Sezession
1. Oktober 2014

Frauke Geyken: Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler

Ellen Kositza

Frauke Geyken: Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler, München: C.H. Beck 2014. 352 S., 24.95 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Bücher mit Hitler gehen immer. Bücher mit Frauenperspektive auch. Wer heute ein x-beliebiges Thema, sei es Atomphysik, Kraftsport oder Dadaismus auf »weibliche Gesichtspunkte« untersucht, läuft generell gut gepolstert durch offene Türen – erst recht gegen die Hitlerei. Das ist schon recht so! Man liest das von unterschiedlichen (teils dezidiert feministischen) Stellen finanziell geförderte Buch der Historikerin Frauke Geyken über »Frauen im Widerstand gegen Hitler« auch wirklich gern und nicht ohne Gewinn.

Bereits anekdotisch eingeflochtene Schilderungen wie die des Hasencleverschen Haushalts – die Kinder bekamen Süßes nur zu Festtagen, Mittagsschlaf war Pflicht, Antje und ihre Geschwister durften aber Kleider und Zimmerwände selbst bemalen – oder der Pallatschen Ehe – sie verstanden sich als»Lebenskameraden«, Tochter Rosemarie (spätere Reichwein) wurde nach einer verblichenen Liebe des Vaters benannt – lohnen die Lektüre.

Frau Geyken stellt – illustriert durch 49 teils unbekannte, oft enigmatische Photographien – das Leben und Wirken jener Frauen vor, die im Dritten Reich die Namen Sophie und Inge Scholl, Marie Louise von Scheliha, Annedore Leber, Rosemarie Reichwein, Antje Havemann und Cato Bontjes van Beek trugen. Die sieben Kapitel widmen sich nicht einzeln den Protagonistinnen, sondern sammeln die Biographien unter Überschriften wie »Kindheiten«,»Leben im Krieg«,»Lebensenden«. Zur Buchmitte hin führt das zu einem gelinden Durcheinander, weil sich überschneidende Verschwörerkreise mit ihren Namen, Bezügen und häuslichen Einzelheiten hier munter durcheinanderwirbeln.

Insgesamt erscheinen allein die beiden Scholls als vollends »Selbsterrungene« in ihrem widerständigen Tun. Die anderen fungieren als »Frauen von«, auch wenn die Autorin gerade diesen Eindruck aushebeln will. Um widerständiges Handeln von Frauen im NS-Staat vom männlichen Widerstand abzugrenzen (dies ist das erklärte und doch bemüht erscheinende Ziel), müsse man verstehen, daß Kaffee kochen zwar kein revolutionärer Akt sei, Kaffee kochen »für eine Gruppe von Verschwörern als Mitwisserin und Zeugin« aber doch, irgendwie.

Insoweit hat diese Porträtsammlung einen konservativen Zug inne: Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau, selbst wenn deren Stärke auch darin besteht, »oft lange allein im Auto« zu warten, während sich der Mann mit ihr unbekannten Freunden trifft wie im Falle der Reichweins. Auch bei Antje Havemann, die hier vielleicht deshalb noch dann Antje Hasen-clever genannt wird, als sie schon Havemann hieß, weil dem Paar zuvor eine Hochzeit als »spießig« erschien, kann »heute nicht mehr geklärt werden«, inwieweit sie in die konspirative Tätigkeit ihres Gatten eingeweiht war. »Rührig« und»unermüdlich tüchtig« war die Frau, die zum Kriegsende dann Antje Kind-Hasenclever hieß, jedenfalls durchweg: »Erstes Geld verdiente sie, indem sie … Fahnen für Reiter- und Karnevalsvereine stickte. Im Herbst 1950 konnte sie ihre Spielzeugsammlung, die sie schon in der Zeit ihrer Ehe mit Havemann aufgebaut hatte und über den Krieg retten konnte, im Dürener Leopold-Hosch-Museum zeigen.«

Die Autorin schildert eine Vielzahl solcher pittoresker Details (Frau von Schelilah, Diplomatengattin, dürfte sich in der Türkei gelangweilt haben, Sophie Scholl lobte rückblickend auf die Kindheit »bunte Ostern, während Inge von wunderbaren Weihnachtsfesten schwärmte«), die als Stilblüten wahrgenommen werden könnten. Gerade in den mittleren Kapitel, die »Tatzeit« betreffend, wird dem Handeln der Männer und ihren Organisationen überdeutlich mehr Platz eingeräumt als den Frauen, denen das Buch doch gelten soll.

»Im März 1939 träumte Cato sogar von ihrem eigenen Tod«, heißt es, ein biographisches Fundstück, das wohl deshalb erwähnenswert ist, weil außer privater »Verunsicherung« keine eigenen widerständigen Aktionen zu berichten sind! Das führt zu paradoxen Vorwürfen postum: Frau Geyken beklagt, daß Cato Bontjes van Beek vor Gericht »nur« der »Beihilfe« bezichtigt wurde. Man habe ihr kein autonomes Handeln zugestanden! Zur Hinrichtung im August 1943 langte es. Die NS-Justiz abstrahierte geschlechtliche Vorzeichen gnadenlos. Sie nannten es Gleichheit.

Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler von Frauke Geyken kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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