Das war’s. Diesmal mit: Anne Frank,

gemeinem Volksmund und soo süßen Kätzchen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

6. August

Ich mis­te aus. Klei­der, Krem­pel, Bücher. Die Toch­ter darf die Bücher auf eige­ne Kas­se an den Gebraucht­wa­ren­händ­ler ver­ti­cken. Eine Men­ge Zeug wan­dert ins Alt­pa­pier; Sachen, die an der Gebraucht­bü­cher­bör­se nicht gehen oder die wir dop­pelt und drei­fach haben.

Der Sohn durch­stö­bert den Kram: Das, dies und jenes wol­le er noch mal lesen: Frau­en­kitsch­ro­ma­ne mit Nibe­lun­gen­be­zug („Sieg­frieds Schwert wird ewig glän­zen“ u.ä.) und Anne Franks Tage­buch, das wir in vier Aus­ga­ben vor­hiel­ten. Drei lan­gen ja eigent­lich. Letz­te­res („Ver­bind­li­che Aus­ga­be“ steht drauf) las er heu­te a) beim Früh­stück, b) wäh­rend des Päu­schens beim Holz­ha­cken, c) in der Frei­zeit am Saalestrand.

Beknack­ter Kurz­dia­log heu­te um 21: 30h: „Papa, hast Du Anne Frank gese­hen?“ – „Ist in der Küche. Du hat­test sie auf der Tisch­ten­nis­plat­te liegengelassen.“

– – –

7. August

Gespal­te­ne Gesell­schaft, jeden Abend: Gehen wir zum Schwim­men an die Pro­lostel­le oder an die Super­pro­lostel­le? Ter­ti­um non datur, in unse­rer Regi­on. Die Super­pro­le­ten­stel­le gewinnt fast immer. Hier hat es zwar kei­nen Sand­strand, dafür aber mas­sig Brom­bee­ren. (Daß die Brom­beer­sai­son nun schon einen Monat währt ist, neben­bei, eine Stro­phe in mei­nem Lob­lied auf den „Kli­ma­wan­del“).

Am Strand baden die Pro­los, die über ein Auto ver­fü­gen, man muß dazu ein­mal um den (gro­ßen) See rum. An der Kies­stel­le wir und die mut­maß­lich auto­lo­sen Prolos.

Zurück zur gespal­te­nen Gesell­schaft: Das Grüpp­chen neben uns nimmt einen Bräu­nungs­ver­gleich vor. „Ey, Du bist ja voll der Neger!“- „Das heißt nicht Neger, das heißt Bimbo!“

Kind 1: „Habt ihr das gehört?“; Kind 2, kommt etwas spä­ter, flüs­tert: „Habt ihr das gehört: Bim­bo?“; Kind 3, noch spä­ter: „Das hät­tet ihr grad hören sol­len, Neger und Bimbo!“

Sof­ter Som­mer­streit unter uns (Erwach­se­nen): Ist das „Volks­mund, irgend­wie wit­zig, daß es so was noch gibt“? Oder mal ein eklig-der­bes Bei­spiel für „nach oben buckeln und nach unten treten“?

– – –

8. August

Grad im “Aus­stei­ge­rin­nen­buch” der ehe­ma­li­gen AfD­le­rin Fran­zis­ka Schrei­ber entdeckt:

Kubit­schek ist ein merk­wür­di­ger Gesel­le. Er duzt Höcke, siezt
aber sei­ne Frau. Das ist kon­se­quent für Men­schen, die offen­bar ins
Mit­tel­al­ter zurück möch­ten. Ihr Umgang ist aus­ge­spro­chen höflich
und ste­ril, sie demons­trie­ren die stren­ge Distanz einer intellektuell
ver­geis­tig­ten Zweck­ehe, die statt auf Lei­den­schaft, Emotionen
und Lie­be eher auf Respekt, Ver­nunft und höflichen
Aus­tausch setzt. Die Kin­der tra­gen graue und beige Leinenkleider,
die wie selbst genäht aus­se­hen, die lan­gen blon­den Haa­re der
Mäd­chen sind zu einem Zopf gefloch­ten, sie spre­chen, als könnten
sie zwar ein Rit­ter­tur­nier huld­voll eröff­nen, aber ein I‑Pad nicht
ein­mal anschal­ten. Das ist trau­rig, denn sie wer­den ja in der Zukunft
leben müs­sen und nicht in der Vergangenheit.

