Sezession
25. September 2018

Marx von rechts – eine Debatte (1)

Siegfried Gerlich

Auf den Sammelband Marx von rechts, der vor anderthalb Monaten im Verlag Jungeuropa erschien, wird unangemessen und angemessen reagiert.

Siegfried Gerlich

Siegfried Gerlich studierte Philosophie sowie Musikwissenschaft und lebt als freier Autor und Pianist in Hamburg.

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Unangemessen handeln amazon und der Buchdienst der JF: Bei beiden ist der Band auf den Internetpräsenzen nicht mehr auffindbar, denn sie wollen die Debatte nicht führen. Angemessen hat unser Autor Siegfried Gerlich reagiert: Er kann dem Buch nicht viel abgewinnen und legt dies im Folgenden dar. Daß der an Marx von rechts beteiligte Benedikt Kaiser diesen Hieb in einem Debattenbeitrag parieren darf, ist selbstverständlich - wir veröffentlichen seinen Beitrag heute Nachmittag, und erst dann wird die Debatte für Kommentatoren möglich sein.

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Karl Marx - von rechts nach links gelesen

Es ist bereits zum Gemeinplatz geworden, daß die aufgrund einer zum Neoliberalismus konvertierten Linken vakant gewordene soziale Stelle inzwischen von einer mit dem Antikapitalismus kokettierenden Rechten besetzt worden ist.

Das zweihundertste Geburtsjahr von Karl Marx aber hat einigen jüngeren Rechten einen willkommenen Anlaß geboten, um den Verleumdern zu beweisen, daß es ihnen mit dem Begründer des Marxismus vollkommen ernst ist. Mit diesem Impetus präsentiert sich jedenfalls eine im Jungeuropa-Verlag erschienene Streitschrift, deren Titel Marx von rechts (144 S., 22 €) schon ankündigt, daß es für die Linke jetzt richtig ungemütlich werden könnte.

In seinem Vorwort zu diesem mit Beiträgen von Benedikt Kaiser, Alain Benoist und Diego Fusaro bestückten Sammelband stellt der Verleger Philip Stein von vornherein klar, daß das dreiköpfige Autorenkollektiv den Leser nicht mit einem unverbindlichen Plädoyer für einen irgendwie rechten Antikapitalismus langweilen will, sondern für ein echtes, von allem »ideologischen Ballast« des Marxismus befreites »Zurück zu Marx!« plädiert. Keinen Zweifel läßt Stein auch daran, daß dieser »fundamentale Neuanfang« der Neuen Rechten auf eine Art Zweifrontenkrieg hinauslaufen wird.

Wenn nämlich das liberal-kapitalistische Weltsystem zum Hauptfeind erklärt wird, dann müssen die liberal-konservativen Kollaborateure aus dem eigenen Lager zumindest als Nebenfeinde betrachtet werden, die es gleich mitzuerledigen gilt. Da es am Ende aber um eine »höhere Einheit« von »Nation und Europa« gehen soll, wird nicht nur der bürgerlichen Klassenversöhnung, sondern auch dem sozialistischen Klassenkampf eine entschiedene Absage erteilt. Was aber tun, wenn der Bürger als reformistischer Treuhänder sozialer Ansprüche abgeschlagen ist und zugleich der mythisch gewordene Arbeiter als revolutionärer Hoffnungsträger ausgespielt hat?

Wer keine Naherwartung einer erlösenden Weltrevolution mehr hegt, aber dennoch unverdrossen weiter die großen Fahnen gegen Kapitalismus und Liberalismus schwenken will, dem bleibt letztlich nur, bis zum apokalyptischen Kollaps der bestehenden Weltordnung tapfer auszuharren und zwischenzeitlich mit den Feinden in den eigenen Reihen abzurechnen. Zwar hofft Stein, daß sich die »breite Front« von »Mosaik-Rechten« noch lange genug halten wird, um dem »System Merkel« die Stirn zu bieten, aber früher oder später müsse es zu einem »clash of economics« kommen, bei dem sich die liberale Spreu vom sozialen Weizen trennen werde.

Und doch scheint nicht die »soziale Frage« als solche der »Spaltpilz« zu sein, an dem der rechtskonservative Minimalkonsens zu zerbrechen droht — diese neueste Rechte selbst ist es, die einen Keil zwischen das liberal-konservative und das sozial-nationale Lager der Rechtskonservativen treiben will, deren »schwelender Konflikt« ihr unerträglich geworden ist.

