Mesut, Jogi, Antonio und Co. Eine sportpolitische Nachbetrachtung

von Prof. Günter Scholdt über das Fußballtheater der »Mannschaft« und ihres Umfelds im Sommer 2018.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Nun spie­len sie also wie­der – auch noch gegen ihre Nach­fol­ger – die trau­ri­gen Recken der Welt­meis­ter­schaft. Auch der Plei­tier Jogi hat inzwi­schen gespro­chen und das Som­mer­thea­ter vor­läu­fig beendet.

Sei­ne nach Mona­ten gezo­ge­ne Bilanz räumt Feh­ler­chen ein, dar­un­ter (sogar mit star­ken Wor­ten) „Arro­ganz“ in Sachen Ball­be­sitz­fuß­ball. Ver­schie­de­ne sozia­le und men­ta­le Rah­men­be­din­gun­gen hät­ten nicht gestimmt, mul­ti­kul­tu­rel­le Pro­ble­me in der Mann­schaft habe es jedoch nie gegeben.

Ein biß­chen boden­stän­di­ger und volks­nä­her müs­se man wohl wie­der wer­den. Auch wis­sen wir jetzt genau: Die Durch­schnitts­zeit zwi­schen Ball­an­nah­me und ‑wei­ter­ga­be hat sich von 1,2 Sekun­den 2010 auf 1,51 2018 ver­län­gert, was viel und gar­nichts erklärt. Aber wer erwar­te­te von die­ser Pres­se­kon­fe­renz auch mehr als vom Horn­ber­ger Schießen?

Zuvor hat­te auch Mesut gespro­chen bzw. geschrie­ben bzw. schrei­ben las­sen. Nicht mehr zu deut­schen Fans, die er bezeich­nen­der­wei­se eng­lisch infor­mier­te, son­dern per Twit­ter zur welt­wei­ten Gemein­de sei­ner 23 Mil­lio­nen Fol­lower. Er tre­te zurück. Denn er wer­de hier­zu­lan­de aus­ge­grenzt, weil er sich zu sei­nen tür­ki­schen Wur­zeln bekannt habe. Wer­de von Rech­ten und man­chen Zei­tun­gen übelst atta­ckiert und von frü­he­ren Nutz­nie­ßern wie dem DFB im Stich gelassen.

Umge­hend star­te­te auch eine „#MeT­wo“- Kam­pa­gne im Netz als Akti­on gegen was? … Natür­lich gegen Ras­sis­mus. Denn die­ses beschä­mend ein­falls­lo­se, meist erbärm­lich defi­nier­te, zur blo­ßen Dreck­schleu­der ver­kom­me­ne, aber mil­lio­nen­fach gebrauch­te Schlag­wort taugt seit Jahr­zehn­ten als Pas­se­par­tout zur hie­si­gen media­len Aufmerksamkeit.

Uli Hoe­neß, froh, daß mit Özils Rück­tritt nun „der Spuk“ zu Ende sei, kom­men­tier­te die Ein­las­sung sei­ner­seits pol­ternd: Der habe doch „seit Jah­ren einen Dreck gespielt. Den letz­ten Zwei­kampf hat er vor der WM 2014 gewon­nen. Und jetzt ver­steckt er sich und sei­ne Mist-Leis­tung hin­ter die­sem Foto.“ Doch der­glei­chen erhel­len­der Gro­bia­nis­mus scheint in Deutsch­land unzulässig.

Poli­ti­ker oder Medi­en im Dut­zend reagier­ten empört und sehen wei­ter­hin Bedarf zur Auf­ar­bei­tung des Ras­sis­mus in der deut­schen Gesell­schaft. Auch kann man jede Wet­te dar­auf ein­ge­hen, daß der DFB in Zukunft wie­der und wie­der über die­ses Stöck­chen springt, wei­te­re Diver­si­ty-Mil­lio­nen für Pro­pa­gan­da sinn­los ver­pul­vert oder sei­ne Maß­nah­men im Jugend­be­reich falsch adressiert.

Das schä­bi­ge Som­mer­thea­ter bleibt uns also noch lan­ge erhal­ten. Denn jetzt ist ein Faß auf­ge­macht, aus dem Dut­zen­de von Lob­by­grup­pen und NGO.s mittrin­ken. Und sie wer­den es frag­los bis zur Nei­ge leeren.

Ein tod­si­che­res Geschäftsmodell

O wie schön waren die glück­li­chen Tage vor dem Erdo­gan-Foto­ter­min! Dut­zen­de von Pro­fi­teu­ren befällt Nost­al­gie. Schließ­lich waren Natio­nal­mann­schaf­ten als Geschäfts­mo­dell bis­lang unschlag­bar, obwohl geld­gie­ri­ge FIFA-Funk­tio­nä­re sich red­lich Mühe geben, durch infla­tio­nä­re Auf­blä­hung der Spie­le ihr Pro­dukt zu ruinieren.

Die Ver­mark­tung beschränkt sich schließ­lich nicht nur auf Sym­pa­thi­san­ten von Clubs, wo doch z.B. ein­ge­fleisch­te Schal­ker nie­mals Dort­mund- oder Bay­ern-Tri­kots kau­fen. Sie erfaßt viel­mehr gan­ze Län­der. Für den DFB etwa war­ten gigan­ti­sche Mar­ke­ting-Erlö­se durch 80 Mil­lio­nen poten­ti­el­ler Devo­tio­na­li­en-Kun­den, von Tri­kots über Bett­wä­sche bis zu Pani­ni-Fotos, wobei Babys väter­lich ver­tre­ten wer­den. Auch der Markt­wert der Stars steigt auf inter­na­tio­na­ler Büh­ne bis in Höhen ent­fes­sel­ter Schamlosigkeit.

Die Spie­le besche­ren Fern­seh- und Radio­sen­dern über Wochen einen Mega-Unter­hal­tungs­auf­trag mit hohen Ein­schalt­quo­ten. Der Staats­funk kann sich volks­nah geben – wie das alte Rom durch „cir­cen­ses“ – und schein­bar sei­ne Zwangs­ge­büh­ren recht­fer­ti­gen. Wer­be­fir­men erhal­ten Rie­sen­stü­cke vom Geschäfts­ku­chen, nicht zuletzt durch Multikulti-Gesinnungsreklame.

Regie­ren­de Poli­ti­ker kön­nen im Umkreis natio­na­ler „Hel­den“ ihre Popu­la­ri­täts­wer­te ver­bes­sern und bei Sie­gen durch kol­lek­ti­ve Eupho­rie ihre Miß­wirt­schaft bemän­teln. In die­ser unver­bind­li­chen Form läßt sich fol­gen­los Patrio­tis­mus simu­lie­ren und wun­der­bar instru­men­ta­li­sie­ren – ein Fak­tor, den ein­fäl­ti­ge grü­ne Mies­ma­cher nie recht ver­stan­den haben.

Ein ruhm­vol­les Auf­tre­ten der Kicker ver­bes­sert das Image des gan­zen Lan­des. Im Ide­al­fall – etwa nach einem WM-Sieg – läßt es sich sogar als Über­le­gen­heit des mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schafts­kon­zepts ver­kau­fen und bei ahnungs­lo­sen Gut­men­schen im „Kampf gegen Rechts“ punk­ten. Kurz: Eine tod­si­che­re Win-Situa­ti­on winkt für nahe­zu jede und jeden.

Aller­dings funk­tio­niert das Pro­jekt „Natio­nal­mann­schaft“ als kri­sen­si­che­res Mar­ken­pro­dukt nur unter gewis­sen Vor­aus­set­zun­gen und ist stark an Emo­tio­nen gebun­den, die umschla­gen kön­nen. Auch ist es äußerst ris­kant, Mas­sen­ge­füh­le so weit anzu­kur­beln, daß sie Höchst­ge­win­ne aus­wer­fen, wenn der Fan dann durch­schaut, daß teils falsch gespielt wurde.

