Sezession
4. September 2018

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten

Ellen Kositza / 19 Kommentare

Halb Afrika unterwegs nach Europa? Erfolgsautors Timur Vermes hat mit Die Hungrigen und die Satten, den Roman zur Stunde vorgelegt. Aber:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Warum wird dieser Kracher im Feuilleton beschwiegen? Immerhin war das Romandebüt von Vermes, Er ist wieder da, ein echter Weltbestseller. Diese Satire um einen unversehens wieder auferstandenen Adolf Hitler erschien 2012. Das Buch kostete, haha, 19, 33 €, es hat sich über zwei Millionen Mal verkauft. (Auf Anhieb habe ich übrigens kein Buch gefunden, daß auf amazon.de mehr Leserbewertungen erhalten hat als Vermes' Er ist wieder da, nämlich 2.691.)

Wenn ein Schriftsteller mit einem derart fulminanten Debüt reüssiert hat, stürzt sich normalerweise das Großfeuilleton auf das Nachfolgewerk.

Das blieb nun aus. Dabei ist Die Hungrigen und die Satten a) besser, b) realistischer, c) krasser. Meine Vermutung: Eine Hitlersatire – auch wenn sie den Unhold vermenschlicht – mag grenzwertig sein, eine Gesellschaftssatire über Flüchtlinge ist jenseits dieser Grenze.

Womit wir beim Thema wären: Grenze. Die Handlung spielt in der nahen Zukunft. Europa hat dichtgemacht. Man hat eine Grenze errichtet, und zwar südlich der Sahara. Dort sitzen die wanderwilligen Afrikaner zu Huntertausenden auf gepackten Koffern. Seit Jahren schon, in gigantischen Lagern. Es gibt noch Schlepperdienste, aber die sind unerschwinglich. Schwarzmarkt und Prostitution im Lager blühen, die Hoffnung auf ein schönes Leben mit Kühlschrank, gutem Bier, blonden Frauen und Markenturnschuhen sinkt.

Zuviel Zeit ist seit dem Moment vergangen, als Deutschland die Türen aufgemacht hat. Damals, als sie noch eine Frau als Merkel hatten. Wer damals in Reichweite war, hatte das große Los gezogen.

Jetzt aber ist in Deutschland ein anderes „Merkel“ am Ruder.

Es trifft sich, daß der deutsche Superstar Nadeche Hackenbusch (schon diesen Namen hätte sich auch ein Martin Walser nicht besser ausdenken können), Moderatorin des Privatsenders mytv, gerade eine neue Staffel der Sendung „Engel im Elend“ plant. In der letzten Staffel war sie in Flüchtlingsheimen unterwegs und hat gezeigt, daß Flüchtlingskinder, die eigentlich „ganz niedlich aussehen“, schwarze Zähne haben und „aus dem Mund riechen wie eine Klärgrube.“ Motto: Es muß betroffen machen und „weh tun“!

Frau Hackenbusch, Vorbild Hunderttausender junger Frauen, ist so dumm wie gewieft: Wie wär´s, denkt sie sich aus, wenn man mal dort unten in Afrika drehen würde? Es geht zunächst darum, hübsche Flüchtlingsfrauen für eine Modestrecke zu casten. Ihr fällt auf, daß es den Frauen dort „am Nötigsten“ fehlt: „Sehr viele Frauen haben noch nicht einmal einen BH!“ Wie es der Zufall will, sind noch zahlreiche Exemplare ihres selbstkreiierten HackenPus-ups übrig, sie verschenkt sie „ohne viel Wirbel“, wie die reichweitensärkste deutsche Frauenzeitschrift berichtet:

"Es ist nicht viel", bleibt Nadeche Hackenbusch auf dem Boden der Tatsachen. "Ein BH kann auch nicht alle Probleme dieser Welt lösen. Aber es ist ein kleiner Schritt."

Die nächsten Schritte stehen bevor, es sollen exakt 15 km sein, pro Tag, nordwärts. Die Hackenbusch und mytv planen, mit einem gigantischen Flüchtlingstreck ins gelobte Land aufzubrechen!

