Sezession
1. Februar 2015

Thomas Schölderle (Hrsg.): Idealstaat oder Gedankenexperiment?

Erik Lehnert

Thomas Schölderle (Hrsg.): Idealstaat oder Gedankenexperiment? Zum Staatsverständnis in den klassischen Utopien, Baden-Baden: Nomos 2014. 320 S., 52 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Utopien entstehen aus einem Impuls heraus, der seinen Ursprung in der als mangelhaft empfundenen Gegenwart hat. Worin dieser Mangel besteht, ist nebensächlich. Wichtig ist nur, daß er als solcher empfunden wird. Beim Blick auf unsere Gegenwart drängt sich die oft beschworene Alternativlosigkeit als ein solcher geradezu auf. Insofern müßten, schon als Gegenreaktion, zahlreiche Utopien die Runde machen. Doch das einzige, was es in erwähnenswerter Anzahl gibt, sind Dystopien, in denen dieses liberale System der Alternativlosigkeit an sein Ende kommt.

Um den damit verbundenen Verlust an Fabulierkunst und Freiheit des Geistes deutlich zu machen, ist der vorliegende Sammelband bestens geeignet. Er versammelt kundige, wenn auch manchmal etwas blutleere Beiträge über die wichtigsten »klassischen Utopien«. Der Herausgeber Thomas Schölderle wurde vor einigen Jahren mit einer Arbeit zur Geschichte der Utopie mit Schwerpunkt auf dem für die ganze Gattung namengebenden Werk von Thomas Morus promoviert. Wenig überzeugend ist nur das Korsett, in das die Vorstellung der einzelnen Utopien gezwängt wurde: Idealstaat oder Gedankenexperiment? Handelt es sich dabei um einen Kniff, um den Gegenstand der Betrachtung in gebührendem Abstand zu halten? Was soll ein Idealstaat anderes sein als ein Gedankenexperiment? Denn immerhin liegt die Bedeutung der Utopie laut Herausgeber darin, »das Denken offen zu halten für Alternativen«.

Größerer Bekanntheit dürften sich lediglich Platons Politeia und Morus’ Utopia erfreuen. Insofern ist es wichtig, daß der Sonnenstaat des Dominikanermönchs Campanella ebenso besprochen wird wie Christianopolis des deutschen Pfarrers Andreaes, beide aus dem frühen 17. Jahrhundert. Hinzu treten Fénelons Abenteuer des Telemach als Beispiel des Fürstenspiegels, die Romanutopie Das Jahr 2440 von Mercier und schließlich die Dystopie Wirdes Russen Samjatin aus den 1920er Jahren, um nur die wichtigsten zu nennen. Die inhaltlichen Unterschiede zwischen den Werken sind so groß wie die Zeitabstände, die zwischen ihnen liegen.

Auf das Problem der Umsetzung des Idealstaats, was zugleich das Ende des Gedankenexperiments wäre, kommt Richard Saage im Nachwort zu sprechen, auch wenn seine Überlegungen etwas merkwürdig anmuten. Utopische Kommunen seien an »inneren Zwistigkeiten« und der »Konkurrenzsituation zur kapitalistischen Marktökonomie« gescheitert, Großexperimente wie das sowjetische an den »Schnittmengen mit dem archistischen Modell der klassischen Utopietradition«.

Daß der Mensch für solche Dinge nicht gemacht ist, kommt Saage nicht in den Sinn. An heutige Utopien stellt er folgende Forderung: Sie müßten dem Fortschrittsglauben (aber nur im Sinne des »einen« Ziels) entsagen, die Kritik an sich selbst gleich mitliefern, und es dürfe sie nur im Plural geben: »Um ihre Akzeptanz muß unter fairen Konkurrenzbedingungen in einer demokratischen Öffentlichkeit gerungen werden.« Ein solch armseliger Satz erklärt hinreichend, warum es keine Utopien mehr gibt. Platon hätte heute keine Chance.

Idealstaat oder Gedankenexperiment? von Thomas Schölderle kann man hier bestellen. 


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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