Das war’s. Diesmal mit: verzogenen Kindern …

und dem Wunsch (nicht) aufzufallen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

14. Sep­tem­ber 2018 – Minis­ter­prä­si­dent Kret­sch­mar war im Rah­men übli­cher Bür­ger­sprä­che in einer säch­si­schen Schu­le, höre ich. Ich ver­neh­me es im Radio, und die Jour­na­lis­tin spricht mit hör­bar hoch­ge­zo­ge­nen Augenbrauen.

Denn, was frag­ten ihn die Schü­ler so? Gar nichts mit rechts und links, mit Mob, Mord und Zivil­cou­ra­ge, son­dern blö­de Sachen wie: „War es eigent­lich schon immer ihr Traum, mal Minis­ter­prä­si­dent zu werden?“

Die Jugend, die Jugend! Ent­we­der ver­zo­gen oder voll­ends ent­po­li­ti­siert! – den­ke ich mir. Mit was beschäf­ti­gen sich denn Jugend­li­che heu­te? Nur mit Com­pu­ter­spie­len und Instagram-accounts?

Frei­tag nach­mit­tag hole ich mei­ne Kin­der vom Inter­nat ab. Eine her­vor­ra­gen­de Schu­le. Hier leis­ten alle mehr als das Nöti­ge, gewin­nen Sprach­wett­be­wer­be und Jugend-forscht-Prei­se. Sozia­les Enga­ge­ment wird nicht nur auf dem Papier wertgeschätzt.

Ich fra­ge: „Und, was sagt Ihr so zum The­ma Sach­sen? Was wird bei Euch dar­über gere­det? Tenor?“

„Sach­sen? Wie­so? Was?“ – Ich: „??! Kann doch nicht wahr sein! Daß Ihr nichts mit­be­kom­men habt?!“

Kin­der: „Nö. Hat nie­mand drü­ber gere­det. Und W‑Lan war wie immer schwach. Was war denn da?“

– – –

15. Sep­tem­ber 2018 – Mei­ne aller­liebs­te Freun­din aus dem Bran­den­bur­gi­schen schickt mir eine net­te Mail:

„(…) Und weil wir es doch neu­lich mit dem Kul­tur­pes­si­mis­mus hat­ten und dem Elend damit: Kopf hoch, Ellen, es gibt auch Heiteres:

Unse­re neue Klas­sen­leh­re­rin [Grund­schu­le, E.K.], 24 Jah­re und frisch von der Uni, ist ein ech­tes Blitz­mä­del moder­nen Zuschnitts. Klar ist sie im Kern gehirn­ge­wa­schen wie alle. Wie soll­te es anders sein. Aber doch frisch, straff und streng. Sie rüg­te sofort Eltern (alle min­des­tens eine Genera­ti­on älter als das Fräu­lein), die zu Beginn der Klas­sen­ver­samm­lung noch tuschelten.

Es gibt nun einen ech­ten Stra­fen­ka­ta­log für „kind­li­ches Fehl­ver­hal­ten“, sehr schön. Ein Schü­ler hat bereits eine Rote Kar­te bekom­men, und die beinhal­tet eine echt ätzen­de Abschreib­übung. Es war übri­gens mei­ner lie­ber M., der sie erhal­ten hat. Eins sei­ner Ver­ge­hen, die Lis­te hing näm­lich aus: “Hat gelacht, als eine Mit­schü­le­rin auf dem Pau­sen­hof stürz­te.” Gut, das das jetzt geahn­det wird!

Dann wur­de ein Info­blätt­chen mit Ter­mi­nen aus­ge­ge­ben, guck mal, hier: 08.02.2019: Aus­ga­be HJ-Zeug­nis­se. Im Anschluß Sport­wett­kampf, Mot­to: Gemein­sam sind wir stark!

Ich muß­te grin­sen, als ich es las. Natür­lich frag­te die Stren­ge gleich: “Frau L., sie amü­sie­ren sich? Gibt es einen Feh­ler?” Soo süß!

– – –

16. Sep­tem­ber 2018 – Seit län­ge­rem fin­de ich mei­ne Reit­kap­pe nicht. Oben ohne mach ich nicht. Lei­hen kann ich mir kei­ne, das liegt an mei­nem Dick­kopf. Wer hat schon Hut­grö­ße 60? Drum rei­te ich mit Fahr­rad­helm aus, und mit was für einem! Ein Sperr­müll­fund von anno­da­zu­mal, womög­lich ist es sogar ein alter Mofa-Helm, die Mei­nun­gen dazu gehen auseinander.

