Frauke Geyken: Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler

Frauke Geyken: Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler, München: C.H. Beck 2014. 352 S., 24.95 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Bücher mit Hit­ler gehen immer. Bücher mit Frau­en­per­spek­ti­ve auch. Wer heu­te ein x‑beliebiges The­ma, sei es Atom­phy­sik, Kraft­sport oder Dada­is­mus auf »weib­li­che Gesichts­punk­te« unter­sucht, läuft gene­rell gut gepols­tert durch offe­ne Türen – erst recht gegen die Hit­le­rei. Das ist schon recht so! Man liest das von unter­schied­li­chen (teils dezi­diert femi­nis­ti­schen) Stel­len finan­zi­ell geför­der­te Buch der His­to­ri­ke­rin Frau­ke Gey­ken über »Frau­en im Wider­stand gegen Hit­ler« auch wirk­lich gern und nicht ohne Gewinn.

Bereits anek­do­tisch ein­ge­floch­te­ne Schil­de­run­gen wie die des Hasen­cle­ver­schen Haus­halts – die Kin­der beka­men Süßes nur zu Fest­ta­gen, Mit­tags­schlaf war Pflicht, Ant­je und ihre Geschwis­ter durf­ten aber Klei­der und Zim­mer­wän­de selbst bema­len – oder der Pal­lat­schen Ehe – sie ver­stan­den sich als»Lebenskameraden«, Toch­ter Rose­ma­rie (spä­te­re Reich­wein) wur­de nach einer ver­bli­che­nen Lie­be des Vaters benannt – loh­nen die Lektüre.

Frau Gey­ken stellt – illus­triert durch 49 teils unbe­kann­te, oft enig­ma­ti­sche Pho­to­gra­phien – das Leben und Wir­ken jener Frau­en vor, die im Drit­ten Reich die Namen Sophie und Inge Scholl, Marie Loui­se von Sche­liha, Anne­do­re Leber, Rose­ma­rie Reich­wein, Ant­je Have­mann und Cato Bont­jes van Beek tru­gen. Die sie­ben Kapi­tel wid­men sich nicht ein­zeln den Prot­ago­nis­tin­nen, son­dern sam­meln die Bio­gra­phien unter Über­schrif­ten wie »Kindheiten«,»Leben im Krieg«,»Lebensenden«. Zur Buch­mit­te hin führt das zu einem gelin­den Durch­ein­an­der, weil sich über­schnei­den­de Ver­schwö­rer­krei­se mit ihren Namen, Bezü­gen und häus­li­chen Ein­zel­hei­ten hier mun­ter durcheinanderwirbeln.

Ins­ge­samt erschei­nen allein die bei­den Schol­ls als voll­ends »Selbst­er­run­ge­ne« in ihrem wider­stän­di­gen Tun. Die ande­ren fun­gie­ren als »Frau­en von«, auch wenn die Autorin gera­de die­sen Ein­druck aus­he­beln will. Um wider­stän­di­ges Han­deln von Frau­en im NS-Staat vom männ­li­chen Wider­stand abzu­gren­zen (dies ist das erklär­te und doch bemüht erschei­nen­de Ziel), müs­se man ver­ste­hen, daß Kaf­fee kochen zwar kein revo­lu­tio­nä­rer Akt sei, Kaf­fee kochen »für eine Grup­pe von Ver­schwö­rern als Mit­wis­se­rin und Zeu­gin« aber doch, irgendwie.

Inso­weit hat die­se Por­trätsamm­lung einen kon­ser­va­ti­ven Zug inne: Hin­ter jedem star­ken Mann steht eine star­ke Frau, selbst wenn deren Stär­ke auch dar­in besteht, »oft lan­ge allein im Auto« zu war­ten, wäh­rend sich der Mann mit ihr unbe­kann­ten Freun­den trifft wie im Fal­le der Reich­weins. Auch bei Ant­je Have­mann, die hier viel­leicht des­halb noch dann Ant­je Hasen-cle­ver genannt wird, als sie schon Have­mann hieß, weil dem Paar zuvor eine Hoch­zeit als »spie­ßig« erschien, kann »heu­te nicht mehr geklärt wer­den«, inwie­weit sie in die kon­spi­ra­ti­ve Tätig­keit ihres Gat­ten ein­ge­weiht war. »Rüh­rig« und»unermüdlich tüch­tig« war die Frau, die zum Kriegs­en­de dann Ant­je Kind-Hasen­cle­ver hieß, jeden­falls durch­weg: »Ers­tes Geld ver­dien­te sie, indem sie … Fah­nen für Rei­ter- und Kar­ne­vals­ver­ei­ne stick­te. Im Herbst 1950 konn­te sie ihre Spiel­zeug­samm­lung, die sie schon in der Zeit ihrer Ehe mit Have­mann auf­ge­baut hat­te und über den Krieg ret­ten konn­te, im Düre­ner Leo­pold-Hosch-Muse­um zeigen.«

Die Autorin schil­dert eine Viel­zahl sol­cher pit­to­res­ker Details (Frau von Sche­li­lah, Diplo­ma­ten­gat­tin, dürf­te sich in der Tür­kei gelang­weilt haben, Sophie Scholl lob­te rück­bli­ckend auf die Kind­heit »bun­te Ostern, wäh­rend Inge von wun­der­ba­ren Weih­nachts­fes­ten schwärm­te«), die als Stil­blü­ten wahr­ge­nom­men wer­den könn­ten. Gera­de in den mitt­le­ren Kapi­tel, die »Tat­zeit« betref­fend, wird dem Han­deln der Män­ner und ihren Orga­ni­sa­tio­nen über­deut­lich mehr Platz ein­ge­räumt als den Frau­en, denen das Buch doch gel­ten soll.

»Im März 1939 träum­te Cato sogar von ihrem eige­nen Tod«, heißt es, ein bio­gra­phi­sches Fund­stück, das wohl des­halb erwäh­nens­wert ist, weil außer pri­va­ter »Ver­un­si­che­rung« kei­ne eige­nen wider­stän­di­gen Aktio­nen zu berich­ten sind! Das führt zu para­do­xen Vor­wür­fen pos­tum: Frau Gey­ken beklagt, daß Cato Bont­jes van Beek vor Gericht »nur« der »Bei­hil­fe« bezich­tigt wur­de. Man habe ihr kein auto­no­mes Han­deln zuge­stan­den! Zur Hin­rich­tung im August 1943 lang­te es. Die NS-Jus­tiz abs­tra­hier­te geschlecht­li­che Vor­zei­chen gna­den­los. Sie nann­ten es Gleichheit.

Wir stan­den nicht abseits. Frau­en im Wider­stand gegen Hit­ler von Frau­ke Gey­ken kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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