Sezession
6. September 2018

Mesut, Jogi, Antonio und Co. Eine sportpolitische Nachbetrachtung

Gastbeitrag / 16 Kommentare

von Prof. Günter Scholdt über das Fußballtheater der »Mannschaft« und ihres Umfelds im Sommer 2018.

Nun spielen sie also wieder – auch noch gegen ihre Nachfolger – die traurigen Recken der Weltmeisterschaft. Auch der Pleitier Jogi hat inzwischen gesprochen und das Sommertheater vorläufig beendet.

Seine nach Monaten gezogene Bilanz räumt Fehlerchen ein, darunter (sogar mit starken Worten) „Arroganz“ in Sachen Ballbesitzfußball. Verschiedene soziale und mentale Rahmenbedingungen hätten nicht gestimmt, multikulturelle Probleme in der Mannschaft habe es jedoch nie gegeben.

Ein bißchen bodenständiger und volksnäher müsse man wohl wieder werden. Auch wissen wir jetzt genau: Die Durchschnittszeit zwischen Ballannahme und -weitergabe hat sich von 1,2 Sekunden 2010 auf 1,51 2018 verlängert, was viel und garnichts erklärt. Aber wer erwartete von dieser Pressekonferenz auch mehr als vom Hornberger Schießen?

Zuvor hatte auch Mesut gesprochen bzw. geschrieben bzw. schreiben lassen. Nicht mehr zu deutschen Fans, die er bezeichnenderweise englisch informierte, sondern per Twitter zur weltweiten Gemeinde seiner 23 Millionen Follower. Er trete zurück. Denn er werde hierzulande ausgegrenzt, weil er sich zu seinen türkischen Wurzeln bekannt habe. Werde von Rechten und manchen Zeitungen übelst attackiert und von früheren Nutznießern wie dem DFB im Stich gelassen.

Umgehend startete auch eine „#MeTwo“- Kampagne im Netz als Aktion gegen was? … Natürlich gegen Rassismus. Denn dieses beschämend einfallslose, meist erbärmlich definierte, zur bloßen Dreckschleuder verkommene, aber millionenfach gebrauchte Schlagwort taugt seit Jahrzehnten als Passepartout zur hiesigen medialen Aufmerksamkeit.

Uli Hoeneß, froh, daß mit Özils Rücktritt nun „der Spuk“ zu Ende sei, kommentierte die Einlassung seinerseits polternd: Der habe doch „seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto.“ Doch dergleichen erhellender Grobianismus scheint in Deutschland unzulässig.

Politiker oder Medien im Dutzend reagierten empört und sehen weiterhin Bedarf zur Aufarbeitung des Rassismus in der deutschen Gesellschaft. Auch kann man jede Wette darauf eingehen, daß der DFB in Zukunft wieder und wieder über dieses Stöckchen springt, weitere Diversity-Millionen für Propaganda sinnlos verpulvert oder seine Maßnahmen im Jugendbereich falsch adressiert.

Das schäbige Sommertheater bleibt uns also noch lange erhalten. Denn jetzt ist ein Faß aufgemacht, aus dem Dutzende von Lobbygruppen und NGO.s mittrinken. Und sie werden es fraglos bis zur Neige leeren.

Ein todsicheres Geschäftsmodell

O wie schön waren die glücklichen Tage vor dem Erdogan-Fototermin! Dutzende von Profiteuren befällt Nostalgie. Schließlich waren Nationalmannschaften als Geschäftsmodell bislang unschlagbar, obwohl geldgierige FIFA-Funktionäre sich redlich Mühe geben, durch inflationäre Aufblähung der Spiele ihr Produkt zu ruinieren.

Die Vermarktung beschränkt sich schließlich nicht nur auf Sympathisanten von Clubs, wo doch z.B. eingefleischte Schalker niemals Dortmund- oder Bayern-Trikots kaufen. Sie erfaßt vielmehr ganze Länder. Für den DFB etwa warten gigantische Marketing-Erlöse durch 80 Millionen potentieller Devotionalien-Kunden, von Trikots über Bettwäsche bis zu Panini-Fotos, wobei Babys väterlich vertreten werden. Auch der Marktwert der Stars steigt auf internationaler Bühne bis in Höhen entfesselter Schamlosigkeit.

