Sebastian Werr: Heroische Weltsicht. Hitler und die Musik

Eine Rezension von Viktor Müller

 Gastbeitrag

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Sebas­ti­an Werr: Heroi­sche Welt­sicht. Hit­ler und die Musik, Köln u.a.: Böhlau 2014. 300 S., 29.90 €

Läßt sich eine Mono­gra­phie über Napo­le­on oder Bis­marck vor­stel­len, die sich den musi­ka­li­schen Vor­lie­ben des Dar­ge­stell­ten wid­met und aus den dar­aus gezo­ge­nen Schlüs­sen Aus­wir­kun­gen auf sei­ne Poli­tik ablei­tet? Wäre dies bei Fried­rich dem Gro­ßen denk­bar, der immer­hin selbst Kom­po­nist war? Um über­haupt ein sol­ches Unter­neh­men zu recht­fer­ti­gen, muß zunächst der dar­ge­stell­te Poli­ti­ker musik­in­ter­es­siert gewe­sen sein – und er muß in einer Zeit gelebt haben, in der man Musik zur Unter­stüt­zung poli­ti­scher Zie­le nut­zen konnte.

Hit­lers Vor­lie­be für die Ope­ret­ten Franz Lehárs ist bekannt, sei­ne Wag­ner-Ver­eh­rung bereits ein Gemein­platz. Schon zeit­ge­nös­si­sche Be-obach­ter führ­ten sei­nen Erfolg auf sein aus­ge­spro­che­nes Talent zur Selbst­in­sze­nie­rung zurück, auf sei­ne Fähig­keit, künst­le­ri­sche und tech­ni­sche Mit­tel aller Art, effek­tiv auf­ein­an­der abge­stimmt, zur Ver­herr­li­chung der eige­nen Per­son ein­zu­set­zen. Die Rol­le der Musik in die­sem dem­ago­gi­schen Gesamt­kunst­werk ist in meh­re­ren Büchern aus­führ­lich unter­sucht wor­den. Der Münch­ner Musik­wis­sen­schaft­ler Sebas­ti­an Werr berei­chert die­se Lite­ra­tur nun durch ein Werk, in dem er die musi­ka­li­sche Prä­gung des Pri­vat­man­nes Adolf Hit­ler als eine Grund­la­ge der »heroi­schen Welt­sicht« des Dik­ta­tors beschreibt.

Quel­len­ge­sät­tigt brei­tet Werr in der ers­ten Hälf­te des Buches eine Bio­gra­phie des jun­gen Hit­lers aus, vom ers­ten Thea­ter­be­such bis zum Auf­tre­ten als anti­se­mi­ti­scher Agi­ta­tor. Gro­ßen Raum wid­met er der Schil­de­rung des wag­ner­freund­li­chen Linz der Jahr­hun­dert­wen­de, in des­sen »ver­hält­nis­mä­ßig nicht schlech­tem« (Hit­ler) Stadt­thea­ter dem spä­te­ren Juden­ver­fol­ger von über­wie­gend jüdi­schen Sän­gern sei­ne ers­ten Opern­er­leb­nis­se beschert wur­den. Der Leser erhält aus­führ­li­che und über­sicht­lich geord­ne­te Infor­ma­tio­nen zum Thea­ter­we­sen der ober­ös­ter­rei­chi­schen Pro­vinz­haupt­stadt eben­so wie sol­che zur all­ge­mei­nen geis­ti­gen Situa­ti­on des Umfelds, in dem Hit­ler auf­wuchs; etwa zum Ein­fluß all­deut­scher Anti­se­mi­ten auf das Kul­tur­le­ben der Stadt. Spä­ter beglei­tet er Hit­ler bei sei­nen Ver­su­chen als Kunst­ma­ler und Archi­tekt, sei­ner all­mäh­li­chen Ent­wick­lung zum Anti­se­mi­ten – und immer wie­der in die Opern­häu­ser Wiens und Mün­chens, die die­ser auch bei Geld­knapp­heit regel­mä­ßig besuchte.

Anhand der Aus­füh­run­gen Werrs wird klar, daß Hit­lers Gedan­ken zur Musik vor­ran­gig um das Musik­thea­ter kreis­ten, da er Musik nahe­zu aus­schließ­lich in einem thea­tra­li­schen Zusam­men­hang wahr­nahm. So ver­wun­dert auch nicht die laut über­lie­fer­ten Äuße­run­gen star­ke Anteil­nah­me an Fra­gen der Insze­nie­rung, die ihm min­des­tens eben­so wich­tig waren wie die Musik selbst. Den Aus­wir­kun­gen von Hit­lers Lei­den­schaft für die Opern­büh­ne auf sei­ne poli­ti­sche Selbst­dar­stel­lung wird in der zwei­ten Hälf­te des Ban­des nach­ge­gan­gen, die auf­grund des Weg­falls der chro­no­lo­gi­schen Bio­gra­phie weni­ger strin­gent wirkt als die ers­te, aber zahl­rei­che inter­es­san­te Ein­zel­hei­ten ent­hält, etwa Hit­lers Unter­richt bei dem Schau­spie­ler Stie­ber-Wal­ter und sei­ne Pro­ble­me, die Par­tei­ge­nos­sen für Wag­ner zu begeistern.

Dage­gen bleibt die Dar­stel­lung der Ansich­ten des Dik­ta­tors zum Musik­schaf­fen im NS-Staat hin­ter dem Erwart­ba­ren zurück. Hier macht es sich Werr mit dem Satz, Hit­ler sei an jün­ge­rer zeit­ge­nös­si­scher Musik weit­ge­hend des­in­ter­es­siert gewe­sen, zu ein­fach. Der Autor scheint selbst dar­über ver­wun­dert, daß Hit­ler sich für die sei­tens der Rosen­berg-Anhän­ger ange­fein­de­te Oper Peer Gynt von Wer­ner Egk begeis­tern konn­te. Dabei hat­te Hit­ler wohl schlicht die Bot­schaft des Wer­kes ver­stan­den, in dem Trol­le – laut Regie­an­wei­sung »erschre­cken­de Ver­kör­pe­run­gen mensch­li­cher Min­der­wer­tig­keit« – zu Jazz­klän­gen auf der Büh­ne agie­ren. Auch hät­te man gern erfah­ren, ob und wie er sich zur Musik der auf der »Gott­be­gna­de­ten­lis­te« auf­ge­zähl­ten Kom­po­nis­ten äußer­te, die fast alle jün­ger waren als er.

Ein­wän­de lie­ßen sich wei­ter­hin gegen eini­ge lang­ge­ra­te­ne Exkur­se vor­brin­gen, die wenig mehr als eine Zusam­men­fas­sung bekann­ter Fak­ten bie­ten und sich teils vom The­ma des Buches ent­fer­nen. Die­se mögen aber nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß Werr mit Heroi­sche Welt­sicht eine auf­grund ihrer Infor­ma­ti­ons­dich­te durch­aus zu emp­feh­len­de Dar­stel­lung des Ver­hält­nis­ses Hit­lers zur Ton­kunst gelun­gen ist. Wer sich für die­ses Gebiet inter­es­siert, wird in dem Buch ein gutes Kom­pen­di­um finden.

Heroi­sche Welt­sicht. Hit­ler und die Musik von Sebas­ti­an Werr kann man hier bestel­len.

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