Tra­di­ti­on und ihre Versumpfung

Denn eine alle vier Jah­re ablau­fen­de sport­li­che Leis­tungs­schau erzeugt Gefüh­le, die an eine Gene­ral­mo­bil­ma­chung erin­nern. Ein gan­zes Land fei­ert wochen­lang ein rau­schen­des Fest und pro­ji­ziert sei­ne Hoff­nun­gen auf zwei Dut­zend Vor­kämp­fer, die sie wür­dig ver­tre­ten mögen. Wenn ja, erhebt man die Spie­ler in den Sta­tus von Halbgöttern.

Zudem rückt die Nati­on in Freud und Leid der Ergeb­nis­se, Vor­lie­ben oder Aver­sio­nen auch emo­tio­nal stär­ker zusam­men. Zwei­fel­los berüh­ren spek­ta­ku­lä­re Taten zum Ruhm eines Lan­des auch des­sen Kol­lek­tiv­see­le und sen­den natio­na­le Hoff­nungs­si­gna­le aus.

Exem­pla­risch geschah dies beim „Wun­der von Bern“. Und obwohl inzwi­schen nur noch weni­ge Deut­sche von die­sem 1954er Erleb­nis zeh­ren, ste­hen wir nach wie vor in der Tra­di­ti­on eines qua­si­my­thi­schen Sie­ges. Und die Erin­ne­rung an Fritz Wal­ter, Max Mor­lock, Toni Turek oder Hel­mut Rahn ist noch nicht völ­lig verblaßt.

Die dama­li­gen Hel­den erhiel­ten für die­sen Tri­umph mei­nes Wis­sens gera­de mal eine Arm­band­uhr. Aber den meis­ten von ihnen trau­te man ohne­hin zu, daß sie Hun­der­te von Kilo­me­tern zu Fuß zum Bun­des-Sepp Her­ber­ger gepil­gert wären, nur um für Deutsch­land zu spielen.

Was die Löws, Bier­hoffs und etli­che DFB-Funk­tio­nä­re von sol­cher Men­ta­li­tät trennt, liegt auf der Hand. Sie den­ken wie ihre Spie­ler in Ver­mark­tungs- und PR-Kate­go­rien. Ihr Hori­zont kreist um Image­fra­gen, SAP-Spiel­ana­ly­sen oder bes­ten­falls sta­tus­er­hö­hen­de Hofie­rung durch die Poli­tik. (Jogi Löw etwa durf­te als illus­tre Gali­ons­fi­gur der Grü­nen den bereits vor­be­stimm­ten Herrn Stein­mei­er zum Prä­si­den­ten „wäh­len“.)

Der Gefühls­wert des Begriffs „Deut­sche Natio­nal­mann­schaft“ wird von sol­chen Typen daher kaum höher taxiert, als es Pro­dukt­ma­na­ger bei der Vor­stel­lung neu­er Mar­ken emp­fin­den. Ihnen kam somit nicht in den Sinn, daß eine Hym­ne vor Spiel­be­ginn mehr bedeu­ten könn­te als zur Sie­ger­eh­rung Queens‘ „We are the champions“.

Zuge­ge­be­ner­ma­ßen wuß­ten auch frü­he­re „Leit­bil­der“ nicht mehr so recht, wel­che Vor­bild­funk­ti­on ihnen zukam: die Netzers, Becken­bau­ers, Breit­ners & Co., coo­le Ver­tre­ter ihrer Bran­che, die das Sin­gen ein­stell­ten und zudem bei der Heim-WM zu strei­ken droh­ten, falls ihre Prä­mien­wün­sche nicht erfüllt würden.

Der dama­li­ge Bun­des­trai­ner Schön, Gen­tle­man alter Schu­le, woll­te dar­auf sein Amt hin­wer­fen und ließ sich nur schwe­ren Her­zens umstim­men. Daß dies kei­ne nach­hal­ti­gen Sym­pa­thie­ein­bu­ßen mit sich brach­te, lag aus­schließ­lich dar­an, daß die­se Genera­ti­on Sie­ge in Serie ein­fuhr. Denn Erfolg kaschiert bekannt­lich alles.

Das Publi­kum

Nie­der­la­gen gefähr­den jedoch das emo­tio­na­le Band erheb­lich. Es sei denn, die Fans haben den Ein­druck, daß die Prot­ago­nis­ten alles taten, um sie abzu­wen­den. Ther­mo­py­len- oder Nibe­lun­gen-Kämp­fer ent­bin­det der Mythos vom schlich­ten Resul­tat. Oder weni­ger mar­tia­lisch auf Sport­er­geb­nis­se bezo­gen: Wo alles ver­sucht wur­de, das böse Schick­sal abzu­wen­den, ent­schul­digt das Publi­kum auch Nie­der­la­gen. Viel­fach wer­den die Prot­ago­nis­ten sogar in die kol­lek­ti­ve Trau­er mit einbezogen.

In die­sem Sin­ne erhiel­ten etwa deut­sche Mann­schaf­ten, die 1966 gegen Eng­land oder 1970 in Mexi­ko gegen Ita­li­en den Kür­ze­ren zogen, ihren gro­ßen Bahn­hof. Und als Hel­den gefei­ert wur­den bei die­ser Welt­meis­ter­schaft auch die aus­ge­schie­de­nen Rus­sen, Japa­ner, Ira­ner, Kolum­bia­ner oder gar Jamai­ka­ner, deren ers­tes bei einer WM geschos­se­nes Tor fre­ne­tisch umju­belt wurde.

Eins aber wird bei Mißer­folg nicht ver­zie­hen: man­geln­der Ein­satz und das Gefühl, daß die Lan­des­ver­tre­ter sich nicht voll mit der Nati­on iden­ti­fi­zie­ren – dies übri­gens sogar aus einem Schuß Prag­ma­tis­mus. Denn wer die dies­jäh­ri­ge WM auf­merk­sam ver­folg­te, konn­te bei­spiel­haft erken­nen, daß natio­na­le Ver­bun­den­heit offen­bar letz­te Kraft­re­ser­ven mobi­li­siert und selbst hoch­be­zahl­te Aus­lands­le­gio­nä­re plötz­lich dazu brach­te, ihren Ego­is­mus zurückzustellen.

Das galt unmiß­ver­ständ­lich für Kroa­ti­en, das mög­li­cher­wei­se nur durch zwei äußerst dubio­se Schieds­rich­ter­ent­schei­dun­gen um den ganz gro­ßen Tri­umph gebracht wur­de. Und gera­de deut­sche Natio­nal­mann­schaf­ten glänz­ten, von Aus­nah­men wie 1990 abge­se­hen, schon tra­di­tio­nell nie durch eine Fül­le an Tech­nik­ta­len­ten. Doch wur­de dies viel­fach durch sog. deut­sche Tugen­den wettgemacht.

Dem­ge­gen­über signa­li­sier­te beson­ders Özils fuß­bal­le­ri­scher Phä­no­typ, ver­gli­chen etwa mit dem Kroa­ten Mod­ric, nichts weni­ger als letz­te Ein­satz­be­reit­schaft. Was die Fan-Kri­tik (wie aus­ge­wo­gen oder geschmack­los-undif­fe­ren­ziert auch immer) auf ihn fokus­sier­te, war daher jene Mischung aus poli­ti­scher Instinkt­lo­sig­keit, man­geln­dem Enga­ge­ment bzw. einer Aus­strah­lung, die Mario Bas­ler nicht ganz grund­los mit der eines „toten Froschs“ verglich.