Die Spiele bescheren Fernseh- und Radiosendern über Wochen einen Mega-Unterhaltungsauftrag mit hohen Einschaltquoten. Der Staatsfunk kann sich volksnah geben – wie das alte Rom durch „circenses“ – und scheinbar seine Zwangsgebühren rechtfertigen. Werbefirmen erhalten Riesenstücke vom Geschäftskuchen, nicht zuletzt durch Multikulti-Gesinnungsreklame.

Regierende Politiker können im Umkreis nationaler „Helden“ ihre Popularitätswerte verbessern und bei Siegen durch kollektive Euphorie ihre Mißwirtschaft bemänteln. In dieser unverbindlichen Form läßt sich folgenlos Patriotismus simulieren und wunderbar instrumentalisieren – ein Faktor, den einfältige grüne Miesmacher nie recht verstanden haben.

Ein ruhmvolles Auftreten der Kicker verbessert das Image des ganzen Landes. Im Idealfall – etwa nach einem WM-Sieg – läßt es sich sogar als Überlegenheit des multikulturellen Gesellschaftskonzepts verkaufen und bei ahnungslosen Gutmenschen im „Kampf gegen Rechts“ punkten. Kurz: Eine todsichere Win-Situation winkt für nahezu jede und jeden.

Allerdings funktioniert das Projekt „Nationalmannschaft“ als krisensicheres Markenprodukt nur unter gewissen Voraussetzungen und ist stark an Emotionen gebunden, die umschlagen können. Auch ist es äußerst riskant, Massengefühle so weit anzukurbeln, daß sie Höchstgewinne auswerfen, wenn der Fan dann durchschaut, daß teils falsch gespielt wurde.

Tradition und ihre Versumpfung

Denn eine alle vier Jahre ablaufende sportliche Leistungsschau erzeugt Gefühle, die an eine Generalmobilmachung erinnern. Ein ganzes Land feiert wochenlang ein rauschendes Fest und projiziert seine Hoffnungen auf zwei Dutzend Vorkämpfer, die sie würdig vertreten mögen. Wenn ja, erhebt man die Spieler in den Status von Halbgöttern.

Zudem rückt die Nation in Freud und Leid der Ergebnisse, Vorlieben oder Aversionen auch emotional stärker zusammen. Zweifellos berühren spektakuläre Taten zum Ruhm eines Landes auch dessen Kollektivseele und senden nationale Hoffnungssignale aus.

Exemplarisch geschah dies beim „Wunder von Bern“. Und obwohl inzwischen nur noch wenige Deutsche von diesem 1954er Erlebnis zehren, stehen wir nach wie vor in der Tradition eines quasimythischen Sieges. Und die Erinnerung an Fritz Walter, Max Morlock, Toni Turek oder Helmut Rahn ist noch nicht völlig verblaßt.

Die damaligen Helden erhielten für diesen Triumph meines Wissens gerade mal eine Armbanduhr. Aber den meisten von ihnen traute man ohnehin zu, daß sie Hunderte von Kilometern zu Fuß zum Bundes-Sepp Herberger gepilgert wären, nur um für Deutschland zu spielen.

Was die Löws, Bierhoffs und etliche DFB-Funktionäre von solcher Mentalität trennt, liegt auf der Hand. Sie denken wie ihre Spieler in Vermarktungs- und PR-Kategorien. Ihr Horizont kreist um Imagefragen, SAP-Spielanalysen oder bestenfalls statuserhöhende Hofierung durch die Politik. (Jogi Löw etwa durfte als illustre Galionsfigur der Grünen den bereits vorbestimmten Herrn Steinmeier zum Präsidenten „wählen“.)

Der Gefühlswert des Begriffs „Deutsche Nationalmannschaft“ wird von solchen Typen daher kaum höher taxiert, als es Produktmanager bei der Vorstellung neuer Marken empfinden. Ihnen kam somit nicht in den Sinn, daß eine Hymne vor Spielbeginn mehr bedeuten könnte als zur Siegerehrung Queens‘ „We are the champions“.

Zugegebenermaßen wußten auch frühere „Leitbilder“ nicht mehr so recht, welche Vorbildfunktion ihnen zukam: die Netzers, Beckenbauers, Breitners & Co., coole Vertreter ihrer Branche, die das Singen einstellten und zudem bei der Heim-WM zu streiken drohten, falls ihre Prämienwünsche nicht erfüllt würden.

