1. Oktober 2014

Arno Gruen: Wider den Gehorsam

Gastbeitrag

Arno Gruen: Wider den Gehorsam, Stuttgart: Klett-Cotta 2014. 97 S., 12 €

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Arno Gruen, Berliner des Jahrgangs 1923, USA-Emigrant und seit Jahrzehnten Wahlschweizer, hat als Psychologe und Autor seine Meriten und begeisterten Anhänger. Der Barde Konstantin Wecker nun empfiehlt uns via Rücktitelbotschaft nachdrücklich (»es macht Lust auf Widerstand gegen vorgefertigte Meinungen«) Gruens aktuelles Bändchen. Im Format wie inhaltlich ähnelt das Büchlein dem Millionenhit Empört Euch! (dt. 2011) von Stéphane Hessel. Wie Hessel ist Gruen eine graue Eminenz. Man weiß nicht mit völliger Sicherheit, ob diese greisen Herren davon ausgehen, daß sie mit ihren Erweckungsrufen betonharte Sicherheitstüren eintreten, oder ob sie ahnen, daß es nur ein fadenscheiniger Perlenvorang ist, den sie mit der Vehemenz der letzten Puste zur Seite wehen.

Es ist deshalb einerlei, weil Gruens Büchlein zwei Verständnisebenen eröffnet, auch wenn es ihm vor allem um jene eine geht: Gehorsam mache den Menschen zum Knecht. Er meint nicht nur den Kadavergehorsam auf dem Drillplatz, sondern – in erster Linie – den Gehorsam des Kindes gegenüber seinen Eltern. Darüber kann man streiten. Die Rede ist hier von prügelnden, wenigstens rohen Eltern, von Studien, die auf der Basis eines Gesellschaftsmodells von Anno 1950 oder 1970 erstellt wurden. Gruen hat Väter und Mütter im Blick, die ihre Kinder nach Maßgaben von Johanna Haarers nationalsozialistischen Ratgebern erzogen: auf Härtung aus. Hat der Autor gemerkt, daß sich der Wind gelinde gedreht hat? Womöglich nicht, selbst wenn das Literaturverzeichnis auch neue Studien umfaßt.

Das macht nichts, da seine Analysen auch (vielleicht gerade!) unter geänderten Vorzeichen lesenswert sind. Nicht die Gehorsamsforderung an sich, sondern die »abstrakten Ideen«, denen heute Folge zu leisten ist, sind neue. Die Strukturen des Gehorsams, schreibt Gruen, seien so sehr Teil unseres Lebens, daß wir sie als solche nicht mehr wahrnähmen. Wir hielten uns für selbsterrungene Individualisten und spürten die Fesseln der Knechtschaft nicht. Um so schlimmer: Unsere Unterwerfung gehe so weit, daß wir uns mit dem Aggressor identifizierten, seine Ziele zu unseren machten und somit zu einer »fremdbestimmten Identität« gelangten.

Unsere »ursprüngliche Gefühlswirklichkeit« werde umgekehrt, wir seien »gefangen in der Angst, zu sehen, was wirklich ist.« Das artige »Mitmachen« beim geforderten Tun und Denken verhülle den Tatbestand des Gehorsams zugleich: »Gute Leistung erzeugt in solchen Menschen die Illusion, er würde aus freiem Willen handeln.« Ausgerechnet erfolgreiche Schüler, die sich den Ambitionen von Eltern und Gesellschaft anpaßten, hielten sich für »autonom«, dabei seien gerade sie Stabilisatoren der Norm. Diese Norm bestehe in fremdbestimmten »Introjekten«, die uns »von den eigenen Wurzeln« entfremdeten. Gehorsam, sagt Gruen, untermauere Macht. »Er macht es unmöglich, die Wut gegen jene zu richten, die für sie verantwortlich sind.« Die Mächtigen: für den Verfasser sind das Hitler, Hitlers geistige Erben und Marine Le Pen. Man darf als Leser getrost eine neue Personalfolie drüberziehen.

Arno Gruens Wider den Gehorsam kann man hier bestellen. 

 


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