Sezession
19. September 2018

Das war’s. Diesmal mit: verzogenen Kindern …

Ellen Kositza / 15 Kommentare

und dem Wunsch (nicht) aufzufallen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

14. September 2018 -- Ministerpräsident Kretschmar war im Rahmen üblicher Bürgerspräche in einer sächsischen Schule, höre ich. Ich vernehme es im Radio, und die Journalistin spricht mit hörbar hochgezogenen Augenbrauen.

Denn, was fragten ihn die Schüler so? Gar nichts mit rechts und links, mit Mob, Mord und Zivilcourage, sondern blöde Sachen wie: „War es eigentlich schon immer ihr Traum, mal Ministerpräsident zu werden?“

Die Jugend, die Jugend! Entweder verzogen oder vollends entpolitisiert! – denke ich mir. Mit was beschäftigen sich denn Jugendliche heute? Nur mit Computerspielen und Instagram-accounts?

Freitag nachmittag hole ich meine Kinder vom Internat ab. Eine hervorragende Schule. Hier leisten alle mehr als das Nötige, gewinnen Sprachwettbewerbe und Jugend-forscht-Preise. Soziales Engagement wird nicht nur auf dem Papier wertgeschätzt.

Ich frage: „Und, was sagt Ihr so zum Thema Sachsen? Was wird bei Euch darüber geredet? Tenor?“

„Sachsen? Wieso? Was?“ – Ich: „??! Kann doch nicht wahr sein! Daß Ihr nichts mitbekommen habt?!“

Kinder: „Nö. Hat niemand drüber geredet. Und W-Lan war wie immer schwach. Was war denn da?“

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15. September 2018 -- Meine allerliebste Freundin aus dem Brandenburgischen schickt mir eine nette Mail:

„(…) Und weil wir es doch neulich mit dem Kulturpessimismus hatten und dem Elend damit: Kopf hoch, Ellen, es gibt auch Heiteres:

Unsere neue Klassenlehrerin [Grundschule, E.K.], 24 Jahre und frisch von der Uni, ist ein echtes Blitzmädel modernen Zuschnitts. Klar ist sie im Kern gehirngewaschen wie alle. Wie sollte es anders sein. Aber doch frisch, straff und streng. Sie rügte sofort Eltern (alle mindestens eine Generation älter als das Fräulein), die zu Beginn der Klassenversammlung noch tuschelten.

Es gibt nun einen echten Strafenkatalog für „kindliches Fehlverhalten“, sehr schön. Ein Schüler hat bereits eine Rote Karte bekommen, und die beinhaltet eine echt ätzende Abschreibübung. Es war übrigens meiner lieber M., der sie erhalten hat. Eins seiner Vergehen, die Liste hing nämlich aus: "Hat gelacht, als eine Mitschülerin auf dem Pausenhof stürzte." Gut, das das jetzt geahndet wird!

Dann wurde ein Infoblättchen mit Terminen ausgegeben, guck mal, hier: 08.02.2019: Ausgabe HJ-Zeugnisse. Im Anschluß Sportwettkampf, Motto: Gemeinsam sind wir stark!

Ich mußte grinsen, als ich es las. Natürlich fragte die Strenge gleich: "Frau L., sie amüsieren sich? Gibt es einen Fehler?" Soo süß!

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16. September 2018 -- Seit längerem finde ich meine Reitkappe nicht. Oben ohne mach ich nicht. Leihen kann ich mir keine, das liegt an meinem Dickkopf. Wer hat schon Hutgröße 60? Drum reite ich mit Fahrradhelm aus, und mit was für einem! Ein Sperrmüllfund von annodazumal, womöglich ist es sogar ein alter Mofa-Helm, die Meinungen dazu gehen auseinander.