Ja, der Organisationsaufwand wird immens sein. Die „Flüchtenden“ dürfen ja nicht verdursten oder verhungern unterwegs. Tausende Betonmischer mit Sojabrei müssen in exakter Taktung den Treck flankieren.

Natürlich muß auch bedacht werden, daß jeder Flüchtende rund 300 g Kot täglich ausscheidet (was sich nicht nur auf dem Bildschirm schlecht macht, sondern zum Horror werden kann für die, die am Ende des Trecks an 45 Tonnen Scheiße vorbeilaufen müssen) und daß massenweise Kinder zur Welt gebracht werden in dieser langen Zeit beim Lauf auf Europa. Die von kundigen Schwestern betreuten Säuglingswagen sind ein Bonuspunkt für mytv!

Überhaupt gibt es immer viel zu berichten, „exklusiv“: Der schönste Flüchtling wird gekürt, der jüngste etc. Nadeche beginnt eine Affäre mit einem talentierten Schwarzen. Nadeches Söhne in Deutschland haben derweil Drogenprobleme, einer trägt sich mit dem Gedanken an Geschlechtsumwandlung – aber schließlich kann selbst ein Engel nicht überall zugleich sein!

Bis zur Grenze der Türkei, der Flüchtlingsstrom ist auf rund 300.000 ungewaschene Schwarze angeschwollen (weil jedes Transitland noch ein paar tausend Leute mitgibt), läuft die Sache durch Schmiergeld und diplomatisches Sendergeschick erstaunlich glatt. Unterdessen wird die deutsche Regierung sehr unruhig. PEGIDA hat sich wiederbelebt, mit sechsstelliger Teilnehmerstärke: "Statt Spendegeld und Sojamehl: Mauerbau und Schießbefehl!".

Der konservative Innenminister, der so spontan wie hilflos beschließt, alle reinzulassen, fällt einem Attentat zum Opfer. Sein schwuler Nachfolger (dessen pittoresken Lifestyle der Leser von Buchbeginn an mitverfolgt) hat eine andere Idee: Ein Grenzzaun muß her. Geladen mit Starkstrom.

Timur Vermes Buch ist alles zugleich: Unterhaltungsroman (formidabel geschrieben, ohne Längen), Gesellschaftssatire (Vermes ist ein exzellenter Beobachter), Dystopie, und zwar von der galligsten Sorte. Das Hitler-Buch war ein großer, vergnüglicher Blödsinn. Hier geht es ans Eingemachte. Jean Raspails Heerlager der Heiligen sowie Der Marsch, das TV-Drama von 1990, lassen grüßen.

Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe! Zu lachen gibt es am Ende des Buches gar nichts mehr. Es wird bestalisch. GANZ am Ende darf dann doch geschmunzelt werden, einen Joke gibt es als Nachklapp. Eine wichtige Institution nämlich ist aus dem Drama unbescholten hervorgegangen: Der Qualitätsjournalismus.

-- -- --

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten - bestellen Sie hier bei Antaios!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (19)

Kaffeesud
4. September 2018 11:27

"SPIEGEL ONLINE: Haben Sie "Das Heerlager der Heiligen" von Jean Raspail gelesen? Darin führt ein ganz ähnliches Szenario, von keiner Satire abgefedert, unter der Masse der Zuwanderer zum Untergang des Abendlandes.

Vermes: Ich habe im Juni davon erfahren und bin dann zur Stadtbibliothek. Weil, so was kauft man nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Vermes: Nach fünf Seiten weiß man: Da will einer von der ersten Seite an den Schießbefehl rechtfertigen. Haben Sie's gelesen?

SPIEGEL ONLINE: Ja.

Vermes: Dann wissen Sie ja, dass hier niemand ein Problem verhandelt. Der will, dass wir uns die passenden Flinten zulegen, das ist die einzige Option von Anfang an. Und dann geht's weiter mit "Guck dir die Leute doch an! Das sind überhaupt keine Menschen! Wie kann man überhaupt auf die Idee kommen, dass man nicht auf sie schießt?" Wer das veröffentlicht, veranstaltet keine literarischen Salons, der baut literarische Gaskammern."

