Sezession
1. August 2014

Frank Lisson: Hellas als unerreichbare Gegenmoderne

Gastbeitrag

Eine Rezension von Harald Seubert

Frank Lisson: Hellas als unerreichbare Gegenmoderne. Die Entstehung des tragischen Bewußtseins aus der Griechensehnsucht in der deutschen Altertumswissenschaft zwischen 1800 und 1875, Hamburg: Verlag Dr. Kovacˇ 2013. 364 S., 98.80 €

Frank Lissons Dissertation hat sich ein großes Thema vorgenommen, das für Ideengeschichte und Identität Deutschlands zentral ist wie kaum ein zweites: die Orientierung an der – vor allem griechischen – Antike. In einer instruktiven Einleitung zeigt er, wie das Land der Sehnsucht zum Ideal und kritischen Instrument wurde, um die entfremdenden Tendenzen der Moderne zu kritisieren. Damit war aber immer ein tiefer Skeptizismus verbunden, die Frage, ob »die Modernen« die antike Welt überhaupt verstehen würden. Ein hilfreicher Überblick zeigt die Ausgangspositionen im 18. Jahrhundert: Es ergibt sich ein weites Spektrum zwischen Johann Gottfried Herder und Friedrich Ast. Besonders hilfreich ist die Durchsicht durch deutschsprachige Darstellungen der griechischen Geschichte und ihre Rezeption.

Das Verhältnis von Antike und Moderne wird dann, allzu sehr an den gängigen Schemata der Diskursanalyse orientiert, bei Wilhelm von Humboldt und Friedrich Schlegel aufgesucht. Humboldt zeigt eine gewisse Ambivalenz: Bei aller Bewunderung gesteht er zu, daß die griechische Kultur auf einen sehr kleinen Themen- und Problemkreis begrenzt sei. Das Studium der Modernen sei faszinierender. Schlegel hingegen nutzt die Antike-Sehnsucht zu einer beißenden Modernekritik. Hier fehlt bei Lisson die Frage, wie sich die Annäherung an die altindischen Zeugnisse zu der Griechensehnsucht verhält.

Intensive Studien zu August Boeckhs Formel vom »Erkennen des Erkannten« und dem Verständnis der Altertumswissenschaften als »lebendige Anschauung« seit F. A. Wolf und Winckelmann schließen sich an. Sie waren auch für Nietzsches Griechenlandbild eine unumgängliche Voraussetzung. Es sollte beim »Studium der Alten« keineswegs nur um Philologie, sondern um die Gewinnung eines humanen Maßstabs gehen. Dies steht im Kontext eines Bewußtseins für den Wertezerfall und die Verhäßlichung in der Moderne. Einen besonderen Fokus legt Lisson auf die Aneignung des Tragischen.

Obwohl neben Nietzsches Geburt der Tragödie auch Hegels Antigone-Deutung zu Wort kommt, hätte man sich hier vertiefende Überlegungen zu Hölderlin und dem Verhältnis von Eigenem und »nächstem Fremden« (U. Hölscher) gewünscht. So facettenreich auch die abschließenden Überlegungen zum Verhältnis von »Kultur« und »Zivilisation« und zum Unbehagen an der Demokratie sind – das ausgehend von Grotes Studien zur attischen Demokratie debattiert wurde –, -Lisson bleibt die Antwort auf manche Fragen schuldig. Ist das Gegenmodell Hellas abgelebt oder kann sich an ihm eine »andere Moderne« (M. Stahl) entzünden? Dies erforderte weiter gehende Blicke ins 20. Jahrhundert, auf Heidegger und den Georgekreis. Lisson hat eine kluge, perspektivenreiche Studie auf der Höhe der gegenwärtigen Forschung vorgelegt, die das Thema aber keineswegs ausschöpft.

Hellas als unerreichbare Gegenmoderne von Frank Lisson kann man hier bestellen.

 


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