Amy Chua/Jed Rubenfeld: Alle Menschen sind gleich

Amy Chua/Jed Rubenfeld: Alle Menschen sind gleich. Erfolgreiche nicht. Die verblüffenden kulturellen Ursachen von Erfolg. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff, Frankfurt a.M.: Campus 2014. 318 S., 19.99 €

 Gastbeitrag

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Ja: Das ist ein »ver­blüf­fend« rei­ße­ri­scher Titel. Ja: Auch die gül­de­ne Halb­ban­de­ro­le trägt nicht dazu bei, klu­gen Lesern die Lek­tü­re schmack­haft zu machen. Ja: Amy Chua, das ist jene »Tiger­mut­ter«, die 2011 in ihrem Best­sel­ler (Wie ich mei­nen Kin­dern das Sie­gen bei­brach­te) erzähl­te, wie sie ihre Kin­der als »Abfall« beschimpf­te und droh­te, deren Stoff­tie­re zu ver­bren­nen, falls die Gei­ge­ne­tü­de nicht erst­klas­sig vor­ge­tra­gen würde.

Und die­ses neue Buch Chuas, ver­faßt mit ihrem Ehe­mann Jed Ruben­feld – Sohn jüdi­scher Eltern –, soll lesens­wert sein? Ja, und wie! Liest man die Dank­sa­gun­gen, die vor den tau­send Fuß­no­ten abge­druckt sind, staunt man über den gigan­ti­schen Mit­ar­bei­ter­stab, der zu die­sem Buch bei­getra­gen hat – ein Mammutunternehmen.

Nicht die Grün­de für den Erfolg von Indi­vi­du­en, son­dern für den von eth­ni­schen und reli­giö­sen Grup­pen haben Chua/Rubenfeld ins Visier genom­men. Ihr For­schungs­feld sind die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, und mit »Erfolg« mei­nen sie nicht per­sön­lich-ganz­heit­li­ches Wohl­erge­hen, son­dern wirt­schaft­lich meß­ba­re Ergeb­nis­se. Unter die auf­stiegs­ori­en­tier­ten, erfolg­rei­chen Grup­pen fas­sen sie die Juden, die Mor­mo­nen und die Ost­asia­ten (vor­nehm­lich die Chi­ne­sen). Bei den His­pano­ame­ri­ka­nern sind es die Kuba­ner, bei den afri­ka­ni­schen Ein­wan­de­rern die Nige­ria­ner und unter den Ara­bern die Liba­ne­sen, die heu­te in den USA öko­no­misch punkten.

Der »pro­tes­tan­ti­sche Geist«, den Max Weber vor hun­dert­zehn Jah­ren als Trieb­fe­der des Wachs­tums aus­ge­macht hat­te, dient weni­ger denn je als Pum­pe und Motor. Nicht mehr die WASP, son­dern – gemes­sen an ihrem Bevöl­ke­rungs­an­teil – Ange­hö­ri­ge rand­stän­di­ger Grup­pen domi­nie­ren die Chef­ses­sel, Bör­sen­plät­ze, Uni­ver­si­tä­ten und Musikhochschulen.

Wie kommt es, daß fünf der zehn reichs­ten His­pa­nics Kuba­ner sind, die nur vier Pro­zent der his­pa­ni­schen Bevöl­ke­rung aus­ma­chen? War­um sind zwei Drit­tel der schwar­zen Har­vard-Stu­den­ten Nige­ria­ner? War­um sind 139 der vier­hun­dert reichs­ten US-Ame­ri­ka­ner Juden, obwohl nur 1,7 Pro­zent der Bevöl­ke­rung jüdisch sind? War­um kas­sie­ren Juden (0,2 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung) ein Fünf­tel der Nobel­prei­se? War­um haben Ira­ner mit fünf­fach höhe­rer Wahr­schein­lich­keit einen Dok­tor­ti­tel als der Rest der US-Bevöl­ke­rung? Nach­voll­zieh­bar und daten­ba­siert nen­nen Chua/Rubenfeld einen »Drei­er­pack« an Fak­to­ren, eine Kon­stel­la­ti­on, die dem Auf­stiegs­er­folg stets zugrun­de­lie­ge: Ers­tens ein »Über­le­gen­heits­kom­plex« (das Bewußt­sein, zu einer in irgend­ei­ner Wei­se aus­er­wähl­ten Grup­pe zu gehö­ren), zwei­tens ein bedrän­gen­des Unsi­cher­heits­ge­fühl (man »gehört nicht dazu«, man »will es ihnen zei­gen«), drit­tens Impuls­kon­trol­le (Trieb­be­frie­di­gungs­be­herr­schung).