(https://www.spiegel.de/kultur/literatur/timur-vermes-ueber-die-hungrigen-und-die-satten-alle-reden-vom-schiessbefehl-a-1224819.html)

Wenn Satire unwillkürlich west, um's mit Heidegger im unreinen Stabreim zu skandieren.

Reicht das für eine 2-, @Maiordomus? (Deutsches Notensystem, Sie Schelm!)

@Kositza: Was weiß man eigentlich nach der fünften Seite des besprochenen Romans?

JohannesStreck
4. September 2018 11:37

Naja, Hackenbusch...
Da gab es schon 2009 Stackenblochen, auch nicht ganz schlecht.
https://m.youtube.com/watch?v=Qo_2ReMNzhU#

Tony
4. September 2018 11:55

Werte Frau Kositza,

es ist schwierig für mich, solche Bücher richtig einzuschätzen. Es ist nun einmal so, dass es mittlerweile sehr viele Publikationen gibt, die sich mit den aktuellen Geschehnissen und den Kernfragen, die sich daraus ergeben, auseinandersetzen. Dies gelingt, zumindest meiner Ansicht nach, auf zweierlei Wege.

Zum einen gibt es Bücher die einen reinen „Empörungsreflex“, beim geneigten, Leser auslösen. Bücher mit reißerischen Titeln, die meistens Begriffe wie „Untergang“ oder „Zerstörung“ in sich tragen, findet man mittlerweile zuhauf. Einerseits begrüße ich jede kritische Publikation in dieser Richtung, andererseits habe ich dennoch den Eindruck dass sich die ungeheuren und beispiellosen (man möge mich korrigieren) Vorgänge in unserem Land aber auch generell in der westlichen Welt, sich zu einem Markt der „krassesten Nachrichten“, also einem Ort an dem Angebot und Nachfrage zusammentreffen, kumuliert haben. Das „Konsumieren“ jener Bücher dient dann nur noch zur orgiastischen Selbstbefriedigung der Empörungslust. Der Ernst der Lage verkommt zum Spektakel! Viel Schaumschlägerei aber keine Konsequenz.

Auf der anderen Seite gibt es Bücher, die eine tiefere Offenbarung in sich tragen. Sie sind meisten anstrengender zu lesen, fordernder und oftmals auch sachlicher. Es sind Bücher die Schlüsselstellen in sich tragen, die konstitutiv wirken. Stellen die niemals an Gültigkeit verlieren, die fundamental sind und zur Genese des Gesamtverständnisses beitragen. Texte die entweder Annahme oder Ignoranz einfordern. Als Leser bin ich ein Suchender. Ich bin auf der Suche nach Schriften die einen „in Fassung bringen“, Bücher die ein Gepräge hinterlassen und es auch in hundert Jahren noch tun werden.
(Im Übrigen ist dies einer der Gründe warum ich Ihren Verlag so sehr schätze.)

Daher meine Frage an Sie, ist „Die Hungrigen und die Satten“ Empörungsliteratur? Offenbarungsliteratur? Oder einfach nur (zynische?) Unterhaltung?

Viele Grüße aus Unterfranken

Kositza: In der Belletristik kenne ich diese beiden Kategorien Offenbarung/Empörung nicht. "Die Hungrigen..." ist äußerst gekonnt geschrieben, dennoch sicher nicht unter Hochliteratur zu rechnen, eine luzide Beobachtung von Oberflächenphänomenen (TV-Geschäft, Starkult etc., oder: wie Hipstervollbärte und Kopftücher eigentlich zusammenpassen: "Im Grunde sehen die Leute heute aus wie in einem Kuhdorf vor 200 Jahren"), geküpft an eine spannende, gewissermaßen aktuelle Story. Ewiggültige Weisheit finden sie hier nicht.

