Sezession
1. Dezember 2014

Karl Schlögel/Karl-Konrad Tschäpe (Hrsg.): Die Russische Revolution und das Schicksal der russischen Juden

Gastbeitrag

Eine Rezension von Johannes Rogalla von Bieberstein

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Karl Schlögel/Karl-Konrad Tschäpe (Hrsg.): Die Russische Revolution und das Schicksal der russischen Juden. Eine Debatte in Berlin 1922/23, Berlin: Matthes & Seitz 2014. 762 S., 49.90 €

Der voluminöse Band Die Russische Revolution und das Schicksal der russischen Juden ist eine anspruchsvolle Sensation. Der emeritierte Rußland-Experte der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder, Karl Schlögel, der sich bereits 2007 mit Das russische Berlin. Ostbahnhof Europas als gut zu lesender klassischer Gelehrter ausgewiesen hat, legt eine ausführlich eingeleitete Ausgabe von Schriften aus dem Berliner jüdisch-russischen Exil der Jahre 1922/23 vor. Diese sind teilweise erstmals übersetzt oder als Rarissima nicht ohne weiteres zu beschaffen.

Es handelt sich dabei um Diskussionsbeiträge, die von Mitgliedern des 1923 in Berlin gegründeten »Vaterländischen Verbandes russischer Juden im Ausland« während des Rußland verheerenden Bürgerkrieges mit innerer Anteilnahme über das Schicksal der Heimat gehalten worden sind. Damals ist Berlin mit etwa 63000 Ostjuden, die überwiegend der gebildeten Oberschicht entstammten, das Zentrum der russisch-jüdischen, aber auch der nationalrussischen Emigration gewesen.

Die von den präsentierten Zeitzeugnissen ausgehende Faszination beruht darauf, daß sie unmittelbare Reaktionen bestens Informierter auf welthistorische Konflikte darstellen. Als interne jüdische Stellungnahmen sind sie grundehrlich, nicht durch politische Rücksichten deformiert und naturgemäß nicht durch die heutzutage vieles überschattenden Auschwitz-Filter gepreßt.

Schlögel bewegt sich umsichtig und ohne Scheuklappen in einem verminten Feld. Souverän und ohne zu polemisieren würdigt er die gewichtigen Beiträger zu seiner Thematik wie André Gerrits, Yuri Slezkine und Oleg Budnickij. Dabei läßt er solche, die wie Sonja Margolina mit ihrem Ende der Lügen oder auch der Rezensent mit seinem Mythos vom »jüdischen Bolschewismus« durch das Sperrfeuer ideologischer »Korrektheit« hindurch mußten, nicht aus.

Das Überraschendste an dieser Publikation ist, daß sie nicht die Sicht linker oder zionistischer, ganz zu schweigen orthodoxer Juden wiedergibt, sondern diejenige der oft übersehenen assimiliert-arrivierten, antisozialistischen russisch-patriotischen Juden. Also solcher Juden, deren Väter das Ghetto verlassen hatten, aufgestiegen waren und sich zu einem bürgerlichen Rußland und seiner Kultur bekannten.

Dabei gingen sie so weit, im mörderischen Bürgerkrieg zwischen Rot und Weiß sich zu den von Linken aller Couleur als »reaktionär« stigmatisierten »Weißen« zu bekennen. Tatsächlich hat es in deren Reihen wüste, vor Pogromen nicht zurückschreckende Antisemiten gegeben, über welche ihre Kommandeure keineswegs immer glücklich waren. Abgeschlachtet wurden bei dem Gemetzel, an dem auch ukrainische Anarchisten teilnahmen, neben Juden auch unzählige Adelige, Popen, Bauern und Kapitalisten.

»Vaterländische« Juden wie der 1867 in Podolien geborene, in Odessa promovierte Iosif Bikerman waren selbstkritisch genug, dies einzugestehen: Jüdische Bolschewiken trugen auch als »bolschewistische Häuptlinge« wie Trotzki Mitverantwortung für die »Zerstörung Rußlands«. Bikerman bewertete diese als »eine Sünde, die ihre Vergeltung in sich selbst trägt«. Sein Mitstreiter, der Arzt Daniil S. Pasmaniak, ging in seinem Beitrag »Rußland und das russische Judentum« so weit, von der »schrecklichen Rolle von Trotzki, Radek und Co« zu sprechen. Er forderte dazu auf, sich von solchen Juden loszusagen und eine klare Trennungslinie zu ziehen. Da für ihn der Bolschewismus eine »tödliche Gefahr für das Judentum« darstellte, rief er auf zum »Sturz der Sowjetmacht und zur Rettung und kulturellen Wiedergeburt Rußlands«!

Daß – wie Pasmaniak formulierte – bereits damals die »Gleichsetzung von Bolschewismus und Judentum Mode im modernen europäischen Denken« geworden war, gab zu den schlimmsten Befürchtungen Anlaß.

Festgehalten werden muß, daß von den Exiljuden der hohe jüdische Anteil bei den Bolschewiken nicht geleugnet, jedoch deren Entfremdung von jüdischen Traditionen herausgestellt wurde. Dabei betonten sie die antireligiöse Ausrichtung des bolschewikischen»Lumpen«- und »Pogrom«-Sozialismus. Der Verlegersohn Grigorij A. Landau warf der sozialistischen jüdischen Intelligenz vor, an der wirtschaftlichen Zerrüttung Rußlands mitgewirkt zu haben und die bürgerliche Gesellschaft zu verachten. Einige der vaterländischen Juden versuchten sich an psychologischen Erklärungen des jüdischen Radikalismus. So habe die Verfolgungsgeschichte der Juden eine »Psychologie des gehetzten Wolfes« hervorgebracht und negative Gefühle gegenüber dem Wirtsvolk eingepflanzt.

Übereinstimmung bestand darüber, daß es der die russische Gesellschaft destabilisierende Weltkrieg gewesen ist, der es einer Handvoll bislang in der Emigration in kümmerlichen Dachzimmern lebenden Revolutionären erlaubte, mit anarchistischen Parolen die Macht an sich zu reißen. Die Schriften der jüdischen Exilanten enthalten keineswegs nur tagespolitische Erwägungen, sondern auch detaillierte Darstellungen zu innerrussischen Vorgängen sowie historisch-philosophisch-theologische Betrachtungen.

Es erscheint wichtig, das »jüdischen Paradox« zu kennen, nach dem die Radikalität des Ausstiegs aus der jüdischen Welt als Beweis für das verdeckte Judentum der Abtrünnigen gewertet wird. Auch gilt es zu wissen, daß der Kommunismus äußerlich »entjudet« und die für ihn nicht unwesentliche jüdische Rolle negiert wird.

Tatsächlich hat sich der russischen Bevölkerung die Vorstellung vom »jüdischen Bolschewismus« nicht so sehr wegen einiger spektakulärer jüdischer Bolschewiken eingebrannt, sondern weil es nach dem Bürgerkrieg zu einem Elitenaustausch in Rußland auch auf der unteren und mittleren Ebene gekommen ist. Dabei rückten auch bisher nichtbolschewistische Juden in untere Leitungspositionen. Hierfür war maßgeblich, daß sie vergleichsweise schriftkundig waren, überdies keine sonderlichen Loyalitätsgefühle gegenüber dem Zarenreich hegten, das ihnen als religiös-nationale Minderheit die Gleichberechtigung versagt hatte. Dieser Rollentausch wirkte auf viele orthodoxe Russen wie ein Schock.

Karl Schlögel und Karl-Konrad Tschäpes Die Russische Revolution und das Schicksal der russischen Juden kann man hier bestellen.


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