Sezession
22. September 2018

Bin ich völkisch? Drei Volksbegriffe

Caroline Sommerfeld / 58 Kommentare

Je suis völkisch“ hatten wir in „Mit Linken leben“ ironisch-trotzig konstatiert.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Damals ging es um Frauke Petrys ziemlich unbeholfenen Versuch, das Wörtchen „völkisch“ als völlig normales Adjektiv zu „Volk“ zu rehabilitieren, was natürlich schiefgehen mußte. Denn schon im Begriff „Volk“ steckt so viel Zünd- und Dramenstoff und so viel Unausgesprochenes, daß eine reductio ad populum nur noch mehr Wirrnisse erzeugt. Doch diese wollen entworren werden.

Vergangene Woche war ich nach Köln zu einer Podiumsdiskussion des „Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik“ eingeladen zum Thema „Die neue Rechts-Links-Kommunikation“. Es wurde zu einer Stunde der Wahrheit, was eigentlich „Deutschsein“ bedeutet: Fragen Sie Frau Sommerfeld.

Atmosphärisch nicht besonders inquisitorisch aufgeheizt, eher so, als hätten sie sich einen unbekannten Mistkäfer zur Beschau eingeladen, leichtes Grausen und übergroßes Interesse: eine echte Rechte. Podiumsdiskussionen funktionieren eigentlich anders, mehr oder minder gleichberechtigte Teilnehmer, besonders einige sind gleicher als die anderen, scharen sich um ein Thema, und jeder versucht einigermaßen aggressiv seiner Meinung möglichst breiten Raum zu verschaffen.

Doch hier ging nicht mehr ums Agendasetzen, Begriffelancieren, Sichgehörverschaffen. Man hörte. Ich begann mit unseren Links-Rechts-Bruchlinien „Vertrauen vs. Mißtrauen in die Massenmedien“, „globalistisch vs. identitär“ und „Realisten vs. Utopisten“, und ab dann wurde nur noch darüber diskutiert. Ihrem Instinkt folgend witterten die Teilnehmer hinter jedem dieser Begriffe den mistkäferstinkigen Volksbegriff. Und damit hatten sie recht. Um diesen geht es.

Patrick Bahners, faz, war auch zugegen und hat hier (leider kostenpflichtig, right sells) erstaunlich fair dokumentiert, was die Beschau ergeben hat. „Aus Schlumpfhausen, bittesehr“ keimte ihm jedoch am Ende ein schrecklicher Verdacht herüber: ich könnte womöglich „völkisch“, „white supremacist“, „ethnischer Nationalist“ oder anderweitig verdächtig an unserer gemeinsamen Rasse interessiert sein.

Mache ich es ihm doch leichter. Auch, um seinen haßerfüllten Kollegen Kazim und Emcke das Ausgegrenztseinsspiel zu verderben, indem ich noch einmal die Regeln erkläre: Klar habe ich einen ethnischen Volksbegriff. Den zu explizieren ist einerseits ganz einfach, andererseits ausgesprochen kompliziert, weil auf gänzlich verschiedenen Ebenen gefragt und geantwortet wird, wenn die Frage auftaucht: „Wer ist deutsch?“.

Ebene 1: Abstammungsdeutscher sein.

Deutschsein ist prima facie eine Frage der Abstammung. Alles weitere ist kontraintuitiv und daher begründungsbedürftig. „Deutsch ist, wer deutsche Eltern hat“, pflegt Götz Kubitschek zu sagen. Daß jemand auch aus anderen Gründen und auf anderen Ebenen Deutscher sein oder werden kann, setzt diesen Kern des Begriffs nicht außer Kraft.

Die Abstammung ist keine Frage von Rassereinheit (auch nicht der linkerseits gebetsmühlenartig wiederholten „totalen Homogenität“ des Volkes) oder eine Frage danach, welche Germanenstämme es nun wirklich gab. Abstammung ist in einem ganz materiellen Verständnis eine Frage von Gen- und Blutlinien, in einem umfassenderen Verständnis jedoch begreift sie auch große und lange Vererbungsstränge mit ein, die Charakterliches und atmosphärisch Typisches fortpflanzen.

Max Weber hat das Wort „ethnisch“ in diesem Sinne definiert:

Wir wollen solche Menschengruppen, welche auf Grund von Ähnlichkeiten des äußeren Habitus oder der Sitten oder beider oder von Erinnerungen an Kolonisation und Wanderung einen subjektiven Glauben an eine Abstammungsgemeinschaft hegen, (…) ‚ethnische‘ Gruppen nennen, ganz einerlei, ob eine Blutsgemeinschaft objektiv vorliegt oder nicht. (Wirtschaft und Gesellschaft, 1922)

Der aus physischer Vererbung und im weberschen Sinne ethnisch Gemeinsamem hervorgehende Phänotyp des Deutschen ist augenscheinlich. Wie jeder Phänotyp hat er unscharfe Ränder, birgt Verwechslungsmöglichkeiten, kennt Ausnahmeerscheinungen und wandelt sich historisch. Er ist aber eindeutig nicht mit dem Phänotyp des Schwarzafrikaners oder des Koreaners zu verwechseln, auch ein Mischlingskind ist für gewöhnlich nicht phänotypisch deutsch in Aussehen und Ausdruck.

Wenn wir einen einzelnen Schwarzafrikaner hernehmen, der nach Deutschland kommt, eine Deutsche heiratet, mit ihr Kinder bekommt und sich sukzessive mit der deutschen Volksseele verbindet, dann nähern sich seine Kinder und Kindeskinder ihrerseits schrittweise dem Abstammungsdeutschtum an und werden so auch leibliche Teile des Volkskörpers. In der Sprachwissenschaft gibt es den Ansatz der „Prototypensemantik“. Eine Amsel ist ein protypischer Vogel, ein Pinguin nicht, aber beide sind Vögel. Der prototypische Deutsche ist deutscher Abstammung und schaut auch so aus. Daß es Fremde, Eingebürgerte und Mischlinge gibt, denen es mitunter viel besser als den meisten Deutschen gelingt, für Deutschland einzustehen, greift diesen Volkskörper nicht an, sondern bekräftigt und kräftigt ihn sogar.

Ebene 2: Paßdeutscher sein.

Die Frage nach dem deutschen Volk ist mit einem (meist in Diskussionen zuallererst durchgespielten) „Nationalismustest“ nicht zu beantworten. Ob ins Ruhrgebiet eingewanderte Polen, preußisch gewordene Hugenotten (von denen ich abstamme und daher nicht sonderlich germanisch ausschaue), die Bewohner der französischen Grenzregionen oder gar Österreicher samt in der Donaumonarchie weiland beheimateter Tschechen und Ungarn nun Deutsche sind, ist für uns heute völlig irrelevant.

Es gibt keinen ethnischen oder wie auch immer beschaffenen bedeutsamen religiösen und kulturellen Unterschied. Der Witz ist, daß es nicht um die gemeinsame Rasse geht (die zweifellos vorhanden ist, die Leute waren und sind Europäer), sondern beim „Nationalismustest“ kulturelle Parameter abgeprüft werden, die eben nicht nennenswert verschieden sind bei Nachbarvölkern.

Einbürgerung macht den Begriff des deutschen Volkes nicht bedeutungsleer, wie die Mehrheit der heutigen Deutschen zu meinen beliebt. Daß ein Fünftel der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat, führt noch lange nicht dazu, das deutsche Volk als Kategorie aufgeben zu müssen. Der Paßdeutsche ist und bleibt vom Abstammungsdeutschen unterscheidbar, auch wenn er in einem ganz bestimmten Sinne des Wortes ebenfalls „Deutscher“ genannt werden kann und muß. Es ist nicht wünschenswert, daß in Zukunft nur mehr dieser eine Wortsinn existieren sollte.

Das Volk der Deutschen lebt zu großen Teilen auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland. Das Grundgesetz sieht zumindest fiktiv eine Doppeldefinition des deutschen Volkes bestehend aus ius solis (Territorialprinzip) und ius sanguinis (Abstammungsprinzip) vor. Deutschland gehört zu denjenigen Staaten, die das Abstammungsprinzip bei der Vergabe der Staatsbürgerschaft zugrundelegen. „Fiktiv“, weil es sich beim Grundgesetz nicht um eine sich selbst vom Volk gegebene Verfassung handelt, und man daher das historisch existierende Volk des Jahres 1949 als Souverän nur als Annahme voraussetzen kann.

Nichtsdestoweniger muß man aber davon ausgehen, daß die Deutschen in den 40er Jahren en gros abstammungsmäßige Deutsche und die Vertriebenen und Ostzonendeutschen jener Jahre explizit mitgemeint waren. Als Völkerrechtssubjekt ist Deutschland wie jedes Land auf ein Volk angewiesen. Das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ bedeutet nicht, daß Populationen Territorien bevölkern, außer in der sowjetischen Völkerrechtslehre, die unter unter „Volk“ die jeweilige Bevölkerung eines bestimmten Territoriums verstand.

Erforderlich sind dort nur ein gemeinsames Gebiet und weitere Gemeinsamkeiten geschichtlicher, kultureller, sprachlicher und religiöser Art sowie die Verbindung durch gemeinsame Ziele, die sie mit Hilfe des Selbstbestimmungsrechtes erreichen will. Es steht zu befürchten, daß der gegenwärtigen Umdefinition des Volksbegriffs sowjetische Begrifflichkeiten und entsprechende Ziele zugrundeliegen.

Wer nach Deutschland einwandert, um Paßdeutscher zu werden, jedoch nur die Vorteile dieses Status abgreifen will, ohne für die Volksseele auch nur ein Fünkchen Gespür zu haben, ist folglich ein Fremdkörperdeutscher oder, wenn er in Massen auftritt, Umvolkungsdeutscher.

Frank Böckelmann bringt das Paradox des Paßdeutschen in der aktuellen TUMULT auf den Punkt, wenn er fragt: "Wie denn? – am Ende schriebe ein Grundgesetz aus den späten vierziger Jahren für den Fall der Einwanderung von Abermillionen ins deutsche Asyl die Selbstaufopferung des Staates vor? Verhielte es sich wirklich so, wäre es höchste Zeit für eine Verfassung von Deutschen für Deutsche."

Es verhält sich hier wie mit dem Schiff des Theseus: Planke um Planke wird ausgetauscht, doch bleibt es „das Schiff des Theseus“. Wann aber schlägt Quantität in Qualität um? Wären eines Tages alle Deutschen ausgetauscht, dann spätestens – realiter wohl schon deutlich früher – fiele der Begriff und würde final ersetzt durch den Begriff der „Bevölkerung der Bundesrepublik“. Doch noch ist er nicht gefallen. Und damit er nicht fällt, ist eine weitere Ebene zu beschreiten.

Ebene 3: Volksdeutscher sein.

Auf irgendeinem Territorium, meinetwillen in Deutschland oder Frankreich oder Italien, leben so und so viele Menschen, und weil die sinnlichen Augen nur so und so viele Menschen als äußere Gestalten sehen, so können sich solche Abstraktlinge das, was man Volksgeist oder Volksseele nennt, nur wie eine bloß begriffliche Zusammenfassung des Volkes vorstellen. Wirklich real ist für sie nur der einzelne Mensch, nicht die Volksseele, nicht der Volksgeist. (Rudolf Steiner, Vortrag in Düsseldorf, April 1909)

Die meisten Deutschen sind heute solche „Abstraktlinge“, sie zählen die Köpfe der Bevölkerung zum Zwecke demographischer Additions- und Subtraktionsexperimente. Deswegen entgeht ihrer Wahrnehmung auch Deutschlands geistige Zukunftsperspektive. „Die Deutschheit liegt nicht hinter uns, sondern vor uns“, schrieb Friedrich Schlegel.

Die Zukunft, die wir anstreben, bedarf einer anknüpfungsfähigen Herkunft. Wir müssen daher achtgeben, daß nichts, auch nichts Physisches, davon verloren geht, dessen das zukünftige Deutschtum bedarf, um sich hieraus kontinuierlich weiter entfalten zu können. Abstammungsdeutsche werden dazu dringend benötigt. In ihnen ist aufgehoben, woraus sich das Deutsche überhaupt speisen kann.

Eine Ansammlung von allenfalls verfassungspatriotischen „Werte“-Paßdeutschen zehrt nur geraume Zeit – in Abwandlung von Böckenfördes Diktum über den säkularen Staat – von der ethnischen Substanz.

Deutschland hat eine causa finalis, das bedeutet, es ist um etwas willen in der Welt. In jedem Volk werden sehr spezielle Seeleneigenschaften herausgebildet und gepflegt, die später als Geistesgabe in die ganze Menschheit übergehen sollen. Deswegen ist Ethnopluralismus so eminent wichtig, die Rettung der bedrohten Völker. Jedem einzelnen Volk, und sei es noch so klein und scheinbar unbedeutend, kommt damit eine wesentliche und unverzichtbare Aufgabe im Zuge der gesamten Menschheitsentwicklung zu.

Diese Aufgabe dürfen wir doch nicht ignorieren, nicht willentlich abschneiden, nicht abstrakt per capita wegrechnen. Und auch nicht dem fürchterlichen Irrtum erliegen, jetzt schon mir nichts, dir nichts, zur „Menschheit“ übergehen zu können.