Heinrich Loewe
4. September 2018 11:58

Auf diese Besprechung aus Schnellroda habe ich gewartet, das ging aber schnell ;-)
Es GAB kürzlich ein Interview mit Vermes, ich weiß nicht mehr ob bei FAZ oder WELT. Er wurde natürlich auch zum "Heerlager" befragt und hat dies ob seiner Radikalität rundweg abgelehnt. In diesem Moment wurde mein Interesse ins Gegenteil verkehrt.
Das es ein "domestizierter" Gegenentwurf zum "Heerlager" sein soll, scheint mir unverkennbar.
Ich werd's nicht lesen. Ganz sicher nicht. Lieber bestelle ich mir noch die Lichtmeszsche Übertragung vom Original.
Gut, Literatur soll auch unterhalten, aber dieses Thema ist mir dafür zu existenziell.

Fritz
4. September 2018 13:12

Im Film gab es das schon 1990:

https://www.youtube.com/watch?v=CRLzthr8VZ8

Andreas Walter
4. September 2018 13:30

Von unvermeidbarem Leid zu wissen ist eine Sache.

Darüber zu lachen eine Andere.

Schon schlimm genug, dass man sich gegen die Katastrophe des 21. Jahrhunderts trotzdem vehement wehren muss, wenn man nicht mit untergehen, im Chaos und Misere enden will.

RMH
4. September 2018 14:45

Normalerweise gehöre ich ja zu den "Toleranten", aber im Falle von Vermes schreibe ich:

"Keinen Euro an Vermes!"
Gebt Eure Kohle im Antaios-Shop lieber für etwas anderes aus ...

Ich bin ernsthaft genervt, von diesen (schlechten) Wiedergängern und Ideenräubern. Bspw. nach Qualtinger´s "Mein Kampf"Lesungen kam Somunco Jahre später - als die meisten Qualtinger schon fast vergessen hatten - an und meinte, das mache ich dann mal auch (von einem Qualtinger war er von Anfang an Lichtjahre entfernt und blieb es natürlich auch. Aber man kann natürlich jedes Niveau im nach unten offenen Niveau-Limbo spielend unterbieten, aber immerhin, Somunco wusste, dass er hier eine hohe Messlatte hatte und er hat auch nie so getan, als ob er von Qualtingers Lesungen nichts wusste).

Vermes hingegen klaute offensichtlich bereits von Walter Moers "Äch bin wieder da!" schon fast wortgleich den Titel sowie die Grundidee und strickte daraus sein fragwürdiges "Erfolgsbuch" und jetzt tut er so, als ob er "Heerlager der Heiligen" nicht gekannt hätte und meint auch noch, seinem Ideengeber den Kopfschuss mit seiner Hetze (s.o., Beitrag von Kaffeesud) gegen das natürlich vor Satire und schwarzem Humor geradezu triefenden Kunstwerk geben zu können.

Vermes ist offenbar so einer, der einer Oma die Handtasche klaut und ihr dabei, wenn sie deswegen zu Fall kommt und am Boden liegt, auch noch einen Tritt verpasst. Creative Writing ist sehr oft auch creative copy&paste, aber die meisten Autoren sagen auch sehr deutlich, was und wer sie inspiriert hat oder wenn sie ein "Remake" machen.

Von daher: Lest das Heerlager, damit ist eigentlich fast alles zum Plot geschrieben worden, was zu schreiben war. Vermes´ Buch geht auch ohne Werbung und Käufe durch unser "Lager"- wie schon das letzte - viral angetrieben, verkaufsmäßig früher oder später durch die Decke. Als nächstes schreibt er dann über einen Ex-Offizier und Verleger, der Ziegen eigenhändig melkt und tut danach so, als ob er von Schnellroda nie was gewusst hätte ...

Solution
4. September 2018 19:04

Tut mir leid, aber auch ich werde das Buch nicht kaufen. Solche halben, banalen Sachen mag ich nicht.

Es gibt unzählige andere, gute, neue Bücher, die auch ich natürlich regelmäßig bei Antaios bestelle.

Abgesehen davon sollte man ruhig mal ein antiquarisches Buch aus der Vor-BRD-Zeit lesen.

