Sezession
1. Oktober 2014

Erik Lehnert/Karlheinz Weißmann (Hrsg.): Deutsche Orte (= Staatspolitisches Handbuch, Bd.4)

Gastbeitrag

Eine Rezension von Baal Müller

Erik Lehnert/Karlheinz Weißmann (Hrsg.): Deutsche Orte (= Staatspolitisches Handbuch,Bd.4), Schnellroda: Antaios 2014. 220 S., 15 €

Nach den Leitbegriffen, Schlüsselwerken und Vordenkern liegt nun mit den Deutschen Ortender 4. Band des Staatspolitischen Handbuchs vor. Aufgrund seiner Thematik ist er der konkreteste, aber, der lexikalischen Gesamtkonzeption entsprechend, stellt er keinen Reiseführer dar, sondern ein Handbuch, das zur näheren Beschäftigung mit Orten einlädt, an denen sich die deutsche Identität manifestiert.

Da diese aufgrund ihrer historischen, politisch-kulturellen und geographischen Bedingungen – der territorialen Zersplitterung und späten Einigung Deutschlands, seiner Mittellage, stammesmäßigen Gliederung und im Verhältnis zur Einwohnerzahl kleinen Fläche – in besonderer Weise vielschichtig, heterogen und umstritten ist, ist die Zahl ihrer Schicksalsorte hoch, und die Herausgeber, Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann, waren bei der Auswahl zu detaillierter Abwägung gezwungen.

Genau 100 sollten es werden, und eine zufällige, krumme Zahl hätte zu einem Reigen mythischer Orte auch kaum gepaßt. Selbstverständlich sind nicht nur »Kronjuwelen« wie Weimar, Heidelberg, Aachen, Bayreuth oder Quedlinburg versammelt, sondern auch die ambivalenten, erinnerungspolitisch hochumkämpften Orte wie Berlin (gleich siebenfach vertreten), Dresden, Versailles, Potsdam oder Nürnberg, an denen die Schrecken jüngerer Geschichte den alten Glanz zu verdecken drohen, und schließlich die Schlachtorte und Schädelstätten wie Stalingrad oder die Seelower Höhen – nicht aber die Orte reiner Schande, die uns die Berliner Republik fast ausschließlich zur Identitätsstiftung anbietet.

Nicht alle deutschen Schicksalsorte liegen in Deutschland, manche auch in Frankreich, Italien, Rumänien und anderen Ländern Europas, drei – das Lettow-Vorbeck-Denkmal (Sambia), der »deutsche Schicksalsberg« Nanga Parbat (Pakistan) und Jerusalem – finden sich auf anderen Kontinenten. Wie bei solchen Zusammenstellungen unvermeidlich, kann man über die Relevanz einzelner Orte streiten; vielleicht hätte man auf Gerhart Hauptmanns Agnetendorf zugunsten einer anderen Dichter-Wirkungsstätte (Jena) verzichten oder Rügen neben Helgoland als zweite deutsche Insel stellen können, aber insgesamt ist der Schicksalsraum von Montségur bis Reval, von Dithmarschen bis Palermo sowie, in seiner zeitlichen Erstreckung, von Nebra und Goseck, dem Teutoburger Wald und den Externsteinen bis zur Berliner Mauer ausgezeichnet vermessen.

Blickt man auf die Karten in Vor- und Nachsatz des Buches fällt eine gewisse Konzentration in Mitteldeutschland ins Auge, die nachdrücklich die Bedeutung der mythischen Landschaften Thüringens und Sachsen-Anhalts belegt; auffällig – aber nicht verwunderlich – ist auch, daß Deutschland nach 1945 anscheinend nur noch an der Berliner Mauer zu einer lokalen schicksalhaften Verdichtung seiner Identität fand.

In der großen Zahl »Deutscher Orte« kann man Stärke und Schwäche erkennen: letztere, weil es sich oft nicht um nationale Heiligtümer, sondern um Orte der Niederlage und des tragischen Scheiterns handelt –, und dennoch können sie in ihrer Vielfalt zu »Kraftplätzen« werden, gerade auch im Niemandsland der offiziellen »Erinnerungskultur«.

Deutsche Orte von Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann kann man hier bestellen. 


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