Sezession
1. Juni 2014

Rüdiger Schmidt-Grépály (Hrsg.): Zur Rückkehr des Autors. Gespräche über das Werk Friedrich Nietzsches

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Eine Rezension von Frank Lisson

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Rüdiger Schmidt-Grépály (Hrsg.): Zur Rückkehr des Autors. Gespräche über das Werk Friedrich Nietzsches, Göttingen: Steidl 2013.125 S., 16 €

Haben wir eine neue Nietzsche-Ausgabe nötig, weil die derzeit gültige, die einst von Colli und Montinari herausgegebene Edition uns einen »bearbeiteten« und damit »verfälschten« Nietzsche zeigt? Der Leiter des Nietzsche-Kollegs in Weimar, Rüdiger Schmidt-Grépály, befragt dazu die drei Nietzsche-Kenner Peter Sloterdijk, Renate Reschke und Bazon Brock.

Sie alle begrüßen die von Schmidt-Grépály geplante Neuherausgabe, in der lediglich die von Nietzsche selber autorisierten Werke erscheinen sollen: eine Ausgabe »letzter Hand«, die also nur jene Werke enthält, die beim geistigen Zusammenbruch Nietzsches 1889 vorlagen; ohne jeden editorischen Eingriff und Zusatz aus dem Nachlaß. – Ob uns dadurch jedoch ein wesentlich anderer Nietzsche begegnen wird, darf bezweifelt werden, denn natürlich enthielten alle bisherigen Ausgaben auch jene von Nietzsche selber herausgegebenen, mithin authentischen Schriften.

Dennoch ist das Projekt reizvoll, zumal es auch auf Nietzsches ästhetische Vorstellungen bei der Buchgestaltung eingehen will. In den Gesprächen wird u.a. die Frage erörtert, was eigentlich einen Autor kennzeichne und wie man ihm gerecht werden könne. Es gibt freilich die verschiedensten Zugänge zu Nietzsche und eben darin wird deutlich, wie schwierig der Umgang mit diesem Autor besonders unter den stark veränderten Zeitläuften im 21. Jahrhundert ist. Und so gesteht Sloterdijk freimütig, daß Nietzsche nichts fremder sein könne »als die diskurstheoretische Version des Historismus, die heute an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten weltweit von gelehrten letzten Menschen betrieben wird«. Aber gerade deshalb ringen die Gesprächsteilnehmer um eine Interpretation, die den oft weit entfernten Philosophen für die eigene Zeitgenossenschaft gewinnen soll.

Doch was ist dadurch erreicht, Nietzsche zum tausendsten Mal nach den jeweils eigenen Denkmustern rauf und runter zu interpretieren, in ihm also heute sogar den Sozialdemokraten erkennen zu wollen? Würde man diesem Ausnahme-denker des freien Geistes nicht dadurch viel gerechter werden, daß man endlich selber konsequent »frei« zu denken begönne, also auch einmal mit der herrschenden Moral und Weltanschauung der eigenen Zeit unerschrocken ins Gericht ginge? Wo bleibt der Mut zum Selbstzweifel, zur Vogelperspektive oder der zum echten geistigen Aufbruch? Denn von den arrivierten Philosophen wagt sich im Sinne Nietzsches heute keiner »auf die Schiffe«. Wie fremd und verwechselbar Nietzsche also auch nach der neuen Edition bleiben dürfte, zeigt sich vor allem darin, daß sich an dem fehlenden Wagemut kaum jemand stört.

Zur Rückkehr des Autors. Gespräche über das Werk Friedrich Nietzsches von Rüdiger Schmidt-Grépály kann man hier bestellen.


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