Jürgen Große: Erlaubte Zweifel. Cioran und die Philosophie

Jürgen Große: Erlaubte Zweifel. Cioran und die Philosophie, Berlin: Duncker & Humblot 2014. 319 S., 39.90 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Armin Moh­ler nann­te Cior­an einen »post­re­vo­lu­tio­nä­ren Den­ker« und spiel­te damit auf die Absa­ge Ciorans an jede Geschichts­phi­lo­so­phie an. Sei­ner Mei­nung nach gab es in der Geschich­te eine Abfol­ge von Ereig­nis­sen ohne jeden Sinn. Mit die­ser Hal­tung stand Cior­an im 20. Jahr­hun­dert nicht allein. Er dürf­te aber, was die Radi­ka­li­tät des Zwei­fels an allen Gewiß­hei­ten betrifft, zu den bedeu­tends­ten Skep­ti­kern der Geis­tes­ge­schich­te gehö­ren. Im Gegen­satz zu dem in der Phi­lo­so­phie gepfleg­ten »erlaub­ten Zwei­fel« geht es Cior­an um die radi­ka­le­re Vari­an­te, den Zwei­fel an sich selbst, die Verzweiflung.

Aus die­ser Abgren­zung erklärt sich das The­ma des Buches von Jür­gen Gro­ße (Jg. 1963), der als Phi­lo­soph und His­to­ri­ker bereits mit zahl­rei­chen Büchern her­vor­ge­tre­ten ist, die sich nicht aus­schließ­lich an das Fach­pu­bli­kum rich­ten, son­dern all­ge­mein­ver­ständ­lich gehal­ten sind. Gro­ße steht damit in einer Tra­di­ti­on, die dar­auf setzt, daß es auch außer­halb der pro­fes­sio­nel­len Phi­lo­so­phie Leser gibt, die sich der Mühe des Den­kens unterziehen.

Sei­nen zahl­rei­chen Büchern, etwa über die Lan­ge­wei­le, über Nietz­sche oder die Lebens­phi­lo­so­phie sowie ein Band Apho­ris­men im Karo­lin­ger-Ver­lag, hat er nun eines hin­zu­ge­fügt, das eine gute Hin­füh­rung auf Ciorans 20. Todes­tag im nächs­ten Jahr ist. Trotz des beschei­den anmu­ten­den Unter­ti­tels han­delt es sich um ein Buch, das die zen­tra­len The­men des in Trans­sil­va­ni­en gebo­re­nen Kul­tur­kri­ti­kers behan­delt. Gro­ßes Arbeit ist vor allem des­halb grund­le­gend, weil er das Wag­nis unter­nimmt, die unüber­sicht­li­chen The­men der Apho­ris­men und Essays Ciorans einem sys­te­ma­ti­schen Zugriff zu unter­wer­fen. Damit geht natür­lich die unmit­tel­ba­re Sug­ges­ti­on Ciorans ver­lo­ren. Sinn des Buches ist aber auch nicht, Cior­an-Lek­tü­re zu erset­zen, son­dern zu ihr hin­zu­lei­ten und vor allem dem Gele­gen­heits­le­ser den Kon­text auf­zu­zei­gen, in dem ein­zel­ne Aspek­te des Wer­kes stehen.

Im ers­ten Teil behan­delt Gro­ße unter der Überschrift»Lektüren« die Anre­gun­gen und Ein­flüs­se, denen sich Cior­an aus­ge­setzt hat und deren Spu­ren man in sei­nem Werk begeg­net. Das Spek­trum reicht dabei von kon­kre­ten Namen wie Epi­kur oder Hei­deg­ger über ein­zel­ne phi­lo­so­phi­sche Strö­mun­gen wie die Mora­lis­tik oder die Lebens­phi­lo­so­phie bis hin zu phi­lo­so­phi­schen Grund­über­zeu­gun­gen, wie der­je­ni­gen, in einer Spät­zeit zu leben, oder der schon genann­ten Ver­zweif­lung. Im zwei­ten Teil ver­sucht Gro­ße das Den­ken Ciorans in ein­zel­ne Begrif­fe zu fas­sen, was bei einem unsys­te­ma­ti­schen Den­ker wie jenem eine wirk­li­che Ver­ständ­nis­hil­fe ist. Die ein­zel­nen Schrif­ten wer­den im drit­ten Teil ein­zeln vor­ge­stellt, wobei auch auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der rumä­ni­schen Früh­schrif­ten und Ciorans faschis­ti­sches Enga­ge­ment ein­ge­gan­gen wird.

Ein knap­pes Por­trät des Philso­phen, das sich aus Selbst­be­ob­ach­tun­gen und Beob­ach­tun­gen Drit­ter speist, beschließt den Band. Cior­an war kei­nes­wegs der men­schen­ver­ach­ten­de Kauz, als den man sich ihn aus sei­nen Schrif­ten vor­stel­len könn­te. Zum Zwei­fel gehört auch der Zwei­fel am Zwei­fel. Dem­zu­fol­ge sah Cior­an sei­ne Dau­er­s­kep­sis am Ende sei­nes Lebens kri­tisch, ohne des­halb dar­an irre zu wer­den – eine Kunst, die wohl nur weni­ge beherrschen.

Erlaub­te Zwei­fel. Cior­an und die Phi­lo­so­phie von Jür­gen Gro­ße kann man hier bestel­len.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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