Der Star­trai­ner Mour­in­ho nann­te ihn übri­gens ein­mal „Heul­su­se“. Zwar war er kein Allein­ver­ant­wort­li­cher für die Mise­re und im Mexi­ko-Spiel gewiß nicht als Ver­tei­di­ger auf­ge­stellt. Aber sein Ver­hal­ten vor dem Gegen­tor glich fast einer Arbeits­ver­wei­ge­rung, gekrönt durch die hilf­lo­se Ges­te bean­spruch­ter Unzuständigkeit.

All das war ein­fach zu viel für die Fans, die zudem noch eine Resul­tats­kri­se ver­dau­en muß­ten. Ihre Pfif­fe sind also ver­ständ­lich, und man braucht nicht wie üblich frem­den­feind­li­che Moti­ve zu unterstellen.

Schuld

Damit zur „Schuld“ der bei­den Erdo­gan-Wahl­kämp­fer. Abge­se­hen von Özils ver­ba­lem Nach­tre­ten erscheint sie mir nicht über­mä­ßig und steht in kei­nem Ver­hält­nis zur Wir­kung ihres Auf­tritts. Der hat­te für mich eher etwas von der Nai­vi­tät eines Kin­des, das in der Schul­ver­samm­lung öffent­lich aus­plau­dert, man müs­se bei der Leh­re­rin X oder dem Leh­rer Y kei­ne Haus­auf­ga­ben machen, weil die das nie kontrollieren.

Auch sehe ich die PR-Ese­lei vor allem bei den Bera­tern der bei­den und natür­lich bei der sport­li­chen Lei­tung, die ihnen nie­mals bei­brach­te, was sich mit der Mar­ke „Natio­nal­mann­schaft“ schlecht ver­trägt. Denn jetzt liegt auf dem Tisch, was man bis­lang krampf­haft igno­riert hat und für jeden, der zwei und zwei kor­rekt addiert, ohne­hin nie ein Geheim­nis war.

Daß näm­lich ein beträcht­li­cher Teil der Zuge­wan­der­ten (gera­de der zwei­ten Genera­ti­on) hier inner­lich nie ganz ange­kom­men ist. Zer­trüm­mert wur­de also ledig­lich die Fas­sa­de einer Inte­gra­ti­ons­le­gen­de, wie sie unser Par­tei­en­kar­tell so hals­star­rig ver­brei­tet oder im Ver­sa­gens­fall „Bio­deut­schen“ als Defi­zit anlastet.

Wenn somit DFB-Prä­si­dent Grin­del plötz­lich Özil zur Erklä­rung auf­for­der­te, fragt sich, was er jen­seits natio­na­ler Schein­be­kennt­nis­se ex post erwar­te­te – eine Far­ce, die uns glück­li­cher­wei­se erspart blieb. Viel nöti­ger wäre es, das (von Kum­pa­nei mit unse­rer polit­me­dia­len Klas­se gepräg­te) zeit­geist­li­che Selbst­ver­ständ­nis des Deut­schen Fuß­ball­bunds aufzuarbeiten.

Man müß­te also in den Füh­rungs­eta­gen über­haupt wie­der das Bewußt­sein dafür wecken, was eine Natio­nal­mann­schaft ist oder im bes­ten Fall sein könn­te. Denn der bis­he­ri­ge Begriffs­ho­ri­zont jener Ver­ant­wort­li­chen gleicht dem von Schnäpp­chen­jä­gern, was für sie selbst ange­sichts von Mil­lio­nen­ren­di­ten oder per­sön­li­chen (teils pein­li­chen) Wer­be­ver­trä­gen ja zwei­fel­los der Fall ist.

Dia­gno­sen und Konsequenzen

Wel­che Fol­ge­run­gen wären dar­aus zu zie­hen, und was wird statt­des­sen wohl mit­tel­fris­tig passieren?

  1. Die Reak­ti­on vie­ler Zuschau­er auf das Erschei­nungs­bild von Löws Trup­pe muß den Ver­ant­wort­li­chen zu den­ken geben. Schon im Vor­feld sah man in unse­ren Stra­ßen erheb­lich weni­ger Fähn­chen als frü­her. Und das Aus­schei­den selbst wur­de viel­fach als gerech­te Stra­fe für eine Abge­ho­ben­heit betrach­tet, der gemäß man­geln­der Kom­fort in Watu­tin­ki zum Zen­tral­pro­blem avan­cier­te. Von Tei­len der Fans droht also „Lie­bes­ent­zug“. Und soll das Ver­mark­tungs­kon­zept „Nati­on“ in sei­ner ein­träg­li­chen Fül­le auf­recht­erhal­ten wer­den, wird man nach die­sem ergeb­nis­mä­ßi­gen Tief­punkt deut­scher Fuß­ball­his­to­rie wohl kaum um wenigs­tens ver­ba­le Kon­zes­sio­nen an die Zuschau­er her­um­kom­men. Vie­le Fans wün­schen näm­lich kei­ne Mogel­pa­ckung mehr, son­dern ein Pro­dukt, in dem, wo Natio­nal­mann­schaft drauf­steht, auch Natio­nal­mann­schaft drin ist.

Das allen­falls zu erwar­ten­de offi­zi­el­le Deutsch­land-Bekennt­nis wird jedoch ver­mut­lich schon bald durch die Ver­pflich­tung auf „uni­ver­sel­le“ DFB-Wer­te ver­wäs­sernd aus­ta­riert, wonach man strikt gegen ein omi­nö­ses „Rechts“ flaggt.

Das Gan­ze im Geist der unse­li­gen Zwan­zi­ger-Ära oder des Prä­si­den­ten der Frank­fur­ter Ein­tracht mit sei­nem demo­kra­tie­feind­li­chen Anti-AfD-Beschluß. Özils Ras­sis­mus-Kuckucks­ei zeigt die Richtung.

  1. Der DFB hat sich durch unse­re Funk­ti­ons­eli­te bestimm­te tages­po­li­ti­sche Front­stel­lun­gen (exem­pla­risch gegen­über Ruß­land) oder gesell­schaft­li­che Dog­men auf­schwat­zen las­sen. Die Natio­nal­mann­schaft ali­as „Mann­schaft“ soll näm­lich bele­gen, wie herr­lich weit wir’s hier mit der Ein­glie­de­rung eth­ni­scher Min­der­hei­ten gebracht haben. Das aller­dings kann nur behaup­ten, wer vie­les Gegen­läu­fi­ge unter den Tep­pich kehrt. Und immer mehr Fans, die auch ander­wei­tig die Fol­gen mul­ti­eth­ni­scher Traum­tän­ze­rei aus­ba­den, reagie­ren auf die­se Als-ob-Ver­laut­ba­run­gen heu­te all­er­gisch. Die offi­zi­el­len Weich­zeich­nun­gen der Lage sto­ßen also umso schnel­ler an Glaub­wür­dig­keits­gren­zen, je mehr sie die real­exis­tie­ren­den Pro­ble­me übertünchen.
  2. Im „Tages­spie­gel“ vom 17. Juni stand als Sym­ptom ver­öf­fent­lich­ter Mei­nung: „Der WM-Titel 2014 war das allei­ni­ge Ver­dienst einer mul­ti­eth­ni­schen Fuß­ball­mann­schaft. Das Team ist der bes­te Beweis dafür, wie gro­tesk das Ver­lan­gen nach einer bewah­rens­wer­ten deut­schen Iden­ti­tät ist.“ Ich kann hier nicht alle Denk­feh­ler die­ses so gesin­nungs­star­ken wie ana­ly­se­schwa­chen Main­strea­mers auf­spie­ßen. Doch immer­hin sei mit Micha­el Klo­n­ovs­ky gefragt: „Tja, und wes­sen Ver­dienst ist der letz­te Grup­pen­platz in der Vorrunde?“

Aber selbst, wenn sie erfolg­rei­cher gespielt hät­te, was wäre dadurch bewiesen?