Martin Heinrich
4. September 2018 20:09

Ich schließe mich der Meinung von RMH an:

"Keinen Euro an Vermes!"
Gebt Eure Kohle im Antaios-Shop lieber für etwas anderes aus ..."
Wenn ich schon den Aufkleber auf der Buchvorderseite sehe: "Vom Autor von [Er-ist-wieder-da-Piktogramm]". Erschienen audgerechnet im Eichborn-Verlag: "Böser und komischer als ER IST WIEDER DA." Da stäubt sich mir das Gefieder! Offensichtlich soll unter Zuhilfenahme des gesamten Werbearsenals ein richtiger Kassenschlager produziert werden. Es fehlt eigentlich nur noch der Hinweis: Für die ganze Familie von 8 bis 80!

Der Sturm auf Europa als bitterböser Spaß für die gesamte Familie. Das Buch steht dann im heimischen Buchregal neben der Hörbuchausgabe von ER IST WIEDER DA, daneben die "Feuchtgebiete", daran anschließend "Der Medicus" ...

Timur Vermes wird mit seinem Buch vermutlich wieder einen beachtlichen Verkaufserfolg landen. Sein nächster Bestseller trägt dann vermutlich einen Titel a la "Der Imam von Chemnitz" und kupfert dann Houllebecqs "Unterwerfung" ab. Natürlich "noch böser, noch radikaler" ...

Ellen Kositza
4. September 2018 21:20

@RMH & Martin Heinrich
Autor Timur Vermes hat dem SPIEGEL verg. Woche tatsächlich (angesprochen auf das „Heerlager der Heiligen“, erschienen bei Antaios) geantwortet: „Wer das veröffentlicht, veranstaltet keine literarischen Salons, der baut literarische Gaskammern.“ Okay, übel. Irgendwo hab ich grad den Terminus „Angstbeißer“ gelesen – so kommt er mir vor. Ich vergebe ihm da, denn er weiß nicht, was er sagt.

RMH: „Als nächstes schreibt er dann über einen Ex-Offizier und Verleger, der Ziegen eigenhändig melkt und tut danach so, als ob er von Schnellroda nie was gewusst hätte …“
Haha! Es geht bereits in diesem großartigen Buch über Ziegen! In den rückständigen Transitländern des Großen Trecks denken sich die armen Ziegenbauern aus, wie sie in Deutschland Ziegenzucht etablieren könnten, da es vermutlich niemanden dort gäbe, der so klug sei, sich Ziegen zu halten…

Aber „Ideenklau“, also: kommen Sie! Wieviele Romane gibt es zum Thema „.. entdeckt er, wer sein Vater w i r k l i c h war“ oder zu „… hat den Schrecken in einem Versteck überlebt“ oder „… merkt erst spät, daß sie jahrzehntelang betrogen wurde“? ich sag mal , rund 10.000 jeweils.

Warum sollte es nicht zwei, drei, hundert Romane zum hochaktuellen Thema „Massenaufbruch der Hungrigen“ geben? Ich hoffe, Kubitschek liest grad nicht mit, aber das „Heerlager“ zählt nicht zu meinen Lieblingsbüchern. Vermes hingegen hab ich grad auf Platz 81 meiner Bestenliste eingereiht. Es ist ein toller Roman, in beiderlei Bedeutung.

Das blaue Quadrat
4. September 2018 21:54

Danke, vor allem an Kaffeesud und RMH. Hatte das Buch schon fast auf dem Wunschzettel...

ede
4. September 2018 22:45

Also ich les ja normalerweise keine Ostbücher über den Leibhaftigen, deswegen kenne ich das über dessen Wiederkehr auch nicht. Aber was Sie da so andeuten über die "hungrigen und satten" klingt schon appetitlich, verführerisch sozusagen.
Ich wills mir also zulegen. Zusammen mit dem neuen von Bernd Zeller.

Das Problem mit der Leserei ist halt folgendes: Hat man Zeit zum Lesen, kriegt man Lust was zu tun. Macht man dann was, hat man wieder keine Zeit zu lesen. Ein Jammer, nicht wahr.