Nor­mal­wei­ser sieht mich ja kei­ner bis auf die Tie­re in Wald und Flur. Heu­te wur­de ich aller­dings gese­hen, aus einem Omni­bus her­aus, und die Bemer­kun­gen wur­den sogleich von einem Mit­rei­sen­den kol­por­tiert. Jun­ge eins: „Guck mal, die, auf’m Pferd. Total kraß. Wie das aus­sieht!“ – „Ach, die. Kubit­schek. Halb­cool, halb beknackt. Denen ist völ­lig egal, was man von denen denkt. Die wol­len Haupt­sa­che auffallen.“

– – –

17. Sep­tem­ber 2018 – Apro­pops „Haupt­sa­che auf­fal­len“: Stimmt ja gar nicht! Bei­spiels­wei­se: Gra­de hat unse­re ers­te Toch­ter gehei­ra­tet. Im Vor­ge­spräch mit der wür­di­gen Stan­des­be­am­tin ent­schied sich das Braut­paar unter den zur Aus­wahl ste­hen­den Begleit­mu­si­ken für: gar kei­ne. Nein, kein Loving can hurt, kein Love ist the ans­wer und auch kein I will always love you. Ein klei­ner fami­liä­rer Chor wer­de singen.

Na gut, seufz­te die Beam­tin, aber lei­se Hin­ter­grund­mu­sik wäh­rend der Zere­mo­nie m ü s s e  sein. – „Och nee, lie­ber nicht.“ –„Ganz ohne Musik?? Das ist ja abar­tig!“ (wört­lich!)

Also gut, klein­bei­gege­ben. Bloß nicht dau­ernd auf­fal­len. Es lie­fen eine hoch­dra­ma­ti­sche Ver­si­on von Guns and Roses („Novem­ber Rain“), Richard Clay­der­mans „Por Ade­li­ne“ etc. Mei­ne ein­zi­ge Sor­ge galt jener Toch­ter, die zu wil­den Lach­an­fäl­len neigt, derer sie sel­ten Herr wird.

Nun, die kon­fek­tio­nier­te Gefühls­mu­sik dudel­te und wur­de in den mit Bedacht gesetz­ten Nach­denk­pau­sen etwas lau­ter. Ich sah die Gesich­ter der Töch­ter sich röten, sah es zucken in den Gesich­tern – aber, puh, kei­ne fiel aus der Rolle.

Ich lob­te die heik­le Toch­ter her­nach, daß sie die Con­ten­an­ce wah­ren konn­te.  „Ja. aber schau, hier.“ Sie zeig­te ihre Hand­flä­che, dar­in eine Art Loch, tief­rot. Sie hat­te sich eine Vier­tel­stun­de lang die Stimm­ga­bel ins Fleisch gebohrt, „sonst wär‘s nicht gegan­gen.“ Bloß nicht auffallen!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (15)

H. M. Richter

19. September 2018 08:18

Ach, wie gut doch diese Episoden tun in ansonsten recht ernsten Zeiten ...
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Viel Glück und viel Segen dem jungen Brautpaar zur Vermählung !

Zunächst hatte ich doch wirklich gedacht, es handele sich um jene - weitaus jüngere ... - Tochter, die erst kürzlich den Vater telephonisch befragte: „Hallo Papa. Eine sehr wichtige Frage. Was würdest Du sagen, wenn ich [...]?"

Aber auch wenn in Schnellroda die Uhren anders gehen als im Rest des Landes, so schnell gehen sie dann doch nicht. Nicht einmal dort ...

Chr

19. September 2018 10:02

10 k Like & ROFL

Alles in allem eine Wohltat. Literarisch wie inhaltlich.

Gruesse und Dank

Sandstein

19. September 2018 10:24

Ach herrlich, Gutes kommt, wenn man es nicht erwartet.

...wollte mich schon beschweren wo meine Lieblingskolumne bleibt - und da kommt sie.