Der damalige Bundestrainer Schön, Gentleman alter Schule, wollte darauf sein Amt hinwerfen und ließ sich nur schweren Herzens umstimmen. Daß dies keine nachhaltigen Sympathieeinbußen mit sich brachte, lag ausschließlich daran, daß diese Generation Siege in Serie einfuhr. Denn Erfolg kaschiert bekanntlich alles.


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Kommentare (16)

Hartwig aus LG8
6. September 2018 14:11

Ich kenne noch die Zeit, als Vereins- und Club-Mannschaften nicht mehr als vier Ausländer auf den Platz bringen durften. (Der Trainer musste bei Ein- und Auswechslungen höllisch aufpassen, dass er nicht gegen diese Regel verstieß.) Ich kenne noch die Zeit, als ein dunkelhäutiger Spieler in einer europäischen Nationalmannschaft als exotische Ausnahme galt (und als solche durchaus begrüßt wurde).
Nur die Rückkehr zu derartigen Regularien und Beschränkungen können den Fußball als Sportart retten, die eine integrierende Kraft über einer Stadt, einer Region oder einer Nation entfaltet. Da die Entwicklung in eine entgegengesetzte Richtung geht, wird Fußball ein Showbiz unter vielen anderen sein, von dem zumindest ich mich abwende.
Ca. acht Wochen sind seit dem Finale vergangen. Herr Scholdt hat sich Zeit genommen. Bis auf ein paar Ausnahmen kann ich dieser Analyse rundweg zustimmen.

Wahrheitssucher
6. September 2018 15:41

Die beste Sport/Fußball-politische Kommentierung, die ich je gelesen habe.
Wie in einem Brennglas zeigt sich der deutsche Zustand.

Sandstein
6. September 2018 19:28

Sport hat unpolitisch zu sein. Komischerweise ist er das nicht. Geht beim DDR- Doping los, beim Russen-Doping (und das der USA etc) weiter, und wir landen Ruckzuck bei der "Mannschaft", die wie alles in D für die Agenda der Regierung eingespannt wird.
Der Grindel ist eine richtige Funktionärspappnase, der Bierhoff ein Marketingstratege und Löw war mal hungrig und ist jetzt satt. Sieht man schön an den ganzen peinlichen Werbungen für Nivea und Konsorten.
Da sieht man den Menschen in Reinkultur: ohne moralische Einnordung nimmt er sich, was er kriegen kann, kein Gefühl von Stolz (ein Trainer der Gesichtscreme für Männer bewirbt?) oder Ehre.
Ich wünsche mir inbrünstig, dass dieses ganze Konstrukt baden geht.
Und ja, die Analyse ist gut geschrieben.
Frage mich aber, ob es was nutzt. Am besten wäre eine komplette Abwendung vom DFB, sie da treffen, wo es ihnen noch weh tut, beim Geld.
Und dafür müssen aber die sportlichen "Leistungen" stimmen, gewinnen sie heute Abend gegen Frankreich geht der nächste Siegerflieger starten. NULL Bock drauf.

sokrates399
6. September 2018 20:16

Man sollte sich wirklich fragen, warum der afrikanische Fußball, dem, so die „Fachleute“ seit langem, die Zukunft gehöre, bei allen letzten Weltmeisterschaften so katastrophal abschneidet; diesmal überstand keine Mannschaft die Vorrunde. Wie können diese Mannschaften zusammenwachsen, wenn alle genialischen Spieler schon in frühester Jugend von raffgierigen Milliardären weggekauft werden? Sie werden aus ihren Zusammenhängen, ihrer Heimat, ihrer Identität gerissen: können sich weder dort noch in ihrem neuen „westlichen“ Umfeld integrieren.
Beschränkungen sind wirklich vonnöten; da stimme ich Hartwig zu. Nur so kann jedes Volk seine eigentliche und eigene Kultur, zu der ich Fußball zähle, finden. Um vielleicht etwas zu pathetisch Heidegger zu paraphrasieren: Nicht „wirre Vermischung“, sondern „fügende Unterscheidung“ muß auch im Fußball Raum sich greifen, andernfalls werden wir Mannschaften mit einem wirren Sammelsurium von Individuen haben, wenn jeder auch jeder beliebigen Nation „beitreten“ kann; ein Abbild der alle vereinheitlichenden Globalisierung, die auch jeden Begriff der Nation zerstört (Herr Löw sprach ja nicht mehr von der „deutschen Nationalmannschaft“, sondern es hieß „Die Mannschaft“).
Und die afrikanischen Mannschaften mit ihrem eigenen Stil werden bald nur noch aus Spielern des Leistungskurses Sport einer beliebigen Schule aus Timbuktu stammen.