Wenn wir auf diese Art und Weise auf Deutschland schauen, wird allerdings eines klar: Eine Menge Abstammungsdeutsche und ihnen zugezählte Paßdeutsche haben keinen Anteil an irgendeiner Form geistigen oder auch nur seelischen Deutschseins, siehe zum Beispiel dieses Exemplar. Sie wenden sich im Zweifelsfall gegen Deutschland, würden im Zweifelsfall nicht dafür einstehen, ja, für überhaupt nichts einstehen. Sie sind in einem wesentlichen Sinne keine Deutschen, haben ihre Volkszugehörigkeit verwirkt.

Dieses Fehlen geistiger Identität ist die größte Schwäche, unter der wir momentan leiden, und es wirkt überdies auf die physische Substanz zurück.

In diesem Sinne „Volksdeutscher“, der wahrhaftig Teil seines Volkes ist, zu sein bedeutet auch ästhetische und moralische Selbsterziehung, Sich-Ausrichten, Sich-Aufrichten. Das ist kein Massenprogramm, sondern wird nur mehr von Kaltenbrunners „Elite“ gedacht. So gesehen bin ich dann „völkisch“: Ich leide unter der tiefen Diskrepanz zwischen der verkommenen Gegenwart und einem überzeitlichen höheren Gedanken des deutschen Volkes.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (58)

FrankaFrey
22. September 2018 22:54

Ein sehr schöner Kommentar zu einer zentralen Frage: Wer ist das Subjekt für unseren Überlebenskampf? Der „Volkslehrer“ hat vor Kurzem in dem Interview mit Barry Kosky für 3Sat eine sehr schöne und schlichte Formel für dieses Subjekt gefunden, nachdem Kosky (ein Passdeutscher) befand, für ihn sei der Begriff „Deutsches Volk“ eine „unappetite Sache“ und man möge ihm doch bitte definieren, wer nun zum Deutschen Volk gehöre. Nerling definierte: „Deutscher ist, wer sein Land und Volk liebt und sich nicht schlecht fühlt, wenn er sagt, er sei Deutscher.“
Natürlich gehören auch noch viele andere dazu, mit denen nur im Moment nicht gerechnet werden kann, weil sie sich eben schlecht fühlen und sich gar zu solchen Aussagen hinreißen lassen, wie kürzlich der Trainer des SC-Freiburgs (das von Ihnen, Frau Sommerfeld, beispielhaft angeführte Exemplar)
Christian Streich ist ein Systemling, der in den letzten Jahren immer wieder auffiel mit extrem angepassten und platten politisch korrekten Kommentaren, die dann auch immer fleissig in der Badischen Zeitung veröffentlicht wurden, weil der politische Einfluss eines Fussballtrainers nicht zu vernachlässigenen ist. (Hierzu ein guter Artikel von Konrad Weiß im TUMULT Winter 16/17 „Wir kriegen Euch alle“ - Die Gängelung des Sports durch die politische Korrektheit)
Streich ist mit derartigen Verlautbarungen peinlicherweise zu einer politischen Institution hier in Südbaden geworden. Er ist ein typischer Emporkömmling, ein schlichter Metzgerssohn und auf dem 2.Bildungsweg studierter „tipico primo laureato della famiglia“, wie der Italiener sagen würde (in unserer Sprache fehlt eine solche Wendung) der. Er kann eigentlich schon deshalb kein Deutscher sein, weil er Badener ist und wahrscheinlich noch nicht einmal das sondern einfach nur Eimeldinger (das südbadische Dorf aus dem er stammt) - traurig...

Ruewald
22. September 2018 23:44

Treffend die Unterscheidung der 3 Volksbegriffe, wobei sich 1 und 3 überschneiden. Wichtig ist auch die Verbindung der Begriffe Volk und Nation. Dazu möchte ich auf das Buch hohen Niveaus des Soziologen Jost Bauch: "Abschied von Deutschland - eine Grabschrift" (Nachwort von Schachtschneider) hinweisen, insbesondere die Abschnitte (S. 93-97) "der Unsinn der Wertegemeinschaft" ("Verfassungspatriotismus" im Sinn von Habermas et al.) und (S.202 ff) "das Ringen um eine deutsche Identität": es sind 3 Identitätskerne, um die herum eine Nation gebildet ist: 1. der biologisch-ethnische Identitätskern, 2. der sozio-kulturell-historische, und 3. der politisch-konstruktivistische Identitätskern.

quarz
22. September 2018 23:47

Eine wichtige, weil erhellende Funktion erfüllt bei einer Begriffsanalyse die Unterscheidung von Begriffsmerkmal und Begriffskriterium. Mit Begriffsmerkmalen wird der Begriff definiert, während Kriterien ein epistemisches Hilfsmittel sind: sie helfen zu erkennen, ob ein Begriff (also die Gesamtheit der Begriffsmerkmale) in einem bestimmten Fall zutreffen oder nicht. Beispiel: eine bestimmte Färbung eines Schwangerschaftsteststreifens hilft zu erkennen, ob eine Schwangerschaft vorliegt oder nicht (Kriterium), die Färbung ist aber kein Begriffsmerkmal: eine Schwangerschaft besteht nicht z.T. darin, Färbungen hervorzurufen.

Man hat nun nicht nur zu entscheiden, was man mit dem Begriff „Deutsch“ erfassen will, sondern in Abhängigkeit davon auch zu untersuchen, wie die verschiedenen im Umlauf befindlichen Begriffsvariationen vor dem Hintergrund dieser Entscheidung zusammenhängen. Ich plädiere für einen ethnischen Primärbegriff und meine damit einen Begriff, der die kulturelle Zugehörigkeit charakterisiert.

Logisch bilden zwei Grundrelationen das Fundament der Analyse. Die erste ist die der kulturellen Ähnlichkeit. Ihre Relationsglieder sind nicht Personen, sondern kleine Gruppen (wie klein, das bleibe hier offen) zusammen und funktionell aufeinander abgestimmt lebender Menschen. Aus dem Grad der kulturellen Ähnlichkeit zwischen solchen Kleingruppen lassen sich dann mit statistischen Verfahren (z.B. Clusteranalyse) größere Gemeinschaften ableiten, die einer kulturellen Zusammengehörigkeit den Rahmen geben. In der Hierarchie dieser Gemeinschaften ist die ethnische (nationale) nur eine Ebene unter mehreren, die durch die zweite Grundrelation ausgezeichnet wird: die gegenseitige geistige Reflexion zwischen Personen.

Und diese geistige Reflexion wird primär durch das Medium der gemeinsamen Sprache vermittelt. Robert Musil schrieb: „[die Nation] ist als Sprachgemeinde ein natürlicher Leistungsverband, das Sammelbecken, innerhalb dessen sich der geistige Austausch zunächst und am unmittelbarsten vollzieht“. Er spricht von einer „geistesorganisatorischen Bedeutung der Nation“. Natürlich findet Kommunikation auch sprachübergreifend statt und natürlich findet sie schichtspezifisch in privilegiertem Ausmaß statt. Die dadurch kanalisierten Informationsflüsse mögen sogar manchmal stärker strömen als die nationalen, aber sie schaffen den spezifisch nationalen Kommunikationspool und die kulturellen Früchte, die in ihm gedeihen, nicht aus der Welt.

Soviel in aller Kürze zum Begriff. Die biologische Abstammung nun werte ich als weder notwendiges noch hinreichendes, aber immerhin aufschlussreiches Kriterium zur Einschätzung von kulturnationalen Zusammenhängen ein. Der geistige Austausch hat nun einmal historisch naheliegenderweise zwischen Menschen stattgefunden, die sich in einem biologisch bedingten Lebenszusammenhang befunden haben. Entlang biologischer Linien wurden Erzählungen und geistige Fundstücke weitergegeben und das Verständnis für den Umgang mit ihnen eingeübt.

Das Grundgesetz verwendet übrigens den ethnischen Begriff des Deutschen als semantisch primär, indem es ihn zur Definition des „Deutschen im Sinne des Grundgesetzes“ ( also eines spezifischen Rechtssubjektes) heranzieht: „Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches … “ . Hier wird also die Existenz einer Volkszugehörigkeit (im Vertriebenenkontext) bereits vorausgesetzt, die dann als eine Möglichkeit (neben „Passdeutscher“) angegeben wird, um „Deutscher im Sinne des Grundgesetzes“ zu sein.

quarz
22. September 2018 23:55

@FrankaFrey

„Deutscher ist, wer sein Land und Volk liebt und sich nicht schlecht fühlt, wenn er sagt, er sei Deutscher.“

Das ist erstens eine zirkuläre Definition, weil sie ja gerade voraussetzt, was "sein Volk" ist und was er daher als einer, der es liebt, ist.

Und zweitens wäre demnach auch jeder Japaner ein "Deutscher", sofern er sein(!) Land und Volk liebt und sich bei der (warum auch immer getätigten) Aussage "Ich bin Deutscher" nicht schlecht fühlt.

Max Piccolomini
23. September 2018 00:59

Ein schöner Essay von Caroline Sommerfeld zu diesem zentralen deutschen Thema, der durch seine Offenheit Anknüpfungspunkte für alle vertiefenden Überlegungen bietet: die Bezugnahme auf das konkret existierende deutsche Volk des Jahres 1949; die Hinweise auf das Ineinanderspielen von objektiven und subjektiven Kriterien bei der Bestimmung der Volkszugehörigkeit (treffend hierzu auch das Zitat von Nikolai Nerling durch FrankaFrey); die Erinnerung an das uralte und unauflösbare philosophische Problem der Identität.

Ungeachtet der sehr eigenwilligen Begründung für die Berechtigung des Fortbestands des deutschen Volkes - ich setze dagegen: Das Volk ist ein Höchstwert, der keiner weiteren Rechtfertigung bedarf noch zugänglich ist - stellen diese Überlegungen tatsächlich die Basis dar, von der aus sowohl (meta-)politisch als auch juristisch der Kampf mit den Deutschlandabschaffern geführt werden muß und kann. Kämpfen wir also gemeinsam, an allen Fronten!

Andreas Walter
23. September 2018 02:46

Deutscher ist, wer Deutscher ist.

Verstehen Sie? Ist. Das hat etwas mit sein zu tun. Nicht mit werden oder sein wollen, nicht mit nicht sein wollen oder nicht wissen, oder sonst was für Vorstellungen.

Das ist man, oder man ist es nicht. Genauso wie man auch eine Frau ist, oder auch nicht. Es gibt Dinge, die sind einfach. Wie die Liebe. Alles andere nennt sich Interessenkonflikte.

Deutsche grenzen sich heute lediglich nicht mehr so stark ab wie andere Völker, weil man es ihnen seit über 100 Jahren mit Gewalt verbietet. Wobei es das Problem des knappen Lebensraums in Europa tatsächlich mal gegeben hat, und es sehr wahrscheinlich in einigen Jahrzehnten wieder geben wird. Die "ewigen Jagdgründe" sind eben nur im Jenseits unerschöpflich, darum heissen sie ja auch so.

Du weisst es, ob du ein Deutscher bist, egal ob du damit einen Konflikt hast oder nicht. Wobei du als Deutscher immer einen Konflikt damit hast, egal ob du es bist oder nicht sein willst. Ganz einfach, weil der Konflikt von aussen induziert ist.

Das fing mit Made in Germany an: "Ein Auslöser für diese Entwicklung in Großbritannien waren unter anderem Waren aus Chemnitz[!] auf der Weltausstellung London 1862; diese brachen erstmals die englische Dominanz im Maschinenbau." Wikipedia, Made in Germany. "Das Bessere ist der Feind des Guten." Voltaire

Waldgaenger aus Schwaben
23. September 2018 08:25

Eine umfangreiche Arbeit, auf die bei der Gretchen-Frage der Rechten verwiesen werden kann.

Was mir fehlt:
1. Neben der deutschen Identität gab und gibt es regionale Identitäten, wie Bayer, Hanseat, Schwabe, Sachse, usw. die für den Einzelnen oft wichtiger sind als die deutsche. In meinem Empfinden haftet der "deutschen Identität" immer noch der Geruch eines Eliten-Projekts an. So wie uns jetzt gesagt wird, wir sind alle Europäer, wurde einst die deutsche Identität von oben verordnet. Rational weiß ich natürlich, dass die, auch nur mentale, Rückkehr zur deutschen Kleinstaaterei den Niedergang nur beschleunigen würde. Im Gegenteil wir brauchen eine umfassendere abendländisch-christliche Identität, um bestehen zu können. Diese muss aber von unten aus den Völkern wachsen. Wachsen kann sie aber nur aus dem Grund bestehender Identitäten.

2. Eng verknüpft mit dem Begriff des Volkes ist der des Gründungsmythos. Entstanden ist ein deutscher Gründungsmythos und der Begriff "deutsches Volk" erst im 19. Jahrhundert. Zerbrochen sind beide 1918, 1945 und nach 1945 haben sie auch Wandlungen erfahren. Diese historische Betrachtung der Wandlungen des Begriffes vom deutschen Volk vermisse ich auch im Artikel.