Ich so zu mei­nen Ritterfroll­eins: “So, jetzt mal her mit den Lei­nen­klei­dern, den grau­en und den bei­gen! Was treibt Ihr da heim­lich, wovon ich nichts weiß?! Ande­re Leu­te wer­den trau­rig über Euch, und Ihr führt anschei­nend ein Doppelleben!”

Da hat­te ich glatt mal mei­ne Lebens­re­geln  – Respekt und höf­li­cher Aus­tausch – vergessen.

PS: Befin­de mich mitt­ler­wei­le wie­der in ste­ri­ler Fas­son. Flech­te, nähe und memo­rie­re ein paar mit­tel­hoch­deut­sche Weis­hei­ten des von mir hoch­ver­ehr­ten Kreuz­zug­teil­neh­mers Freidank.

– – –

9. August

Als Stadt­kind hat­te ich mir immer gewünscht, „mit Tie­ren zu leben.“ Ich durf­te kei­ne hal­ten. Heu­te darf ichs’s, und es ist oft des­il­lu­sio­nie­rend. Daß in die­sem hei­ßen Som­mer nicht mal die Kür­bis­se was wer­den, ist gut ver­kraft­bar. Tote Jung­tie­re sind ein­fach nur ätzend. Vier klei­ne Kanin­chen aus dem ers­ten Wurf der Jung­hä­sin waren zu ver­kraf­ten, und nach­dem es wohl mitt­ler­wei­le das fünf­zigs­te Tier war, das uns in all den Jah­ren weg­ge­stor­ben ist, haben die Kin­der auch kei­nen Elan mehr zu groß­an­ge­leg­ten Beer­di­gungs­ze­re­mo­nien mit beschrif­te­tem Kreuz und wei­he­vol­len Gesän­gen. Im zwei­ten Wurf gab es fünf Kanin­chen, alle leben bereits in der vier­ten Woche. Man muß nur gucken, daß sie nicht tot­ge­strei­chelt werden.

Dar­über, daß moder­ne Hüh­ner nicht mehr glu­cken (brü­ten) wol­len (und aus wirt­schaft­li­chen Erwä­gun­gen auch nicht mehr sol­len), hat­te ich mich mit qua Men­schen­ver­gleich in mei­nem Büch­lein Gen­der ohne Ende aus­ge­las­sen. Treu­sorg­li­che Auf­zucht ist retro, also passè!

Nun hat­te ich erst­mals die­se Brut­ma­schi­ne ange­wor­fen, die wir anno dazu­mal in unse­rem Rit­ter­gut als Alt­be­stand aus DDR-Zei­ten vor­ge­fun­den hat­ten. Ich habe im Juli zwölf Eier ein­ge­legt, flei­ßig gewen­det, Tem­pe­ra­tur und Luft­feuch­tig­keit kon­trol­liert. In den letz­ten Tagen sind drei Küken geschlüpft. Nur eines lebt noch. Die ande­ren neun Eier durften/mußten die Kin­der zwecks natur­wis­sen­schaft­li­chem Stu­di­um auf­schla­gen: Fünf waren unbe­fruch­tet (dabei ist der Hahn echt ein Macker), zwei zeig­ten ein Embryo­nal­sta­di­um, zwei wei­te­re hat­ten fer­tig aus­ge­bil­de­te, aber lei­de tote Küken.

Was hin­ge­gen lebt, sind unse­re klei­nen Kätz­chen, mitt­ler­wei­le elf Wochen alt und sehr süß. Sie wer­den gern im Pup­pen­wa­gen durch die Gegend gefah­ren. Drei hat­ten wir für Leser „reser­viert“. Eines wur­de ges­tern abge­holt, bei den zwei ande­ren ist der Kun­de abge­sprun­gen. Wer noch ein Schnell­ro­d­a­kätz­chen will, mel­de sich: verlag(at)antaios.de. Hier spie­len Sie miteinander:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (24)

Durendal

9. August 2018 14:24

Der armen Frau Schreiber ist zu wünschen, dass ihr Gegenwartsverständnis von Liebe, das diese angenehmen Gefühlen gleichsetzt, nicht allzu sehr enttäuscht werden wird.
Im von ihr so unterschätzten Mittelalter, als man Liebe im christlichen Sinne des Begriffes verstand, galt diese als die Entscheidung eines Menschen zum selbstlosen Dienst an einem anderen Menschen.
Nur in diesem Sinne ist ein Versprechen lebenslanger Liebe überhaupt möglich, denn positive Gefühle kann man einem anderen Menschen nicht versprechen.
Traurig werden die Menschen sein, die diesbezüglich modernen Illusionen anhängen und traurig ist auch die lieblose Welt, in der sie leben.