Normalweiser sieht mich ja keiner bis auf die Tiere in Wald und Flur. Heute wurde ich allerdings gesehen, aus einem Omnibus heraus, und die Bemerkungen wurden sogleich von einem Mitreisenden kolportiert. Junge eins: „Guck mal, die, auf’m Pferd. Total kraß. Wie das aussieht!“ – „Ach, die. Kubitschek. Halbcool, halb beknackt. Denen ist völlig egal, was man von denen denkt. Die wollen Hauptsache auffallen.“

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17. September 2018 -- Apropops „Hauptsache auffallen“: Stimmt ja gar nicht! Beispielsweise: Grade hat unsere erste Tochter geheiratet. Im Vorgespräch mit der würdigen Standesbeamtin entschied sich das Brautpaar unter den zur Auswahl stehenden Begleitmusiken für: gar keine. Nein, kein Loving can hurt, kein Love ist the answer und auch kein I will always love you. Ein kleiner familiärer Chor werde singen.

Na gut, seufzte die Beamtin, aber leise Hintergrundmusik während der Zeremonie m ü s s e  sein. – „Och nee, lieber nicht.“ –„Ganz ohne Musik?? Das ist ja abartig!“ (wörtlich!)

Also gut, kleinbeigegeben. Bloß nicht dauernd auffallen. Es liefen eine hochdramatische Version von Guns and Roses („November Rain“), Richard Claydermans „Por Adeline“ etc. Meine einzige Sorge galt jener Tochter, die zu wilden Lachanfällen neigt, derer sie selten Herr wird.

Nun, die konfektionierte Gefühlsmusik dudelte und wurde in den mit Bedacht gesetzten Nachdenkpausen etwas lauter. Ich sah die Gesichter der Töchter sich röten, sah es zucken in den Gesichtern – aber, puh, keine fiel aus der Rolle.

Ich lobte die heikle Tochter hernach, daß sie die Contenance wahren konnte.  „Ja. aber schau, hier.“ Sie zeigte ihre Handfläche, darin eine Art Loch, tiefrot. Sie hatte sich eine Viertelstunde lang die Stimmgabel ins Fleisch gebohrt, „sonst wär‘s nicht gegangen.“ Bloß nicht auffallen!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (15)

H. M. Richter
19. September 2018 08:18

Ach, wie gut doch diese Episoden tun in ansonsten recht ernsten Zeiten ...
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Viel Glück und viel Segen dem jungen Brautpaar zur Vermählung !

Zunächst hatte ich doch wirklich gedacht, es handele sich um jene - weitaus jüngere ... - Tochter, die erst kürzlich den Vater telephonisch befragte: „Hallo Papa. Eine sehr wichtige Frage. Was würdest Du sagen, wenn ich [...]?"

Aber auch wenn in Schnellroda die Uhren anders gehen als im Rest des Landes, so schnell gehen sie dann doch nicht. Nicht einmal dort ...

Chr
19. September 2018 10:02

10 k Like & ROFL

Alles in allem eine Wohltat. Literarisch wie inhaltlich.

Gruesse und Dank

Sandstein
19. September 2018 10:24

Ach herrlich, Gutes kommt, wenn man es nicht erwartet.

...wollte mich schon beschweren wo meine Lieblingskolumne bleibt - und da kommt sie.

Danke an EK, ich weiß ich schreib das jedesmal, aber es ist einfach großes Kino.

starhemberg
19. September 2018 11:11

Als Österreicher bin ich wahrlich überrascht, dass in Schland noch "HJ-Zeugnisse" verteilt werden. Gibt es denn auch BDM-Zensuren? Aber Spaß beiseite - die krasse Kubitschek mit dem halbcoolen Helm hätte ich auch gerne gesehen. Und mir wahrscheinlich dabei ein Loch in die Handfläche gebohrt, denn niemals würde ich über Sie lachen, sehr verehrte Frau Kositza. Allerdings mit Ihnen sehr gerne.

deutscheridentitaerer
19. September 2018 11:20

Bis heute verstehe ich nicht, wie die völlig politikdesinteressierten, historisch komplett ungebildeten Gestalten meiner Schule wenige Jahre später auf Antipegidademos rumhüpften und sich gesorgt haben, dass "1933" wieder bevorsteht - wobei sie nicht wüssten, was da im Einzelnen passiert ist, mich überrascht schon, dass sie die Jahreszahl mittlerweile kennen.

