Richard Wagner: Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt

Richard Wagner: Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt, Hamburg: Hoffmann und Campe, 2014. 240 S., 27.99 €

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Nach dem zusam­men mit Thea Dorn ver­faß­ten Meis­ter­stück Die deut­sche See­le legt Richard Wag­ner nun eine wei­te­re Bestands­auf­nah­me vor, in schma­le­rem Umfang und ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit. Habs­burg ist ein locke­rer Streif­zug durch den his­to­ri­schen und geo­gra­phi­schen Raum der Donau­mon­ar­chie, aus deren Humus auch der 1952 im Banat gebo­re­ne Autor selbst stammt.

Als roter Faden dient ihm dabei das Blät­tern in einer fik­ti­ven »Biblio­thek«, in der sich die­se »ver­lo­re­ne Welt« wider­spie­gelt. Zum »Biblio­the­kar« und Rei­se­füh­rer hat Wag­ner den 1890 in Wien gebo­re­nen, heu­te nur mehr Spe­zia­lis­ten bekann­ten theo­lo­gisch-phi­lo­so­phi­schen Schrift­stel­ler Erwin Reis­ner erko­ren, der zeit­wei­se in Sie­ben­bür­gen lebte.

Wag­ners kurz­wei­li­ge, ele­gan­te Skiz­zen behan­deln unter ande­rem: den Lauf der Donau vom Schwarz­wald ins Schwar­ze Meer, die Titel des Kai­sers Franz Joseph, den poli­ti­schen Katho­li­zis­mus, Bram Sto­kers Dra­cu­la,das »Lied vom Prin­zen Eugen«, die »Stadt im Wind­schat­ten« Tri­est, Rezep­te für Dobrosch­tor­te, Mohn­stru­del und Quark-Pogat­schen und »das Kino des Pra­ger Früh­lings«. Gast­auf­trit­te haben Lud­wig Witt­gen­stein und Sig­mund Freud, Robert Musil und Joseph Roth, Rai­ner Maria Ril­ke und Franz Kaf­ka, Eli­as Canet­ti und Emil Cior­an, Györ­gy Kon­rád und Bela Lugo­si, Paul Celan und Milan Kun­de­ra – die Lis­te der illus­tren Spröß­lin­ge des trans- und cis­leit­ha­ni­schen Rau­mes ist schil­lernd und schier endlos.

Wag­ners Anru­fung der »Welt von Ges­tern« for­mu­liert aber auch eine Fra­ge an die Gegen­wart: »Ein wich­ti­ger Indi­ka­tor für das Gleich­ge­wicht einer Gesell­schaft ist das in ihrer Öffent­lich­keit akzep­tier­te Ver­hält­nis zwi­schen Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft. Sprich: Wie viel Ver­gan­gen­heit braucht die­se? Wie viel Gegen­wart weiß sie sich zu ver­schaf­fen? Wie viel Zukunft bil­ligt sie sich zu?«.

Wag­ner macht kei­nen Hehl dar­aus, daß er das heu­ti­ge Ver­hält­nis zu die­sen Din­gen aus dem Gleich­ge­wicht gekippt sieht: wir leben in einer Zeit, die beson­ders seit dem Fall des Ost­blocks »rasant an Gedächt­nis ver­lo­ren« hat. Die Fra­ge nach einer kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Ord­nung und Iden­ti­tät Euro­pas, die der Her­kunft eine Zukunft geben und die Viel­falt in eine Ein­heit brin­gen kann, blei­be wei­ter­hin offen: »Es ist kei­ner mehr da, der zu uns spre­chen könn­te, und mit der Anre­de ›mei­ne Völ­ker‹ zu begin­nen wüß­te«, wie einst der öster­rei­chi­sche Kaiser.

»Die Lebens­kunst, von der wir ger­ne spre­chen, hat ihre Rah­men­be­din­gun­gen. Zu ihrer Fest­le­gung haben die Habs­bur­ger und ihr Impe­ri­um einen wesent­li­chen Bei­trag geleis­tet. Nach­zu­le­sen in der Biblio­thek einer ver­lo­re­nen Welt«, schreibt Wag­ner. Zwar beglückt von der Lek­tü­re, aber doch melan­cho­lisch klappt man Wag­ners Betrach­tun­gen wie­der zu. Man blickt aus dem Fens­ter, und beginnt sich ernst­haft zu fra­gen, ob Euro­pa, das alte, das wirk­li­che, das euro­päi­sche Euro­pa heu­te doch nur mehr in Büchern – und nur dort auf­zu­fin­den ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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