Maiordomus
5. September 2018 06:09

Das Beste am Buch scheint mir ohne Zweifel der geniale Titel zu sein. Aber fast erstmals konnten mich Einwände aus der "Blog-Gemeinde" skeptisch stimmen, bis hin zur Neigung, dieses Buch trotz notorischer Leseneugier nun doch weder bestellen noch lesen zu wollen, weil nun mal mittelmässige Literatur, welche bei mir, von zwei Büchern abgesehen, übrigens schon bei Martin Walser anfängt. Wenn schon Walser, dann Robert. Las in letzter Zeit Gogol und Dostojewskij mit der Bilanz, dass wir literarisch derzeit nun mal wirklich in einer Nullepoche zu leben scheinen. Über das angesprochene Thema sollten sowieso nicht Romane geschrieben werden, sondern literarisch ehrgeizige Original-Reportagen in der Art von Fontane über den deutsch-französischen Krieg oder etwa Orwells "Mein Katalonien" oder Jüngers Reporte über den 1. und 2. Weltkrieg. Auch Hemingway konnte unglaublich schreiben über das, was ist. Nebenbei gesagt fand ich Sieferles beste Bücher, nicht unbedingt "Finis Germania", als Sachbücher durchaus literaturpreiswürdig. Auch in der Antike sind die Bücher von Caesar den Romanen bis zum Jahre 500, etwa Heilodor, von der literarischen Qualität und auch stilistisch haushoch überlegen. Dasselbe gilt für den Geschichtsschreiber Thukydides. Unvergleichlich natürlich auch der Archipel Gulag von Solschenizyn, obwohl er nicht mal annähernd ausreichende Archivstudien machen konnte.

Brettenbacher
5. September 2018 09:47

"....nun mal mittelmässige Literatur, welche bei mir, von zwei Büchern abgesehen, übrigens schon bei Martin Walser anfängt." @Majordomus

Und das zweite wäre? Dem ersten ist Kubitschek vor einigen Wochen beeindruckend gerecht geworden. Aber das zweite ? Vielleicht "Messmers" Gedanken"(die Jungfrauen hatten Most getrunken) ?
Alles andere? noch Mittelmaß? Nun ja, mir aber ganz und gar unleserlich geworden.
Wenn der Heilige Hieronymus demnächst vorsortiert, mag ihn aber dieser Aphorismus retten: Wer sagt, es gibt keinen Gott, hat aller Wahrscheinlichkeit nach recht. Und ganz sicher keine Ahnung.

RMH
5. September 2018 10:09

Vermutlich habe ich Vermes ein bisschen Unrecht getan, schließlich muss er ja solche Tiraden von sich geben, wenn er mit Sujets arbeitet, die sehr schnell politisch unkorrekt werden können. Außerhalb seiner Bücher hat er mithin umso mehr ostentativ Korrektheit nachzuweisen und verbal um sich zuschlagen (siehe dazu auch der aktuelle Beitrag von G.K. , der das selbst gewählte Gefängnis der Linken beschreibt), damit ihm der korrekte Verleger und der Mainstream gewogen bleiben und er weiter sein Bankkonto wachsen lassen kann. Dennoch verdient er dafür allenfalls Verständnis, aber kein Mitleid. Das Bonmot mit dem "Heerlager" aus der "Stadtbibliothek" (welche führt denn überhaupt noch so ein Buch?) ist nun ernsthaft zu dick aufgetragen, um noch Ernst genommen werden zu können (etwa ein stiller Schrei nach Liebe? Ist Vermes ein Kryptorechter?).

Das "Heerlager" empfand ich jetzt auch nicht als Roman von echter Weltklasse und streckenweise einfach zu dick - in jeder Hinsicht. Raspails Verdienst mit diesem Werk wird m.M.n. am meisten erkennbar, wenn man es zeitlich einordnet. Erstmals erschienen 1973 - die Arbeit daran wird vermutlich bereits einige Jahre zuvor begonnen worden sein. Raspail liefert hier ein Werk, dass damals vollkommen gegen den Zeitgeist war und es auch heute noch ist, welches komplett anti-"Hippie" ist und das, obwohl seit den 60er Jahren als letzte Stufe des kalten Krieges die Kampagne von Love, Peace, Sex, Drugs & Rock´n´Roll zum Beginn des "Wassermannzeitalters" gezündet wurde (das war kein Selbstläufer oder gar linkes, revolutionäres Ereignis), um so den 100% spießigen sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaaten alle die abspenstig machen zu können, die mehr als einen vollen Bauch im Leben haben wollen. Was bekanntermaßen ja ein voller Erfolg war. So erfolgreich, dass man damit auch gleich die globale "one-world" einschließlich big-data mit auf die Spur bringen konnte (aber das führt an dieser Stelle dann zu weit).