Daß hoch­be­zahl­te Ball­künst­ler nicht nur in inter­na­tio­na­len Club- son­dern auch Län­der­mann­schaf­ten gro­ßes Kino bie­ten kön­nen. Daß es spe­zi­fi­sche ath­le­ti­sche Fer­tig­kei­ten gibt, die in der Drit­ten Welt (beson­ders Schwarz­afri­kas) gegen­wär­tig häu­fi­ger vorkommen.

Daß sich künf­tig Super­stars wohl mehr­heit­lich aus dem Pool ein­ge­wan­der­ter Stra­ßen­fuß­bal­ler rekru­tie­ren las­sen. Doch spricht dies wirk­lich gegen die unzwei­fel­haf­te Iden­ti­tät einer Natio­nal­mann­schaft und ihr Auf­tre­ten als vor­be­halt­lo­se Reprä­sen­tan­ten ihres Landes?

Katar hat 2015 durch aben­teu­er­li­che Ein­bür­ge­run­gen eine Hand­ball­trup­pe zur Welt­meis­ter­schaft zusam­men­ge­kauft, die sogar ins Fina­le ein­zog. Ein ein­zi­ger Bio-Kata­rer durf­te damals kurz­zei­tig mit­tun. Hier zäh­len nur nack­te Resul­ta­te, die ohne­hin nicht durch­weg pro­gram­mier­bar sind, weil bei heu­ti­ger Leis­tungs­dich­te vie­les zu einem erheb­li­chen Teil Glücks­spiel bleibt. Eine ernst­zu­neh­men­de Natio­nal­aus­wahl folgt daher anspruchs­vol­le­ren Kri­te­ri­en, deren posi­ti­ve öffent­li­che Aus­strah­lung sie zudem erfolgs­un­ab­hän­gi­ger macht.

  1. Alle paar Jah­re wer­den uns aber sol­che (Endspiel-)Siege als Schein­be­wei­se für angeb­lich geglück­te Inte­gra­ti­on ver­kauft. Man hat etwa die fran­zö­si­sche Équi­pe Tri­co­lo­re der Jahr­hun­dert­wen­de in den mul­ti­kul­tu­rel­len Him­mel geho­ben und tut dies mit dem neu­es­ten Team wie­der. Und in der Tat spiel­ten die Män­ner um Ziné­di­ne Zida­ne einen berau­schen­den Fuß­ball und tri­um­phier­ten zu Recht bei der Welt- und Euro­pa­meis­ter­schaft. Eini­ges spä­ter in Süd­afri­ka jedoch stand ein völ­li­ges Zer­würf­nis der Mann­schaft zu Buche, das exakt eth­ni­schen Bruch­li­ni­en folg­te. Oder man den­ke an einen ent­setz­ten Staats­prä­si­den­ten Sar­ko­zy, als er anse­hen muß­te, wie das Gros der Zuschau­er die Mar­seil­lai­se aus­pfiff. Was also bewei­sen Sie­ge jen­seits des Umstands, daß Erfolg­rei­che schein­bar immer Recht haben?
  2. Wer wirk­lich wis­sen will, wie es um Inte­gra­ti­on steht, möge sich beson­ders in Kreis­klas­sen umse­hen, nicht bei hoch­do­tier­ten Wer­be­agen­tu­ren, die ihr ein­fäl­tig-ein­träg­li­ches Lied von der Viel­falt sin­gen. Er möge Schieds­rich­ter über gewalt­sa­me Vor­komm­nis­se in diver­sen Milieus befra­gen und etli­che vom Ver­band unter­schwel­lig aus­ge­hen­de Nöti­gun­gen, bestimm­te Miß­stän­de lie­ber zu beschö­ni­gen. (Man will ja schließ­lich auch mal eine Liga höher pfei­fen oder sich auch nur pein­li­chen Papier­kram vom Hals hal­ten.) Es gibt frag­los zahl­rei­che Sport­be­zie­hun­gen, die rei­bungs­los ablau­fen. Aber man soll­te auch die wach­sen­den Hin­ter­hö­fe im Blick behal­ten, in denen von Hitz­köp­fen inner- wie außer­halb des Spiel­felds Tages­kon­flik­te aus­ge­tra­gen wer­den. Daß nicht über­all rei­bungs­los zusam­men­wächst, was zusam­men­ge­hö­ren soll, ist eigent­lich unverkennbar.

Von Auto­chtho­nen gibt es dar­un­ter gewiß auch mal frem­den­feind­li­che Pöbe­lei­en. Aber mehr noch wird man mit der Weh­lei­dig­keit Ein­ge­wan­der­ter kon­fron­tiert, die sich, gestützt durch die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Dis­kri­mi­nie­rungs­ideo­lo­gie, schon struk­tu­rell benach­tei­ligt sehen und Ras­sis­mus­vor­wür­fe im Tau­sen­der­pack hervorsprudeln.

Das Gan­ze natür­lich als akku­sa­to­ri­sche Ein­bahn­stra­ße. Denn natür­lich gibt es offi­zi­el­ler­seits kei­nen die Öffent­lich­keit inter­es­sie­ren­den anti­deut­schen Ras­sis­mus. Eben den wahr­zu­neh­men wäre aber höchst auf­schluß­reich, zumal die­ses Phä­no­men, demo­gra­phie­be­dingt, dem­nächst ähn­li­che Fol­gen haben wird, wie dies in abge­kipp­ten Vier­teln im Schul­be­reich bereits gang und gäbe ist.

Auch im Sport ist übri­gens die Bil­dung einer leis­tungs­fä­hi­gen mul­ti­eth­ni­schen Mann­schaft nicht unkom­pli­ziert. Man unter­schät­ze unter­schied­li­che Tem­pe­ra­men­te, Men­ta­li­tä­ten und nicht zuletzt Ehr­be­grif­fe nicht! Der Zuwachs an spie­le­ri­scher oder ath­le­ti­scher Qua­li­tät hat sei­nen Preis durch auf­wen­di­ge Ver­mitt­lungs- und Über­zeu­gungs­ar­beit. Selbst unter Luxus­be­din­gun­gen eines Uni­ver­si­täts­fuß­ball­clubs, den ich eini­ge Jah­re trai­nier­te, durf­te ich schon vor Jahr­zehn­ten sol­che Erfah­run­gen sammeln.

  1. Zurück zur Natio­nal­mann­schaft: Wirk­li­che Inte­gra­ti­on läge vor, wenn Spie­ler, die die deut­schen Far­ben ver­tre­ten, von sich aus öffent­lich ihre Freu­de dar­über bekun­de­ten, es hier geschafft zu haben. Wenn sie ihre Ent­schei­dung für Deutsch­land als bewuß­te dar­stell­ten, die nicht vor­wie­gend auf höhe­rer Kom­merz- oder Erfolgs­er­war­tung beruht. Und wenn gera­de sie sich als Mut machen­de Ver­mitt­ler gegen­über eben­falls ein­ge­wan­der­ten Lands­leu­ten ver­stün­den. Nicht bloß als (auch noch von Netz­wer­ken prä­mier­te) Ver­tre­ter jenes Dis­kri­mi­nie­rungs-Gejam­mers, das immer mehr Deut­sche nervt.

Inzwi­schen hält sich als Tritt­brett­fah­rer, bestärkt vom ein­schlä­gig emp­find­sa­men FAZ-Redak­teur Micha­el Hore­ni, auch Anto­nio Rüdi­ger für beru­fen, die Ras­sis­mus-Kar­te zu spie­len. Statt die Quo­te sei­ner Leicht­sinn­spat­zer zu mini­mie­ren, monier­te er man­geln­de Soli­da­ri­tät mit Özil. Auch habe man ihn irgend­wo mit „uh, uh, uh“ begrüßt, ohne dass Sank­tio­nen erfolg­ten. Sol­len wir dem­nach noch mehr Fan­be­treu­er, Lau­scher oder gar Schnell­rich­ter in die Sta­di­en schicken?