Caroline Sommerfeld

9. August 2018 15:41

Eine frühere Freundin schreibt an H, da gäbe es so ein Buch, das solle er mir mal ...

Sandstein

9. August 2018 18:21

Sommerloch bei EK :P

Nein Spaß, vielleicht bin ich nur nicht so der Kaninchen und Kleintierfan.

Apropos Kleintier. Franziska Schreiber erzählt Stories, bei denen ich mich immer frage: "kommen da auch Drachen vor?"
Im Grunde nur eine weitere Selbstdarstellerin vor dem Herrn. Wahlplakate AfD, jetzt eben Wahlplakate FDP. Immer schön am einnisten und festsaugen.
Und die Liberalen werden sich schon noch umgucken, wenn Sie feststellen, was für eine Art Mensch diese Person ist.

Kenne keinen in der AfD der ihr oder ihrer alten Dienstherrin nachtrauert. Wirklich keinen.

ede

9. August 2018 18:24

Ja, zum piepen. In einer vergeistigten Zweckehe 7 Kinder?
Wünschen wir der Franziska viel Glück.
Das Katzenvideo zeig ich meiner Gnädigen lieber nicht.

bb

9. August 2018 18:44

„Das ist traurig, denn sie werden ja in der Zukunft
leben müssen und nicht in der Vergangenheit.“

Wie traurig das ist und auf welcher Ebene, ahnt diese Frau nicht ansatzweise.

Maiordomus

9. August 2018 18:46

General und Staatspräsident Charles de Gaulle, kurzzeitig Lieblingspolitiker von Armin Mohler, siezte seine Frau auch, die ihm verbot, Filme von Brigitte Bardot im präsidialen Privatkino abspielen zu lassen; aber erst recht hatten ihn Parteifreunde zu siezen, was in Frankreich ohnehin noch formeller zugeht.

Der grosse See scheint derjenige zu sein, wo Deutschlands grösste kleingewachsene Dichterin ihre letzten Lebensjahre verbrachte, sie siezte natürlich ihre Eltern und erst recht ihren weit jüngeren Geliebten, den die Droste fast nur andichtete. Sie war gegenüber Kindern eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin. Anne Frank war vor 60 Jahren noch eher eine Pubertätslektüre als ein Politikum; vielleicht sind die Kinder da noch etwas hintendrein. Hatte mit dem Kult dieses Buches immer ein wenig Mühe. Eine Klassenkameradin plagiierte einst eine Stelle daraus, was nicht der Lehrer merkte, der den Aufsatz als "sehr gut" vorlas, sondern nur der Rivale ihres Ehrgeizes um Kampf um den Klassenersten bzw. die Klassenerste.

W. Wagner

10. August 2018 00:43

Liebe Frau Kositza,
herrlicher Text, mußte herzlich fröhlich lachen bei Ihrem traurigen Familienleben und der grauen Zukunft Ihrer Kinder in Jutesäcken. Auf solche Sätze muß man erst mal kommen - da scheint sich das Buch als witzige Unterhaltung ja zu lohnen (klar, daß ich es nicht kaufe). Warum alle immer wieder auf dem „Sie“ rumhacken, ist mir völlig unverständlich. In einer langjährigen Beziehung sprachen wir uns auch mit Nachnamen an - besser als all die Tiernamen, die sich Paare geben. Komisch, daß der ganzen Pressebande, die bei Ihnen einkehrt, der Vergleich bisher nicht kam. Man stelle sich „Mausi“, „Hasi“, „Spatz“ im Hause Kubitschek-Kositza vor! Grausam!
Viel Freude beim abendlichen Bad in See!

Mauerbluemchen

10. August 2018 00:50

Dieses Schreibfrollein ist so unbedarft, daß man es nicht einmal ignorieren braucht. Um etwas vergleichbar dußlig-naives zu finden muß man in die unteren Klassen der Grundschule zurück und wird dort auch nur unter den leistungsalternativen Schüler*nnen fündig (die mit den Hotpants und den lackierten Fingernägeln zur Einschulung, dem Junikornmäppchen und dem erklärten Berufsziel: youtuberin oder Schauspielerin - was halt get (Originalzitat)).