Der_Juergen
7. September 2018 08:23

Ein vorzüglicher Text. Eine kleine Korrektur: Panama schoss das erste WM-Tor, nicht Jamaica.

Wahrheitssucher
8. September 2018 00:22

@ Der_Jürgen

Eine vorzügliche Kommentierung, wie immer bei Ihnen!
(keine Ironie)
Möge es immer so wenig zu korrigieren geben...

Franz Bettinger
8. September 2018 03:46

Fußball-Fieber mit dieser, "unserer" Mannschaft? Sami Khedira, Ilkay Gündogan, Leroy Sané, Jerome Boateng, Shkodran Mustafi, Emre Can, Mesut Özil, Kerem Demirbay, Amin Younes, Karim Bellarabi, Serge Gnabry. Und mit so was identifizieren wir uns? Echt?

So hießen sie früher, die Spieler der Deutschen National-Mannschaft: Sepp Maier 🇩🇪, Franz Beckenbauer 🇩🇪, Paul Breitner 🇩🇪, Georg Schwarzenbeck 🇩🇪, Berti Vogts 🇩🇪, Rainer Bonhof 🇩🇪, Ulrich Höneß 🇩🇪, Günter Netzer 🇩🇪, Jupp Heynckes 🇩🇪 und Gerd Müller 🇩🇪.

t.gygax
8. September 2018 10:42

@franz bettinger
Mit Verlaub: Breitner, Beckenbauer, Netzer- na, das waren auch clevere Geschöftsleute, denen es ums Geld ging. Für "Deutschland" spielten in grauer Vorzeit Leute wie Fritz Walter und Uwe Seeler. Aber das ist lange her.

Andrerseits: Beckenbauer, Overath, Netzer , Gerd Müller und Schnellinger spielten einfach den besseren Fussball. Schauen Sie das Spiel Deutschland-Italien bei der WM 1970 an, und dann sehen Sie den Abstieg zu diesem kläglichen Gekicke von heute. Warum man eine vollendete Null wie Boateng überhaupt spielen lässt,einen Mann, der a) oft sehr unfair spielt und b) permanent Rückpässe zum eigenen Torwart spielt, das ist mir ein Rätsel. Bei manchen Spielen dachte ich, der weiß gar nicht mehr, auf welches Tor er spielen muss. Vielleicht ist das eine Frage der Intelligenz, und bei Özil habe ich mich immer gefragt, ob der überhaupt lesen kann. Zu Özil hier der Kommentar eines engagierten Sozialdemokraten, altes SPD Mitglied, der mir vor 8 Jahren nur sagte: " Guck doch dem Özil sein Gesicht an, dann weißt du, was Sache ist." Innerhalb des Fussballs waren selbst die alten Genossen politisch nicht korrekt.......

Ich persönlich glaube, dem Löw wird einfach gesagt, es müssen drei Schwarze und drei Türken mitspielen, und der gehorcht den Weisungen seiner Herren, ist sowieso der absolute Untertanentyp. Da waren Leute wie Schön oder Herberger andere Persönlichkeiten, aber das war auch eine andere Zeit.

Lotta Vorbeck
8. September 2018 11:43

@Franz Bettinger - 8. September 2018 - 03:46 AM

"Fußball-Fieber mit dieser, "unserer" Mannschaft? Sami Khedira, Ilkay Gündogan, Leroy Sané, Jerome Boateng, Shkodran Mustafi, Emre Can, Mesut Özil, Kerem Demirbay, Amin Younes, Karim Bellarabi, Serge Gnabry. Und mit so was identifizieren wir uns? Echt? ..."

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Nö - ich für meinen Teil hätte dann doch lieber Alexander Gauland als Nachbar.