Danke an EK, ich weiß ich schreib das jedesmal, aber es ist einfach großes Kino.

starhemberg

19. September 2018 11:11

Als Österreicher bin ich wahrlich überrascht, dass in Schland noch "HJ-Zeugnisse" verteilt werden. Gibt es denn auch BDM-Zensuren? Aber Spaß beiseite - die krasse Kubitschek mit dem halbcoolen Helm hätte ich auch gerne gesehen. Und mir wahrscheinlich dabei ein Loch in die Handfläche gebohrt, denn niemals würde ich über Sie lachen, sehr verehrte Frau Kositza. Allerdings mit Ihnen sehr gerne.

deutscheridentitaerer

19. September 2018 11:20

Bis heute verstehe ich nicht, wie die völlig politikdesinteressierten, historisch komplett ungebildeten Gestalten meiner Schule wenige Jahre später auf Antipegidademos rumhüpften und sich gesorgt haben, dass "1933" wieder bevorsteht - wobei sie nicht wüssten, was da im Einzelnen passiert ist, mich überrascht schon, dass sie die Jahreszahl mittlerweile kennen.

Und das war ebenfalls eine sehr angesehene Schule (warum weiß ich allerdings nicht), voller Arztkinder und ähnlichem. Aber gut, die Schule ist halt eine Parallelwelt.

Ich empfand die wenigen betont strengen Lehrer immer als große Freude. Die Lehrer, die sich nicht durchsetzen konnten oder wollten, haben den Ernst aus der ganzen Sache genommen.

Gratulation an ihre Tochter, ich habe Ihre Kinder nur gelegentlich auf Demos gesehen, ohne mit ihnen zu interagieren. Aber man sieht sofort, dass sie ganz anders, sprich besser, sind als die restliche verwahrloste Jugend.

Caroline Sommerfeld

19. September 2018 12:23

Ich! Hab auch so einen "Moschtkopp", wie mein Vater selig zu sagen pflegte, Hutgröße 60 plus gibt's nur als Herrenhut. Oder in Form der selbstgeschneiderten "geziemenden Damenkopfbedeckung", mit Gruß an Raskolnikow.

Sachsen: das Jungvolk hier trennt sich in diejenigen, die alles mitbekommen haben, sogar stundenlange Videos, auf denen nichts passiert (RT deutsch hatte Livestreams dieser Sorte), interpretieren, und denen, die aus dem Mustopp kommen, wenn jemand das Thema anspricht, und dann leicht peinlich berührt von der Besessenheit der Informierten lieber zum Thema Shopping überleiten.

Der_Juergen

19. September 2018 13:04

Dem Brautpaar herzlich alles Gute! Das wird bestimmt eine glückliche Ehe, und kinderlos wird sie auch nicht bleiben, wenn sich die Tochter ihre eigenen Eltern zum Vorbild nimmt - was sie hoffentlich tut.

Armin Borussia

19. September 2018 13:36

Immer wieder ein Genuß ;)

Lotta Vorbeck

19. September 2018 17:08

@Ellen Kositza

"... das liegt an meinem Dickkopf. Wer hat schon Hutgröße 60? ..."

@Caroline Sommerfeld

"Ich! Hab auch so einen "Moschtkopp", wie mein Vater selig zu sagen pflegte, ..."

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Damals, in der TäTäRä:

Für den praktischen Teil der Motorradfahrschule, war ein eigener Sturzhelm mitzubringen. In der örtlichen Filiale des IFA-Vertriebes - auch Jahrzehnte später unvergessen: der Odem fabrikneuen Gummis in diesem Laden - gab es für stolze 60,- Ostmark ein einziges, für Lotta Vorbecks Wojewodenschädel passendes Helmexemplar: Der "Perfekt"- Helm in Kopfgröße 62.

Interessierte Leser finden hier ein Bild: https://www.zweiradteile-shop.de/images/product_images/popup_images/Helm-Perfekt-Beige-Modell-P500_0_3439.jpg

Andreas Walter

19. September 2018 19:42

Stimmt doch gar nicht. Frauen sind sehr wohl politisch. Sogar ununterbrochen.

Kluge Frauen suchen sich immer das gesündeste, klügste, stärkste und mächtigste Männchen aus, das sie für ihren Charme kriegen können. Bei jungen Männer verlangt das zwar "fast" schon hellseherische Fähigkeiten, aber eben nur fast. Wie der Vater so der Sohn trifft nämlich auch bei ihnen in 80% der Fälle zu. Ganz "Kluge" (gut informierte) wären aber sogar in der Lage, auch noch die restlichen 20% auszusondern, doch die meisten geben sich eh damit zufrieden, was sie auch von Zuhause her kennen.

