Stefan Dornuf: Der Kampf ums Dabeisein. Gregor von Rezzori und die deutsche Nachkriegssoziologie

von Siegfried Gerlich --- Stefan Dornuf: Der Kampf ums Dabeisein. Gregor von Rezzori und die deutsche Nachkriegssoziologie, Wien: Karolinger 2014. 72 S., 12.90 €

 Gastbeitrag

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Schon der viel­ver­spre­chen­de Titel läßt ver­mu­ten, daß es Ste­fan Dor­nuf in sei­nem bei Karo­lin­ger erschie­ne­nen neu­en Buch auf eine intel­lek­tu­el­le Ehren­ret­tung eines heu­te nahe­zu ver­ges­se­nen Schrift­stel­lers abge­se­hen hat, dem es zu Leb­zei­ten frei­lich nicht an Popu­la­ri­tät mangelte.

Unter den ton­an­ge­ben­den Intel­lek­tu­el­len der jun­gen Bun­des­re­pu­blik aller­dings genoß der 1914 in der Buko­wi­na gebo­re­ne und 1938 nach Ber­lin über­ge­sie­del­te Gre­gor von Rezzori einen eher zwei­fel­haf­ten Ruf: Der »Grup­pe 47« ver­bürg­te das lite­ra­ri­sche Empor­kom­men des vor­ma­li­gen »Mit­läu­fers« die unheil­vol­le Kon­ti­nui­tät zwi­schen Hit­ler-Deutsch­land und Ade­nau­er-Repu­blik; kon­ser­va­ti­ven Kul­tur­trä­gern wie­der­um galt der umtrie­bi­ge und viel­sei­ti­ge Künst­ler, der sich zunächst als Autor von Unter­hal­tungs­ro­ma­nen und Dreh­bü­chern pro­fi­lier­te und zudem als Film­schau­spie­ler char­gier­te, voll­ends als »Schla­wi­ner« und»Salonlöwe«, seit er auch noch mit Repor­ta­gen über die Rei­chen und die Schö­nen für die »Yel­low Press« und den Play­boy von sich reden machte.
Unser Autor dage­gen por­trä­tiert Rezzori als non­kon­for­mis­ti­schen Geist einer unter­ge­gan­ge­nen Epo­che, der gera­de als ver­spä­te­ter Donau­mon­ar­chist zum unzeit­ge­mä­ßen Betrach­ter deut­scher Nach­kriegs­zu­stän­de prä­de­sti­niert war. Schon als Bericht­erstat­ter der Nürn­ber­ger Pro­zes­se hat­te Rezzori ’45 nicht als Jahr der Befrei­ung, son­dern als blo­ßen Etap­pen­sieg der Macht­er­grei­fung eines res­sen­ti­ment­ge­la­de­nen Klein­bür­ger­tums gewür­digt, wel­ches sich zuneh­mend als »Gene­ral­päch­ter des Guten« aufspielte.

Und spä­ter avan­cier­te er zum hin­ter­grün­di­gen Stich­wort­ge­ber der bei­den ein­fluß­reichs­ten deut­schen Sozio­lo­gen­schu­len: der »Phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie« und – in gerin­ge­rem Maße – der »Kri­ti­schen Theo­rie«. Was deren Wort­füh­rer, Arnold Geh­len und Theo­dor W. Ador­no, trotz ihrer kon­trä­ren poli­ti­schen Grund­über­zeu­gun­gen und Lebens­schick­sa­le, unter­ein­an­der ver­band und zu einer spä­ten Freund­schaft führ­te, war nicht nur die gemein­sa­me Front­stel­lung gegen die libe­ra­le, fran­ko­phi­le Sozio­lo­gie eines René König; es war vor allem ihre groß­bür­ger­li­che Her­kunft, die sie zu eli­tä­ren Außen­sei­tern in dem klein­bür­ger­li­chen Uni­ver­si­täts­mi­lieu der Nach­kriegs­zeit mach­te und ihnen einen sozio­lo­gisch geschärf­ten Blick ver­lieh – auch für ihren eige­nen Anachronismus.

Daß die bei­den habi­tu­el­len Geis­tesa­ris­to­kra­ten sich als die letz­ten Reprä­sen­tan­ten einer gro­ßen phi­lo­so­phi­schen Tra­di­ti­on emp­fan­den, die kei­ne gleich­ran­gi­ge Fort­set­zung mehr fin­den wür­de, muß­te sie gera­de für die Zeit­dia­gno­sen Rezzoris hell­hö­rig machen, wie­wohl sie es ver­schmäh­ten, den Namen des all­zu popu­lä­ren Par­ve­nüs in ihren Schrif­ten zu erwäh­nen. Jeden­falls hat Rezzori mit sei­nem »iro­ni­schen Kon­ser­va­tis­mus« und »aus­tra­zi­schen Nihi­lis­mus« eine Kri­tik am »Huma­ni­ta­ris­mus« und »Eudä­mo­nis­mus« der anbre­chen­den Kon­sum­ge­sell­schaft feuil­le­to­nis­tisch vor­for­mu­liert, wie sie wenig spä­ter von Geh­len und Schelsky theo­re­tisch aus­ge­ar­bei­tet wer­den sollte.
Mag Dor­nuf die inspi­rie­ren­de Rol­le Rezzoris ins­ge­samt auch über­be­wer­ten – ihm selbst jeden­falls hat sein Held alle­mal Inspi­ra­ti­on genug gebo­ten, um die­se poin­tier­te und andek­do­ten­rei­che Kurz­ein­füh­rung in die deut­sche Nach­kriegs­so­zio­lo­gie zu ver­fas­sen. Wie stets gelingt es dem bril­lan­ten Essay­is­ten Dor­nuf auch in die­sem Buch, gewich­ti­ge The­men mit sprach­li­cher Leich­tig­keit zu prä­sen­tie­ren, und so haben die­se »Mini­ma Sozio­lo­gi­ca« nur einen Feh­ler: sie sind ent­schie­den zu kurz.

Der Kampf ums Dabei­sein. Gre­gor von Rezzori und die deut­sche Nach­kriegs­so­zio­lo­gie von Ste­fan Dor­nuf kann man hier bestel­len.

 

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