Es muß schon sehr schlimm um die Meinungshoheitlichen stehen, wenn sie mit solch asthenischen Dünnbrettbohrer*nnen arbeiten müssen, weil sie sonst nichts besseres auf Lager haben.

Daß Madamchen all die Erbosten im Lande erreicht und abschreckt, darf heftigst bezweifelt werden - allein schon wegen ihres Niveaus (Schülerzeitung einer Sonderschule).

Jedes gute Wort wie: "Es reicht nicht aus, keine Gedanken zu haben, man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken," ist da Verschwendung. Also belassen wir es bei Nichtachtung.

Gustav Grambauer

10. August 2018 10:43

W. Wagner

"Man stelle sich „Mausi“, „Hasi“, „Spatz“ im Hause Kubitschek-Kositza vor! Grausam!"

Ach was, Kosenamen sind nicht "grausam". Erfinde jeden Tag und jede Nacht unzählige neue für meine Frau. Bedenken Sie bitte, daß die zuerst der Hochadel eingeführt hatte ("Komtesserldeutsch"), sogar als dessen Distinktionsmerkmal gegenüber dem Volk, so daß in den Schlössern der Habsburger, Hohenzollern usw. schon zu Zeiten, als die einfachen Leute nicht mal auf so etwas gekommen wären, die Sepps / Jo`s / Jojos / Juppis / Bepps (für Josef), Fritzens (für Friedrich), Willis (für Wilhelm), Sissis (für Elisabeth), Fritzis (für Friederike), Minnis (für Wilhelmine), Gustis (Für Augusta), Hubsis (für Huberta) und Wallis (für Walburga) nicht nur im Buddelkasten sondern sogar noch auf dem Sterbebett so angesprochen wurden. Selbst Angehörige des - formal - erzpietistisch-protestantischen Hochadels wie etwa die Württemberger oder Holländer Könige wären wohl niemals auf die Idee gekommen, sich in der Ehe zu siezen, auch dort ging bzw. geht es es, bin mir fast sicher, - als Kehrseite der Nibelungenwildheit - kuschelig-gemütlich-herzlich zu. Die alle würden in ihrer Eigenart

https://www.gala.de/royals/allgemein/deutscher-adel--lebe-lieber-anders-20160666.html

nur ihrerseits einen schmusig-respektvollen Diminuitiv für dieses Siezen-in-der-Ehe-Phämomen finden wie sie für alles und jedes einen finden. Ein solcher Diminuitiv würde inzident enthalten: Siezen-in-der-Ehe ist etwas für die Niederen in deren Wirrungen.

Verstehe den Drang, der grassierenden Proletarisierung / IKEAisierung etwas entgegenzusetzen. Für meinen Teil nehme ich mir den Hochadel zum Vorbild und stelle mich da einfach stoisch drüber. Wer mich mit duzt, der soll es tun, ich sieze ihn einfach weiterhin wenn ich meine Distinktion kenntlich machen will. (Kann ja auch gar nicht deren Distinktion geltend machen sondern nur meine eigene.) Verblüffenderweise verstehen das die Leute sofort und kommen unausgesprochen subito auf das 'sie' zurück. Es gibt nur eine drastisch zunehmende Ausnahme, insbesondere in Berlin in jüngerer Zeit beobachtet, diejenigen, die als Prinzipienreiter des kulturellen Proletarismus jeden nur noch duzen, aber diese Welle wird sowieso keiner von uns verhindern können, und als Selbstblockierer bringen die sich auch nur in größte Eiertänze mit sich selbst wenn sie mal ein Vorstellungsgespräch haben oder eine neue Wohnung suchen.

- G. G.

