Rüdiger Schmidt-Grépály (Hrsg.): Zur Rückkehr des Autors. Gespräche über das Werk Friedrich Nietzsches

Eine Rezension von Frank Lisson

 Gastbeitrag

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Rüdi­ger Schmidt-Gré­pá­ly (Hrsg.): Zur Rück­kehr des Autors. Gespräche über das Werk Fried­rich Nietz­sches, Göt­tin­gen: Steidl 2013.125 S., 16 €

Haben wir eine neue Nietz­sche-Aus­ga­be nötig, weil die der­zeit gül­ti­ge, die einst von Col­li und Mon­ti­na­ri her­aus­ge­ge­be­ne Edi­ti­on uns einen »bear­bei­te­ten« und damit »ver­fälsch­ten« Nietz­sche zeigt? Der Lei­ter des Nietz­sche-Kol­legs in Wei­mar, Rüdi­ger Schmidt-Gré­pá­ly, befragt dazu die drei Nietz­sche-Ken­ner Peter Slo­ter­di­jk, Rena­te Reschke und Bazon Brock.

Sie alle begrü­ßen die von Schmidt-Gré­pá­ly geplan­te Neu­her­aus­ga­be, in der ledig­lich die von Nietz­sche sel­ber auto­ri­sier­ten Wer­ke erschei­nen sol­len: eine Aus­ga­be »letz­ter Hand«, die also nur jene Wer­ke ent­hält, die beim geis­ti­gen Zusam­men­bruch Nietz­sches 1889 vor­la­gen; ohne jeden edi­to­ri­schen Ein­griff und Zusatz aus dem Nach­laß. – Ob uns dadurch jedoch ein wesent­lich ande­rer Nietz­sche begeg­nen wird, darf bezwei­felt wer­den, denn natür­lich ent­hiel­ten alle bis­he­ri­gen Aus­ga­ben auch jene von Nietz­sche sel­ber her­aus­ge­ge­be­nen, mit­hin authen­ti­schen Schriften.

Den­noch ist das Pro­jekt reiz­voll, zumal es auch auf Nietz­sches ästhe­ti­sche Vor­stel­lun­gen bei der Buch­ge­stal­tung ein­ge­hen will. In den Gesprä­chen wird u.a. die Fra­ge erör­tert, was eigent­lich einen Autor kenn­zeich­ne und wie man ihm gerecht wer­den kön­ne. Es gibt frei­lich die ver­schie­dens­ten Zugän­ge zu Nietz­sche und eben dar­in wird deut­lich, wie schwie­rig der Umgang mit die­sem Autor beson­ders unter den stark ver­än­der­ten Zeit­läuf­ten im 21. Jahr­hun­dert ist. Und so gesteht Slo­ter­di­jk frei­mü­tig, daß Nietz­sche nichts frem­der sein kön­ne »als die dis­kurs­theo­re­ti­sche Ver­si­on des His­to­ris­mus, die heu­te an den geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tä­ten welt­weit von gelehr­ten letz­ten Men­schen betrie­ben wird«. Aber gera­de des­halb rin­gen die Gesprächs­teil­neh­mer um eine Inter­pre­ta­ti­on, die den oft weit ent­fern­ten Phi­lo­so­phen für die eige­ne Zeit­ge­nos­sen­schaft gewin­nen soll.

Doch was ist dadurch erreicht, Nietz­sche zum tau­sends­ten Mal nach den jeweils eige­nen Denk­mus­tern rauf und run­ter zu inter­pre­tie­ren, in ihm also heu­te sogar den Sozi­al­de­mo­kra­ten erken­nen zu wol­len? Wür­de man die­sem Aus­nah­me-den­ker des frei­en Geis­tes nicht dadurch viel gerech­ter wer­den, daß man end­lich sel­ber kon­se­quent »frei« zu den­ken begön­ne, also auch ein­mal mit der herr­schen­den Moral und Welt­an­schau­ung der eige­nen Zeit uner­schro­cken ins Gericht gin­ge? Wo bleibt der Mut zum Selbst­zwei­fel, zur Vogel­per­spek­ti­ve oder der zum ech­ten geis­ti­gen Auf­bruch? Denn von den arri­vier­ten Phi­lo­so­phen wagt sich im Sin­ne Nietz­sches heu­te kei­ner »auf die Schif­fe«. Wie fremd und ver­wech­sel­bar Nietz­sche also auch nach der neu­en Edi­ti­on blei­ben dürf­te, zeigt sich vor allem dar­in, daß sich an dem feh­len­den Wage­mut kaum jemand stört.

Zur Rück­kehr des Autors. Gespräche über das Werk Fried­rich Nietz­sches von Rüdi­ger Schmidt-Gré­pá­ly kann man hier bestel­len.

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