Um dessen Neuerrichtung wird zur Zeit heftig gestritten. Das ist vielleicht der Kern der Debatte.

richard4
23. September 2018 09:13

dann bin ich wohl so ein Rand-Deutschösterreicher; meine Mutter war eine rassige, dunkelhaarige Ungarin. mein Vater ist Wiener ;) - bei all dem Hass, mit dem sich Linke und Rechte heute in der BRD überschütten, frage ich mich schon. was bleibt da noch Geimansames übrig? sind das nicht die Vorboten eines Endes?

Durendal
23. September 2018 10:23

Im Fall der Völker Europas war die gemeinsame Abstammung nicht der primäre Faktor bei ihrer Entstehung, sondern die christliche Religion. Diese schaffte zur Zeit Otto I. die kulturelle Grundlage dafür, dass zunächst aus ostfränkischen Stämmen die größere Gemeinschaft des späteren deutschen Volkes entstehen konnte. Ähnliches geschah in Frankreich zuvor zur Zeit Chlodwigs.

Agobard von Lyon (ca. 769-840) hatte als zeitgenössische Quelle beschrieben, wie das Christentum die Grundlage dafür geschaffen habe, dass es im Reich Karls des Großen "nicht mehr Aquitanier und Langobarden, Burgunder oder Allemannen" gebe, weil die Religion die Stämme geeint habe.

Ein Volk beruht somit wesentlich auf einer durch die Religion geschaffenen Kultur. Wer ein Volk erhalten will, muss daher vor allem dafür sorgen, dass seine Bindung an die Religion, aus der es hervorging, intakt bleibt.

Es liegt reiches historisches Material darüber vor, wie in Europa Völker z.T. über sehr lange Zeiträume hinweg wesentlich schwierigere Bedingungen überstanden haben. Immer spielten religiöse Bindungen dabei eine zentrale Rolle.

Gustav Grambauer
23. September 2018 11:33

"Die Kirche hat zu viele Ordensbrüder, es fehlen ihr Ordensritter." - Gómez Dávila

In Analogie: wie erreichen wir es, daß mehr Deutsche - wie gesagt - zur Kaltenbrunnerschen Elite werden, d. h. weniger in Fakten-Fakten-Fakten sondern mehr im Tonus der Ideen, die die eigentlichen Triebkräfte der Geschichte sind, leben - wozu Frau Sommerfeld ihr Anliegen auf ihren letzten, genau dies aussagenden Satz hin gesteigert hat?

Waldgänger aus Schwaben, Ihr Einwand scheint für den oberflächlichen Blick einleuchtend. Aber ich gehe soweit, daß das Deutschtum bereits da war lange bevor es im soziologischen Sinne so etwas wie Eliten gab und - insofern - kein Elitenprojekt ist. Nur: man muß heute zur Elite werden, um es erfassen und auch diesen Umstand erfassen zu können!

- G. G.

Waldgaenger aus Schwaben
23. September 2018 11:45

Noch was nach nochmaligem Lesen und Lesen der Kommentare:

Die sowjetischen Völkerrechtslehre, die unter „Volk“ die jeweilige Bevölkerung eines bestimmten Territoriums verstand, führte oft wo sie zur herrschenden Meinung wurde, zu schrecklichem Völker-Selbst-mord. Dieser Zusammenhang wäre noch heraus zu arbeiten.
Über Rassenideologie und Holocaust gibt es wohl Regalkilometer an Literatur, vieles davon richtig und wichtig. Aber viel virulenter ist noch die sowjetischen Völkerrechtslehre und deren Folgen wurden kaum so intensiv aufgearbeitet.

@Durenal
Was Sie sagen ist richtig und die unselige konfessionelle Spaltung Deutschland war und ist vielleicht die Wurzel des deutschen Verhängnisses.
Jetzt, da das Christentum niedergeht, finden die Konfessionen, zu spät aber, zu einander. Eine Wiedergeburt des Abendlandes aus dem Geist des Christentums kann nur gelingen, wenn Konfessionen keine Rolle dabei spielen.

John Haase
23. September 2018 11:49

Die Frage, was deutsch ist, wird sehr überbewertet. Ich sehe und verstehe die intellektuelle Freude, mit der sich viele aus unserem Lager daran abarbeiten, sehe und verstehe ich doch auch die Freude daran, sich geistig an Mittelerde, Westeros, Entenhausen oder Sherlock Holmes abzuarbeiten. Letztlich wird die Suche nach einem Volksbegriff, der auch die Teilnehmer eines linken Uniseminars zufriedenstellen kann, erfolglos bleiben.

„Volk“ ist nun einmal ein unscharfer Begriff, was aber nicht heißt, das man ihn nicht gebrauchen kann. Sprache ist ein großer Werkzeugkasten und ein brauchbarer Werkzeugkasten besteht nicht nur aus Feilen und Feinsägen, sondern auch ein Hammer und ein Fuchsschwanz sollten sich darin finden lassen.

Das Bemängeln der fehlenden Definition eines Volksbegriffs dient der Schaffung eines Nebenkriegsschauplatzes, auf der ein Sieg, selbst wenn er erfochten werden könnte, völlig bedeutungslos wäre. Es kostet den Linken nichts, „definier mal deutsch“ zu fordern, aber es kostet eine Menge Aufwand, der Forderung nachzukommen. Man sollte sich darauf nicht einlassen, die für sie wichtigen Begriffe definiert die internationale Linke schließlich auch nie.

Letztlich hat die Frage nach der Volksdefinition etwas vom Haufenparadoxon. Man stelle sich einen Haufen Getreide vor. Nun nehme man ein einzelnes Korn weg und es bleibt immer noch ein Haufen. Man nehme ein weiteres und ein weiteres und ein weiteres - man sieht, wo die Reise hingeht. Irgendwann hört der Haufen auf, ein Haufen zu sein, aber wann? Wann hat man das entscheidende Körnchen weggenommen und wie unterscheidet es sich von den anderen? Nicht zu beantworten. Ein Linker würde nun deshalb folgern, so etwas wie einen Haufen gäbe es gar nicht, sondern er sei nur ein Konstrukt von Ewiggestrigen. Jedenfalls tut er das, wenn es um den ebenso notwendigerweise unscharfen Volksbegriff geht.

Mit dem Deutschsein ist es ähnlich: ein Deutscher ist weiß, er interessiert sich für Fussball, er nimmt im Ernstfall die Waffe auf für sein Land, er wäscht Samstags sein Auto, er grillt gerne, er spricht Deutsch, er hat deutsche Eltern, er ist Christ oder zumindest christlich geprägt etc. Das Problem ist: von der Sprachbeherrschung abgesehen ist nichts davon wirklich entscheidend. Man kann es nach und nach wegnehmen und am Ende bleibt - nichts, jedenfalls nichts deutsches. Nicht einmal die Abstammung lässt sich als Hauptkriterium ausmachen: was ist mit Leuten wie Philipp Rösler? Soll der echt Vietnamese sein?

Waldgaenger aus Schwaben
23. September 2018 12:46

@Gustav Grambauer
Ich kann nur beschreiebn wie es empfinde. Ich hielt mich mal im Deutsch-Schweizer-Grenzgebeit bei Schaffhausen auf.
Irgendwo in den lokalen Chroniken las ich, dass die Bevölkerung (sic!) sich erst ab dem 1. Weltkrieg als Deutsche und Schweizer sahen.
In den Wäldern dort finden sie noch an der Grenze alte Grenzsteine mit
CS und GB
CS: Canton Schaffhausen (gibt es heute noch)
GB: Großherzogtum Baden (vom Winde verweht)

Sandstein
23. September 2018 12:54

@ Andreas Walter

"Deutscher ist, wer Deutscher ist."

Sie haben den Text von Frau Sommerfeld nicht gelesen, oder? Gehört die Autorin, abstammungsmäßig wohl romanischen Geblüts, jetzt nicht zu uns Deutschen?

Natürlich kann jemand Deutscher werden, sich also a) dieser Nation und seinem Volk verschreiben/verpflichten, und b) selbst geno- respektive phänotypisch angleichen.

Spätestens seit dem Hunneneinfall unter Attila und seinen Söhnen und der daraus resultierenden Zerstreuung germanischer Völkerschaften ist die Homogenität in Zentraleuropa Geschichte. Tacitus beschrieb die Germanen als auffallend groß, blond in allen Abstufungen, die östlichen Germanen oftmals rothaarig. Blaue Augen, mit einem durchdringenden, kalten Blick und ausgeglichener, zäher Körperbau runden das "germanische Paket ab". Das sehen Sie aber bei vielleicht noch 25% der Bevölkerung, in Teilen Schwabens und an der Küste im Norden etwas häufiger.

Dieser Typus kommt in meiner Familie überwiegend vor, hinderte meine Eltern aber nicht mich einem großen Bruder nachzuschicken, der phänotypisch, abgesehen von der Größe/Körperbau einfach anders daherkommt. Braune Augen, dunkle Haare. Wohl aus der mütterlichen Linie, da wurden einige Kaschuben eingeschmuggelt.

Was Sie überhaupt zum Begriff des "seins" schreiben ist totaler Unsinn. Abgesehen vom unbewegten Beweger gibt es in unserer Welt philosophisch rein gar nichts, was einfach "ist". Sondern nur etwas was wird. Oder anders gesagt, alles was "ist", wurde auch.

Nach Ihrer Begriffsdeutung müsste es ja dann seit Anbeginn der Zeit Deutsche geben. Einfach so, weil Sie das gesagt haben. Verstehen Sie?

ps: und ich hab übrigens überhaupt kein Problem damit, Deutscher zu sein.

quarz
23. September 2018 13:56

@Waldgänger

Bemerkenswert ist auch, dass sich für eine Hörfassung der Gedichte von Johann Peter Hebel (dem literarischen Inbegriff der südbadischen Region) nur jenseits der Grenze (in Basel) ein im Dialekttonfall geeigneter Sprecher fand.

Ruewald
23. September 2018 14:15

@Waldgaenger
Zum Thema Gründungsmythos: das Buch von Jost Bauch: "Mythos und Entzauberung". Ein Gründungsmythos, wie etwa Wilhelm Tell für die Schweizer, begründet die Existenz und Existenzberechtigung und historisch-politisch-kulturelle Spezifität und Identität einer Nation und eines Volkes. Der Holocaust als Gründungsmythos der BRD, wie z.B. von Joschka Fischer et al. vorgeschlagen, wäre hingegen ein Mythos des Verschwindens von der historischen Bildfläche.

@Andreas Walter
"Deutscher ist, wer Deutscher ist", eine - wohl absichtlich – zirkuläre Formulierung. Genauer betrachtet, wird "ist" in 2 verschiedenen Bedeutungen verwendet: 1. als grammatische Kopula, womit das Prädikat "deutsch" als Eigenschaft zugewiesen wird; 2. ont(olog)isch, als bestimmte Seinsweise eines Individuums. Wobei die Seinsweise auch ein Werden umfaßt, historischen Wandlungen unterworfen – die heute bis zur Degeneration und Annihilation abgleiten, wenn die Tendenz nicht mehr zum Umkehren kommt.

Aber nun müßte man konkreter werden: welches sind die "ontischen" Kennzeichen, Deutscher zu sein? Ein bemerkenswerter Ansatz ist der von @quarz, auf den ich später separat eingehen will.

Jeder Definitionsversuch ist zunächst als eine Hypothese anzusehen. Hypothesen gilt es an konkreten Beispielen zu prüfen, zu validieren, oder auch zu falsifizieren (was nicht unbedingt zum Verwerfen der Hypothese führen muß, sondern zu einer Begriffskorrektur). Vorsicht davor, den Volksgegnern, die mit Grenzfallbeispielen den Begriff "Volk" obsolet machen und eliminieren wollen!
Fundamental ist sicher die biologisch-ethnische, geschichtlich-kulturelle und geistige Verwurzelung. Jost Bauch in "Abschied von Deutschland" (S. 97) nennt als entscheidend das Prinzip der "Eingesessenheit": Heimat von Menschen gleicher Herkunft, Sprache, Tradtion und erlebter Geschichte.

Bei so unscharfen Begriffen wie "Volk" gilt es, der inhärenten Unschärfe durch die Einführung von Abstufungen Rechnung zu tragen, z.B. durch die Unterscheidung von Kern, Rand, Peripherie und Fremde. Außerdem kommt es auch auf die Gewichtung von biologischer Herkunft und innerer Einstellung (der Selbstidentifikation) an.

Zur Schärfung der Begriffsbildung einige "kritische" Beispiele als Fragen:
Gehören die folgenden Personen oder Gruppen zum "deutschen Volk"?
Akif Pirinçci, Cem Özdemir, Mesut Özil, Claudia Roth, Angela Merkel;
oder: die in Deutschland lebenden Zigeuner;
oder: die Abkömmlinge von Hugenotten ...
Andere Frage: ist Alexander Puschkin (1/8 Mulatte, da sein Urgroßvater Negersklave war) ein echter "Volksrusse"?

heinrichbrueck
23. September 2018 14:46

"Abstammungsdeutsche werden dazu dringend benötigt. In ihnen ist aufgehoben, woraus sich das Deutsche überhaupt speisen kann." (C. Sommerfeld)

Also eine spirituelle Seinsfrage. Und über die Könnensfrage bewahrheitet sich diese.

„Wer sich nicht vernegern lassen will, ist ein Faschist, den man aufhängen muß.“
(Ferdinand Céline)

Scheint in diesem Kommentariat noch nicht so ganz klar zu sein.