Den engagiertesten Versuch, das Versprochene auch einzulösen, unternimmt der Politikwissenschaftler Benedikt Kaiser, der in seinem historisch ausholenden Eröffnungsbeitrag zunächst nach antikapitalistischen und sozialistischen Positionen im europäischen, vor allem aber im deutschen Rechtskonservatismus Ausschau hält, um schließlich die traurige Bilanz zu ziehen, daß Marx auch für jene der sozialen Frage gegenüber aufgeschlossenen preußischen Konservativen, monarchistischen Sozialkonservativen und Nationalbolschewisten stets ein rotes Tuch geblieben ist.

Wie wenig die radikale Überzeugung, daß die von Gregor Strasser diagnostizierte »antikapitalistische Sehnsucht des deutschen Volkes« durch Marx gestillt werden könne, konservativen und rechten Deutschen behagte, brachte Oswald Spengler in aller wünschenswerten Klarheit auf den Satz, man müsse »den Deutschen Sozialismus von Marx befreien«.

Von den Linksabweichlern der Rechten enttäuscht, hätte Kaiser freilich gut daran getan, den Rechtsabweichlern der Linken mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Doch wird ein konservativer Marxist wie Leo Kofler, dessen von Stefan Dornuf und Reinhard Pitsch unter dem Titel Nation - Klasse - Kultur herausgegebene Sammlung politisch eher unkorrekter Aufsätze auf Betreiben seiner Erben nicht mehr ausgeliefert werden darf, in Kaisers Bestandsaufnahme ebenso wenig aufgerufen wie der marxistische Theoretiker Domenico Losurdo, der in abgelegenen Schriften und Briefen von Marx und Engels weitsichtige Gedanken zur Überlagerung von Klassen- und Nationenkämpfen entdeckt hat und auch selber in Völkern und Nationen historisch gewachsene Gestalten sieht, die weder von einem liberalen Kosmopolitismus noch einem linken Internationalismus aufgelöst werden dürften.

Noch befremdlicher ist Kaisers Ignoranz gegenüber dem Marxismus- und Faschismusforscher Ernst Nolte, die in dem doktrinären Vorwurf gipfelt, er und seine Schüler hätten eine »Predigt von der Alternativlosigkeit der Kapitallogik« gehalten und »mit der liberalen Faschismuskeule auf Marx und den Marxismus eingeschlagen«. Es sollte zu denken geben, daß gerade ein Nationalrevolutionär wie Günter Maschke das von Kaiser ignorierte Werk Marxismus und Industrielle Revolution für Noltes »bestes Buch« hält.

Immerhin hat Nolte hier das marxistische Lehrgebäude von seinen verdrängten Fundamenten her neu erschlossen und dabei auch die konservativen und reaktionären Antriebskräfte von Marx freigelegt, die in der marxistischen Sekundärliteratur kaum Beachtung gefunden haben, obwohl gerade sie seinem Denken jenen komplexen Charakter verleihen, der es von dem dogmatischen Marxismus wie von allen übrigen Sozialismen unterscheidet.

Aber auch als Sucher nach einem »dritten Weg« zwischen Kapitalismus und Kommunismus hätte Kaiser bei Nolte fündig werden können. Bereits in seinem 1963 erschienenen Der Faschismus in seiner Epoche hatte er die Mussolini-Bewegung als »Synthese« aus einem revidierten Marxismus und dem modernen Nationalismus gedeutet, welche den Grundcharakter einer »reaktionären Revolution« trage und als »Anfang eines nationalen Sozialismus« verstanden werden müsse.

Diese Deutung des Faschismus als einer rechte und linke Elemente synthetisierenden Bewegung sollte später auch der mit Nolte befreundete israelische Historiker Zeev Sternhell verfechten, dessen 1994 erschienenes Hauptwerk Die Entstehung der faschistischen Ideologie sich über weite Strecken wie ein ausführlicher Kommentar zu Noltes frühen Mussolini-Studien liest. Umso abwegiger erscheint Kaisers Behauptung, Nolte hätte sich »über Jahrzehnte« gegen die angeblich »neuen« Erkenntnisse Sternhells gesperrt, weil er von seiner »Urthese« des Faschismus als Reaktion auf den Bolschewismus nicht abrücken wollte.

In Wahrheit hat Nolte seine These eines »kausalen Nexus« erstmals 1987 in Der europäische Bürgerkrieg programmatisch ausgebreitet und dabei maßgeblich auf den deutschen Nationalsozialismus bezogen — welchem Sternhell überhaupt jeden faschistischen Charakter absprach, um seine eigene These von den »linken Ursprüngen« dem italienischen Faschismus vorzubehalten.