Und das war ebenfalls eine sehr angesehene Schule (warum weiß ich allerdings nicht), voller Arztkinder und ähnlichem. Aber gut, die Schule ist halt eine Parallelwelt.

Ich empfand die wenigen betont strengen Lehrer immer als große Freude. Die Lehrer, die sich nicht durchsetzen konnten oder wollten, haben den Ernst aus der ganzen Sache genommen.

Gratulation an ihre Tochter, ich habe Ihre Kinder nur gelegentlich auf Demos gesehen, ohne mit ihnen zu interagieren. Aber man sieht sofort, dass sie ganz anders, sprich besser, sind als die restliche verwahrloste Jugend.

Caroline Sommerfeld
19. September 2018 12:23

Ich! Hab auch so einen "Moschtkopp", wie mein Vater selig zu sagen pflegte, Hutgröße 60 plus gibt's nur als Herrenhut. Oder in Form der selbstgeschneiderten "geziemenden Damenkopfbedeckung", mit Gruß an Raskolnikow.

Sachsen: das Jungvolk hier trennt sich in diejenigen, die alles mitbekommen haben, sogar stundenlange Videos, auf denen nichts passiert (RT deutsch hatte Livestreams dieser Sorte), interpretieren, und denen, die aus dem Mustopp kommen, wenn jemand das Thema anspricht, und dann leicht peinlich berührt von der Besessenheit der Informierten lieber zum Thema Shopping überleiten.

Der_Juergen
19. September 2018 13:04

Dem Brautpaar herzlich alles Gute! Das wird bestimmt eine glückliche Ehe, und kinderlos wird sie auch nicht bleiben, wenn sich die Tochter ihre eigenen Eltern zum Vorbild nimmt - was sie hoffentlich tut.

Armin Borussia
19. September 2018 13:36

Immer wieder ein Genuß ;)

Lotta Vorbeck
19. September 2018 17:08

@Ellen Kositza

"... das liegt an meinem Dickkopf. Wer hat schon Hutgröße 60? ..."

@Caroline Sommerfeld

"Ich! Hab auch so einen "Moschtkopp", wie mein Vater selig zu sagen pflegte, ..."

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Damals, in der TäTäRä:

Für den praktischen Teil der Motorradfahrschule, war ein eigener Sturzhelm mitzubringen. In der örtlichen Filiale des IFA-Vertriebes - auch Jahrzehnte später unvergessen: der Odem fabrikneuen Gummis in diesem Laden - gab es für stolze 60,- Ostmark ein einziges, für Lotta Vorbecks Wojewodenschädel passendes Helmexemplar: Der "Perfekt"- Helm in Kopfgröße 62.

Interessierte Leser finden hier ein Bild: https://www.zweiradteile-shop.de/images/product_images/popup_images/Helm-Perfekt-Beige-Modell-P500_0_3439.jpg

Andreas Walter
19. September 2018 19:42

Stimmt doch gar nicht. Frauen sind sehr wohl politisch. Sogar ununterbrochen.

Kluge Frauen suchen sich immer das gesündeste, klügste, stärkste und mächtigste Männchen aus, das sie für ihren Charme kriegen können. Bei jungen Männer verlangt das zwar "fast" schon hellseherische Fähigkeiten, aber eben nur fast. Wie der Vater so der Sohn trifft nämlich auch bei ihnen in 80% der Fälle zu. Ganz "Kluge" (gut informierte) wären aber sogar in der Lage, auch noch die restlichen 20% auszusondern, doch die meisten geben sich eh damit zufrieden, was sie auch von Zuhause her kennen.

Des weiteren sind Frauen aber auch ununterbrochen am verhandeln, am vermitteln, am moderieren, was man sonst nur von Diplomaten kennt.