1,5 Millionen neue Wohnungen; die Umzüchtung läuft.

RMH
23. September 2018 15:27

Möchte mich dem Kommentar von John Hase anschließen bzw. dem Zustimmen mit Ausnahme des letzten Absatzes davon, wo Klischees genannt werden, (wohl um das Ganze etwas Selbstironisch abzurunden). Aber damit liegt dann ein Widerspruch zum davor richtig Erkannten. Auf genau diese Definitionen und "Klischees" kommt es jedenfalls nur an, wenn man linker ist, womit man ohnehin automatisch ein Anhänger Diabolos ist, des großen Durcheinanderwerfers.

Ich persönlich brauche nur unseren örtlichen Bus zu benutzen und weiß damit automatisch,
a) dass ich Deutscher bin
b) wer kein Deutscher ist.
Das von der Gruppe b) irgendwelche irgendwann mal zu meiner Gruppe a) Deutscher aufrücken können, mag sein und das soll die Geschichte und das jeweilige Schicksal regeln. Solange die Personen aus Gruppe b) aber noch nicht einmal die deutsche Sprache in ihren Gesprächen untereinander sprechen (trifft insbesondere auf die bei uns vorhandene große Gruppe der sog. "Russlanddeutschen" zu) werden sie nie zur Gruppe a) gehören, da können sie irgendwelche deutschen Pässe haben oder sogar mal irgendeinen Deutschen in irgendeiner fernen Ahnenlinie haben, wie sie wollen.

Ich habe Freunde aus Schulzeiten, die sind mittlerweile US-Amerikaner und das ist auch richtig so, da sie auch dort leben und die englische Sprache privat benutzen. Das sind trotz Herkunft keine Deutschen mehr. Überhaupt muss man das Thema der Biologie bei dieser Frage in klare Schranken weisen, da es letztlich Varianten einer scheinbaren "Wissenschaftlichkeit" vom Schlage eines Darwins sind und in dieses Fahrwasser muss man nicht kommen. Wenn man sich als Christ als Ebenbild Gottes verstehen darf, dann sind all die Darwinisten automatisch Abkömmlinge von Äfflingen - und damit sollen sie dann bittschön auch leben ;) :)

PS: Die Linken sind es ja bekanntermaßen, die den Menschen nicht so akzeptieren, wie er ist und die unter falscher Anwendung biologischer, soziologischer und psychologischer "Erkenntnisse", den Menschen auf die Spur des "Fortschritts" zwingen und ihn damit in ihrem ganz eigenen Sinne "bilden" wollen (schon damit sind sie Gotteslästerer). Da hat dann kein Deutscher, kein Russe, kein Araber mehr Platz, weshalb es gilt, diese Begriffe in sophistischer Weise zu dekonstruieren.

Gustav Grambauer
23. September 2018 15:59

Waldgaenger aus Schwaben

Habe mich - mit Frau Sommerfeld - auf die überzeitliche und wenn man so will übermenschliche Idee des Deutschtums bezogen.

Darf Sie darauf aufmerksam machen, dass der Begriff bzw. Inbegriff Kanton zwar aus der Alten Eidgenossenschaft bekannt war, aber erst durch Napoleon Bonaparte zum politischen Durchbruch und damit zu seiner heute eingänigen Geltung gebracht wurde, dadurch, dass das Direktorium im Zuge der damaligen Mode der Landvermessung die am Reissbrett (daher "Kanton", kommt von "Kante") eingeteilten Verwaltungseinheiten, vergleichbar mit den späteren sowjetrussischen Rayons oder den Ulbrichtschen Bezirken der DDR, so bezeichnet hat. Es ist auch nicht zufällig ein römisch-lateinischer Begriff, der schon deshalb eigentlich jedem echten Schweizer innerlich zutiefst zuwider sein müsste - so wie z. B. auch

- die mit Nachdruck das "Grüezi Mitanand" vermeidenwollende Urbanschweizer Spiesser-Begrüssung "Sali" (von Salü, Salute bzw. Salve), ebenso

- die auf die (Napoleonische) Helvetik bezogene Adressangabe "CH-" derjenigen, die meist zugleich glühende EU-Zentriker sind oder

- der im Deutschschweizer Alltag grassierende Bückling vor der kulturellen Fremdbestimmung im Benennen auf Französisch bzw. Lateinisch, womit die Betreffenden mit 200 Jahren Verspätung unfreiwillig oder freiwillig den Bourgeois aus den Zeiten des Empire zu Besten geben, und was ich manchmal meinerseits auf die Spitze treibe um mir einen Spass zu machen, welchen aber inmitten all der Komik niemand bemerkt:

- Merci statt Danke
- retour statt zurück
- Billet statt Fahrkarte, Billeteur statt Schaffner
- parkieren statt parken
- Trotinette statt Kinderroller
- Trottoir statt Gehweg
- Perron statt Bahnsteig
- Camion statt Lastwagen
- Pneu statt Reifen
- Limite statt Obergrenze
- sistieren statt aufheben oder verschieben
- Traktanden statt Tagesordnungsfragen
- Pendenzen statt hängige Aufgaben
- Apéro statt Umtrunk
- degustieren statt verkosten
- Glacé statt Speiseeis
- Karotte sogar statt Rüebli
- Croissant sogar statt Gipfeli
- Poulet statt Hähnchen
- Cheminée statt Kamin
- Lavabo statt Waschbecken
- Papeterie statt Schreibwarengeschäft
- usw. usf.

Die "Schweizer" (?) Kantone haben wie ein Spinnennetz

https://www.google.ch/search?biw=1429&bih=908&tbm=isch&sa=1&ei=AJWnW_SKDKTQrgTlnr74Dw&q=uited+nations+logo&oq=uited+nations+logo&gs_l=img.3...6705.10346.0.10740.16.16.0.0.0.0.187.1362.13j2.15.0....0...1c.1.64.img..1.2.268...0i8i7i30k1.0.tV3oFHqltv4

die Landsgemeinden, Reichsstädte, Stadtstaaten usw. überzogen (folgerichtig sagt man heute, wo es noch Landsgemeinden gibt, im Appenzell und im Glarus, eiskalt, die Kantone "verfügten" über diese). Der Kantonspräsident oder Regierungspräsident hat den - alemannisch - Landesammann ("Landesamtmann", sprachlich vielleicht vergleichbar mit dem Landeshauptmann in Österreich) verdrängt, so wie der Gemeindepräsident, teilweise sogar mit zwei aneinandergereihten Helvetismen "Kommunalpräsident" (Bürgermeister) der Gemeindeammann oder Gemeindevorsteher wäre wenn er denn einer wäre (und nicht ein Agent, ein U-Boot der Internationale auch im kleinsten Dorf).

Was den Kunstkanton Schaffhausen betrifft: lesen Sie mal selbst:

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Kantons_Schaffhausen#Vom_Stadtstaat_Schaffhausen_zum_Kanton_Schaffhausen

- G. G.

Ruewald
23. September 2018 16:56

@quarz
Ein anspruchsvoller wissenschaftlicher Ansatz! Die Unterscheidung zwischen Merkmal und Kriterium ist sicher richtig; allerdings fällt epistemisch Kriterium und Merkmalserkennung häufig zusammen. Einfachheitshalber beschränke ich mich auf Merkmale.

Die statistische Methode erinnert sehr an die Arbeiten des Linguisten und Genetikers Luigi Luca Cavalli-Sforza, der ganze Sprachenstammbäume und Populationsverteilungen und –wanderbewegungen rekonstruiert hat; allerdings hat er PC-artig geflissentlich den Begriff "Rassen" vermieden, stattdessen "Populationen", obwohl die Ergebnisse weitgehend übereinstimmen. Zur Kritik: Peter Frost https://openpsych.net/OBG/wp-content/uploads/2014/03/L.L.-Cavalli-Sforza.-A-bird-in-a-gilded-cage-final-version.pdf

Angewendet auf "Volk" wird die Methode der Mustererkennung (pattern recognition) zur Bildung von "Clustern" aus korrelierten Merkmalsbündeln noch schwieriger, denn die Ergebnisse hängen dann – außer den statistischen Unsicherheiten – stark von der gegenseitigen Gewichtung der einzelnen Merkmale ab. Es besteht die Gefahr, daß die Variabilität der sich ergebenden Cluster von der Gegenseite als "Beweis" dafür benutzt wird, daß der Volksbegriff "obsolet" sei.

Zum Beispiel etwa Claudia Roth oder Angela Merkel: nehmen wir mal an, daß sie biologisch-ethnische Deutsche sind; andererseits fehlt ihnen völlig die kulturelle Bildung und Verwurzelung; je nachdem wie man die "Hardware" oder die "Software" gewichtet, gehören sie zum deutschen Volk oder nicht.

Der interessante hierarchische Ansatz von @quarz ist freilich komplexer gedacht. Aber die statistische Auswertung würde damit noch komplizierter.

"Die biologische Abstammung nun werte ich als weder notwendiges noch hinreichendes .... Kriterium ...". Wie nun? Klar, daß sicher nicht hinreichend. Aber "nicht notwendig"? Im strengen Sinn freilich. Aber in einem statistischen Terrain wie Populationsdynamik kann man sowieso nicht mit ganz strengen und scharfen Abgrenzungen rechnen, zumal i.a. im Laufe von Generationen durch Einheiratung Anschluß an die Abstammungsgemeinschaft erfolgen, d.h. "Eingesessenheit" (Jost Bauch) nachgeholt werden kann.

Die 3 Varianten, die Frau Sommerfeld für den Begriff "Volk" diskutiert, zeigen bereits, daß es sich um etwas Mehrdimensionales handelt. Man stelle sich durchaus etwas Räumliches im Sinne der Mathematik vor: ein Gebilde in einem mehrdimensionalen Merkmalsraum mit Koordinatenachsen für biologische Herkunft, kulturelle Identifizierung, usw. In einem vorigen Kommentar habe ich die Abstufung Kern, Rand, Peripherie und Fremde vorgeschlagen. Bei den Beispielen Roth und Merkel z.B. fehlt die Kultur, es bleibt nur die (geometrische) Projektion auf die biologische Achse, d.h. sie fallen auf den Rand oder die Peripherie des Gebildes "Volk". Ähnlich die Mehrzahl der deutschen Zigeuner, die i.w. eine endogame Randgruppe geblieben sind. Umgekehrt türkisch-stämmige deutsche Patrioten, die auf der geistigen aber nicht biologischen Achse liegen und somit auch noch "randständig" sind. Die Hugenotten sind ihrerseits von einer Randgruppe durch sukzessive Inklusion in den Kern übergegangen.

Solution
23. September 2018 17:11

Alles schön und gut, aber dafür, daß "Mischlinge sogar den Volkskörper bekräftigen und kräftigen", hätte ich gerne einmal einen wissenschaftlichen Beweis.

Sprechen nicht alle Beweise dagegen? Von Rushton bis zur "Bell Curve" kann man das Gegenteil lesen (im Einzelfall ist das natürlich unterschiedlich stark).

Johannes Poensgen
23. September 2018 17:34

"Jedem einzelnen Volk, und sei es noch so klein und scheinbar unbedeutend, kommt damit eine wesentliche und unverzichtbare Aufgabe im Zuge der gesamten Menschheitsentwicklung zu."
(Caroline Sommerfeld)

"Wir haben Millionen in Rußland abschlachten und in China verhungern sehen, und es war für die übrige Welt nur eine Zeitungsnachricht, die man am Tage darauf vergaß. Kein Mensch würde draußen in seiner Ruhe gestört werden, wenn Schlimmeres irgendwo in Westeuropa geschähe. Man erschrickt nur vor Drohungen; mit vollendeten Tatsachen findet der Mensch sich schnell ab. Ob einzelne oder Völker sterben, sie hinterlassen keine Lücke."

Oswald Spengler

richard4
23. September 2018 18:07

@Sandstein, danke für ihre ihre Klarstellungen. vor allem der Satz mit den eingeschmuggelten Kaschuben fand ich erfrischend befreiend.
wenn ich mich nicht irre, kommt Volk sprachlich von folgen. darüber sollte man länger nachdenken.
und ich denke, ein Akif Princci z.b., hat sich mehr für die deutsche Sache verdient gemacht, als so mancher sogenannte Biodeutsche.

Cacatum non est pictum
23. September 2018 18:31

@Sandstein

Ohne einer Replik von Andreas Walter vorgreifen zu wollen: Ich nehme an, daß Sie seine Wortmeldung falsch gedeutet haben. Ich habe ihn so verstanden, daß die Beurteilung, wer Deutscher ist, in der großen Mehrzahl aller Fälle keine Probleme aufwerfe und deswegen eine akademische Debatte hierüber belanglos sei. So sehe ich es übrigens auch. John Haase hat das in seinem Beitrag gut auf den Begriff gebracht.

Damit will ich die elaborierten Versuche von Frau Sommerfeld und quarz gar nicht abwerten. Sie werden halt nur praktisch nichts ausrichten; denn die Universalisten blocken Definitionen, die ihnen ideologisch nicht passen, sowieso mit rhetorischen Tricks ab; und gesetzlich wird sich daraus auch nie etwas ableiten lassen, weil eben der Volksbegriff per se zuviel Unschärfe aufweist.