Maiordomus

10. August 2018 13:35

@Grambauer. Was Sie über den Adel schreiben, kann ich Ihnen zumindest für den französischen nicht bestätigen, zu schweigen vom Unterschied im offiziellen und dem intimen Umgang, der in diesen Kreisen stets zu beachten ist. Gemäss Orwells meisterhaftem unparteiischem Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg, das Buch "Mein Katalonien", wurde das Siezen dort von den Linken tatsächlich abgeschafft, das setzte sich aber nicht durch und wurde schlagartig beim Wechsel der Machtverhältnisse wieder geändert. Man sollte sich indes nicht zu sehr in die intimen Familienangelegenheiten der Kubitscheks einmischen, das, was oben zitiert wird, einfach mal zur Kenntnis nehmen. Ein noch anderes Beispiel: Von Erasmus von Rotterdam, der als lateinischer Humanist die Volksssprache verachtete, ist als einzige Aussage in der Muttersprache sein letztes Wort überliefert: "lieve God", lieber Gott. Es ist interessant, dass wir mit Gott eigentlich per Du sind. Jedoch wurde die Muttergottes bei ihrem Erscheinen von den Kindern etwa in Lourdes und La Salette und anderswo stets mit "Sie" angesprochen. Das passt idealtypisch durchaus zu einer lieben Mutter, die wie keine Person auf Erden Ehrfurcht verdient, weswegen Muslime mit hoher Legitimation bei der Beschimpfung "Hurensohn" zum Messer greifen. Angenommen, es gab zur Zeit Jesu schon "Sie" und "Du", würde ich nicht ausschliessen, dass Josef zu Maria "Sie" gesagt hat, wohl zumindest aus der Perspektive der das Geschehen idealisierenden Evangelienverfasser.

PS. Goethe, Heinrich Heine und andere haben grandiose Liebesbriefe in Sie-Form verfasst. Ja, "Madame, ich liebe Sie!" (Heine). Auch Lessing: "Mein Fräulein, wer nach Ihnen eine andere lieben kann, der hat Sie nie geliebt!" (Minna von Barnhelm)

Beachten Sie noch im besten modernen Buch über die Liebe überhaupt, "Fragmente einer Sprache der Liebe" von Roland Barthes, deutsch bei Suhrkamp, das Wort "anbetungswürdig". Goethe selber liess Faust zu Helena sagen, dass er ihr "Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn" zolle. Mindestens bis zur Stufe Anbetung würde die Sie-Form einen stärkeren Ausdruck beinhalten als das saloppe Duzen.

Geistliche, Äbte, Bischöfe und Päpste, soweit ihre Mütter diese Erhöhung noch erlebten, wurden regelmässig von den Frauen, die ihnen einst die Brust gegeben hatten, gesiezt!

sokrates399

10. August 2018 13:58

Zu Duzen zwei Worte von Dávila:
Das Vulgäre besteht im Wesentlichen darin, Plato und Goethe zu duzen.
Niemand kann sicher, sein, daß irgendein Hergelaufener irgendwann das Recht haben wird, ihn zu duzen.

Ich schlage vor, Grüne und andere "Korrekte" in der dritten Person anzusprechen, um die geistigen Rangunterschiede deutlich zu machen.

Maiordomus

10. August 2018 14:14

@Grambauer. PS. Gottseidank behalten Sie die Kosenamen für Ihre Frau für sich. Können Sie garantieren, dass diese die Gender-Gleichberechtigungsprüfung incl. sonstiger politischer Korrektheit bestehen würden und Sie dann nicht fertiggemacht würden? Wenn Sie z.B. mal irgendwo für den Kreistag kandidieren wollen, sagen wir mal für die AfD, wobei sich dann die oberste Parteispitze von Ihnen distanzieren müsste, wie es zum Teil jetzt schon rituell bei anderen Beispielen verbaler Natur geschieht.

Sandstein

10. August 2018 15:48

@ GG und MaiorDomus

..also mir gehts wie GG. Habe mich nur nicht getraut es zuzugeben.
Was nervt ist, dass man irgendwann verdammt kreativ werden muss.
Aber bitte was ist an 'Honigtopf' sexistisch?`
Dürfte sogar den Grünen gefallen ;)

JohannesStreck

10. August 2018 18:34

Typisch mal wieder... Die armen Kätzchen alle mit so aufgemalten Hitlerbärtchen!

ene

10. August 2018 19:37

@ Grambauer
Familienüberlieferung: Oderbruch, 19. Jahrhundert. Der Urgroßvater (Schmiedemeister, acht Gesellen, kraftvoller Mann, nach den Photos zu urteilen -) SIEZTE seine Mutter sein Leben lang.
Sie hingegen duzte ihn. Und war darüber hinaus die einzige Person, deren Anweisungen er sich widerspruchslos fügte. In Konfliktfällen betrat sie die Szene und klärte die Angelegenheit - danach war Ruhe. - So wurde mir mit Beispielen berichtet.

