Jonathan Crary: 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus

Jonathan Crary: 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus, Berlin: Wagenbach 2014. 110 S., 14.90 €

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

In Nord­ame­ri­ka gibt es einen Sper­lings­vo­gel, der auf sei­nen Wan­de­run­gen zwi­schen Alas­ka und Mexi­ko sie­ben Tage lang wach blei­ben kann; in den Neun­zi­gern gab es Plä­ne, gan­ze Stadt­re­gio­nen aus dem All mit­tels rie­si­ger Son­nen­spie­gel nachts aus­zu­leuch­ten; Schlaf­ent­zug als Fol­ter wur­de bereits durch Sta­lins NKWD plan­mä­ßig ein­ge­setzt und hat jüngst durch US-Diens­te eine wei­te­re Ver­fei­ne­rung erfahren.

Jona­than Cra­ry, Pro­fes­sor für Kunst­theo­rie in New York, führt die­se drei Bei­spie­le zu Beginn sei­nes Essays 24/7an, um die Dimen­si­on sei­nes The­mas aus­zu­mes­sen: Es gibt trotz aller Bemü­hun­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Kra­ke wei­ter­hin nicht­ver­nutz­ba­re Refu­gi­en. Irgend­wann erlö­schen Auf­merk­sam­keit und Kon­sum­be­reit­schaft in jedem Men­schen, und zwar ziem­lich zuver­läs­sig nach einem lan­gen Tag vol­ler Arbeit, Kon­sum, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Erreich­bar­keit und Reiz­flut. Der ein­zel­ne kommt in die­sen Wel­len­tä­lern der Prä­senz, in die­sen Pha­sen der Unge­stört­heit zu sich selbst. Die­se Glie­de­rung des Tages und der Woche bringt ihn von ganz allei­ne auf Gedan­ken jen­seits einer Ein­pas­sung in den unaus­ge­setz­ten Daten‑, Arbeits- und Güterstrom.

Cra­ry beschreibt die Homo­ge­ni­sie­rung der Zeit aus der gleich­ma­che­ri­schen Grund­ten­denz des Kapi­ta­lis­mus her­aus, der bis­her an einem der letz­ten Natur­hin­der­nis­se schei­te­re: am Schlaf. Des­sen Dau­er und Unge­stört­heit neh­me zwar seit 150 Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich ab, aber besei­tigt oder beherrscht wer­den kön­ne er nicht. Es ist also Fol­ge der Ver­nut­zungs­lo­gik, wenn man den Sper­ling unter­sucht, um zu erfah­ren, was ihn wach hält; wenn man mit künst­li­chem Licht expe­ri­men­tiert, um eine Stadt zu schaf­fen, die nie­mals schläft; und wenn man jene um den Schlaf bringt, denen man ihr völ­li­ges Aus­ge­lie­fert­sein demons­trie­ren möchte.

Im Kern geht Cra­rys mar­xis­tisch auf­ge­la­de­ne Kri­tik nicht über das hin­aus, was F. G. Jün­ger in der Per­fek­ti­on der Tech­nik oder Kon­rad Lorenz in den Sie­ben Tod­sün­den der zivi­li­sier­ten Mensch­heit bereits aus­ge­führt haben. Es ist heu­te eben alles in einem Maß extrem gewor­den, das Jün­ger und Lorenz theo­re­tisch beschrei­ben konn­ten, prak­tisch aber wohl nicht für mög­lich gehal­ten hät­ten: Wir leben in einem »Non­stop­be­trieb von Kon­sum, sozia­ler Iso­la­ti­on und poli­ti­scher Ohn­macht«, in den sich der ein­zel­ne frei­wil­lig ein­glie­de­re, um nichts zu ver­pas­sen. Selbst intel­li­gen­te Leu­te hal­ten es mitt­ler­wei­le für völ­lig nor­mal, wäh­rend eines Gesprächs oder einer Mahl­zeit ein­ge­hen­de SMS zu che­cken oder den Anru­fer stets dem Anwe­sen­den vor­zu­zie­hen. Cra­ry wen­det das gesell­schafts­kri­tisch und sieht die »Para­do­xie eines öffent­li­chen und pri­va­ten Lebens, das durch ein unvor­stell­ba­res Aus­maß an Akti­vi­tät vibriert, wäh­rend all die­se ruhe­lo­se Geschäf­tig­keit und Betrieb­sam­keit einem fak­ti­schen Still­stand dient: der Auf­recht­erhal­tung der bestehen­den Verhältnisse.«

Wie gegen­steu­ern? Cra­ry fin­det nur Bei­spie­le pri­va­ter Atta­cken auf das Eigen­tum, nennt Kom­mu­ne-Ideen, Gemein­schafts­gär­ten und aller­lei Aus­stie­ge. Aber natür­lich kommt er von sei­nem Stand­punkt aus nicht auf Tra­di­ti­on oder Reli­gio­si­tät als Wider­part zur gleich­för­mi­gen Zeit der 24/7-Welt. Und den­noch steckt in sei­nem Buch eine Erklä­rung für den Umstand, daß man oft mit jenen Lin­ken einen gemein­sa­men Nen­ner hat, die den Anfor­de­run­gen des Spät­ka­pi­ta­lis­mus nicht mehr ent­spre­chen wol­len. Denn die­ser ist nichts ande­res als eine Gene­ral­at­ta­cke auf alles, was der eine mit »soli­da­risch«, der ande­re mit »Gemein­schaft« beschreibt.

Jona­than Cra­rys 24/7. Schlaf­los im Spät­ka­pi­ta­lis­mus kann man hier bestel­len.

 

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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