1. Juni 2014

Amy Chua/Jed Rubenfeld: Alle Menschen sind gleich

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Amy Chua/Jed Rubenfeld: Alle Menschen sind gleich. Erfolgreiche nicht. Die verblüffenden kulturellen Ursachen von Erfolg. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff, Frankfurt a.M.: Campus 2014. 318 S., 19.99 €

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Ja: Das ist ein »verblüffend« reißerischer Titel. Ja: Auch die güldene Halbbanderole trägt nicht dazu bei, klugen Lesern die Lektüre schmackhaft zu machen. Ja: Amy Chua, das ist jene »Tigermutter«, die 2011 in ihrem Bestseller (Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte) erzählte, wie sie ihre Kinder als »Abfall« beschimpfte und drohte, deren Stofftiere zu verbrennen, falls die Geigenetüde nicht erstklassig vorgetragen würde.

Und dieses neue Buch Chuas, verfaßt mit ihrem Ehemann Jed Rubenfeld – Sohn jüdischer Eltern –, soll lesenswert sein? Ja, und wie! Liest man die Danksagungen, die vor den tausend Fußnoten abgedruckt sind, staunt man über den gigantischen Mitarbeiterstab, der zu diesem Buch beigetragen hat – ein Mammutunternehmen.

Nicht die Gründe für den Erfolg von Individuen, sondern für den von ethnischen und religiösen Gruppen haben Chua/Rubenfeld ins Visier genommen. Ihr Forschungsfeld sind die Vereinigten Staaten, und mit »Erfolg« meinen sie nicht persönlich-ganzheitliches Wohlergehen, sondern wirtschaftlich meßbare Ergebnisse. Unter die aufstiegsorientierten, erfolgreichen Gruppen fassen sie die Juden, die Mormonen und die Ostasiaten (vornehmlich die Chinesen). Bei den Hispanoamerikanern sind es die Kubaner, bei den afrikanischen Einwanderern die Nigerianer und unter den Arabern die Libanesen, die heute in den USA ökonomisch punkten.

Der »protestantische Geist«, den Max Weber vor hundertzehn Jahren als Triebfeder des Wachstums ausgemacht hatte, dient weniger denn je als Pumpe und Motor. Nicht mehr die WASP, sondern – gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil – Angehörige randständiger Gruppen dominieren die Chefsessel, Börsenplätze, Universitäten und Musikhochschulen.

Wie kommt es, daß fünf der zehn reichsten Hispanics Kubaner sind, die nur vier Prozent der hispanischen Bevölkerung ausmachen? Warum sind zwei Drittel der schwarzen Harvard-Studenten Nigerianer? Warum sind 139 der vierhundert reichsten US-Amerikaner Juden, obwohl nur 1,7 Prozent der Bevölkerung jüdisch sind? Warum kassieren Juden (0,2 Prozent der Weltbevölkerung) ein Fünftel der Nobelpreise? Warum haben Iraner mit fünffach höherer Wahrscheinlichkeit einen Doktortitel als der Rest der US-Bevölkerung? Nachvollziehbar und datenbasiert nennen Chua/Rubenfeld einen »Dreierpack« an Faktoren, eine Konstellation, die dem Aufstiegserfolg stets zugrundeliege: Erstens ein »Überlegenheitskomplex« (das Bewußtsein, zu einer in irgendeiner Weise auserwählten Gruppe zu gehören), zweitens ein bedrängendes Unsicherheitsgefühl (man »gehört nicht dazu«, man »will es ihnen zeigen«), drittens Impulskontrolle (Triebbefriedigungsbeherrschung).

Sämtliche drei Faktoren laufen den liberalen Prinzipien des modernen Nordamerika zuwider. Das bedeutet für die aufstrebenden Gruppen zugleich eine Chance wie eine Gefahr. Die US-Ideologie predigt Gleichheit. Das geht gegen den Überlegenheitskomplex. Sie fordert seit Beginn der Self-Esteem-Mode (1969) die Akzeptanz der devianten Persönlichkeit (»Sei du selbst!«): eine Devise, die gegen das Unsicherheitsgefühl gerichtet ist. Und sie hat nicht zuletzt eine Jugendkultur zur Erwachsenenkultur erhoben, deren Maximen lauten: »Entspann dich! Lebe im Hier und Jetzt!«. Impulskontrolle ist unzeitgemäß.

Chua/Rubenfeld schildern – anhand von Zahlen und einzelnen Lebenswegen –, inwiefern die erfolgreichen Gruppen jenen all-american-Mantras entgangen sind. Sie weisen nach, daß der Gruppenerfolg eine regelmäßige Verlaufskurve vollzieht: Die je dritte Generation der Emporstrebenden knickt für gewöhnlich ein und findet sich im Durchschnitt wieder. Es gibt zwei nahezu unhintergehbare Faktoren, die das produktive Spannungsverhältnis des »Dreierpacks« unterlaufen.

An beidem trägt der amerikanische Schmelztiegel Schuld, der einen Verlust der kulturellen Erbes bedeutet: Erstens ist es die Assimilation (die Hingabe an den american way of life mit seiner seit zweihundert Jahren inhärenten Bequemlichkeit), zweitens die Verweichlichung, die durch Abschleifen des Unsicherheitsgefühls notwendige Folge ist. Erfolg, sagen die Autoren, mache weich und sicher, nehme die Spannung. Wo die Erfahrung von Geringschätzung und Mißtrauen fehlt, lasse eine Triebfeder nach. Zudem, als drittes, ist der Überlegenheitskomplex schwer beizubehalten. Sämtliche Assimilationskräfte der homogenisierenden, auf »Equality« bedachten US-Kultur bekämpfen ihn. »Amerikaner verabscheuen Überlegenheitskomplexe, außer ihrem eigenen.«

Die Autoren, vertraut im Umgang mit »achtsamer« PC-Sprache, weisen dezidiert darauf hin, daß finanzielles Wohlergehen und Renommee nicht gleichbedeutend sind mit Glück, und daß Strebsamkeit eine pathologische Kehrseite haben kann. Das Streben nach »konventionellem«, nach externen Maßstäben bewertetem Erfolg rechtfertigen sie damit, daß es darauf ankomme, nach dem Erklettern der obersten Stufe die Leiter wegzuwerfen, um ein unkonventionelles Drehbuch zu schreiben.

Man läse ein augenöffnendes Buch wie dieses gern mit deutscher Perspektive.

Alle Menschen sind gleich von Amy Chua und Jed Rubenfeld kann man hier bestellen.


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