In meinem Französisch-Lehrbuch für die Schule (!) siezten sich die Ehepartner auf selbstverständliche Weise. (Ja, liegt schon etwas zurück - aber SO lange nun auch nicht _ ). Das Siezen in der frz. Literatur - wobei das "vous" dem "Sie" nicht so ohne weiteres gleichzusetzen ist - ist sehr oft situationsabhängig. Das wechselt: Kommt eben darauf an, worüber man gerade spricht und in welcher Situation man sich befindet.

Andreas Walter

10. August 2018 21:44

Ein Volk, das nicht zu sich selbst steht ist wie ein Mensch, der nicht zu sich selbst steht.

Darum stehe ich zu Deutschland und den Deutschen, trotz des Holocaust, nicht wegen des Holocaust.

Das ist ein gewaltiger Unterschied von dem es Notfalls aber auch schon genügt, wenn ich ihn verstehe.

Denn man kann niemand dazu zwingen, etwas zu verstehen. Ich kann andere nur bitten, es zu versuchen, oder mir zu vertrauen.

Carlos Verastegui

11. August 2018 10:38

Ja, Kinder die ein I-Pad einschalten können sind schon von sich aus hochbegabt, fortgeschritten, integriert... Ein schönes Beispiel einer postmodernen pädagogischen Haltung. Wenn die postmoderne Welt aus lauter hirnlosen Torsomenschen bestünde, die alle gut ihr I-Pad bedienen können, man müsste sich Arme, Beine und Hirn wegoperieren lassen, um dazu zu gehören und nicht augegrenzt zu werden von den Krüppeln.

Gustav Grambauer

11. August 2018 11:46

Maiordomus, ene

Habe ja nicht von demjenigen Teil des Adels geschrieben, der dem Biedermeier gefrönt hat, und erst recht nicht von Frankreich, sondern von demjenigen, der in dem GALA-Artikel charakterisiert wird, d. h. vom Hochadel und dem Teil, der sich am Hochadel orientiert, und meinte insbesondere die Habsburger. Auch beim Hochadel gibt es alle Varianten, bis tief in die Abgründe der Perversion und des Sadismus innerhalb der Familien hinein, selbst wenn ich gerade etwas überrascht lese, daß "Augenzeugenberichte zu belegen scheinen, daß der Hinrichtungsort von Friedrichs Zimmer aus gar nicht einsehbar war", besuchen Sie mal Schloß Köpenick in Berlin:

https://www.tagesspiegel.de/kultur/die-hoelle-am-hofe/5790192.html

Wahre bei dern Kosenamen striktes Neutrum im grammatikalischen Gender: in der Art von "Sternenstaubregenbogenwunderkerzenlicht" usw., um nicht die intimeren zu nennen.

Das einseitige Sie ist als hanseatisches Sie bekannt. Ich kenne es noch aus der NDPD. "HeiHo" (Homann), der ja mit jeder Faser seines Daseins Hanseat war,

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Homann

wurde in der Partei ausnahmslos von allen gesiezt, hat aber je nach Laune alle - außer Bolz - geduzt. Und, ene, weil Sie den weiblichen Part in der Hinsicht ansprechen: der hat sozusagen in den hohlen Zahn des Löwen hinein geheiratet; seine Frau, SED, hat bei der KoKo gearbeitet - der beste Schutz des nicht unbeträchtlichen Devisenvermögens der NDPD (die mit ihrer Parteidruckerei auf den westlichen Märkten auf bibliophile Ausgaben spezialisiert hochaktiv war) vor den Begehrlichkeiten Schalck-Golodkowskis, und die Elisabeth hatte auch eine allseits gefürchtete spitze Zunge!

- G. G.

Hartwig aus LG8

11. August 2018 21:50

Die "Prolostelle" oder die "Superprolostelle".
Ich kann nicht für mich in Anspruch nehmen, im Eifer mündlicher Konversation den Begriff des Prolo immer gemieden zu haben bzw. mich über eben diesen lustig gemacht zu haben. Aber spätestens seit RTL daraus ein Geschäftsmodell machte, ist's bei mir aus mit dem "Prolo". Nun, und wenn kinderlose akademische Mitdreißiger, die sich überdies auch noch für Mehrleister halten, über die Mütter und Väter der Dscheisens, Saimens, Wesleis oder Schantals herziehen, dann werde ich nicht nur ärgerlich sondern auch laut.

