer Zeit die Politikberatung durch die Demographen so unwirksam?

Ein von Birg geprägter Begriff ist »das demographisch-ökonomische Paradoxon«.»Je rascher die sozio-ökonomische Entwicklung eines Landes voranschritt und je höher der Lebensstandard stieg, desto niedriger war die Geburtenrate, gemessen durch die Zahl der Lebendgeborenen pro Frau«. Was hier für ganze Länder ausgesagt wird, gilt aber auch schon für die Sozialschichten innerhalb eines Landes, und es gilt derzeit auch für die industriellen Schwellenländer. Wohlhabende und Gebildete beschränken zuerst die Geburtenzahl und auch später stärker als Ungebildete. Bei steigender Bevölkerungsdichte, einer Voraussetzung der Industrialisierung, begrenzen Paare weltweit ihre Kinderzahlen, wenn sie befürchten, daß ihre Nachkommen den sozialen Status der Eltern nicht mehr halten können. Was ist daran paradox? – Dabei ist weniger die absolute Bevölkerungsdichte von Bedeutung, sondern die relative soziale Dichte. Da in der sozialen Hierarchie Oberschichtplätze nun einmal seltener sind als die Plätze weiter unten, beginnt die Geburtenbeschränkung in der Oberschicht.

Daß »das Versagen« Teil und Ausdruck eines Regelkreislaufes ist, der sich in geradezu gesetzmäßiger Folge vollzieht – bis zu derartigen Überlegungen dringt Birg nicht mehr vor. Wer das nicht vermißt und sich über die voraussichtlichen »demographischen Auswirkungen auf Ausgaben und Einnahmen der Gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung« und über »die Bundesrepublik in der bestprognostizierten Krise ihrer Geschichte« informieren will, der wird in diesem gut aufgemachten, sehr gut leserlichen und mit 46 Schaubildern angereicherten Buch bestens bedient. In dem Kapitel »Migration und Internationalisierung der Bevölkerung« liest man gut belegt die sachlichen Gründe, die gegen die sich bildende »Multiminoritätengesellschaft« und einen hemmungslosen Einwanderungsoptimismus sprechen.

Die alternde Republik und das Versagen der Politik von Herwig Birg kann man hier bestellen.

 


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