Daß Kaiser offensichtlich mehr daran gelegen war, seine ideologische Feindschaft gegenüber einem altliberal-konservativen Historiker zu pflegen als dessen wissenschaftliche Erkenntnisse zu nutzen, bringt exemplarisch seine prinzipielle Ablehnung dessen zum Ausdruck, was er mit einem stalinistisch kontaminierten und obendrein noch tautologischen Kampfbegriff »bürgerliche Wissenschaft« nennt.

Nicht von ungefähr gerät denn auch Kaisers abschließendes Referat der Kernthesen des Kapital zu einer konventionell linken Einführung in den Marxismus — anstatt jenen genuin rechten Zugriff auf Marx zu bieten, den er sich vorgenommen hatte und der ihm allemal zuzutrauen wäre.

Wenn Kaisers Beitrag gleichwohl immer noch als der substanziellste dieses Bandes erscheint, dann nicht zuletzt deshalb, weil mit Alain de Benoist dessen wohl prominentester Autor sich in den beiden von ihm beigesteuerten Texten vom Begründer der französischen Neuen Rechten vollends in einen Alten Linken zurückzuverwandeln scheint.

In »Karl Marx und der Warenfetischismus« widmet sich Benoist dem vierten Kapitel des Kapital, in welchem Marx die animistische Neigung entlarvte, den aus gesellschaftlicher Arbeit geschöpften Wert einer Ware dem Gebrauchsding als Natureigenschaft anzudichten. Und nachdem Georg Lukács und Alfred Sohn-Rethel diese Marxsche Kritik an der Vergötzung der kapitalistischen Warenwelt als philosophischer Schlüssel zum Marxismus überhaupt gedient hatte, avancierte sie tatsächlich zum kulturkritischen Lieblingsthema der Neuen Linken.

Wie hierzu Reinhold Oberlercher, der seinerzeit als philosophischer Kopf des Hamburger SDS an einer Formalisierung des gesamten Marxschen Hauptwerks arbeitete, süffisant angemerkt hat, sollte der »Fetischcharakter der Ware«, der für einfache Arbeiter noch nie ein »Geheimnis« darstellte, gerade die von körperlicher Arbeit entlasteten Studenten so sehr verzaubern, daß sie ihre Kapital-Lektüre kaum mehr fortzusetzen vermochten.

Das zumindest wird man Benoist nicht vorhalten können, der die Fetischismusthematik vielmehr als Überleitung zu einer einflußreichen linksradikalen Revision des Marxismus nutzt, die bereits alles politische Interesse an der »Zukunft der Arbeiterklasse« verloren hat und nurmehr analytisch die »Logik des kapitalistischen Systems« in den Blick nimmt. In seinem Beitrag zur »Wertkritik« zeichnet Benoist die innere Notwendigkeit dieser von Robert Kurz und seiner »Krisis«-Gruppe vollzogenen ideologischen Umorientierung nach, die zur Preisgabe der »exoterischen« Praxis des Klassenkampfes und zur alleinigen Beschäftigung mit der »esoterischen« Theorie des Kapitals geführt hat.

Kapitale Bedeutung gewann neben dem vierten nun auch das hochabstrakte erste Kapitel des Kapital, zu welchem wiederum Louis Althusser anmerkte, entweder man bleibe darin stecken oder man gebe einfach auf. Kurz hingegen gab nicht das Kapital, sondern lediglich jenen bodenständigen Altmarxismus auf, welcher noch an den unversöhnlichen Gegensatz von produktivem Arbeiter und parasitärem Kapitalisten glaubte und im Proletkult der 1920er Jahre seine heroische Zeit gehabt hatte.

Kurz zufolge läßt sich die »lebendige« Arbeitskraft aber schon deshalb nicht dem »toten« Kapital entgegensetzen, weil »wertschaffende Arbeit« eo ipso eine »warenproduzierende Gesellschaft« voraussetzt. Als »kapitalistisch« charakterisierte Kurz daher nicht mehr nur die auf Privateigentum an Produktionsmitteln beruhenden Industriegesellschaften, sondern auch die nicht minder in der »Wertlogik« gefangenen Staatssozialismen, welche sich der Befreiung der Arbeiterklasse verschrieben hatten, anstatt die Menschen von dem Fluch wertschaffender Arbeit überhaupt zu befreien.