Maiordomus
5. September 2018 22:37

@Breitenbacher. Mit "Messmers Gedanken" haben Sie richtig geraten; zu den stärksten Texten gehört noch "Ein fliehendes Pferd", eine Ehegeschichte, die von Bergman hätte stammen können. Schliesse nicht aus, dass es noch ein drittes Buch von M. Walser gibt von hoher Qualität, wiewohl mich seine Autobiographie in Romanform nicht voll überzeugen konnte. Lernte ihn mal in Überlingen persönlich kennen; bei einer geplanten zweiten Begegnung, da Autoren aus seinen Werken hätten lesen sollen, was sie gut fanden, boykottierte er den Anlass des städtischen Kulturamtes, weil er über ein satirisch gemeintes Denkmal seiner Person beim Hafen erzürnt war. Bei einer Lesung im Zürcher Bernhardtheater zeigte er sich als eitler Gockel, die Veranstalterin behielt ihn in schlechtester Erinnerung.

Natürlich sind gewisse Formulierungen von ihm bedeutsam geworden, so die "Auschwitzkeule" oder ähnlich, was er unterdessen zurückgenommen hat wohl auf Druck seines Sohnes Jakob Augstein- Die entsprechende Vaterschaft ist übrigens noch nicht sehr lange geoutet worden. Bedeutend und auch vergleichsweise intelligenter als Jakob Augstein sind Walsers Töchter, die mir einen ausnehmend guten Eindruck gemacht haben.

Dass Walser das, was er mal über den Auschwitz-Moralismus absonderte, am Ende dann doch nicht gesagt haben will, passt im übrigen zu Kubitscheks obigem Beitrag; insofern ist unsere kurze Unterhaltung über den angeblichen Gross-Schriftsteller Martin Walser keine Abschweifung. Verdienstlich ist seine Förderung von Arnold Stadler, der ohne ihn wohl nicht mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet worden wäre. Stadler schätze ich höher ein als Martin M.

Maiordomus
5. September 2018 23:02

PS. Es war natürlich nicht Kubitscheks "obiger Beitrag", sondern dessen benachbarter Beitrag. Natürlich gibt es auch im rechten Lager Feiglinge.

Brettenbacher
6. September 2018 10:27

@Maiordomus

über das "Denkmal" ist Walser zurecht empört. Es ist ekelhaft. Wie alles von diesem Lenk. Man denke an die steinerne Verunbildung in Schopfheim, deren Opfer der arme Erwin Teufel ist.
Frage mich manchmal, ob es denn keine Alemannen oder Oberschwaben mehr gibt, die mit einer Schlegelaxt umgehen können,
Ja, Stadler hat er gefördert (Höre, Hieronymus!), gefördert hat er auch die innige Maria Menz (es gibt einen umfangreichen Briefwechsel) und die epische Maria Beig.
Zu deren "Treppengesang" hat er noch ( vor achzehn Jahren, also jüngst) ein Vorwort geschrieben.
Für noch Kenntnisfreie: man könnte Maria Beig als
südwesteutschen Bernd Wagner zunächst mal annehmen.
Und bei einem hoffentlich baldigen Besuch in Loschwitz möchte man mindestens eines von denen vorfinden: Rabenkrächzen, Hermine oder ein Tierleben, die Mindere, Buntspechte. Treppengesang. Urgroßelterzeit.
Aber das sind jetzt wirklich Abschweifungen. Wollte nur sagen: gefördert, das hat er, der Martin Walser.

Maiordomus
7. September 2018 20:51

@Brettenbacher. Bin mit Ihnen de facto vollständig einverstanden. Die Beig und die Menz sind mir meinerseits ein Begriff, sie standen meines Wissens auch für den Bodensee-Literaturpreis schon mal zur Debatte.

Anmelden Registrieren