1. August 2014

Sebastian Werr: Heroische Weltsicht. Hitler und die Musik

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Eine Rezension von Viktor Müller

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Sebastian Werr: Heroische Weltsicht. Hitler und die Musik, Köln u.a.: Böhlau 2014. 300 S., 29.90 €

Läßt sich eine Monographie über Napoleon oder Bismarck vorstellen, die sich den musikalischen Vorlieben des Dargestellten widmet und aus den daraus gezogenen Schlüssen Auswirkungen auf seine Politik ableitet? Wäre dies bei Friedrich dem Großen denkbar, der immerhin selbst Komponist war? Um überhaupt ein solches Unternehmen zu rechtfertigen, muß zunächst der dargestellte Politiker musikinteressiert gewesen sein – und er muß in einer Zeit gelebt haben, in der man Musik zur Unterstützung politischer Ziele nutzen konnte.

Hitlers Vorliebe für die Operetten Franz Lehárs ist bekannt, seine Wagner-Verehrung bereits ein Gemeinplatz. Schon zeitgenössische Be-obachter führten seinen Erfolg auf sein ausgesprochenes Talent zur Selbstinszenierung zurück, auf seine Fähigkeit, künstlerische und technische Mittel aller Art, effektiv aufeinander abgestimmt, zur Verherrlichung der eigenen Person einzusetzen. Die Rolle der Musik in diesem demagogischen Gesamtkunstwerk ist in mehreren Büchern ausführlich untersucht worden. Der Münchner Musikwissenschaftler Sebastian Werr bereichert diese Literatur nun durch ein Werk, in dem er die musikalische Prägung des Privatmannes Adolf Hitler als eine Grundlage der »heroischen Weltsicht« des Diktators beschreibt.

Quellengesättigt breitet Werr in der ersten Hälfte des Buches eine Biographie des jungen Hitlers aus, vom ersten Theaterbesuch bis zum Auftreten als antisemitischer Agitator. Großen Raum widmet er der Schilderung des wagnerfreundlichen Linz der Jahrhundertwende, in dessen »verhältnismäßig nicht schlechtem« (Hitler) Stadttheater dem späteren Judenverfolger von überwiegend jüdischen Sängern seine ersten Opernerlebnisse beschert wurden. Der Leser erhält ausführliche und übersichtlich geordnete Informationen zum Theaterwesen der oberösterreichischen Provinzhauptstadt ebenso wie solche zur allgemeinen geistigen Situation des Umfelds, in dem Hitler aufwuchs; etwa zum Einfluß alldeutscher Antisemiten auf das Kulturleben der Stadt. Später begleitet er Hitler bei seinen Versuchen als Kunstmaler und Architekt, seiner allmählichen Entwicklung zum Antisemiten – und immer wieder in die Opernhäuser Wiens und Münchens, die dieser auch bei Geldknappheit regelmäßig besuchte.

Anhand der Ausführungen Werrs wird klar, daß Hitlers Gedanken zur Musik vorrangig um das Musiktheater kreisten, da er Musik nahezu ausschließlich in einem theatralischen Zusammenhang wahrnahm. So verwundert auch nicht die laut überlieferten Äußerungen starke Anteilnahme an Fragen der Inszenierung, die ihm mindestens ebenso wichtig waren wie die Musik selbst. Den Auswirkungen von Hitlers Leidenschaft für die Opernbühne auf seine politische Selbstdarstellung wird in der zweiten Hälfte des Bandes nachgegangen, die aufgrund des Wegfalls der chronologischen Biographie weniger stringent wirkt als die erste, aber zahlreiche interessante Einzelheiten enthält, etwa Hitlers Unterricht bei dem Schauspieler Stieber-Walter und seine Probleme, die Parteigenossen für Wagner zu begeistern.

Dagegen bleibt die Darstellung der Ansichten des Diktators zum Musikschaffen im NS-Staat hinter dem Erwartbaren zurück. Hier macht es sich Werr mit dem Satz, Hitler sei an jüngerer zeitgenössischer Musik weitgehend desinteressiert gewesen, zu einfach. Der Autor scheint selbst darüber verwundert, daß Hitler sich für die seitens der Rosenberg-Anhänger angefeindete Oper Peer Gynt von Werner Egk begeistern konnte. Dabei hatte Hitler wohl schlicht die Botschaft des Werkes verstanden, in dem Trolle – laut Regieanweisung »erschreckende Verkörperungen menschlicher Minderwertigkeit« – zu Jazzklängen auf der Bühne agieren. Auch hätte man gern erfahren, ob und wie er sich zur Musik der auf der »Gottbegnadetenliste« aufgezählten Komponisten äußerte, die fast alle jünger waren als er.

Einwände ließen sich weiterhin gegen einige langgeratene Exkurse vorbringen, die wenig mehr als eine Zusammenfassung bekannter Fakten bieten und sich teils vom Thema des Buches entfernen. Diese mögen aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß Werr mit Heroische Weltsicht eine aufgrund ihrer Informationsdichte durchaus zu empfehlende Darstellung des Verhältnisses Hitlers zur Tonkunst gelungen ist. Wer sich für dieses Gebiet interessiert, wird in dem Buch ein gutes Kompendium finden.

Heroische Weltsicht. Hitler und die Musik von Sebastian Werr kann man hier bestellen.


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