Liliom
8. September 2018 17:05

Man soll sich überlegen, was man von Deutschtürken eigentlich erwartet. Als Identitärer habe ich mehr Respekt für einen Mesut Özil als einen Deniz Yücel. Würde man Özil hierorts applaudieren, wenn er seine türkischen Wurzeln verleugnet und sich rechtzeitig ein medial verordnetetes deutsches Weltbild übergestreift hätte, nach dem Erdogan das hässliche Schlusslicht einer Reihe von Superschurken bildet, in der auch Putin, Trump und Orban stehen? Wenn er sich gar als identitätsbildende Maßnahme den deutschen Täterkult übergestreift hätte und gelegentlich über die besondere Verantwortung faseln würde, die damit Hand in Hand geht? Würde man es andererseits richtig finden, wenn man anderswo deutschen Emigranten wie Brecht oder Mann im letzten Jahrhundert vorgehalten hätten, dass sie ihr Deutschtum nicht radikal und rasch genug abgelegt hätten? Und was ist von Menschen zu halten, die ihre Identität einfach aufgeben, sobald sich ein persönlicher Vorteil ergibt?
Özil und unzählige andere Deutschtürken sind hier geboren. Sie haben sich das nicht ausgesucht. Nach meiner Erfahrung sind diese Deutschtürken stolze Menschen, und der Anreiz, eine deutsche Identität anzunehmen, die sich fast nur ex negativo definiert, als Tätervolk, als Nachkommen von Menschen, die KZs betrieben haben, und die sich nie positiv oder patriotisch auf ihr Deutschsein beziehen darf (außer alle vier Jahre bei der WM), ist für sie einfach nicht attraktiv genug.

John Haase
9. September 2018 00:26

@Liliom
Sehe ich auch so. Gerade Özil wurde die deutsch-türkische Identität von den Medien angedichtet, groß befeuert hat er selbst das nicht. Um so enttäuschter waren natürlich gerade diese Medien, als Özil ihnen ihre Illusionen mittels Erdoganfoto nahm.

An der völlig überzogenen Heulerei über Erdogate sah man, wie sehr er unsere Journaille damit ins Herz traf. Der Anlaß war nichtig: das schlimmste, was man über Erdogan sagen kann ist, daß er ein seelenloser Autokrat ist, er ist aber kein Mao, kein Pol Pot und nicht mal ein Chavez. Hassen tun sie ihn deswegen, weil er einen recht handfesten Umgang mit Journalisten hat und nichts finden Journalisten schlimmer, als wenn einem der ihren ein Haar gekrümmt wird (siehe wochenlanges Geheule über die selbst verschuldete verlängerte Ausweiskontrolle in Dresden).

Özil hat nie einen großen Hehl um seine Haltung gemacht, wer sie sehen wollte, der konnte sie mühelos erkennen. Das immer wieder mal aufköchelnde Gegreine darüber, daß er die Hymne nicht so mitnuschelt wie die Biodeutschen in La Mannschaft und Trainerstab war immer schon peinlich. 90% der ganzen Sache ist deutsch-mediale Selbsttäuschung.

Ich finde schon, daß man mit einem gewissen Recht sagen kann, daß Verband und Presse ihm übel mitgespielt haben. Er selbst wird sich bei dem Erdoganfoto nicht viel gedacht haben, weil er die Erdoganhysterie unserer Medien nicht durchschaut und von heute auf morgen wurde er vom fleischgewordenen Integrationsbambi zum Pariah. Wir wissen, wie die deutsche Presse agiert, besonders nett waren sie zu Özil nicht. Weil er braune Haut hat, kam natürlich etwas mediales Gezecke wegen Rassismus, aber nur sehr spät und halbherzig und ohne den üblichen Kampagnenfuror. Sie haben ihn letztlich fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel (haha).

Der DFB hat sich bei der ganzen Sache auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Cacatum non est pictum
9. September 2018 00:42

Auch von mir Lob und Dank für eine facettenreiche WM-Nachlese. Der Fußball wird bei der Sezession ja nur selten gestreift. Und dennoch: Wer wollte bestreiten, daß er eine politische Dimension hat!