Schon immer ent­lu­den sich in den Zuschau­er­rän­gen unkor­rek­te Emo­tio­nen, und man sei zufrie­den, wenn das gewalt­los abgeht. Das „Arsch­loch, Wich­ser, Huren­sohn“ gehört bei Abschlä­gen mitt­ler­wei­le zum Standard.

Und die sei­ner­zeit Rich­tung Kahn gewor­fe­nen Bana­nen ernähr­ten einen hal­ben Zoo. Schon vor Jahr­zehn­ten in mei­nen Kreis­klas­se-Zei­ten muß­te man bei bestimm­ten Aus­wärts­spie­len mit hef­ti­gen Zuschau­er­re­ak­tio­nen rech­nen, als Außen­ver­tei­di­ger oder ‑stür­mer gar mit Schirm­sti­chen einer fana­ti­sier­ten Oma.

Also mögen unse­re sonst so gehät­schel­ten Kicker-Mil­lio­nä­re mit irgend­wel­chen frem­den Wur­zeln zuwei­len ein biß­chen mehr psy­chi­sche Robust­heit zei­gen. Nur Sozia­lidyl­li­ker behaup­ten, Mul­ti­kul­ti sei durch­weg ein Kin­der­spiel. Aber gegen Häme gibt es ein Zau­ber­mit­tel: näm­lich Leis­tung, die Rufe ver­stum­men läßt.

Daß dar­über hin­aus ein von allen Spie­lern gesun­ge­nes Bekennt­nis zur Nati­on und den per Hym­ne ver­mit­tel­ten Wer­ten ein wich­ti­ges gesell­schaft­li­ches Signal ist, ver­steht sich von selbst. Nicht zu sin­gen oder sich mit ein paar müden Lip­pen­be­we­gun­gen zu begnü­gen, mag in den 1970ern fol­gen­los cool gewe­sen sein.

In einem durch Mas­sen­ein­wan­de­rung bedroh­ten Land hat es nega­tiv-demons­tra­ti­ven Cha­rak­ter. Wenn Spie­ler mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund im Gegen­satz zu ihren bio­deut­schen Kame­ra­den oder sport­li­chen „Lei­tern“ (fast) kol­lek­tiv dar­auf ver­zich­ten, neh­men sie zumin­dest fahr­läs­sig in Kauf, daß man dies als trot­zi­ge Deso­li­da­ri­sie­rung versteht.

Wenn sie in Kennt­nis sol­cher Stim­mun­gen wei­ter­hin Pro­ble­me haben, einen so unver­fäng­li­chen Text wie „Einig­keit und Recht und Frei­heit für das deut­sche Vater­land“ zu into­nie­ren, stimmt etwas nicht mit ihrer viel­be­re­de­ten Vor­bild­funk­ti­on. Und wenn ihnen dies eine hilf­lo­se DFB-Füh­rung, die sonst bei jeder Gele­gen­heit „mutig“ gegen „Ras­sis­mus“ auf­steht, nicht nach­hal­tig ans Herz legen kann, möge sie sich eine ande­re Beschäf­ti­gung suchen.

Ob sie aller­dings bei sol­chem Man­gel an Über­zeu­gungs­kraft auch nur für mitt­le­re Fir­men infra­ge käme, bleibt frag­lich. Denn dort lebt oder spielt man nach außen hin stets „gro­ße Fami­lie“. Und wer die PR-Selig­keit der Cor­po­ra­te Iden­ti­ty stört, fliegt schnel­ler als er ein­ge­stellt wurde.

Nicht so beim DFB. Denn des­sen Stan­dard-Ant­wort, die schon vor Beginn der WM auf ent­spre­chen­de Anfra­gen ver­sandt wur­de, liest sich als klas­si­sches Armuts­zeug­nis respek­ti­ve als Kapitulation:

„Sehr geehr­ter Fußballfan,

herz­li­chen Dank für Ihre Mail und Ihr Inter­es­se am Deut­schen Fuß­ball-Bund, das Sie damit bekunden.

Ohne Wenn und Aberstim­men wir sicher dar­in über­ein, dass das Abspie­len der Natio­nal­hym­ne vor Län­der­spie­len immer etwas Beson­de­res sein wird. Was das Mit­sin­gen durch die Spie­ler betrifft, ist unse­re Posi­ti­on eben­falls klar: Natür­lich wäre es schön, wenn wirk­lich alle mit­sin­gen würden.

Bei allem ange­brach­ten Respekt vor der Natio­nal­hym­ne ist es für den DFB aus­schlag­ge­bend, dass sich die Natio­nal­spie­ler voll und ganz mit Deutsch­land iden­ti­fi­zie­ren – und das tun sie auch! Ent­schei­dend ist doch, dass alle Spie­ler ihr Bes­tes für ihr Land und ihre Fans geben und nicht ihre Bereit­schaft, in der Öffent­lich­keit zu singen.

Zwarist es unser Wunsch, dass die Spie­ler mit­sin­gen und dies ist ihnen auchbekannt, aber wenn es nur ein Teil der Mann­schaft tut, müs­sen wir das akzep­tie­ren. Es gehört zu den Stär­keneines frei­heit­li­chen, demo­kra­ti­schen Staa­tes, dass jeder selbst ent­schei­den kann, ob er die Hym­ne mit­singt oder nicht.

Wir hof­fen, dass Sie dem DFB auch wei­ter­hin ver­bun­den blei­ben und unse­rer Natio­nal­mann­schaft die Dau­men drücken.

Mit freund­li­chen Grüßen,

Ihr DFB-Team“ [Kur­si­vie­rung durch G.S.]

7. Was Özil & Co. als Debat­te anstie­ßen, wird uns nicht mehr ver­las­sen. Und die jet­zi­gen Stür­me waren kaum mehr als Vor­ge­plän­kel. Schon bei die­ser WM zeig­te sich, wie stark etwa die Mann­schafts­auf­stel­lung poli­ti­scher Bewer­tung unter­lag. Denn als die bei­den Erdo­gan-Wer­ber kri­ti­siert oder aus­ge­buht wur­den, reagier­ten eini­ge Medi­en gera­de­zu stra­te­gisch durch klas­si­sche Revan­che­fouls nach dem Mot­to: Schlägst du mei­nen Özil, schlag ich dei­nen Müller.

Mit sol­chen Atta­cken traf man wie „zufäl­lig“ gera­de einen Typus, der als urwüch­sig, deutsch-baju­wa­risch und boden­stän­dig galt. Er soll­te nun min­des­tens eben­so schuld an unse­rem Zeit­lu­pen­fuß­ball sein und wur­de umge­hend von Jour­na­lis­ten sogar an ers­ter Stel­le unter den Ver­sa­gern genannt. War er das?

Er hat wie ande­re in die­sem Tur­nier tat­säch­lich unter Form gespielt und durf­te so frag­los aus­ge­wech­selt wer­den. Aber daß Löw, souf­fliert von einer ganz bestimm­ten Öffent­lich­keit, im ent­schei­den­den Spiel aus­ge­rech­net Özil den Vor­zug gab, setzt ihn dem Ver­dacht aus, daß nicht nur Leis­tung zähl­te, wenn ich mal unap­pe­tit­li­che Geschäfts­ver­bin­dun­gen außer Betracht lasse.

Denn wäh­rend Mül­ler in der Tat häu­fig als nim­mer­mü­der Mun­ter­ma­cher und Füh­rungs­spie­ler auf­fiel, wüß­te ich kein ein­zi­ges ent­schei­den­des Spiel zu nen­nen, das der begna­de­te Tech­ni­ker Özil, wenn es eng wird, an sich geris­sen oder gar umge­dreht hätte.

