Erik Lehnert/Karlheinz Weißmann (Hrsg.): Deutsche Orte (= Staatspolitisches Handbuch, Bd.4)

Eine Rezension von Baal Müller

 Gastbeitrag

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Erik Leh­nert/Karlheinz Weiß­mann (Hrsg.): Deut­sche Orte (= Staats­po­li­ti­sches Hand­buch,Bd.4), Schnell­ro­da: Antai­os 2014. 220 S., 15 €

Nach den Leit­be­grif­fen, Schlüssel­wer­ken und Vor­den­kern liegt nun mit den Deut­schen Ortender 4. Band des Staats­po­li­ti­schen Hand­buchs vor. Auf­grund sei­ner The­ma­tik ist er der kon­kre­tes­te, aber, der lexi­ka­li­schen Gesamt­kon­zep­ti­on ent­spre­chend, stellt er kei­nen Rei­se­füh­rer dar, son­dern ein Hand­buch, das zur nähe­ren Beschäf­ti­gung mit Orten ein­lädt, an denen sich die deut­sche Iden­ti­tät manifestiert.

Da die­se auf­grund ihrer his­to­ri­schen, poli­tisch-kul­tu­rel­len und geo­gra­phi­schen Bedin­gun­gen – der ter­ri­to­ria­len Zer­split­te­rung und spä­ten Eini­gung Deutsch­lands, sei­ner Mit­tel­la­ge, stam­mes­mä­ßi­gen Glie­de­rung und im Ver­hält­nis zur Ein­woh­ner­zahl klei­nen Flä­che – in beson­de­rer Wei­se viel­schich­tig, hete­ro­gen und umstrit­ten ist, ist die Zahl ihrer Schick­sal­sor­te hoch, und die Her­aus­ge­ber, Erik Leh­nert und Karl­heinz Weiß­mann, waren bei der Aus­wahl zu detail­lier­ter Abwä­gung gezwungen.

Genau 100 soll­ten es wer­den, und eine zufäl­li­ge, krum­me Zahl hät­te zu einem Rei­gen mythi­scher Orte auch kaum gepaßt. Selbst­ver­ständ­lich sind nicht nur »Kron­ju­we­len« wie Wei­mar, Hei­del­berg, Aachen, Bay­reuth oder Qued­lin­burg ver­sam­melt, son­dern auch die ambi­va­len­ten, erin­ne­rungs­po­li­tisch hoch­um­kämpf­ten Orte wie Ber­lin (gleich sie­ben­fach ver­tre­ten), Dres­den, Ver­sailles, Pots­dam oder Nürn­berg, an denen die Schre­cken jün­ge­rer Geschich­te den alten Glanz zu ver­de­cken dro­hen, und schließ­lich die Schlacht­or­te und Schä­del­stät­ten wie Sta­lin­grad oder die See­lower Höhen – nicht aber die Orte rei­ner Schan­de, die uns die Ber­li­ner Repu­blik fast aus­schließ­lich zur Iden­ti­täts­stif­tung anbietet.

Nicht alle deut­schen Schick­sal­sor­te lie­gen in Deutsch­land, man­che auch in Frank­reich, Ita­li­en, Rumä­ni­en und ande­ren Län­dern Euro­pas, drei – das Let­tow-Vor­beck-Denk­mal (Sam­bia), der »deut­sche Schick­sals­berg« Nan­ga Parbat (Paki­stan) und Jeru­sa­lem – fin­den sich auf ande­ren Kon­ti­nen­ten. Wie bei sol­chen Zusam­men­stel­lun­gen unver­meid­lich, kann man über die Rele­vanz ein­zel­ner Orte strei­ten; viel­leicht hät­te man auf Ger­hart Haupt­manns Agne­ten­dorf zuguns­ten einer ande­ren Dich­ter-Wir­kungs­stät­te (Jena) ver­zich­ten oder Rügen neben Hel­go­land als zwei­te deut­sche Insel stel­len kön­nen, aber ins­ge­samt ist der Schick­sals­raum von Mont­sé­gur bis Reval, von Dith­mar­schen bis Paler­mo sowie, in sei­ner zeit­li­chen Erstre­ckung, von Nebra und Gos­eck, dem Teu­to­bur­ger Wald und den Extern­stei­nen bis zur Ber­li­ner Mau­er aus­ge­zeich­net vermessen.

Blickt man auf die Kar­ten in Vor- und Nach­satz des Buches fällt eine gewis­se Kon­zen­tra­ti­on in Mit­tel­deutsch­land ins Auge, die nach­drück­lich die Bedeu­tung der mythi­schen Land­schaf­ten Thü­rin­gens und Sach­sen-Anhalts belegt; auf­fäl­lig – aber nicht ver­wun­der­lich – ist auch, daß Deutsch­land nach 1945 anschei­nend nur noch an der Ber­li­ner Mau­er zu einer loka­len schick­sal­haf­ten Ver­dich­tung sei­ner Iden­ti­tät fand.

In der gro­ßen Zahl »Deut­scher Orte« kann man Stär­ke und Schwä­che erken­nen: letz­te­re, weil es sich oft nicht um natio­na­le Hei­lig­tü­mer, son­dern um Orte der Nie­der­la­ge und des tra­gi­schen Schei­terns han­delt –, und den­noch kön­nen sie in ihrer Viel­falt zu »Kraft­plät­zen« wer­den, gera­de auch im Nie­mands­land der offi­zi­el­len »Erin­ne­rungs­kul­tur«.

Deut­sche Orte von Erik Leh­nert und Karl­heinz Weiß­mann kann man hier bestel­len. 

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