Venator
23. September 2018 19:06

Dieser Typus kommt in meiner Familie überwiegend vor, hinderte meine Eltern aber nicht mich einem großen Bruder nachzuschicken, der phänotypisch, abgesehen von der Größe/Körperbau einfach anders daherkommt. Braune Augen, dunkle Haare. Wohl aus der mütterlichen Linie, da wurden einige Kaschuben eingeschmuggelt.

Naja, theoretisch gibt es da auch noch andere Möglichkeiten, für die man nicht so weit in die Vergangenheit reisen muß.
Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald.

Behaim
23. September 2018 19:07

Zunächst unterscheidet Sommerfeld die Ebenen: die bloße Staatsangehörigkeit von Passdeutschen interessiert sie nicht. Es geht um die tiefere, substantiellere Frage nach der Identität des deutschen Volkes. Das ethnisch Deutsche ist dies kraft seiner Abstammung. „Deutsch ist, wer deutsche Eltern hat.“ Und das gilt dann natürlich auch iterativ rückwirkend. Das klingt einfach und eindeutig. Abstammung ist aber nun einmal ein mindestens biologisch konnotierter Begriff, und dem also konnotierten Biologismus - materielle Kontinuität von Gen- und Blutlinien als Kriterium – versucht Sommerfeld zu entgehen, indem sie mit Max Weber die ethnische Zugehörigkeit durch kulturelle Prägung erläutert. „Charakterliches“, „atmosphärisch Typisches“ (Sommerfeld), bzw. ein bloß subjektiver Glaube an eine Abstammungsgemeinschaft aufgrund von „Ähnlichkeiten des äußeren Habitus oder der Sitten oder beider oder von Erinnerungen an Kolonisation und Wanderung“ (Weber): Das sind Kriterien, die es immer noch erlauben, von Vererbung oder von Phänotypen zu sprechen, ohne alles auf das Biologische zu reduzieren.
Das so gefasst phänotypisch Deutsche ist – wie Sommerfeld selber sagt – historisch veränderlich, kennt Ausnahmen, hat unscharfe Ränder usw., trotzdem soll es aber einen guten Sinn haben, der evident wird, wenn man es etwa mit dem phänotypisch Schwarzafrikanischen oder Koreanischen vergleicht.
Was soll aber das phänotypisch Schwarzafrikanische oder Koreanische sein, das sich kraft kultureller Prägung so evident vom phänotypisch Deutschen abhebt? Kennt „der“ Schwarzafrikaner – ein ethnisch übrigens recht unscharfer Begriff - oder Koreaner etwa phänotypisch deutsche Gründlichkeit, deutschen Fleiß oder deutsche Gemütlichkeit nicht so gut? Oder wird die Evidenz nicht doch wieder schlicht durch den Kontrast schwarzer Hautfarbe oder asiatischer Schlitzaugen mit dem phänotypisch Deutschen hergestellt, die den ganzen argumentativen Umweg über die Kultur allerdings überflüssig macht? Dafür spricht auch, dass auf einmal die phänotypischen Unterschiede zwischen den Deutschen und praktisch allen Nachbarvölkern als „für uns heute völlig irrelevant“ erklärt werden. Warum dann eigentlich überhaupt noch vom phänotypisch Deutschen sprechen und nicht z. B. vom Mitteleuropäischen?
Weil es doch letztlich uneingestanden wieder um die auch rechtlich definierte Zugehörigkeit zum deutschen Staat oder einen anderen Aufenthaltstitel geht: „Wer nach Deutschland einwandert, um Paßdeutscher zu werden, jedoch nur die Vorteile dieses Status abgreifen will, ohne für die Volksseele auch nur ein Fünkchen Gespür zu haben, ist folglich ein Fremdkörperdeutscher oder, wenn er in Massen auftritt, Umvolkungsdeutscher.“

Die mystische Phraseologie anscheinend anthroposophischer Herkunft, die verschwommene Rede von Volksseele, Volkskörper oder Volksgeist, dieser ganze abgesunkene Wortschrott, der von Herder bis zu den Gebrüdern Grimm einen unverbrauchten guten Sinn haben mochte, aber durch die Nazis für immer kontaminiert ist, und der eingebürgerte und bestens integrierte aber eben nicht ethnische Deutsche wie etwa Hasnain Kazim oder Igor Levit zu Recht erschreckt, vernebelt nur, worum es Sommerfeld doch anscheinend vorrangig geht, und was auch einen guten Sinn hat: Dass ein Sozialstaat, der nur in einem Land mit hohen ökonomischen Standards möglich ist, die ihrerseits von kulturellen Werten und zivilisatorischen Normen abhängen, sich nicht für eine Masseneinwanderung aus Ländern - meint konkret: aus dem islamischen Kulturkreis und aus Afrika - öffnen kann, in denen diese Werte, Normen und Standards nicht gelten. Wer eine solche Masseneinwanderung will, schafft langfristig den Sozialstaat und die ihm zugrundeliegende Idee des deutschen Volks als einer Solidargemeinschaft ab.

Der Punkt von Bahners ist übrigens auch nicht, Sommerfeld völkischer oder „white supremacy“-affiner Gesinnung zu verdächtigen, sondern: vulgärer Islamkritik.

Der Feinsinnige
23. September 2018 19:46

Diesen Artikel lese ich jetzt gerade zum zweiten Mal und würde ihn am liebsten auswendig lernen. So wichtig, aber auch so klar und einfach sind seine Aussagen, auch so selbstverständlich – nur in unserem verkorksten Land eben gerade nicht selbstverständlich. Die genannten drei Volksbegriffe sind geeignet, in jeder Diskussion weiterzuführen, wenn das Gegenüber bereit und in der Lage ist, zuzuhören und mitzudenken. Der erste und der dritte Volksbegriff stellen eine für Deutschland und jedes andere Land) lebens- und überlebenswichtige Ergänzung gegenüber dem heute in Deutschland offiziell (wenn überhaupt) allenfalls noch akzeptierten zweiten, rein juristischen Begriff des „Paßdeutschen“ dar.

Ja auch ich denke völkisch im Sinne des obigen Artikels.

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„Das Grundgesetz sieht zumindest fiktiv eine Doppeldefinition des deutschen Volkes bestehend aus ius solis (Territorialprinzip) und ius sanguinis (Abstammungsprinzip) vor. Deutschland gehört zu denjenigen Staaten, die das Abstammungsprinzip bei der Vergabe der Staatsbürgerschaft zugrundelegen.“

Die Regierung Schröder hat das in Deutschland überkommene Abstammungsprinzip durch eine Komponente des Territorialprinzips ergänzt (das sog. Optionsmodell für die sog. zweite Einwanderergeneration). Es wird eine der ersten Aufgaben einer sich für eine deutsche Zukunft unseres Landes einsetzende Regierung sein, diesen Einbruch des Territorialprinzips in unser Rechtssystem wieder abzuschaffen oder zumindest zurückzudrängen und damit die Abstammung einerseits und die ethnisch-kulturelle Zugehörigkeit andererseits als für eine Einbürgerung wichtige Voraussetzungen neben anderen zu stärken – und damit die Zahl der Einbürgerungen deutlich zu senken.

Sandstein
23. September 2018 21:00

@richard4

das ist glaube ich genau der Umgang den wir brauchen: befreit, frisch, selbstbewusst. Wir stehen in der Nachfolge verdammt vieler verdammt beeindruckender Menschen. Hab mal gelesen knapp 40% aller Technologien sind auf Deutsche zurück zu führen. Und wenn's 20% wären, angesichts der "Größe" ist das wirklich eine Größe.
Und meine kaschubisch-stämmige Großmutter war eine tolle Bildhauerin :)

@Cacatum

Naja, es gibt ja zwei Sichtweisen. Einmal die Selbstidentifikation, und die ist, auch wenn es sicherlich Menschen gibt, die sich angesichts der heutigen Ideologie schwer tun, so einfach wie ein Blick in den Spiegel. Da haben Sie Recht.
Es geht ja aber nicht darum, wie wir Deutschen mit dem Deutschsein umgehen, sondern wie wir mit Menschen umgehen, die Deutschsein als Stigma betrachten. Und das sind ja meistens auch Deutsche. Kenne wenig Ausländer, die Deutsche minderschätzen.
Das mieseste Schimpfwort gegen unser Volk ist "Kartoffel". Lächerlich, selbst da schwingt ja irgendwas respektables mit. Hart, ungenießbar ohne Kochvorgang, energiereich.

Und um mit diesen "widerstrebenden Kartoffeln" einen Umgang zu finden sind so Debatten denke ich schon sinnvoll. Bislang hat es ja keiner geschafft, hier einen guten Hebel zu finden.

@Poensgen: Spengler tut immer weh, aber Wahrheit schmerzt oft. Denke auch, uns wird keiner eine Träne nachweinen, und wenn wir es nicht selber tun, wirds halt so kommen, wie es sich abzeichnet. Ich glaube aber fest daran, dass etwas von "uns" überdauern wird. Und wenn es 1-2 Millionen sind, die Bücher, Mythen und Erzählungen mit in eine neue Heimat nehmen. Schäuble hat ja hier zu ein klares Statement abgegeben. Keiner wird abgeschoben, es kommen immer mehr dazu, kann jeder selber ausrechnen wann's soweit ist. Ich muss in Berlin sogar nur vor die Tür gehen und lebe unter 149 Nationen. Die Linke hat damit sogar zu den letzten Wahlen geworben. Geiles Plakatmotiv.

Caroline Sommerfeld
23. September 2018 21:51

@Behaim: "Phänotypisch" bedeutet, bedenken Sie den Wortursprung, doch "Erscheinungstyp". Unterschieden vom Genotyp. Der Phänotyp eines Schwarzafrikaners ist - für unsere mit cultural blindness geschlagenen Augen vor allem - erst einmal: schwarz. Doch es ist eben zu wenig, zu ungenau, zu materiell-biologisch, diesen auf den Genotyp zurückzubeziehen. Da sind wir uns ja einig. Zu "phaino" (scheinen) gehört auch eine Ausdrucksqualität, ähnlich wie bei einem Musikstück. Wer denkt, es sei "der Sozialstaat", auf den hin die Existenz unserer Ahnen, all ihr Sinnen und Trachten, ausgerichtet gewesen ist, und an dem unsere Zukunft hängt, ist ein "Abstraktling", davon gibt's auch rechte. Den Bahners frag ich bei Gelegenheit mal, wessen er mich wirklich verdächtigte. Über den Islam diskutierten wir in Köln jedenfalls nicht.

quarz
23. September 2018 22:18

@Ruewald

"Unterscheidung zwischen Kriterium und Merkmal"
Eine solche Unterscheidung treffe ich gar nicht, sondern eine zwischen zwei Arten von Merkmalen: Begriffsmerkmalen und Erkennungsmerkmalen. Begriffsmerkmale definieren einen Begriff, Erkennungsmerkmale (=Kriterien) helfen uns zu erkennen, ob ein Begriff zutrifft. Eine (leibliche) Mutter-Tochter-Beziehung wird durch biologische Merkmale definiert. Um zu erkennen, ob sie vorliegt, können wir uns an einem Eintrag in einem amtlichen Register orientieren. Dieser definiert nicht die Mutterschaft, aber er unterstützt unsere Feststellung der Mutterschaft. Er ist weder hinreichend (es könnte sich im Amt ein Registrierfehler eingeschlichen haben) noch notwendig (die Registrierung könnte unterblieben sein) für das Vorhandensein einer Mutterschaft. Zwischen den konstitutiven Begriffsmerkmalen und den Merkmalen, auf die wir uns als Kriterien stützen, besteht eine Korrelation, woraus wir epistemischen Nutzen ziehen.

Methodisch möchte ich angesichts Ihres Interesses nun doch noch etwas mehr ins Detail gehen:
(1) Logische Grundlage sind in meinem Ansatz nicht einzelne empirische Merkmale, aus denen dann Ähnlichkeit abgeleitet wird, sondern die Gesamtähnlichkeit bildet die Grundtatsache. Das stößt stets auf Erstaunen und Skepsis bei jenen, die spöttisch zu entgegnen pflegen: "Was macht denn bei dir die kulturelle Ähnlichkeit zwischen Deutschen aus? Müssen sie alle Sauerkraut essen ... ?".