  1. Bei einer so gestrick­ten media­len Öffent­lich­keit wer­den künf­tig mehr denn je Auf­stel­lungs-Ent­schei­dun­gen als Gesell­schafts­fra­gen dis­ku­tiert. Und kri­ti­sier­te oder nicht berück­sich­ti­ge Spie­ler wer­den sich die­ses Druck­mit­tels zu bedie­nen wis­sen. Inso­fern scheint für Bun­des­trai­ner dem­nächst eine diplo­ma­ti­sche Grund­aus­bil­dung zu den essen­ti­el­len Vor­aus­set­zun­gen zu gehö­ren. Aber viel­leicht ist eines noch wich­ti­ger: Stand­fes­tig­keit gegen­über (media­len wie poli­ti­schen) Pres­sio­nen. Eigen­schaf­ten also, die dem so medi­en- und inter­es­sen­ab­hän­gi­gen Löw fremd sind. In sei­ner erstaun­lich erfolg­rei­chen Kar­rie­re ging er fast immer den Weg des gerings­ten Wider­stands. Und nicht sel­ten wur­de er durch Ver­let­zun­gen zu bes­se­ren Auf­stel­lun­gen gezwun­gen. Er wag­te nie eine direk­te Kon­fron­ta­ti­on mit poten­ti­el­len Publi­kums­lieb­lin­gen, wenn er ihr Ver­hal­ten miß­bil­lig­te. Dis­zi­pli­niert wur­den dage­gen stets Spie­ler, die er ohne­hin aus­son­dern woll­te. Zu glau­ben, daß aus­ge­rech­net er der Mann sein soll, den gor­di­schen Kno­ten durch­zu­hau­en, fällt mir schwer.

Wie es mit der Natio­nal­mann­schaft wei­ter­geht, bleibt somit im dop­pel­ten Wort­sinn span­nend. Aber sol­che Rei­bungs­hit­ze sei ja ein Fort­schritt, ver­kün­de­te jüngst ein pro­fes­so­ra­les Honig­ku­chen­pferd aus Müns­ter: der Poli­to­lo­ge Ala­din El-Mafaa­la­ni, der sich aktu­ell bezeich­nen­der­wei­se im nord­rhein-west­fä­li­schen Fami­li­en- und Inte­gra­ti­ons­mi­nis­te­ri­um tummelt.

Sei­ner auf 240 Sei­ten ver­kün­de­ten spa­ßi­gen Grund­the­se gemäß, erkennt man näm­lich gelun­ge­ne Inte­gra­ti­on dar­an, daß sie zu mehr Kon­flik­ten führt.

Nun, dar­an wird es künf­tig gewiß nicht mangeln.

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Kommentare (16)

Hartwig aus LG8

6. September 2018 14:11

Ich kenne noch die Zeit, als Vereins- und Club-Mannschaften nicht mehr als vier Ausländer auf den Platz bringen durften. (Der Trainer musste bei Ein- und Auswechslungen höllisch aufpassen, dass er nicht gegen diese Regel verstieß.) Ich kenne noch die Zeit, als ein dunkelhäutiger Spieler in einer europäischen Nationalmannschaft als exotische Ausnahme galt (und als solche durchaus begrüßt wurde).
Nur die Rückkehr zu derartigen Regularien und Beschränkungen können den Fußball als Sportart retten, die eine integrierende Kraft über einer Stadt, einer Region oder einer Nation entfaltet. Da die Entwicklung in eine entgegengesetzte Richtung geht, wird Fußball ein Showbiz unter vielen anderen sein, von dem zumindest ich mich abwende.
Ca. acht Wochen sind seit dem Finale vergangen. Herr Scholdt hat sich Zeit genommen. Bis auf ein paar Ausnahmen kann ich dieser Analyse rundweg zustimmen.

Wahrheitssucher

6. September 2018 15:41

Die beste Sport/Fußball-politische Kommentierung, die ich je gelesen habe.
Wie in einem Brennglas zeigt sich der deutsche Zustand.

Sandstein

6. September 2018 19:28

Sport hat unpolitisch zu sein. Komischerweise ist er das nicht. Geht beim DDR- Doping los, beim Russen-Doping (und das der USA etc) weiter, und wir landen Ruckzuck bei der "Mannschaft", die wie alles in D für die Agenda der Regierung eingespannt wird.
Der Grindel ist eine richtige Funktionärspappnase, der Bierhoff ein Marketingstratege und Löw war mal hungrig und ist jetzt satt. Sieht man schön an den ganzen peinlichen Werbungen für Nivea und Konsorten.
Da sieht man den Menschen in Reinkultur: ohne moralische Einnordung nimmt er sich, was er kriegen kann, kein Gefühl von Stolz (ein Trainer der Gesichtscreme für Männer bewirbt?) oder Ehre.
Ich wünsche mir inbrünstig, dass dieses ganze Konstrukt baden geht.
Und ja, die Analyse ist gut geschrieben.
Frage mich aber, ob es was nutzt. Am besten wäre eine komplette Abwendung vom DFB, sie da treffen, wo es ihnen noch weh tut, beim Geld.
Und dafür müssen aber die sportlichen "Leistungen" stimmen, gewinnen sie heute Abend gegen Frankreich geht der nächste Siegerflieger starten. NULL Bock drauf.

sokrates399

6. September 2018 20:16

Man sollte sich wirklich fragen, warum der afrikanische Fußball, dem, so die „Fachleute“ seit langem, die Zukunft gehöre, bei allen letzten Weltmeisterschaften so katastrophal abschneidet; diesmal überstand keine Mannschaft die Vorrunde. Wie können diese Mannschaften zusammenwachsen, wenn alle genialischen Spieler schon in frühester Jugend von raffgierigen Milliardären weggekauft werden? Sie werden aus ihren Zusammenhängen, ihrer Heimat, ihrer Identität gerissen: können sich weder dort noch in ihrem neuen „westlichen“ Umfeld integrieren.
Beschränkungen sind wirklich vonnöten; da stimme ich Hartwig zu. Nur so kann jedes Volk seine eigentliche und eigene Kultur, zu der ich Fußball zähle, finden. Um vielleicht etwas zu pathetisch Heidegger zu paraphrasieren: Nicht „wirre Vermischung“, sondern „fügende Unterscheidung“ muß auch im Fußball Raum sich greifen, andernfalls werden wir Mannschaften mit einem wirren Sammelsurium von Individuen haben, wenn jeder auch jeder beliebigen Nation „beitreten“ kann; ein Abbild der alle vereinheitlichenden Globalisierung, die auch jeden Begriff der Nation zerstört (Herr Löw sprach ja nicht mehr von der „deutschen Nationalmannschaft“, sondern es hieß „Die Mannschaft“).
Und die afrikanischen Mannschaften mit ihrem eigenen Stil werden bald nur noch aus Spielern des Leistungskurses Sport einer beliebigen Schule aus Timbuktu stammen.

Der_Juergen

7. September 2018 08:23

Ein vorzüglicher Text. Eine kleine Korrektur: Panama schoss das erste WM-Tor, nicht Jamaica.

Wahrheitssucher

8. September 2018 00:22

@ Der_Jürgen

Eine vorzügliche Kommentierung, wie immer bei Ihnen!
(keine Ironie)
Möge es immer so wenig zu korrigieren geben...

Franz Bettinger

8. September 2018 03:46

Fußball-Fieber mit dieser, "unserer" Mannschaft? Sami Khedira, Ilkay Gündogan, Leroy Sané, Jerome Boateng, Shkodran Mustafi, Emre Can, Mesut Özil, Kerem Demirbay, Amin Younes, Karim Bellarabi, Serge Gnabry. Und mit so was identifizieren wir uns? Echt?