Im Ergebnis freilich reduziert sich der »wertkritische« Antikapitalismus, mit dem Kurz den als »System des sich selbst verwertenden Werts« begriffenen Kapitalismus parieren wollte, seinerseits auf ein bloßes Theoriesystem sich selbst verwertender Worte, denen eben keine revolutionären Taten mehr folgen durften. Nachdem sich ihm der Kapitalismus selbst als weltrevolutionär erwiesen hatte, konnte Kurz nur noch auf dessen systemischen Zusammenbruch spekulieren; doch hatte er mit seinen Untergangsprognosen so regelmäßig Pech, daß Arbeitermarxisten wie Thomas Ebermann und Rainer Trampert leichtes Spiel hatten, die »Wertkritik« als »Esoterik« im schlechten Sinne abzutun.

Kurzens Utopie »güterproduzierender Gemeinschaften« wirft allerdings die grundsätzliche Frage auf, ob die Beseitigung jeder marktorientierten Warenproduktion zugunsten einer ausschließlich auf Selbstversorgung abgestellten Güterproduktion nicht unweigerlich auf eine De-Industrialisierung und De-Urbanisierung sämtlicher Arbeits- und Lebenswelten hinausliefe.

Und in bezug auf Deutschland wäre zu fragen, ob eine Neue Rechte, die eine solche Regression von einer ausdifferenzierten Marktwirtschaft zur primitiven Subsistenzwirtschaft befürwortete, sich damit nicht zum posthumen Erfüllungsgehilfen des Morgenthau-Planes machen würde. Benoist jedenfalls läßt jede kritische Auseinandersetzung mit der von ihm lediglich referierten Waren- und Wertkritik schmerzlich vermissen; in keinem seiner beiden Aufsätze riskiert er einen rechten Blick über den linken Tellerrand hinaus.

Und leider gilt auch für Diego Fusaros Abschlußbeitrag, daß er in jedem linken Publikationsorgan besser aufgehoben gewesen wäre. Unter dem Titel »Geschichte, Ideologie, Wahrheit« prangert der italienische Philosoph die postmoderne Erzählung vom »Ende aller Ideologien« als die perfideste Ideologie des Liberalismus an, weil sie mehr als jede andere dem Bestehenden den trügerischen Charakter des Unabänderlichen verleihe.

Doch obwohl Fusaro »die ungebrochene Neutralisierung der Denkbarkeit der Kategorie eines möglichen Anders-Seins gegenüber dem, was ist«, so elegant durchschaut, liegt es ihm vollkommen fern, sich am »Erdenken alternativer, nicht-kapitalistischer Zukunftsentwürfe« zu beteiligen.

Stattdessen arbeitet er sich nach Maßgabe von Marxens Schrift »Die deutsche Ideologie« an einer »sozialen Deduktion philosophischer Kategorien« ab, wobei er die Gefahr einer Relativierung auch der Marxschen Kategorien selbst durch metaphysische Anleihen bei Hegel und Spinoza abzuwenden sucht, um schließlich eine, selbstredend über jeden Ideologieverdacht erhabene, »neue Ontologie des gesellschaftlichen Seins« gegen »den Nihilismus der Warenform« in Stellung zu bringen.

So hinterläßt dieses Buch insgesamt den Eindruck einer zunehmenden Realitätsverweigerung, zu welcher große Theorien kluge Köpfe häufig verführen: Weht dem Leser in dem beherzten Vorwort noch eine frische Sturmböhe entgegen, so wird ihm die Luft in den Hauptbeiträgen immer dünner, und am Ende findet er sich unter einer ideologischen Käseglocke wieder.

Daß diese Streitschrift ihrem hohen Anspruch, mit Hilfe eines gegen den Strich gelesenen Marx zur »Genese neurechter Theorie« beizutragen, keineswegs gerecht wird, könnte freilich den voreiligen Argwohn wecken, daß Marx sich eben nicht »von rechts« aneignen lasse. Es dürfte jedoch eher ihren ideologischen Vorentscheidungen und politischen Feindbestimmungen geschuldet sein, daß die Autoren keinen rechten Weg zu Marx gefunden, sondern sich in linke Sackgassen verrannt haben.

Es steht zu erwarten, daß nicht wenige junge Rechte dieses Buch »links« liegen lassen werden, denn für ihre drängenden Fragen nach Nation, Kultur und Religion scheint in dem ökonomistischen Weltbild der Autoren, welches sie mit ihren neoliberalen Feinden teilen, schlicht kein Platz zu sein.

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Das Buch kann beim größten konservativen Buchversand – Antaios – bezogen werden, hier geht es entlang. Wir empfehlen die Lektüre des Titels von Alain de Benoist, Benedikt Kaiser, Philip Stein und Diego Fusaro als Auftakt zu einer weiterführenden Debatte! 


Siegfried Gerlich

Siegfried Gerlich studierte Philosophie sowie Musikwissenschaft und lebt als freier Autor und Pianist in Hamburg.

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