Ich gehe von der Grunderfahrung aus, der sich ehrlicherweise wohl niemand entziehen kann, dass zwischen dem sozialen Gefüge in Oberhirzelbrunn und dem in Unterhirzebrunn eine größere kulturelle Gesamtähnlichkeit besteht als zwischen dem in Oberhirzelbrunn und dem eines entlegen im Amazonasregenwald lebenden Eingeborenenstammes. Das würde spontane Zustimmung finden, noch bevor eine weitere Analyse spezielle Hinsichten zutage fördert, in denen Ähnlichkeitsunterschiede bestehen.
Entgegen einer verbreiteten Meinung sind diese Hinsichten aber nicht logischerweise primär. Sie können auch aus der Gesamtähnlichkeit abstrahiert werden. Ein locus classicus, wo Vergleichbares geschah, ist Rudolf Carnaps "Logischer Aufbau der Welt (1928)". Dort schreibt er: "[Wir müssen] von dem ausgehen, was zu allem anderen erlebnismäßig primär ist, vom "Gegebenen", und das sind die Erlebnisse selbst in ihrer Totalität und geschlossenen Einheit. Jene Bestandteile bis zu den letzten Elementen hinunter sind aus diesen Erlebnissen durch Inbeziehungsetzung und Vergleichung, also durch Abstraktion gewonnen."
(2) Der nächste gedankliche Schritt ist dann die numerische Repräsentation der Rangordnung der Ähnlichkeiten zwischen Vergleichspaaren.
(3) Schließlich kann auf der Basis des so destillierten numerischen Ähnlichkeitsmaßes eine Klassifikation gewonnen werden, die zunächst soziale Kleingruppen zu größeren kulturellen Zusammengehörigkeitsverbänden zusammenfasst und in weiterer Folge die Angehörigen dieser Kleingruppen als ethnische Individuen dieses Verbandes erweist.
(4) Das ist das Fundament, das aus der komparativen Ähnlichkeit errichtet wird. Und dann kommt zweitens eben die sprachlich vermittelte privilegierte geistige Reflexion zwischen den ethnischen Individuen als Überbau hinzu, die auch durchaus arbeitsteilig kanalisiert wird.
(5) Und aus dem Humus dieser kulturellen Verbundenheit sprießen dann kulturspezifische Früchte.

Die drei Sommerfeld-Varianten (oder andere Explikationsvorschläge) sehe ich nicht als Komponenten eines Phänomens, die in einem mehrdimensionalen Raum zu clustern sind, sondern als verschiedene Dinge, die auf die oben angedeutete Weise zusammenhängen. Insbesondere hängen Abstammung und kulturelle Ähnlichkeit derart zusammen, dass erstere als (weder notwendiges noch hinreichendes, aber durch Korrelation nützliches) Kriterium für die Feststellung einer auf kultureller Verwandtschaft basierenden Zusammengehörigkeit dienen kann, die aber begrifflich auf der kulturellen Ähnlichkeit beruht.

P.S.
Cavalli-Sforza ist eine ganz eigenartig gespaltene Figur, bei der (wie von Ihnen angedeutet) eine große Kluft zwischen dem besteht, was er als Forscher herausgefunden hat und dem, wie er öffentlich der sozial erwünschten Sprachregelung folgt. Hier ist ein interessanter Link dazu:
https://openpsych.net/files/papers/Frost_2014a.pdf

FrankaFrey
23. September 2018 22:19

@quarz
Ich glaube nicht, dass man der ethnischen Identität mit Logik auf die Schliche kommt. Nur derjenige, der sich einem Volk zugehörig fühlt, kann wirklich Mitglied sein, sonst ist er eben nur ein Staatsbürger mit Rechten und Pflichten.
Es gibt einen sehr interessanten Aufsatz von Irenäus Eibl-Eibesfeldt in dem Buch: „Ethnic Conflict and Indoctrination - Altruism and Identity in Evolutionary Perspective“, in dem er beschreibt, dass es beim Menschen sozusagen ein Entwicklungsfenster dafür gibt, auf eine bestimmte Gruppenidentität, Fahne ... eingeschworen werden zu können. Danach ist diese Festlegung nur sehr schwer zu löschen oder auszutauschen. Dieser Zeitraum ist mehr oder weniger die Adoleszenz, das Alter, in dem auch bei den sogenannten Naturvölkern die Initiationsriten durchgeführt werden; das Alter, in dem Firmungen, Konfirmationen, Wehrpflicht.... stattfinden.
In diesem Sinne ist es äußerst fatal, wenn man sich klar macht, dass die Rituale zur Bildung ethnischer Identität, angefangen vom Heimatkundeunterricht in der Schule, den ich noch genossen habe, bis zur Wehrpflicht vernichtet wurden, so dass womöglich nur noch die älteren Generationen dieses Gefühl kennen, das sich bei mir beispielsweise beim Singen oder Abspielen der Nationalhymne so unwillkürlich einstellt und zu dem es für mich keinen rationalen Zugang gibt. Das lässt sich mit Abstammungsgemeinschaft und gemeinsamer Sprache nicht wirklich erklären.

quarz
23. September 2018 23:04

@FrankaFrey

"Nur derjenige, der sich einem Volk zugehörig fühlt, kann wirklich Mitglied sein"

Die Sache ist verzwickter. In gewisser Hinsicht kommt in dem radikalen und fanatischen Bemühen, alles, nur nicht Deutsch zu sein, etwas (zwar Fehlgeleitetes, aber) sehr Deutsches zum Ausdruck.

Ruewald
23. September 2018 23:30

@quarz
Danke für die ausführliche Klärung. Daß Sie so tief einsteigen wie Carnap, habe ich nicht gleich erkannt. -
Mein räumliches Analogon ist freilich stark vereinfacht, sollte aber veranschaulichen, wie man mit der Unschärfe des Volksbegriffs und der Abstufung Kern, Rand, Peripherie umgehen könnte. Sicher sind Abstammung und Kultur stark korreliert und wären im räumlichen Modell nicht durch orthogonale Achsen darzustellen - aber dem könnte ja wie üblich per Orthogonalisierung durch Hauptachsentransformation abgeholfen werden. -
Im übrigen halte ich , so interessant sie gedanklich auch ist, die statistische Clusteranalyse im Zusammenhang mit dem Volksbegriff für unpraktikabel.

Ergiebiger scheint mir der Hinweis von
@FrankaFrey auf den (kürzlich verstorbenen) Biologen und Humanethologen Eibl-Eibesfeldt, m.E. der bedeutenste Schüler von Konrad Lorenz. Zu der Thematik hat Eibls Kollege und Mitarbeiter Frank Salter Grundlegendes beigetragen.

Ruewald
23. September 2018 23:49

@quarz
P.S. Ihr Hinweis zu Cavalli-Sforza verweist auf denselben Artikel von Peter Frost, den ich angegeben hatte. Bedauernswert, daß es immer wieder herausragende Wissenschaftler gibt, die nicht das Rückgrat haben, offen zu den Ergebnissen und Konsequenzen ihrer Forschungsergebnisse zu stehen, und sich stattdessen den Meinungsmonopoldiktaten beugen, selbst dann, wenn sie eigentlich (emeritiert, hohen Alters, etc.) nichts mehr zu verlieren hätten.

Behaim
23. September 2018 23:55

@Caroline Sommerfeld: Der deutsche Sozialstaat mit allem, was da so dranhängt, - das Gesundheitssystem, die Altersvorsorge, die Sozialversicherung - ist in meinen Augen tatsächlich eine der größten politischen Errungenschaften der deutschen Geschichte, durchaus auch im Sinne Kants, Fichtes oder Hegels, ohne dass ich die nun so ohne weiteres als „unsere Ahnen“ reklamieren wollte. Das ist profan und nicht gerade geeignet, in seiner Alltäglichkeit zu begeistern.

Aber Politik sollte sich nicht zu sehr mit religiösem, metaphysischem oder auch ästhetischem Pathos aufladen. Das kann sie nicht einlösen. Deshalb sehe ich auch eine schleichende Islamisierung durch Masseneinwanderung aus islamischen Ländern und die bekannte demographische Entwicklung als eine ernstzunehmende Gefahr: für diesen säkularen Staat und die von ihm garantierten Freiheiten und sozialen Sicherheiten. Ich verstehe nur nicht, weshalb man einem deutschen Staatsbürger – oder einer Staatsbürgerin, die ist im Folgenden immer mitgemeint – anderer Hautfarbe oder jedenfalls nichtdeutscher Herkunft, der aber hier aufgewachsen ist und sich selber als Deutscher empfindet, der die Sprache gelernt hat und sich in seinem Verhalten nicht wesentlich von einem herkunftsdeutschen Altersgenossen unterscheidet, der sich mit diesem Land und seiner Kultur identifiziert, - weshalb man dem das Deutschsein im emphatischen Sinn absprechen sollte. DAS finde ich nun abstrakt, ohne Ansehen der Person und ihrer individuellen Geschichte und Leistungen diese Zugehörigkeit einem Menschen anderer Herkunft vorzuenthalten.

Maiordomus
23. September 2018 23:57

@Franka Frei. Auch Franz Josef Strauss, Joschka Fischer, nebenbei noch Antonin Dvorak sowie der Schreibende waren "schlichte Metzgerssöhne". Was wollen Sie mit einer solchen Formulierung eigentlich sagen?

Maiordomus
24. September 2018 00:17

@Grambauer hat keine Ahnung vom Verhältnis der Schweizer zum Französischen, das längst aus der Zeit vor Napoleon stammt; Albrecht von Haller, der erste grosse Schweizer Dichter, betonte, besser das Französische als das Deutsche zu beherrschen, die lateinischen Sprachen sind durchwegs schweizerische Amtssprachen und waren schon vor 500 Jahren von wegleitender Bedeutung, nicht zu vergessen das Italienische, welches Kardinal Schiner sprach, der wohl bedeutendste Schweizer Aussenpolitiker der älteren Epochen, von Bürgermeister Wettstein in Basel abgesehen, der ebenfalls gut Französisch sprach, kein Vergleich zu weiland Westerwelle oder Genscher. Es gab stets eine mächtige Franzosenpartei, etwa im Wallis und allgemein an der Tagsatzung zum Beispiel in Stans 1481. Der mächtige Fürstbischof Jost von Silenen war auch noch Bischof von Grenoble.

Genf war schon im Spätmittelalter eine bedeutende und im übrigen die grösste Schweizer Stadt, wiewohl nicht Vollmitglied wegen des Widerstandes der Landkantone, die nicht überstimmt sein wollten. Rousseau bezeichnete sich als "Suisse", er ist bis heute der bedeutendste Autor des Landes und als Theoretiker des Kleinstaates nach dem Vorbild seiner Verfassung für Korsika heute noch nicht richtig verstanden. Jeder anständige und patriotische Schweizer verwendet die von Ihnen genannten Ausdrücke, unter den Rechten seinerzeit zum Beispiel James Schwarzenbach. Klar sagt man als Kantone "Stände" und "Orte", der Rat der Kantone, die gewichtige zweite Kammer, das umstrittenste Verfassungsmoment von 1848, heisst Ständerat.

Alveradis
24. September 2018 00:21

"Ob einzelne oder Völker sterben, sie hinterlassen keine Lücke."

Schwer zu glauben, wenn man das Verschwinden der Ägypter (durch Vermischung) bedenkt und dann betrachtet, was ihren Platz eingenommen hat. Angefüllte Räume können die entstandene Lücke sogar noch viel deutlicher machen, auch wenn sich die historisch kulturellen Wirkungen der verschwundenen oder vernichteten Völker auf die weitere Menscheitsentwicklung nicht ausmessen lassen. Mit einem nun sind sie halt weg und die Anderen halt da kann man natürlich alles weg wischen.

Besonders der Mittelmeerraum scheint mir einer in dem entsetzliche Lücken gerissen und gewiss nicht gefüllt wurden. Das Unwiederbringlich macht mich keineswegs gelassener sondern zeigt den Abgrund, den viele zu begreifen nicht im Stande sind. Und nein, ich meine weder das Verschwinden der"Sozialsysteme", noch des "christlichen Abendlandes" oder der fdgo oder anderer Konstrukte.

Einzelne hinterlassen Lücken, die nicht geschlossen werden können. Muss das tatsächlich gesagt werden? Das Gegenteil zu behaupten scheint mir nur wie eine effekthascherische Pose.

Franz Bettinger
24. September 2018 01:05

"Deutscher ist, wer sein Land und Volk liebt und sich nicht schlecht fühlt, wenn er sagt, er sei Deutscher." Einfach, aber richtig! Wer - außer Semantikern - ein Problem mit solchen Definitionen hat? Alle Versprengte, die nicht wissen, wo sie hin gehören. Aber deren Problem ist nicht meins, und ich mache es auch nicht zu meinem. Ich lasse mir, nur weil die Esel an der Macht sind, nicht einreden, alles mit vier Beinen sei ein Pferd.

@Ruewald: Richtig, auf die "Eingesessenheit" kommt es an. - Claudia Roth und Merkel? Sind leider Deutsche. Ja, solche Varianten gibt es. Obwohl ich seit neuestem wieder an Aliens glaube.

@Andreas Walter: schön gefühlt und gesagt, volle Zustimmung! @Sandstein versteht Sie nicht. Manche sind nicht "mitschwingungsfähig", Haarspalter. Auch wenn einige Haare in der Tat gespalten gehören, d'accord Sandstein. Ansonsten hat @Cacatum dazu das Richtige gesagt.

@John Haase: Schön, ihr Bespiel mit dem Haufen. Aber Philipp Rösler? Ist ein von Deutschen adoptierter wasch-echter Vietnamese. Da der Mann ehrlich ist, wird er genau das denken und sagen auf die Frage, was oder wer er ist. Was ist dabei? Denken Sie, es sei - immer noch? - eine Auszeichnung, Stamm- oder Volksdeutscher zu sein, und jeder müsse sich darum reißen?

Caroline Sommerfeld
24. September 2018 07:53

@Behaim: sag ich doch! Der 3. Volksbegriff, der "emphatische", umgreift auch solche abstammungsmäßig fremdbleibenden "Volksdeutschen", dafür braucht es eben das Seelisch-Geistige als Ebene, an der sie teilhaben. Es ist nur als Fremder ungleich schwieriger, bedarf ständig neuer Einverleibung - im Wortsinne - des spezifisch deutschen Geistigen durch diese Individuen. Sie bleiben daher rar.

