1. Oktober 2016

»Es bräuchte eine Offenbarung!«

Gastbeitrag

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  • Sezession

Sezession: Monsieur Camus, nach den schrecklichen Attentaten von Paris im Januar (Charlie Hebdo) und November (»Bataclan« usw.) 2015, schrieb Alain de Benoist, die verblüfften Franzosen hätten nach wie vor nicht begriffen, was »Krieg« eigentlich bedeute. Haben die Franzosen es nun, nach Nizza (Juli 2016), verstanden?

Camus: Nein. Indes: Früher glaubten die Franzosen, es sei die Kriminalität, die Gesamtheit aller Schikanen, die ich Nocence getauft habe, die man als solche bekämpfen muß. Sie wollten nicht sehen, daß die Kriminalität, die Nocence Werkzeuge des Großen Austauschs waren, der Auflösung der Völker und der Zivilisation, der territorialen Eroberung: einfach gesagt, ein Mittel zum Zweck, das man im Zusammenhang eines großen Ganzen sehen muß. Die Attentate haben nur einen geringen Fortschritt in der Bewußtwerdung bewirkt: Jetzt beschuldigt man den Terrorismus, jedoch ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, daß es keinen Kontinuitätsbruch zwischen Kriminalität und Verbrechen gibt, daß das Konzept der Nocence dazu dient, beide Dinge zu umfassen, die sich lediglich graduell unterscheiden (ohne Ausnahme haben alle Terroristen ihr Handwerk durch gemeinrechtliche Verbrechen gelernt).

Die Franzosen glauben, alles wäre plötzlich gewonnen und wieder gut, wenn es ihnen gelänge, den Terrorismus abzuschütteln – wovon wir indes weiß Gott weit entfernt sind. Das ist natürlich eine völlige Illusion. Manche fürchten indessen, es könnte unter den Muslimen Europas Sympathisanten des Islamischen Staats geben, die eine Art Fünfte Kolonne oder ein Trojanisches Pferd konstituieren. Aber diese Sichtweise offenbart nur eine weitere große Verblendung, auch wenn sie eine Etappe auf dem Weg zur Bewußtwerdung sein mag. Die Muslime Europas sind kein Auffangbecken, keine Fünfte Kolonne im Dienste des IS; es ist umgekehrt der IS, der nichts weiter ist als der bewaffnete Arm der Eroberung Europas durch den Islam an sich, sein spektakulärstes und gewalttätigstes, wenn auch nicht sein effektivstes und gewiß nicht sein bedeutendstes Werkzeug.

Sezession: Sie haben in »Revoltiert!« (Révoltez vous!, 2015) dazu aufgerufen, sich zusammenzuschließen, gegen die Regression aufzubegehren, der Auflösung der Völker den Kampf anzusagen. Wie steht es heute, ein Jahr später, um die Revolte gegen den Großen Austausch?

Camus: Ich muß zugeben, daß sie nur wenig in Gang gekommen ist. Die Völker stecken einem Gemisch aus Verdummung und Angst, aus Bewußtlosigkeit und Schockstarre. Sie gleichen dem Reisenden aus der Legende, der wie gelähmt auf die Schlange starrt, die ihn hypnotisiert hat und ersticken wird. Die Tonspur des Islams läuft in einer Dauerschleife und läßt ihnen keinen Frieden, wie diese schrecklichen Beschallungen auf den Straßen im Sommer oder zur Weihnachtszeit, die in die Häuser eindringen, einen am Arbeiten und Denken hindern und in den Wahnsinn treiben.

Man könnte über Hölderlin, Trakl, Bartók, Ligeti, Pascal und Heraklit, über Jungen, Frauen, Häuser, Landschaften und Wälder sprechen; aber von morgens bis abends, das ganze Jahr hindurch hört man nichts anderes als: Islam, Moscheen, Migranten, Einwanderer, Terroristen, Attentate, Islam, Imame, Flüchtlinge, Koran, Scharia, Moscheen, islamische Mitbürger, der Islam in Frankreich, der Islam in Schweden, die Finanzierung des Islams, der Bau von Moscheen, Ramadan, Spezialgerichte, Kantinen, Schleier, Islam, Burkini, getrennte Schwimmbecken, Steinigungen, Moscheen, Islam, Muslime, Islam, Islam, Islam.

Der Islam erinnert mich an den Witz von dem Schriftsteller, der sagt: »Jetzt haben wir genug über mich gesprochen – haben Sie mein neuestes Buch gelesen?« Es ist zum Verrücktwerden. Manche werden geradezu verrückt und konvertieren zum Islam – wie einer, der sich ins Meer wirft, um der Flut zu entkommen.

Sezession: Ist  das  Realitätsverweigerung  oder Dekadenz? Oder ist das im Grunde dasselbe?