So hießen sie früher, die Spieler der Deutschen National-Mannschaft: Sepp Maier 🇩🇪, Franz Beckenbauer 🇩🇪, Paul Breitner 🇩🇪, Georg Schwarzenbeck 🇩🇪, Berti Vogts 🇩🇪, Rainer Bonhof 🇩🇪, Ulrich Höneß 🇩🇪, Günter Netzer 🇩🇪, Jupp Heynckes 🇩🇪 und Gerd Müller 🇩🇪.

t.gygax

8. September 2018 10:42

@franz bettinger
Mit Verlaub: Breitner, Beckenbauer, Netzer- na, das waren auch clevere Geschöftsleute, denen es ums Geld ging. Für "Deutschland" spielten in grauer Vorzeit Leute wie Fritz Walter und Uwe Seeler. Aber das ist lange her.

Andrerseits: Beckenbauer, Overath, Netzer , Gerd Müller und Schnellinger spielten einfach den besseren Fussball. Schauen Sie das Spiel Deutschland-Italien bei der WM 1970 an, und dann sehen Sie den Abstieg zu diesem kläglichen Gekicke von heute. Warum man eine vollendete Null wie Boateng überhaupt spielen lässt,einen Mann, der a) oft sehr unfair spielt und b) permanent Rückpässe zum eigenen Torwart spielt, das ist mir ein Rätsel. Bei manchen Spielen dachte ich, der weiß gar nicht mehr, auf welches Tor er spielen muss. Vielleicht ist das eine Frage der Intelligenz, und bei Özil habe ich mich immer gefragt, ob der überhaupt lesen kann. Zu Özil hier der Kommentar eines engagierten Sozialdemokraten, altes SPD Mitglied, der mir vor 8 Jahren nur sagte: " Guck doch dem Özil sein Gesicht an, dann weißt du, was Sache ist." Innerhalb des Fussballs waren selbst die alten Genossen politisch nicht korrekt.......

Ich persönlich glaube, dem Löw wird einfach gesagt, es müssen drei Schwarze und drei Türken mitspielen, und der gehorcht den Weisungen seiner Herren, ist sowieso der absolute Untertanentyp. Da waren Leute wie Schön oder Herberger andere Persönlichkeiten, aber das war auch eine andere Zeit.

Lotta Vorbeck

8. September 2018 11:43

@Franz Bettinger - 8. September 2018 - 03:46 AM

"Fußball-Fieber mit dieser, "unserer" Mannschaft? Sami Khedira, Ilkay Gündogan, Leroy Sané, Jerome Boateng, Shkodran Mustafi, Emre Can, Mesut Özil, Kerem Demirbay, Amin Younes, Karim Bellarabi, Serge Gnabry. Und mit so was identifizieren wir uns? Echt? ..."

____________________

Nö - ich für meinen Teil hätte dann doch lieber Alexander Gauland als Nachbar.

Liliom

8. September 2018 17:05

Man soll sich überlegen, was man von Deutschtürken eigentlich erwartet. Als Identitärer habe ich mehr Respekt für einen Mesut Özil als einen Deniz Yücel. Würde man Özil hierorts applaudieren, wenn er seine türkischen Wurzeln verleugnet und sich rechtzeitig ein medial verordnetetes deutsches Weltbild übergestreift hätte, nach dem Erdogan das hässliche Schlusslicht einer Reihe von Superschurken bildet, in der auch Putin, Trump und Orban stehen? Wenn er sich gar als identitätsbildende Maßnahme den deutschen Täterkult übergestreift hätte und gelegentlich über die besondere Verantwortung faseln würde, die damit Hand in Hand geht? Würde man es andererseits richtig finden, wenn man anderswo deutschen Emigranten wie Brecht oder Mann im letzten Jahrhundert vorgehalten hätten, dass sie ihr Deutschtum nicht radikal und rasch genug abgelegt hätten? Und was ist von Menschen zu halten, die ihre Identität einfach aufgeben, sobald sich ein persönlicher Vorteil ergibt?
Özil und unzählige andere Deutschtürken sind hier geboren. Sie haben sich das nicht ausgesucht. Nach meiner Erfahrung sind diese Deutschtürken stolze Menschen, und der Anreiz, eine deutsche Identität anzunehmen, die sich fast nur ex negativo definiert, als Tätervolk, als Nachkommen von Menschen, die KZs betrieben haben, und die sich nie positiv oder patriotisch auf ihr Deutschsein beziehen darf (außer alle vier Jahre bei der WM), ist für sie einfach nicht attraktiv genug.

John Haase

9. September 2018 00:26

@Liliom
Sehe ich auch so. Gerade Özil wurde die deutsch-türkische Identität von den Medien angedichtet, groß befeuert hat er selbst das nicht. Um so enttäuschter waren natürlich gerade diese Medien, als Özil ihnen ihre Illusionen mittels Erdoganfoto nahm.

An der völlig überzogenen Heulerei über Erdogate sah man, wie sehr er unsere Journaille damit ins Herz traf. Der Anlaß war nichtig: das schlimmste, was man über Erdogan sagen kann ist, daß er ein seelenloser Autokrat ist, er ist aber kein Mao, kein Pol Pot und nicht mal ein Chavez. Hassen tun sie ihn deswegen, weil er einen recht handfesten Umgang mit Journalisten hat und nichts finden Journalisten schlimmer, als wenn einem der ihren ein Haar gekrümmt wird (siehe wochenlanges Geheule über die selbst verschuldete verlängerte Ausweiskontrolle in Dresden).

Özil hat nie einen großen Hehl um seine Haltung gemacht, wer sie sehen wollte, der konnte sie mühelos erkennen. Das immer wieder mal aufköchelnde Gegreine darüber, daß er die Hymne nicht so mitnuschelt wie die Biodeutschen in La Mannschaft und Trainerstab war immer schon peinlich. 90% der ganzen Sache ist deutsch-mediale Selbsttäuschung.

Ich finde schon, daß man mit einem gewissen Recht sagen kann, daß Verband und Presse ihm übel mitgespielt haben. Er selbst wird sich bei dem Erdoganfoto nicht viel gedacht haben, weil er die Erdoganhysterie unserer Medien nicht durchschaut und von heute auf morgen wurde er vom fleischgewordenen Integrationsbambi zum Pariah. Wir wissen, wie die deutsche Presse agiert, besonders nett waren sie zu Özil nicht. Weil er braune Haut hat, kam natürlich etwas mediales Gezecke wegen Rassismus, aber nur sehr spät und halbherzig und ohne den üblichen Kampagnenfuror. Sie haben ihn letztlich fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel (haha).

Der DFB hat sich bei der ganzen Sache auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Cacatum non est pictum

9. September 2018 00:42

Auch von mir Lob und Dank für eine facettenreiche WM-Nachlese. Der Fußball wird bei der Sezession ja nur selten gestreift. Und dennoch: Wer wollte bestreiten, daß er eine politische Dimension hat!

Der Özil-Gündogan-Komplex war ein Schmierenstück, das gewaltig eskaliert ist. Mir kam diese Episode wie eine Art Stellvertreterkrieg vor, der von allen möglichen Interessengruppen extern angeheizt wurde: Patrioten, Universalisten, Politikern, Verbandsfunktionären, Beratern, Sportexperten usw. Insofern kann ich die Verärgerung Özils nachvollziehen, der sich wohl zu Recht als Sündenbock der Nation hingestellt sieht. Unstrittig ist natürlich auch, daß er in dieser Medienschlacht kein gutes Bild abgegeben hat. Aber wer Interviews mit ihm kennt, sollte erahnen können, daß dem jungen Mann das rhetorische und intellektuelle Rüstzeug für derlei Auseinandersetzungen fehlt. In dieser Debatte war er hilfloser Spielball der treibenden Kräfte.