Der Özil-Gündogan-Komplex war ein Schmierenstück, das gewaltig eskaliert ist. Mir kam diese Episode wie eine Art Stellvertreterkrieg vor, der von allen möglichen Interessengruppen extern angeheizt wurde: Patrioten, Universalisten, Politikern, Verbandsfunktionären, Beratern, Sportexperten usw. Insofern kann ich die Verärgerung Özils nachvollziehen, der sich wohl zu Recht als Sündenbock der Nation hingestellt sieht. Unstrittig ist natürlich auch, daß er in dieser Medienschlacht kein gutes Bild abgegeben hat. Aber wer Interviews mit ihm kennt, sollte erahnen können, daß dem jungen Mann das rhetorische und intellektuelle Rüstzeug für derlei Auseinandersetzungen fehlt. In dieser Debatte war er hilfloser Spielball der treibenden Kräfte.

Die Empörung vieler Konservativer habe ich ohnehin als Phantomschmerz betrachtet. Haben diese Leute denn wirklich bis heute nicht begriffen, daß der weit überwiegende Teil der in Deutschland lebenden Türken loyal zur Heimat der Vorfahren steht? Özil und Gündogan bilden da ganz offenkundig keine Ausnahmen. Das mag man ihnen vorwerfen oder auch nicht. Andererseits könnte man sich aber die Frage stellen, ob es von deutscher Seite aus klug war,

- eine solch große Zahl von Türken hier einwandern zu lassen;
- ihnen und ihren zahlreichen Kindern fast ausnahmslos ein Daueraufenthaltsrecht zuzugestehen;
- einen beträchtlichen und wohl stetig wachsenden Anteil von ihnen vorbehaltlos einzubürgern - gerade dieser Punkt wird sich eines Tages als katastrophaler Fehler erweisen.

Der DFB fährt seit langem auf der Multiethnienschiene, und daher ist es Spielern wie Özil kaum zu verdenken, daß sie die (ich nehme an: flehentliche) Bitte des Verbandes erfüllt haben, in internationalen Spielen für die deutsche anstatt für die türkische Nationalmannschaft aufzulaufen. Es ist eine Win-win-Strategie: Der DFB verleibt sich das Leistungsvermögen der türkischen Spieler ein und strickt zugleich seine Multikultilegende weiter; die Spieler hingegen profitieren vom hohen Ansehen des DFB und können über (in der Regel) erfolgreiche Turnierteilnahmen ihren Marktwert in die Höhe treiben.

Wenn man die eingebürgerten Spieler dazu zwingt, ihre Lippen zum Deutschlandlied zu bewegen: Was ist damit gewonnen? Die innere Kluft dieser Spieler zwischen dem ethnisch-kulturellen Hintergrund der Eltern und einem Land, in dem sie vielleicht geboren und aufgewachsen sind, das sie aber nie als Vaterland angenommen haben - diese Kluft verschwindet dadurch nicht. Maßnahmen der genannten Art sind pure Kosmetik. Sie dienen dem politisch gesteuerten, von Opportunisten durchsetzten DFB dazu, seine Unfähigkeit zu maskieren.

Ich wende mich von dieser meiner Nationalmannschaft immer mehr ab. Von Kindesbeinen an war ich ihr treu verbunden. Aber diesen schmierigen, feigen und selbstherrlichen Amtsträgern wie Löw, Bierhoff, Grindel und Konsorten mag ich meine Zuneigung nicht länger schenken. Auch die Zusammensetzung des Kaders - Herr Bettinger hat das Thema angeschnitten - vermag meiner Loyalität keinen Schub zu geben. Ehrlicherweise müssen wir aber feststellen, daß hier die ethnische Durchmischung der jüngeren Bevölkerungsgeneration in Deutschland schon einigermaßen realistisch abgebildet ist. Willkommen in der Zukunft!

@Liliom

Volle Zustimmung zu Ihrer Wortmeldung.

KlausD.
9. September 2018 08:58

@Liliom
"... Reihe von Superschurken ... in der auch Putin, Trump und Orban stehen ..."

Wie kommen Sie zu dieser Zuordnung? Ganz im Gegenteil, für mich sind diese drei eher Helden unserer Zeit.

Utz
9. September 2018 09:25

@ Liliom
Es ist OK, wenn diese "Deutsch"türken sich als Türken fühlen, weil sie sich nicht mit Deutschland identifizieren können/wollen. Ja, einverstanden, das ist identitäres Denken. Aber dann sollten sie weder einen deutschen Paß haben noch in der deutschen Nationalmannschaft spielen.