Camus: Die große Frage lautet doch, warum die Völker Europas nicht rebellieren, obwohl ihnen exakt dasselbe geschieht, was abzuwehren ihren Vorfahren im Lauf der Jahrhunderte jedes Opfer wert war: die territoriale Eroberung, die ethnische Überflutung, die erzwungene Auflösung der Zivilisation. Ich werde demnächst ein kleines Buch neu auflegen, das ich vor zehn Jahren zu dieser Frage publiziert habe: Die zweite Karriere des Adolf Hitler. Diese zweite Karriere ist ohne Zweifel weniger kriminell als die erste, hat aber umfassendere Konsequenzen. Es handelt sich um eine seitenverkehrte Karriere, eine Phantomkarriere, eine Bremsklotzkarriere aller negierenden Sätze, eines Ensembles des Negierenden. Europa ist wie ein Patient, dem man ein Krebsgeschwür namens Hitlerismus herausoperiert hat, und den man aus Angst vor Metastasen immer und immer wieder operiert, bis zu einem Punkt, an dem man ihm der Reihe nach sämtliche vitalen Funktionen entfernt hat. Er hat kein Herz mehr, kein Gehirn, keine Lungen, keine Augen, kein  Geschlecht,  keine Arme, keine Beine, keinen Überlebensinstinkt mehr. Die schlimmsten Erniedrigungen haben ihn amorph und reaktionslos gemacht.

In jüngster Zeit  war  es zum größten Teil Deutschland, traumatisiert durch seine Nazivergangenheit und ebenso begierig, sie zu vergessen, wie sie vergessen machen zu lassen, das Europa durch die Intervention der Kanzlerin Merkel die ethnische Überflutung aufgenötigt hat, in Komplizenschaft mit der Europäischen Union und dem Großen Austauscher Jean-Claude Juncker. Was dem Rassismus 1945 haarscharf gelungen wäre – die europäische Zivilisation zu zerstören –, scheint dem Antirassismus ein Dreivierteljahrhundert später bald zu gelingen. Der Rassismus war grausamer und mordlustiger, aber der Antirassismus ist drauf und dran, mehr zu zerstören.

Sezession: Der linke Theoretiker Slavoj Žižek mutmaßt, die  Menschen  revoltierten  nicht, »wenn die ›Dinge wirklich schlecht stehen‹, sondern wenn ihre Erwartungen enttäuscht werden«. Die europäische politische Klasse weckt nun im Zuge des Ansturms auf Europa gehörige Erwartungen (»Wir schaffen das!«), die sie nicht einhalten können wird. Revoltieren die Menschen dann wirklich, und wer könnte dabei unser »revolutionäres Subjekt« sein?

Camus: Nein, zu  meiner  großen  Verzweiflung sind die Menschen offenbar nicht zur Revolte bereit. Nach jahrzehntelanger Bearbeitung durch die Industrie der Abstumpfung mit ihren drei Hauptzweigen, dem Unterricht des Vergessens in den Schulen, der Verdummung der Massen durch Fernsehen, Showbusineß und »Kulturindustrie« und schließlich dem Drogengeschäft, das im Gegensatz zu den anderen beiden Zweigen nahezu völlig in den Händen jener ist, gegen die wir ausgetauscht werden. Die Abstumpfung nimmt zu, das Verschiedenartige verschwindet, während die angebliche »Vielfalt« in Wahrheit für die Logistik des Immergleichen  zuständig ist, für die Reduktion auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Der Durchschnitts-IQ ist innerhalb von nicht einmal zwei Jahrzehnten um zehn Punkte gesunken. Und dann ist unsere Zivilisation auch noch die erste in der Geschichte der Menschheit, die eine Invasion wie ein innenpolitisches Problem behandelt. Übrigens: Der Conseil d’État hat beschlossen, daß der »Burkini« völlig legal, ein Menschen- und Frauenrecht, sei: Das ist ungefähr so, wie wenn man im August 1940 die Lederhose und die bayrische Tracht auf den Stränden der Bretagne und der Côte d’Azur für unantastbar erklärt hätte.

Sezession: Und  die  Revolution als die »Wende«,  kommt  sie im Sinne Žižeks? Ist jetzt nicht die Zeit zum Handeln – oder wann ist überhaupt der pas- sende Moment, und: für wen?

Camus: Das auslösende  Element der Revolution? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Es bräuchte eine Offenbarung. Durch wenn, fragen Sie? Einen Greis,  ein  junges Mädchen,  ein  Kind, wie  in Andersens Märchen von den Kaisers neuen Kleidern. Ich setze wenig  Hoffnung  in  diese   politische Klasse, die restlos aufgebraucht ist, und die aus Gründen der »Seriosität«, weil sie im magischen Kreis der zugelassenen Wortführer verbleiben will, unfähig ist, die Ungeheuerlichkeit, die mit großen Schritten herankommt, wahrzunehmen, zu erkennen und vor allem zu benennen.

Es hat etwas Trostloses, zu sehen, daß die Franzosen ernsthaft darüber nachdenken, die Macht einem Nicolas Sarkozy zu übergeben, der ihnen doch schon einmal Gelegenheit gab, zu goutieren, daß er keinerlei Überzeugungen und gewiß keine Liebe zu Frankreich hat. Oder, fast ebenso schlimm, einem Alain Juppé, der sich bereits vollständig der Sache des Großen Austausch und der Auflösung der Völker und der Zivilisation verschrieben hat.

Die Voraussetzung, in der heutigen französischen Gesellschaft irgendeinen bedeutenden Posten zu bekommen – sei es als Richter, General, Bischof, Journalist, Diplomat, Minister oder natürlich als erfolgreicher Karrierepolitiker – ist, daß man verrät oder verraten hat. Die Rettung wird von dort kommen, wo niemand auch nur träumt, sie zu suchen: von den Marginalisierten, den Narren, den Poeten, den Eremiten, den Heiligen, von allen, die dem Kleister der Debatten und der Abstumpfungsindustrie des Großen Austauschs entkommen.

 


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