Die Empörung vieler Konservativer habe ich ohnehin als Phantomschmerz betrachtet. Haben diese Leute denn wirklich bis heute nicht begriffen, daß der weit überwiegende Teil der in Deutschland lebenden Türken loyal zur Heimat der Vorfahren steht? Özil und Gündogan bilden da ganz offenkundig keine Ausnahmen. Das mag man ihnen vorwerfen oder auch nicht. Andererseits könnte man sich aber die Frage stellen, ob es von deutscher Seite aus klug war,

- eine solch große Zahl von Türken hier einwandern zu lassen;
- ihnen und ihren zahlreichen Kindern fast ausnahmslos ein Daueraufenthaltsrecht zuzugestehen;
- einen beträchtlichen und wohl stetig wachsenden Anteil von ihnen vorbehaltlos einzubürgern - gerade dieser Punkt wird sich eines Tages als katastrophaler Fehler erweisen.

Der DFB fährt seit langem auf der Multiethnienschiene, und daher ist es Spielern wie Özil kaum zu verdenken, daß sie die (ich nehme an: flehentliche) Bitte des Verbandes erfüllt haben, in internationalen Spielen für die deutsche anstatt für die türkische Nationalmannschaft aufzulaufen. Es ist eine Win-win-Strategie: Der DFB verleibt sich das Leistungsvermögen der türkischen Spieler ein und strickt zugleich seine Multikultilegende weiter; die Spieler hingegen profitieren vom hohen Ansehen des DFB und können über (in der Regel) erfolgreiche Turnierteilnahmen ihren Marktwert in die Höhe treiben.

Wenn man die eingebürgerten Spieler dazu zwingt, ihre Lippen zum Deutschlandlied zu bewegen: Was ist damit gewonnen? Die innere Kluft dieser Spieler zwischen dem ethnisch-kulturellen Hintergrund der Eltern und einem Land, in dem sie vielleicht geboren und aufgewachsen sind, das sie aber nie als Vaterland angenommen haben - diese Kluft verschwindet dadurch nicht. Maßnahmen der genannten Art sind pure Kosmetik. Sie dienen dem politisch gesteuerten, von Opportunisten durchsetzten DFB dazu, seine Unfähigkeit zu maskieren.

Ich wende mich von dieser meiner Nationalmannschaft immer mehr ab. Von Kindesbeinen an war ich ihr treu verbunden. Aber diesen schmierigen, feigen und selbstherrlichen Amtsträgern wie Löw, Bierhoff, Grindel und Konsorten mag ich meine Zuneigung nicht länger schenken. Auch die Zusammensetzung des Kaders - Herr Bettinger hat das Thema angeschnitten - vermag meiner Loyalität keinen Schub zu geben. Ehrlicherweise müssen wir aber feststellen, daß hier die ethnische Durchmischung der jüngeren Bevölkerungsgeneration in Deutschland schon einigermaßen realistisch abgebildet ist. Willkommen in der Zukunft!

@Liliom

Volle Zustimmung zu Ihrer Wortmeldung.

KlausD.

9. September 2018 08:58

@Liliom
"... Reihe von Superschurken ... in der auch Putin, Trump und Orban stehen ..."

Wie kommen Sie zu dieser Zuordnung? Ganz im Gegenteil, für mich sind diese drei eher Helden unserer Zeit.

Utz

9. September 2018 09:25

@ Liliom
Es ist OK, wenn diese "Deutsch"türken sich als Türken fühlen, weil sie sich nicht mit Deutschland identifizieren können/wollen. Ja, einverstanden, das ist identitäres Denken. Aber dann sollten sie weder einen deutschen Paß haben noch in der deutschen Nationalmannschaft spielen.

@ Cacatum non est pictum
Sie schrieben:
Wenn man die eingebürgerten Spieler dazu zwingt, ihre Lippen zum Deutschlandlied zu bewegen: Was ist damit gewonnen? Die innere Kluft dieser Spieler zwischen dem ethnisch-kulturellen Hintergrund der Eltern und einem Land, in dem sie vielleicht geboren und aufgewachsen sind, das sie aber nie als Vaterland angenommen haben - diese Kluft verschwindet dadurch nicht.

Es würde sehr viel dadurch gewonnen sein. Man muß sich nur vorstellen wie ihre Landsleute reagieren würden. Ich vermute, daß Özil und co. bisher zu seinen türkischen Freunden gesagt hat "weißt du ich nehm nur das Geld der Kartoffeln, aber im Herzen bin ich ein Türke, deshalb singe ich auch die Hymne nicht mit". Er käme also in Erklärungsnot und müßte sich positionieren. Selbst wenn dann so einer sagt, er singt nicht von Herzen mit, macht das etwas mit ihm.

Cacatum non est pictum

9. September 2018 11:52

@Utz

"Es würde sehr viel dadurch gewonnen sein. Man muß sich nur vorstellen wie ihre Landsleute reagieren würden. Ich vermute, daß Özil und co. bisher zu seinen türkischen Freunden gesagt hat 'weißt du ich nehm nur das Geld der Kartoffeln, aber im Herzen bin ich ein Türke, deshalb singe ich auch die Hymne nicht mit'. Er käme also in Erklärungsnot und müßte sich positionieren. Selbst wenn dann so einer sagt, er singt nicht von Herzen mit, macht das etwas mit ihm."

Gut, das wäre ein taktischer Winkelzug, um die Migranten im Team zur Aufrichtigkeit zu zwingen. Dem einen würde das vielleicht schwerer fallen, der andere - Typ Schauspieltalent - könnte seinen Unwillen hingegen locker überspielen. Es bliebe in meinen Augen eine kosmetische Korrektur.

Liliom und John Haase haben gut herausgestellt, daß unseren sogenannten Deutschtürken das Etikett "Multikultibotschafter" von außen angeheftet wurde. DFB, Presse und andere interessierte Kreise sind damit jahrelang hausieren gegangen. Die Fallhöhe dieser Illusion nach der Erdoganaffäre haben sie zuvor selbst erklommen.

Der DFB hat doch den Einwandererkindern den roten Teppich ausgerollt und sie mit Flittergold überhäuft. Diejenigen, die auch für einen anderen Verband hätten spielen dürfen, haben das Angebot oft dankbar angenommen, obwohl sie sich vielleicht nie als Deutsche gesehen haben. Diese Korrumpierbarkeit kann man ihnen vielleicht als kleinen charakterlichen Mangel auslegen - Spieler wie etwa Hamit Altintop waren da ehrlicher und sind direkt für die Türkei aufgelaufen -, doch letztlich haben sie sich eben genommen, was sie kriegen konnten. Nichts Außergewöhnliches in unseren Zeiten, möchte ich behaupten.

Mit der Beibehaltung des Abstammungsprinzips nach dem alten deutschen Staatsangehörigkeitsrecht (bis zum Jahr 2000) hätte man sich einen großen Teil dieser Verwerfungen ersparen können. Sei's drum. Das Thema Nationalmannschaft ist inzwischen genauso von Lügen, Widersprüchen und Durchhalteparolen geprägt wie die Migrationsdebatte an sich. Neue Konflikte blitzen schon am Horizont auf. Auch sie werden sich in der deutschen Medienlandschaft entladen.

Wahrheitssucher

9. September 2018 12:42

Ein Özil hat ein jedes Recht zu einer jeden politischen Demonstration und ein ebensolches Recht zu einem Nicht-Mitsingen einer deutschen Nationalhymne.
Nur sollte die eigentliche Konsequenz daraus sein, daß er eben nicht in eine deutsche Nationalmannschaft gehört.
Daß er in der derzeitigen Truppe - wie auch andere - dennoch einen Platz gefunden hat, ist das Bezeichnende und Verstörende unserer Zeit.