@ Cacatum non est pictum
Sie schrieben:
Wenn man die eingebürgerten Spieler dazu zwingt, ihre Lippen zum Deutschlandlied zu bewegen: Was ist damit gewonnen? Die innere Kluft dieser Spieler zwischen dem ethnisch-kulturellen Hintergrund der Eltern und einem Land, in dem sie vielleicht geboren und aufgewachsen sind, das sie aber nie als Vaterland angenommen haben - diese Kluft verschwindet dadurch nicht.

Es würde sehr viel dadurch gewonnen sein. Man muß sich nur vorstellen wie ihre Landsleute reagieren würden. Ich vermute, daß Özil und co. bisher zu seinen türkischen Freunden gesagt hat "weißt du ich nehm nur das Geld der Kartoffeln, aber im Herzen bin ich ein Türke, deshalb singe ich auch die Hymne nicht mit". Er käme also in Erklärungsnot und müßte sich positionieren. Selbst wenn dann so einer sagt, er singt nicht von Herzen mit, macht das etwas mit ihm.

Cacatum non est pictum
9. September 2018 11:52

@Utz

"Es würde sehr viel dadurch gewonnen sein. Man muß sich nur vorstellen wie ihre Landsleute reagieren würden. Ich vermute, daß Özil und co. bisher zu seinen türkischen Freunden gesagt hat 'weißt du ich nehm nur das Geld der Kartoffeln, aber im Herzen bin ich ein Türke, deshalb singe ich auch die Hymne nicht mit'. Er käme also in Erklärungsnot und müßte sich positionieren. Selbst wenn dann so einer sagt, er singt nicht von Herzen mit, macht das etwas mit ihm."

Gut, das wäre ein taktischer Winkelzug, um die Migranten im Team zur Aufrichtigkeit zu zwingen. Dem einen würde das vielleicht schwerer fallen, der andere - Typ Schauspieltalent - könnte seinen Unwillen hingegen locker überspielen. Es bliebe in meinen Augen eine kosmetische Korrektur.

Liliom und John Haase haben gut herausgestellt, daß unseren sogenannten Deutschtürken das Etikett "Multikultibotschafter" von außen angeheftet wurde. DFB, Presse und andere interessierte Kreise sind damit jahrelang hausieren gegangen. Die Fallhöhe dieser Illusion nach der Erdoganaffäre haben sie zuvor selbst erklommen.

Der DFB hat doch den Einwandererkindern den roten Teppich ausgerollt und sie mit Flittergold überhäuft. Diejenigen, die auch für einen anderen Verband hätten spielen dürfen, haben das Angebot oft dankbar angenommen, obwohl sie sich vielleicht nie als Deutsche gesehen haben. Diese Korrumpierbarkeit kann man ihnen vielleicht als kleinen charakterlichen Mangel auslegen - Spieler wie etwa Hamit Altintop waren da ehrlicher und sind direkt für die Türkei aufgelaufen -, doch letztlich haben sie sich eben genommen, was sie kriegen konnten. Nichts Außergewöhnliches in unseren Zeiten, möchte ich behaupten.

Mit der Beibehaltung des Abstammungsprinzips nach dem alten deutschen Staatsangehörigkeitsrecht (bis zum Jahr 2000) hätte man sich einen großen Teil dieser Verwerfungen ersparen können. Sei's drum. Das Thema Nationalmannschaft ist inzwischen genauso von Lügen, Widersprüchen und Durchhalteparolen geprägt wie die Migrationsdebatte an sich. Neue Konflikte blitzen schon am Horizont auf. Auch sie werden sich in der deutschen Medienlandschaft entladen.

Wahrheitssucher
9. September 2018 12:42

Ein Özil hat ein jedes Recht zu einer jeden politischen Demonstration und ein ebensolches Recht zu einem Nicht-Mitsingen einer deutschen Nationalhymne.
Nur sollte die eigentliche Konsequenz daraus sein, daß er eben nicht in eine deutsche Nationalmannschaft gehört.
Daß er in der derzeitigen Truppe - wie auch andere - dennoch einen Platz gefunden hat, ist das Bezeichnende und Verstörende unserer Zeit.

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