Sämt­li­che drei Fak­to­ren lau­fen den libe­ra­len Prin­zi­pi­en des moder­nen Nord­ame­ri­ka zuwi­der. Das bedeu­tet für die auf­stre­ben­den Grup­pen zugleich eine Chan­ce wie eine Gefahr. Die US-Ideo­lo­gie pre­digt Gleich­heit. Das geht gegen den Über­le­gen­heits­kom­plex. Sie for­dert seit Beginn der Self-Este­em-Mode (1969) die Akzep­tanz der devi­an­ten Per­sön­lich­keit (»Sei du selbst!«): eine Devi­se, die gegen das Unsi­cher­heits­ge­fühl gerich­tet ist. Und sie hat nicht zuletzt eine Jugend­kul­tur zur Erwach­se­nen­kul­tur erho­ben, deren Maxi­men lau­ten: »Ent­spann dich! Lebe im Hier und Jetzt!«. Impuls­kon­trol­le ist unzeitgemäß.

Chua/Rubenfeld schil­dern – anhand von Zah­len und ein­zel­nen Lebens­we­gen –, inwie­fern die erfolg­rei­chen Grup­pen jenen all-ame­ri­can-Man­tras ent­gan­gen sind. Sie wei­sen nach, daß der Grup­pen­er­folg eine regel­mä­ßi­ge Ver­laufs­kur­ve voll­zieht: Die je drit­te Genera­ti­on der Empor­stre­ben­den knickt für gewöhn­lich ein und fin­det sich im Durch­schnitt wie­der. Es gibt zwei nahe­zu unhin­ter­geh­ba­re Fak­to­ren, die das pro­duk­ti­ve Span­nungs­ver­hält­nis des »Drei­er­packs« unterlaufen.

An bei­dem trägt der ame­ri­ka­ni­sche Schmelz­tie­gel Schuld, der einen Ver­lust der kul­tu­rel­len Erbes bedeu­tet: Ers­tens ist es die Assi­mi­la­ti­on (die Hin­ga­be an den ame­ri­can way of life mit sei­ner seit zwei­hun­dert Jah­ren inhä­ren­ten Bequem­lich­keit), zwei­tens die Ver­weich­li­chung, die durch Abschlei­fen des Unsi­cher­heits­ge­fühls not­wen­di­ge Fol­ge ist. Erfolg, sagen die Autoren, mache weich und sicher, neh­me die Span­nung. Wo die Erfah­rung von Gering­schät­zung und Miß­trau­en fehlt, las­se eine Trieb­fe­der nach. Zudem, als drit­tes, ist der Über­le­gen­heits­kom­plex schwer bei­zu­be­hal­ten. Sämt­li­che Assi­mi­la­ti­ons­kräf­te der homo­ge­ni­sie­ren­den, auf »Equa­li­ty« bedach­ten US-Kul­tur bekämp­fen ihn. »Ame­ri­ka­ner ver­ab­scheu­en Über­le­gen­heits­kom­ple­xe, außer ihrem eigenen.«

Die Autoren, ver­traut im Umgang mit »acht­sa­mer« PC-Spra­che, wei­sen dezi­diert dar­auf hin, daß finan­zi­el­les Wohl­erge­hen und Renom­mee nicht gleich­be­deu­tend sind mit Glück, und daß Streb­sam­keit eine patho­lo­gi­sche Kehr­sei­te haben kann. Das Stre­ben nach »kon­ven­tio­nel­lem«, nach exter­nen Maß­stä­ben bewer­te­tem Erfolg recht­fer­ti­gen sie damit, daß es dar­auf ankom­me, nach dem Erklet­tern der obers­ten Stu­fe die Lei­ter weg­zu­wer­fen, um ein unkon­ven­tio­nel­les Dreh­buch zu schreiben.

Man läse ein augen­öff­nen­des Buch wie die­ses gern mit deut­scher Perspektive.

Alle Men­schen sind gleich von Amy Chua und Jed Ruben­feld kann man hier bestel­len.

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