Andreas Walter

11. August 2018 22:32

Deutschland "leicht" überfordert:

https://www.rundblick-unna.de/2018/08/10/mitarbeiter-mit-poller-angegriffen-gewalttaetiger-asylbewerber-aus-froendenberg-belagert-autohaus-procar-in-unna-filialleiter-unfassbar-was-hier-los-ist/

Musste ein paar mal lachen, als ich das gelesen habe, auch wenn es (eigentlich) nicht lustig ist. Weil es so viel von dem widerspiegelt, was eine zivilisierte Gesellschaft wie auch die Deutsche schlicht in die Überforderung, in die Ratlosigkeit, Handlungsunfähigkeit, Sprachlosigkeit treibt. Wenn Ratio auf das trifft, was sich mit Ratio aber nicht lösen lässt.

Das, worüber wir alle mit (Dritte Welt) Auslanderfahrung über zivilisierte Gesellschaften (und leider auch Menschen) lachen, uns an ihnen vollkommen befremdet. Diese Naivität.

MartinHimstedt

11. August 2018 23:01

Zum Buch von Franziska Schreiber/der Klage:

Als studierter Designer und Marketing-Idiot, hatte ich es in der Vergangenheit immer wieder mit Analysen der Corporate Identity (und so weiter) der Nazis zu tun. Und nein, garantiert nicht aus unserem Milieu. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Artikel in der novum, es gibt sogar Bücher darüber. Das ist eigentlich absoluter Mainstream. Diesem konstruierten Skandal haftet etwas niederträchtiges an. Wie immer.

Maiordomus

12. August 2018 06:06

Soeben las ich einen Briefwechsel aus dem Jahren 1791 bis 1794 der beiden Brüder Gottlieb und Ludwig May von Schöftland, damals Berner Aristokraten und Offiziere in holländischen Diensten, herausgegeben vom späteren Schweizer Verleger und Politiker James Schwarzenbach ("Eine Zeit zerbricht", Bern 1942). Wenn es um militärische Fragen bzw. Sachaustausch geht, Siezen sie sich, in rein privatem Austausch duzen sie einander.

AnneSeiterle

12. August 2018 11:03

Und ich wollte heute bei der Weltwoche unter der Rubrik "Darf man das?" die Frage stellen, ob ich meinem Mann eins hinter die Löffel geben darf, sollte er mich noch einmal Hasilein nennen.

PS: Tamilen siezen ihre Eltern und ihre Geschwister.

KlausD.

12. August 2018 13:47

„Prolet, Neger, Bimbo“ … fühle mich angesprochen, habe ich doch früher auch „wild“ gebadet und ganz normal „Neger“ gesagt. Sage es auch heute noch, allerdings nicht öffentlich, aber in trauter Runde beim wild baden vielleicht … Bin ich deshalb nun ein Prolet?
Ein entfernter Verwandter (Chemie Leipzig Fan) hat als Zuschauer in der Hitze des Gefechts das Bimbo-Wort verwendet und ist dafür angefeindet worden, was er entrüstet immer wieder zum Besten gibt.
In der DDR fand in Halle das Chemiepokal-Boxturnier statt, an dem regelmäßig auch schwarze Boxer aus Kuba teilnahmen, die durchweg als Weltklassesportler anerkannt waren. Aber es kam vor, daß jemand dem weißen Gegner laut anfeuernd zurief „Immer ins Schwarze!“
Naja, alles hat gelacht und gut war, keiner hat an Diskriminierung gedacht, das Wort kannten wir gar nicht … allerdings hatte mir damals ein Kollege, der jahrelang in Kuba als Monteur tätig war, berichtet, daß die Menschen dort (in Kuba selbst!) um so anerkannter sind, je heller die Hautfarbe ist …
Schwarze aus sogenannten befreundeten Ländern waren regelmäßig zu Gast in der DDR (Sportler, Künstler, Studium, Ausbildung) und gingen im Normalfall nach Abschluß ihrer Tätigkeit zurück in ihr Heimatland. Mir sind keine Anfeindungen bekannt, ggf. waren jedoch besondere Regelungen erforderlich, z.B. in Lehrlingsunterkünften das Anbringen von Aushängen in der Küche „ Kein offenes Feuer anzünden. Vor Verlassen der Küche sind die Herdplatten unbedingt auszuschalten!“.

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