Des weiteren sind Frauen aber auch ununterbrochen am verhandeln, am vermitteln, am moderieren, was man sonst nur von Diplomaten kennt.

Darin ist auch Frau Merkel übrigens ein Meister, ihre persönliche Umgebung zu sondieren und zu manipulieren.

Nur fehlen auch dieser Frau (ganz einfach weil eine Frau) bestimmte Denk-, Existenz- und Wahrnehmungskonzepte, die im Normalfall eben nur Männer besitzen, kennen, verstehen.

Oder echte Mütter mit eigenen Kindern (Kälbern).
(...)
Kositza: Lieber Andreas Walter, Kommentare mit verlinkten Videoschnipseln werden hier nur selten freigeschaltet. Wir sind hier alle (auch aus Zeitgründen) ziemlich youtuberesistent. Und um so was freizugeben, müßten wir uns verlinkte Videos erstmal anschauen - ist nicht drin.

Gustav Grambauer

19. September 2018 21:18

Lotta Vorbeck

Ein Mann und sein Helm:

https://www.noz.de/deutschland-welt/medien/artikel/573321/horst-krause-heute-zum-letzten-mal-im-polizeiruf-110#gallery&0&0&573321

Die Schwalbe ist auch wieder da, mit PC-konformem Antrieb (Zweitakter wäre heute Vollnazi obwohl damals das Beschaffungsamt stramm DKW-feindlich war, in der ganzen Wehrmacht gab es wohl keinen einzigen):

https://shop.myschwalbe.com/konfigurator/myschwalbe?_ga=2.61452588.1097222588.1537375945-433832366.1537375945

Und Zeha gibt`s hier am Zügersee, `n klein wenig teurer als in Leipzig:

https://www.zeha-berlin.de

Siehe auch ab 18:38 (Liebe Ellen Kositza, Unverfänglichkeit des Streifens ist garantiert):

https://www.youtube.com/watch?v=QV5adsAwcCs

- G. G.

Sandstein

19. September 2018 21:31

Meine Güte, allein dieser Satz:
"Oder echte Mütter mit eigenen Kindern (Kälbern)."

Brauchts für Scham eigentlich dann auch die männlichen Denk-,Existenz- und Wahrnehmungskonzepte? Weil wenn "ja" dann gehen Ihnen diese echt ab. Aber vielleicht ist Scham auch nur ein weibisches Konzept? Gibt, und da bin ich mir jedenfalls sicher, nichts peinlicheres als frustriert rumdrucksende Männchen.

marodeur

19. September 2018 22:24

Wieder eine ganz wunderbare Sammlung. Die Anekdote mit dem HJ-Zeugnis ist wirklich ganz niedlich. Solche Sachen können heutzutage auch böse nach hinten losgehen. Kann mich noch gut entsinnen: 2012 wurde eine dusselige Radiomoderatorin beim Sender Gong gefeuert. Die wollte einen Anrufer, der am Wochenende arbeiten musste, mit dem Satz "Arbeit macht ja bekanntlich frei" trösten. Das hatte sie vermutlich irgendwo aufgeschnappt.

Lotta Vorbeck

19. September 2018 22:49

@Gustav Grambauer - 19. September 2018 - 09:18 PM

Interessante Links!

... und die damals bei kleinen Mädchen überaus beliebte und völlig ungeniert als solche bezeichnete 'Negerpuppe' aus Sonneberg haben sie (siehe bei 19:56) auch, im DDR-Museum unter kalifornischer Sonne!

Lotta Vorbeck

20. September 2018 12:23

@marodeur - 19. September 2018 - 10:24 PM

"... Solche Sachen können heutzutage auch böse nach hinten losgehen. Kann mich noch gut entsinnen: 2012 wurde eine dusselige Radiomoderatorin beim Sender Gong gefeuert. Die wollte einen Anrufer, der am Wochenende arbeiten musste, mit dem Satz "Arbeit macht ja bekanntlich frei" trösten. Das hatte sie vermutlich irgendwo aufgeschnappt. ..."

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Diese Sequenz ist auf Youtube® dokumentiert. Wer's sich anschauen, besser gesagt nachhören möchte, findet es mit wenigen Mausklicks.

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