Behaim
24. September 2018 09:17

@Caroline Sommerfeld: Ich glaube nicht, dass es sich da nur um ein paar rare Ausnahmen handelt, es gibt nach meiner Wahrnehmung viele davon. In der politischen Auseinandersetzung dem Gegner die Volkszugehörigkeit abzusprechen, halte ich prinzipiell für gefährlich. Da können Sie dann noch so sehr nachschieben, Sie meinten es doch im Sinne von Kaltenbrunners Elitenbegriff, und Sie seien sich schon darüber im Klaren, dass das kein Massenprogramm sei. Durch die Verwendung des Volksbegriffs zielen Sie aber genau darauf: auf Massenwirksamkeit und auf die demokratische Hoffnung, dass dies einmal Mehrheitsmeinung sein möge. Warum nennen Sie diese emphatische Ebene denn sonst nicht besser „Kulturdeutscher sein“?

Es gibt angesichts der Abstraktionen, mit denen Politik arbeiten muss, eine Sehnsucht nach Konkretion, nach phänotypischer, geradezu physiognomischer oder morphologischer Anschaulichkeit, wie sie Kaltenbrunner in seinen Essays oft großartig einlöst. Aber warum wohl hat er sich in den 90ern, also nach der Wiedervereinigung, von der man doch denken sollte, dass sie eine seiner entscheidenden politischen Hoffnungen realisiert hat, so ganz von der Politik ab- und der katholischen Spiritualität zugewandt? Ein geschichtsphilosophisches Buch mit Spekulationen über die Finalursachen der Völker wäre möglicherweise eine interessante und anregende Lektüre, aber in der politischen Auseinandersetzung sind sie fehl am Platz.

FrankaFrey
24. September 2018 10:45

@majordomus
Mist, ich hätte vorher googeln müssen, wer noch alles Metzgerssohn war oder ist und eine steile Karriere hingelegt hat. Sie haben mich der Polemik überführt.
Ich wollte damit sagen, dass dieser Mensch meiner Meinung nach ein dringendes Bedürfnis hat, sich in vieler Hinsicht von seiner Herkunft zu „emanzipieren“ nun eben auch von seiner Volkszugehörigkeit, weil dies zeitgeistgemäß als fortschrittlich und korrekt empfunden wird. Er ist eben ein Aufsteiger und hat einen Riecher dafür, mit welcher Haltung man weiter kommt. Letztendlich hat es mit seiner konkreten Herkunft nichts zu tun. Es geht um die Entfernung von ihr, um ihre Leugnung.

Gustav Grambauer
24. September 2018 10:48

Maiordomus

"Grambauer hat keine Ahnung vom Verhältnis der Schweizer zum Französischen ..."

Ach, was. Wir haben einfach zwei Kulturen in der Deutschschweiz, und ich verstehe, dass Sie die Ihre gern als die einzig gültige hinstellen wollen:

a) das verkappt oder offen römisch-imperial denkende Patriziat, dem alle von Ihnen angeführten Vertreter angehörten, die selbstverständlich alle bis zum Exzeß gallophil-frankophil waren und deren heutige Vertreter es noch heute sind, siehe meine Liste von Helvetismen aus der Zeit der Industrialisierung oben. Das Denken und Fühlen dieses Patriziats ist längst in die - urbane - Breite eingesickert. Dieses Patriziat mag katholisch oder protestantisch (wobei sich der Gegensatz der Genfer und der Zürcher Reformation längst in der NWO-Luft aufgelöst hat), freisinnig oder etatistisch, reaktionär oder progressiv daherkommen, egal, das sind nur Nuancen einer im Grunde einheitlich zementierten Anspruchshaltung und Machtausübung (zu der ich von den historischen Vertretern her sogar Rousseau mit seiner Volkssouveränität hinzuzähle, die aber eben nur als Element der Aufklärung zu verstehen ist).

b) die alemannisch (germanisch) geprägte SVP-Schweiz, die Klöppel immer gern die Solidschweiz nennt, die letzte Bastion des Anspruchs "Keine fremden Richter".

Mir ist einfach die Solidschweiz nicht nur viel wärmer und näher, sondern ich sehe auch, dass die Patrizierschweiz den Keim der Dekadenz und die Disposition zur Fremdbestimmung schon immer in sich trug, was Napoleon nur zur Katalyse gebracht hat. Heute sind deren Strukturen in eine unfassbare Dekadenz und Fremdbestimmung gekommen und wirken fast nur zerstörerisch. Dass der Multikulti-Niedergang der Schweiz in Genf, Lausanne und Biel beginnt ist vor dem obig Gesagten kein Zufall, je römisch-lateinischer früher, desto mehr Niedergang heute, und je unmittelbar-französischer, desto mehr Niedergang sowieso.

Sie kennen selbstverständlich diese unter Ihrer Aufzählung von Namen zu (a) verschüttete viel tiefere Dimension der Schweizer Geschichte (auch wenn Sie es überraschend finden mögen, dass es heute überhaupt noch jemand wie Asatru oder mich gibt, der sie geltend macht), aber für die anderen Teilnehmer:

https://www.asatruschweiz.bplaced.net/Historisches.htm

Grüsse!

- G. G.

Sandstein
24. September 2018 11:13

Ich glaube, das größte Problem an der Diskussion hier ist, dass man sich einem Sachverhalt mit dem falschen Werkzeug nähert.

Wir reden über Deutsche als Ethnie, richtig?
Jede Ethnie durchwandert einen Prozess der Bildung, die Ethnogenese.
Die alten Bajuwaren sind hierfür ein gutes Beispiel. Zwar liegt im Dunkeln, welche Teile in welchem Anteil später das bajuwarische Volk bildeten, doch gilt als gesichert, dass elbgermanische und zugewanderte donausuebische Anteile das Gros bildeten. Dazu kamen hunnische Partikel ("Turmschädel") und sicher romanische Einflüsse aus dem Noricum und der Raetia.

Heute gehört Bayern zu einer Hochburg des gemeinsamen Brauchtums und der gemeinsamen, gelebten Tradition. Brandenburg, wahrscheinlich deutlich homogener in der Zusammensetzung, hat eine solche Traditionsausbildung hingegen nie erlebt.

Ich schließe daraus: es ist nicht unbedingt das größte Problem, dass so viele Fremde zu uns kommen. Sondern, dass diese Fremden nicht bereit sind, sich an der noch vorherrschenden Ethnie zu orientieren. Mag mit der Unvereinbarkeit von Islam und Christentum zusammenhängen, oder den großen Unterschieden der jeweiligen Kulturräume (Orient/Okzident). Aber die größte Schwäche ist die Feigheit, Anpassungen einzufordern.
Geht beim Kopftuchverbot los, bei der Halal-Schlachtung weiter und endet bei so traurigen Zuständen, wie dem tolerieren von Viel- und Kinderehe, und dem Schlichtungsprinzip in arabischen und türkischen Kreisen,

Man zielt also ideologisch nicht einmal auf die Schaffung eines neues Volkes ab (was schon so bedenklich wäre, aber immerhin), sondern auf die Schaffung vieler kleiner ethnischer Bruchstücke, die man nach römischen Prinzip gegeneinander ausspielt.

Fahrplan für uns Deutsche. Ost-West-Diaphragma endlich auflösen, deutsches Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.

Solange wir uns in Gut und Dunkeldeutsche spalten lassen, ist ja nicht einmal die Voraussetzung gegeben, um einen deutschen Traditionskern zu bewahren. Und nur das kann ja Ziel solcher Diskussionen hier sein.

ps: warum kursiv :(

Fritz
24. September 2018 13:16

Ganz interessant in diesem Zusammenhang ist dieser Artikel:

https://www.nzz.ch/feuilleton/wie-die-katholische-kirche-wider-willen-den-gesellschaftlichen-fortschritt-des-westens-beschleunigte-ld.1412848

Demnach hat die katholische Kirche seit dem 6. Jahrhundert Ehen unter Verwandten (Cousins) in Europa verboten und damit die Entstehung von Clans und Großfamilien verhindert. Darin gründet der besondere soziale Charkzer Europas, der durch größeren Individualismus und größere Kooperationsbereitschaft als andere Kulturen gekennzeichnet ist.

Dass entsprechende Gebiet entspricht ziemlich genau dem Umriss des reiches der Karolinger.

Die ganze Untersuchung findet sich hier: https://psyarxiv.com/d6qhu/

Sehr lesenswert.

Ehedem
24. September 2018 14:17

Ein Verweis auf die, die aktiv jedes Deutschsein abstreiten, reicht mM nicht aus. Viel gewichtiger sind doch die vielen ethnischen Deutschen, die überhaupt kein Bewusstsein mehr für ihre Herkunft haben, häufig aus mangelnder Bildung, und dabei auch noch in einer globalisierten Konsumwelt aufgehen, in der die Menschen insgesamt immer weniger unterscheidbar werden.

Ruediger Plantiko
24. September 2018 15:20

Danke für die Einbeziehung der causa finalis! Anzuerkennen, daß den einzelnen Völkern ein Ziel innewohnt, auf das hin sie existieren, ist dabei sogar noch viel einfacher als eine konkrete Beschreibung dieses Zieles geben zu können: was ist z. B. das Ziel, die Bestimmung, die Mission der deutschen Volksseele? (Das liegt natürlich daran, daß wir selbst drinstecken, selbst Partei sind.) Wir können als zweiten blinden Fleck unseres Zeitalters auch noch die causa formalis hinzufügen, die Idee: denn jeder weiß, was ein Volk ist, dennoch sieht man ohne cause formalis nur die Bäume, keinen Wald. Ein Kernproblem unserer gegenwärtigen Weltwahrnehmung ist die Blindheit für die Form, den Typus, die Idee. Daher die Schwierigkeiten mit Völkern, aber z. B. auch mit "Mann" und "Frau", mit"Familie" - und vor allem: mit Gott.

Andreas Walter
24. September 2018 15:37

@Sandstein

Genau so ist es.

War es darum schon immer, und wird es darum auch immer sein.

Dank der von Gott mir verliehenen Kraft.

Wer deutscher ist bestimme ich. Im Sinne von ich selbst, jeder selbst.

Solange Ihr euch aber fremdbestimmen lasst, fremdbestimmt seid, bestimmt Ihr das nicht.

Die Diskussion ist daher Teil, bereits Folge der Fremdbestimmung.

Thomas Martini
24. September 2018 16:18

@Behaim:

„Was soll aber das phänotypisch Schwarzafrikanische oder Koreanische sein, das sich kraft kultureller Prägung so evident vom phänotypisch Deutschen abhebt? Kennt „der“ Schwarzafrikaner – ein ethnisch übrigens recht unscharfer Begriff - oder Koreaner etwa phänotypisch deutsche Gründlichkeit, deutschen Fleiß oder deutsche Gemütlichkeit nicht so gut?“

Nur ein Volk auf dieser Welt, hat Männer wie Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart, Josef Haydn, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Richard Wagner, Jean Paul, oder Richard Strauss hervorgebracht. Um nur einige zu nennen, die den Mythos vom „Land der Dichter und Denker“ begründeten. Das macht Deutschland unverwechselbar! Die kulturellen Leistungen dieser Deutschen, haben die deutsche zur größten Kulturnation aller Zeiten gemacht. Kein Volk auf dieser Welt, hat die Kultur von anderen Völkern in den letzten Jahrhunderten so sehr bereichert, wie das deutsche. Darin zeigt sich auch, was uns Deutsche z.B. vom amerikanischen Volk am meisten unterscheidet. Denn die kulturellen „Leistungen“ der USA, bestehen darin, die Kultur anderer Völker zu zerstören. Gleichzeitig wäre der amerikanische Kulturbetrieb ohne deutsches Kulturgut nicht denkbar. Was uns also „kraft kultureller Prägung“ von anderen Völkern unterscheidet, ist nicht zuletzt unsere Geschichte. Aus ihr geht jeglicher Bezug zum Deutschtum und dem deutschen Volk hervor. Damit ist sie nach der gemeinsamen Sprache das wichtigste Kriterium eines gemeinsamen Volksbezugs.

Weil Deutschland in Wahrheit eine große Friedens- und Kulturnation ist und immer war, ist den Demokraten so sehr daran gelegen, die Geschichte Deutschlands auf die Zeit des Nationalsozialismus zu reduzieren - oder zu suggerieren, daß durch diese Zeit, das Deutsche auf ewig schuldbeladen sei. Ansonsten hätte das demokratische Herrschaftssystem längst keine Legitimation mehr.

„Die mystische Phraseologie anscheinend anthroposophischer Herkunft, die verschwommene Rede von Volksseele, Volkskörper oder Volksgeist, dieser ganze abgesunkene Wortschrott, der von Herder bis zu den Gebrüdern Grimm einen unverbrauchten guten Sinn haben mochte, aber durch die Nazis für immer kontaminiert ist, ...“

In dieser Überlegung steckt ein Denkfehler. Kontaminiert wurde dieser Begriff absichtlich von den Demokraten, und zwar beim Internationalen Militärtribunal in Nürnberg, wo sich die Sieger des Weltkriegs zum Richter über die Verlierer erhoben. Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Menschheit, und die entscheidende Weichenstellung im Hinblick auf die "Vernegerung" Deutschlands und Europas. Die Absicht dahinter: Dem deutschen Volk für alle Zeiten das Rückgrat zu brechen. Auch bei Ihren Ansichten fällt auf, wie gründlich das den Siegermächten gelungen ist.

