Thomas Schölderle (Hrsg.): Idealstaat oder Gedankenexperiment?

Thomas Schölderle (Hrsg.): Idealstaat oder Gedankenexperiment? Zum Staatsverständnis in den klassischen Utopien, Baden-Baden: Nomos 2014. 320 S., 52 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Uto­pien ent­ste­hen aus einem Impuls her­aus, der sei­nen Ursprung in der als man­gel­haft emp­fun­de­nen Gegen­wart hat. Wor­in die­ser Man­gel besteht, ist neben­säch­lich. Wich­tig ist nur, daß er als sol­cher emp­fun­den wird. Beim Blick auf unse­re Gegen­wart drängt sich die oft beschwo­re­ne Alter­na­tiv­lo­sig­keit als ein sol­cher gera­de­zu auf. Inso­fern müß­ten, schon als Gegen­re­ak­ti­on, zahl­rei­che Uto­pien die Run­de machen. Doch das ein­zi­ge, was es in erwäh­nens­wer­ter Anzahl gibt, sind Dys­to­pien, in denen die­ses libe­ra­le Sys­tem der Alter­na­tiv­lo­sig­keit an sein Ende kommt.

Um den damit ver­bun­de­nen Ver­lust an Fabu­lier­kunst und Frei­heit des Geis­tes deut­lich zu machen, ist der vor­lie­gen­de Sam­mel­band bes­tens geeig­net. Er ver­sam­melt kun­di­ge, wenn auch manch­mal etwas blut­lee­re Bei­trä­ge über die wich­tigs­ten »klas­si­schen Uto­pien«. Der Her­aus­ge­ber Tho­mas Schöl­der­le wur­de vor eini­gen Jah­ren mit einer Arbeit zur Geschich­te der Uto­pie mit Schwer­punkt auf dem für die gan­ze Gat­tung namen­ge­ben­den Werk von Tho­mas Morus pro­mo­viert. Wenig über­zeu­gend ist nur das Kor­sett, in das die Vor­stel­lung der ein­zel­nen Uto­pien gezwängt wur­de: Ide­al­staat oder Gedan­ken­ex­pe­ri­ment? Han­delt es sich dabei um einen Kniff, um den Gegen­stand der Betrach­tung in gebüh­ren­dem Abstand zu hal­ten? Was soll ein Ide­al­staat ande­res sein als ein Gedan­ken­ex­pe­ri­ment? Denn immer­hin liegt die Bedeu­tung der Uto­pie laut Her­aus­ge­ber dar­in, »das Den­ken offen zu hal­ten für Alternativen«.

Grö­ße­rer Bekannt­heit dürf­ten sich ledig­lich Pla­tons Poli­teia und Morus’ Uto­pia erfreu­en. Inso­fern ist es wich­tig, daß der Son­nen­staat des Domi­ni­ka­ner­mönchs Cam­pa­nel­la eben­so bespro­chen wird wie Chris­tia­no­po­lis des deut­schen Pfar­rers And­rea­es, bei­de aus dem frü­hen 17. Jahr­hun­dert. Hin­zu tre­ten Féne­lons Aben­teu­er des Tele­mach als Bei­spiel des Fürs­ten­spie­gels, die Roman­uto­pie Das Jahr 2440 von Mer­cier und schließ­lich die Dys­to­pie Wirdes Rus­sen Sam­ja­tin aus den 1920er Jah­ren, um nur die wich­tigs­ten zu nen­nen. Die inhalt­li­chen Unter­schie­de zwi­schen den Wer­ken sind so groß wie die Zeit­ab­stän­de, die zwi­schen ihnen liegen.

Auf das Pro­blem der Umset­zung des Ide­al­staats, was zugleich das Ende des Gedan­ken­ex­pe­ri­ments wäre, kommt Richard Saa­ge im Nach­wort zu spre­chen, auch wenn sei­ne Über­le­gun­gen etwas merk­wür­dig anmu­ten. Uto­pi­sche Kom­mu­nen sei­en an »inne­ren Zwis­tig­kei­ten« und der »Kon­kur­renz­si­tua­ti­on zur kapi­ta­lis­ti­schen Markt­öko­no­mie« geschei­tert, Groß­ex­pe­ri­men­te wie das sowje­ti­sche an den »Schnitt­men­gen mit dem archis­ti­schen Modell der klas­si­schen Utopietradition«.

Daß der Mensch für sol­che Din­ge nicht gemacht ist, kommt Saa­ge nicht in den Sinn. An heu­ti­ge Uto­pien stellt er fol­gen­de For­de­rung: Sie müß­ten dem Fort­schritts­glau­ben (aber nur im Sin­ne des »einen« Ziels) ent­sa­gen, die Kri­tik an sich selbst gleich mit­lie­fern, und es dür­fe sie nur im Plu­ral geben: »Um ihre Akzep­tanz muß unter fai­ren Kon­kur­renz­be­din­gun­gen in einer demo­kra­ti­schen Öffent­lich­keit gerun­gen wer­den.« Ein solch arm­se­li­ger Satz erklärt hin­rei­chend, war­um es kei­ne Uto­pien mehr gibt. Pla­ton hät­te heu­te kei­ne Chance.

Ide­al­staat oder Gedan­ken­ex­pe­ri­ment? von Tho­mas Schöl­der­le kann man hier bestel­len. 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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