Darin ist auch Frau Merkel übrigens ein Meister, ihre persönliche Umgebung zu sondieren und zu manipulieren.

Nur fehlen auch dieser Frau (ganz einfach weil eine Frau) bestimmte Denk-, Existenz- und Wahrnehmungskonzepte, die im Normalfall eben nur Männer besitzen, kennen, verstehen.

Oder echte Mütter mit eigenen Kindern (Kälbern).
(...)
Kositza: Lieber Andreas Walter, Kommentare mit verlinkten Videoschnipseln werden hier nur selten freigeschaltet. Wir sind hier alle (auch aus Zeitgründen) ziemlich youtuberesistent. Und um so was freizugeben, müßten wir uns verlinkte Videos erstmal anschauen - ist nicht drin.

Gustav Grambauer
19. September 2018 21:18

Lotta Vorbeck

Ein Mann und sein Helm:

https://www.noz.de/deutschland-welt/medien/artikel/573321/horst-krause-heute-zum-letzten-mal-im-polizeiruf-110#gallery&0&0&573321

Die Schwalbe ist auch wieder da, mit PC-konformem Antrieb (Zweitakter wäre heute Vollnazi obwohl damals das Beschaffungsamt stramm DKW-feindlich war, in der ganzen Wehrmacht gab es wohl keinen einzigen):

https://shop.myschwalbe.com/konfigurator/myschwalbe?_ga=2.61452588.1097222588.1537375945-433832366.1537375945

Und Zeha gibt`s hier am Zügersee, `n klein wenig teurer als in Leipzig:

https://www.zeha-berlin.de

Siehe auch ab 18:38 (Liebe Ellen Kositza, Unverfänglichkeit des Streifens ist garantiert):

https://www.youtube.com/watch?v=QV5adsAwcCs

- G. G.

Sandstein
19. September 2018 21:31

Meine Güte, allein dieser Satz:
"Oder echte Mütter mit eigenen Kindern (Kälbern)."

Brauchts für Scham eigentlich dann auch die männlichen Denk-,Existenz- und Wahrnehmungskonzepte? Weil wenn "ja" dann gehen Ihnen diese echt ab. Aber vielleicht ist Scham auch nur ein weibisches Konzept? Gibt, und da bin ich mir jedenfalls sicher, nichts peinlicheres als frustriert rumdrucksende Männchen.

marodeur
19. September 2018 22:24

Wieder eine ganz wunderbare Sammlung. Die Anekdote mit dem HJ-Zeugnis ist wirklich ganz niedlich. Solche Sachen können heutzutage auch böse nach hinten losgehen. Kann mich noch gut entsinnen: 2012 wurde eine dusselige Radiomoderatorin beim Sender Gong gefeuert. Die wollte einen Anrufer, der am Wochenende arbeiten musste, mit dem Satz "Arbeit macht ja bekanntlich frei" trösten. Das hatte sie vermutlich irgendwo aufgeschnappt.

Lotta Vorbeck
19. September 2018 22:49

@Gustav Grambauer - 19. September 2018 - 09:18 PM

Interessante Links!

... und die damals bei kleinen Mädchen überaus beliebte und völlig ungeniert als solche bezeichnete 'Negerpuppe' aus Sonneberg haben sie (siehe bei 19:56) auch, im DDR-Museum unter kalifornischer Sonne!

Lotta Vorbeck
20. September 2018 12:23

@marodeur - 19. September 2018 - 10:24 PM

"... Solche Sachen können heutzutage auch böse nach hinten losgehen. Kann mich noch gut entsinnen: 2012 wurde eine dusselige Radiomoderatorin beim Sender Gong gefeuert. Die wollte einen Anrufer, der am Wochenende arbeiten musste, mit dem Satz "Arbeit macht ja bekanntlich frei" trösten. Das hatte sie vermutlich irgendwo aufgeschnappt. ..."

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Diese Sequenz ist auf Youtube® dokumentiert. Wer's sich anschauen, besser gesagt nachhören möchte, findet es mit wenigen Mausklicks.

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