Dem Essay von Caroline Sommerfeld ist dagegen wenig hinzuzufügen. Zu diesem Beitrag kann man ihr nur gratulieren, was ich hiermit herzlichst tue.

Ruewald
24. September 2018 17:51

@ThomasMartini
Zustimmung zu Ihren deutlichen Worten!

In der Tat muß man den IMT ff. als einen der großen Zivilisationsbrüche in der abendländischen Geschichte sehen. (im ähnlichen "Stil" ging es 2003 - 2006 im Irak).
Die von Ihnen angedeutete Weichenstellung wird z.B. in C. v. Schrenck-Notzing, "Charakterwäsche. Die Re-educaion der Deutschen und ihre bleibenden Auswirkungen", ausführlich beschrieben.

Mit absoluten Rangordnungen und Superlativen wie "größte .." oder "aller Zeiten" würde ich etwas vorsichtiger sein. Nach welchen Kriterien? Und es ist auch noch nicht "aller Zeiten Abend". Allerdings hatten unsere Großeltern vielleicht doch recht, wenn sie sagten: "es kommt nichts Besseres nach".
Unverkennbar sind jedoch die kulturellen Fußspuren, die "wir" weltweit hinterlassen haben und aus denen viele Denker und Musiker bis im fernen Osten nach wie vor noch schöpfen.

"Dichter und Denker..." muß natürlich die großen Musiker mit einschließen, selbstverständlich auch den von Ihnen vergessenen J. S. Bach, vielleicht der "Größte" von allen (wie manche meinen).

Thomas Martini
24. September 2018 20:32

@Ruewald "Mit absoluten Rangordnungen und Superlativen wie "größte .." oder "aller Zeiten" würde ich etwas vorsichtiger sein."

Bitte um Verzeihung, aber ich habe das ganze Wochenende wieder nur Beethoven gehört, u.a. unter der Leitung von Hermann Scherchen, Hans Rosbaud und Carl Schuricht. Irgendwie neige ich unter diesen Eindrücken zum Überschwang. Grundsätzlich haben Sie aber recht. Zudem haben selbstverständlich z.B. auch Frankreich und Italien in kultureller Hinsicht großartige Leistungen erbracht, die ich nicht missen möchte.

"Dichter und Denker..." muß natürlich die großen Musiker mit einschließen, selbstverständlich auch den von Ihnen vergessenen J. S. Bach, vielleicht der "Größte" von allen (wie manche meinen).

Ganz Wunderbar, daß Sie den großen Joh. Seb. Bach noch anführen, den er gehört in der Tat mit an die Spitze unserer "alten Meister".

Das, was Beethoven in unserer Lage jedoch noch wichtiger macht, ist das Revolutionäre, das seinem Werk immanent ist. Die ständige Aufmüpfigkeit in seiner Musik, schroff und ungezügelt, ist ein Appell zum Widerstand.

Aufnahme der kompletten Egmont-Musik unter der Leitung von Hermann Scherchen:

https://www.youtube.com/watch?v=aX0lBHfxcVo

"Erwache, Held, in deinem Vaterlande
Muß, wer es liebt, der Freude nun entsagen,
Ein fremdes Heer bringt Ketten, schmiedet Bande,
Dein edles Volk soll ferner Fesseln tragen.
Das Richtschwert zuckt; die Fackel glüht zum Brande,
Nun gilts für alles treu dein Alles wagen!
Für heimisch Recht, im Streite stark, zu siegen,
Und ists verwehrt, doch streitend zu erliegen!
Dein Herzblut opfernd sollst du dich erheben
Zu bittrem Haß aus süßen Minneträumen!"

JohannWiburger
24. September 2018 22:25

Kann man teilweise Deutsch sein? Meine Mutter stammt aus eine sehr alte deutsche Familie aus dem baltischen Gebiet, und ich habe (teilweise unbewusst) immer eine starke Verbundenheit mit der deutschen Sprache empfunden obwohl es nicht meine Muttersprache ist. Die Familie meiner Mutter ist schon in neunzehnten Jahrhundert, in Finnland, aus praktischen Gruenden, ins Schwedishe uebergegangen. Fuer mich ist das Deutschsein irgendwie eine Teilidentitet dass u.a. dazu fuert dass ich die deutsche Sprache pflege, obwohl das hier sonst nicht sehr ueblich ist.

FrankaFrey
25. September 2018 00:39

Ich möchte mal einen überspitzten Gedanken in den Raum stellen, der vielleicht ein Licht auf unser Problem der klaren Abgrenzung als Ethnie wirft.

Die Eigenbezeichnung vieler, wenn nicht aller Naturvölker bedeutet einfach „Mensch“. Mir fallen da die Inuit ein oder auch die Roma. Mitglieder der eigenen Gruppe werden als Menschen betrachtet; Nichtmitglieder werden nicht als Menschen betrachtet und auch nicht als Übermenschen sondern zumeist als minderwertige Wesen, auf die die eigenen Wertvorstellungen keine Anwendung finden, die man auch nicht als Gleiche behandeln muss. Böse Zungen behaupten, dass es auch bezüglich der ethnischen Identität der Juden ein ähnliches Denken gebe, für das sich Belege im Talmud finden lassen. Diese Gruppen scheinen unser Problem nicht zu kennen, denn wem fällt es schwer, Menschen von Nichtmenschen abzugrenzen.

Wer in diesen Fällen seine Gruppenherkunft und -zugehörigkeit leugnet oder aufgibt, gibt sein Menschsein alternativlos auf und müsste, wenn nicht unter Tieren, so doch mindestens unter Barbaren leben.

Vielleicht haben wir das Abgrenzungsproblem und Definitionsproblem deshalb, weil wir uns den Rest der Menschheit als christliche Abendländer längst als Brüder mit ins Boot geholt haben.
Vielleicht findet sich die Ursache ja bei Paulus im Brief an die Galater Kapitel 3 Vers 26-28 „Denn ich je seid alle Kinder Gottes.... Hier ist kein Jude noch Grieche...“

Vielleicht ist alles Menschheitsgerede mit dem uns unser „Besonders-sein“ weggenommen werden soll ist säkularisiertes Christentum.

Ruewald
25. September 2018 10:07

@FrankaFrey

Zwei wichtige Aspekte, die Sie ansprechen: Tribalismus (oder Ethnozentrismus) versus Universalismus, die ja auch z.B. einen wesentlichen Unterschied zwischen Judentum und Christentum kennzeichnen. Auf der einen Seite die Abgrenzung zu den Goyim, auf der anderen Seite die Forderung nach universeller Nächstenliebe.
Die Exklusivität hat Gilad Atzmon in "The Wandering Who" tiefgründig analysiert; sie zeigt sich selbst noch bei atheistischen linken Antizionisten und israelischen Friedensaktivisten. –

Andererseits sind die christlichen Wurzeln (bzw. Relikte) des typisch abendländischen Universalismus unverkennbar: in der Aufklärung, der Deklaration der Menschenrechte, der Franz. Revolution, im Marxismus-Kommunismus, bei den atheistischen Humanisten, und heute bei den One-World-Aktivisten, usw. Die Tendenz zum Totalitarismus ist dem Universalismus mehr oder weniger inhärent.
Wenn ich mich recht erinnere, hat der kürzlich von GK in einem Nachruf gewürdigte Ulrich Schacht dies in einem Vortrag (auf YouTube) sehr schön dargelegt.

Lotta Vorbeck
25. September 2018 15:46

@JohannWiburger - 24. September 2018 - 10:25 PM

Kann man teilweise Deutsch sein? Meine Mutter stammt aus eine sehr alte deutsche Familie aus dem baltischen Gebiet, und ich habe (teilweise unbewusst) immer eine starke Verbundenheit mit der deutschen Sprache empfunden obwohl es nicht meine Muttersprache ist. Die Familie meiner Mutter ist schon in neunzehnten Jahrhundert, in Finnland, aus praktischen Gruenden, ins Schwedishe uebergegangen. Fuer mich ist das Deutschsein irgendwie eine Teilidentitet dass u.a. dazu fuert dass ich die deutsche Sprache pflege, obwohl das hier sonst nicht sehr ueblich ist.

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Lieber Johann Wiburger,

Sie schreiben - Ihr Pseudonym läßt dies vermuten - aus Karelien?

Schön, daß Sie aus der Ferne auf SiN mitlesen!

Als Kind deutscher Eltern ist's schwer zu beurteilen, ob man, wie Sie fragen, teilweise deutsch sein kann.
In Brasilien gibt's jedenfalls eine kleine Population sowohl deutsch als auch portugiesisch sprechender Deutscher, die zum größten Teil in Brasilien geboren sind und zeitlebens noch nie in Deutschland waren.

quarz
25. September 2018 16:37

"Wann aber schlägt Quantität in Qualität um?"

Der Gedanke verdient mehr Beachtung. Die vulgärpantarheiistische Vorstellung vom historischen Prozess als Kontinuum, die in Kommentaren wie "Veränderung gab es schon immer, nimm's locker!" zum Ausdruck kommt, krankt ja an zwei Fehleinschätzungen. Einerseits am Ausbenden der Zahlenverhältnisse, andererseits aber auch am Verkennen qualitativer Umschwünge. Es folgt nicht einfach Jahr auf Jahr, sondern es gehen manchmal auch Dinge zu Ende, die sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt haben und die sich nicht einfach durch das ersetzen lassen, was halt als nächstes kommt, weil ein in vielerlei Hinsicht aufeinander abgestimmtes organisches Ganzes sein Ende findet. Ein solches Ganzes ist natürlich auch der Veränderung unterworfen, aber eben einer Veränderung, die eine Entwicklung des Bestehenden darstellt. Und das ist etwas ganz anderes als eine Veränderung, bei der das eine stirbt und durch etwas anderes abgelöst wird.

Für die Kritik an solchen Ablösen gibt es neuerdings das Schimpfwort "Kulturessentialimus". Sollen sie schimpfen. Ich stelle mir im Gegenzug vor, wie in hundert Jahren die Erben der Ablöse verständislos vor einer (technisch wie auch immer bewerkstelligten) Wiedergabe von Schuberts Streichquintett stehen. Richard Strauss hat 1945 anlässlich einer Aufführung des Schubert-Oktetts angemerkt: "Der deutsche Geist, der sich nur in solchen Werken offenbart … bleibt, bis die Erdkruste vereist ist und wohl noch darüber hinaus“. Aber eben: ohne Resonanz in einem Gemüt, das sich in ihm wiederfindet. Und das bereits lange vor der nächsten Eiszeit, wenn wir keine Schubumkehr im großen Austausch bewirken.

Cacatum non est pictum
25. September 2018 16:50

@JohannWiburger

Es freut mich immer, wenn ich von Ausländern höre, die sich aus der Ferne mit der deutschen Sprache, Kultur und Geschichte beschäftigen - sei es aus reiner Begeisterung, sei es, weil die Vorfahren deutsche Wurzeln hatten. Häufig wissen diese Menschen einiges mehr über das Deutschtum, seine Entwicklung und seine Fußabdrücke in der Weltgeschichte als die heutigen Deutschen selber. Wenn es mit uns irgendwann mal komplett bergab gehen sollte, werden es nicht zuletzt die germanophilen Leute im Ausland sein, die wichtige Überreste unseres kulturellen Erbes bewahren werden.

@FrankaFrey

"Böse Zungen behaupten, dass es auch bezüglich der ethnischen Identität der Juden ein ähnliches Denken gebe, für das sich Belege im Talmud finden lassen."

Das jüdische Volk hat sich über Jahrtausende in der Geschichte gehalten, trotz Zerstreuung über den Erdball, trotz mitunter widrigen Lebensbedingungen. Hätten sie sich nicht radikal gegen das für sie Fremde abgeschirmt, wären die Juden längst assimiliert worden. Diese Form der Abschottung ist eine Blaupause für alle bedrohten Völker.

Stil-Bluete
25. September 2018 20:45

Für mich ist die Identität 'Stallgeruch'. Erstaunt es mich doch immer wieder, dass die Affinität zu denjenigen, die aus derselben Region Schlesien kommen, obwohl -x Jahre verflossen sind, im Guten wie im Schlechten eine vertrautere ist. Früher durfte man das 'Ahnung' nennen (ich habe mir im Moment aus Zeitmangel nicht die Mühe gemacht, die etymologische Verbindung von das Ahnen und die Ahnen zu untersuchen)

Zum Stall gehören nicht nur unterschiedliche Haustiere, dahin gehören auch Schwälbchen und - Fliegen. (Die also sollen nicht verschwiegen werden) Der Stallgeruch ergibt sich aus dem warmen Geruch von Heu, Gras und - Mist. Heute aber, ohne Mist - ist es Silage- und Güllegeruch. Daher mögen wir den eigenen Stallgeruch nicht mehr. Flüchten ins Exotische, Ferne.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.