Sezession
1. Oktober 2014

Kai Voss: Das NSU Phantom.

Gastbeitrag

Eine Rezension von Wiggo Mann

Kai Voss: Das NSU Phantom. Staatliche Verstrickungen in eine Mordserie, Graz: Ares 2014. 288 S., 19.90 €

2013 kündigte der Verlag Antaios Das NSU-Phantom an. Nun liegt dieses Buch vor, jedoch nicht bei Antaios: So viel Recherche und Enthüllung in und aus schwer zu beschaffendem Material, aus Verschlußsachen und behördlichen Dokumenten: Der Boden war in Deutschland zu heiß, der Ares-Verlag aus Graz übernahm. Warum ist der Boden überhaupt heiß, bei einer Mordserie, deren Sachlage – gemäß sachkundigen Medien – doch längst geklärt ist?

Der Boden ist heiß, weil man über den »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) letztlich nur weiß, daß man nichts Konkretes weiß. Verfassungsschutzmitarbeiter schredderten die womöglich entscheidenden Akten zu einem Trio, das bis 2006 mehrere Morde und bis 2011 Banküberfälle begangen haben soll, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Allein, keiner nahm die drei aus Jena wahr als das, was sie vorgeblich darstellen wollten: Nazi-Terroristen.

Im November 2011 wurden plötzlich in Eisenach zwei Männerleichen entdeckt, eine Frau stellte sich der Polizei (oder suchte deren Schutz?), und ein Haus in Zwickau ging in Flammen auf. Der Rest kann als sattsam bekannt gelten: Eine undurchsichtige Antifa-Gruppe verkaufte kurz darauf ein »Bekenner-Video« an ein Nachrichtenmagazin, besagte Frau steht in München vor Gericht, weil sie das besagte Haus angezündet habe, um Beweise zu vernichten – freilich nur, um kurz darauf das »Bekenner-Video« zu versenden.

Die Geschichte von mordenden Nazi-Bestien fand Eingang in die offiziöse Geschichtsschreibung der Bundesrepublik. Der Prozeß wird anhand von Indizien und VS-Agenten-Aussagen geführt. Ohnehin spielen die Zuträger des Verfassungsschutzes eine dubiose Rolle in diesem Drama, dessen offizielle Version nicht hinterfragt werden darf.

Kai Voss, Mitarbeiter einer mitteldeutschen Behörde, geht den Einlassungen der staatlich und medial kolportierten Version dessen ungeachtet auf den Grund. Er kann dies tun, weil Voss einerseits ein Pseudonym ist, und weil er andererseits mit Compactvon Anfang an ein ihn unterstützendes Medium fand. Für Jürgen Elsässers Magazin griff Voss wiederholt zur Feder und publizierte ein Sonderheft. Da indes wöchentlich neue Skurrilitäten rund um den »NSU« bekannt werden, sah er die Notwendigkeit gegeben, diese teils weit verstreuten und schwer zugänglichen Fakten zusammenzutragen.

Dem Autor gelingt es im vorliegenden Buch, einen Bogen zu spannen, der – abseits von bloßen Verschwörungstheorien – bei Staatsterror (»Gladio«,»Stay behind«) beginnt und bei einem nachdenklichen Fazit endet. Dazwischen untersucht der Autor die einzelnen Mordfälle, verweist auf Ungereimtheiten und offensichtliche Täuschungen und nimmt sich auch des 4. Novembers 2011 an, also jenes Tages, an dem der »NSU« in seiner heutigen Darstellung womöglich erst geboren wurde.

Minutiös weist Voss nach, weshalb die Beweismittel der Anklage vieles sind – aber keine Beweise. Regelrecht erschütternd ist seine Darstellung des V-Mann-Beziehungsgeflechts rund um die mutmaßlichen Terroristen. Es zeigt, daß der Verfassungsschutz mindestens wußte, wer sich wo aufhält und mit wem wer wann korrespondierte. Mindestens: Denn das mysteriöse Ableben gleich mehrerer wichtiger Zeugen in dieser als »Jahrhundertprozeß« bezeichneten Farce legt nahe, daß hier mehr als bloßes Wissen im Spiel war.

Die finale Frage, die sich zwischen all den toten Zeugen und mysteriösen Geheimdienst-aktivitäten aufdrängt, lautet: Gab es den NSU überhaupt?

Das NSU Phantom. Staatliche Verstrickungen in eine Mordserie von Kai Voss kann man hier bestellen. 


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