Sezession
1. Oktober 2016

Zeit für pragmatische Reaktionäre

Gastbeitrag

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  • Sezession

Wer, wie der Verfasser, in die Gegenwart weder mental noch broterwerbs- halber sonderlich verwickelt ist, nimmt sie vor allem als Groteske wahr, einen Mummenschanz skurrilster Phänomene, den man mit schwarzem Humor genießen könnte, wenn er nicht langsam seinen dystopischen Ge- halt offenbaren würde. Einige Schlaglichter:

Nachdem vier Jahrzehnte lang von der Zukunft verbürgte Mittel in die Gegenwart gepumpt wurden, haben die Zentralbanken nun endlich den Stein der Weisen gefunden in der Idee, das Borgen mit einer Zulage zu belohnen und das Sparen mit einer Abgabe zu belasten. Dies ist ein originelles Verfahren, Verhältnisse allein dadurch zu ändern, daß man  sie mit dem Faktor (-1) multipliziert. Es läßt sich tiefer ausschöpfen, in- dem etwa der Arbeitsplatz gebührenpflichtig und die vorm Fernseher verbrachte Zeit entlohnt wird.

Mit Blick auf die Aufsteiger unter den höchstbewerteten Unternehmen der Welt (Apple, Google, Facebook) ist schwer entscheidbar, ob es sich dabei um Spielzeughersteller, Werbeblattverleger oder Adressenhändler handelt. Unter den ersten zwanzig finden sich auch noch Ölförderer (ExxonMobil, Royal Dutch Shell), deren Marktbewertung aber stetig sinkt. Man sieht: Informationen (oder Kunden oder Konsumenten) sind das Öl der Zukunft.

Die Energiewende ins Sonnige und Windige begann 1991 mit dem Stromeinspeisungsgesetz. Photovoltaik und Windenergie  deckten  2015 3,3 Prozent des Primärenergiebedarfs in Deutschland. Zur Bruttostromerzeugung trugen beide knapp 20 Prozent bei. An die Betreiber aller EEG- Anlagen wurden 2015 23 Milliarden Euro an Einspeisevergütungen und Marktprämien ausgezahlt. An den Börsen erzielte der Grünstrom Erlöse von zwei Milliarden Euro. Die Differenz von 21 Milliarden Euro deckte die EEG-Umlage.

Kohle war 2015 mit 42 Prozent an der Bruttostromerzeugung in Deutschland beteiligt, die Kernenergie mit 18 Prozent. Der »Kohleausstieg« ist ins Auge gefaßt, aber noch nicht terminiert. Der Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 ist seit 2011 Gesetz. In Deutschland lagern noch 40 Milliarden t SKE an Braunkohle und 25 Milliarden t SKE an Steinkohle. Die Steinkohleförderung wird 2018 endgültig eingestellt.

Von  42 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland sind 1,5  Prozent  mit der Produktion von Lebensmitteln und Holz, sechs Prozent mit dem Bau von Häusern und 18 Prozent mit der Herstellung von allem anderen beschäftigt. Der Rest von 75 Prozent, also 30 Millionen, bestreiten ihren Lebensunterhalt damit, die Hervorbringungen des produktiven Viertels zu verwalten, zu verregeln, zu besteuern, zu verteilen, zu bewerben, zu bereden und ansonsten einander gegen die Zumutungen ihres Büroalltags rücken- und seelentherapeutisch beizustehen. Wenn einer der 42 Millionen einen anderen dienstleisterisch in Anspruch nehmen will, so hat er allerdings das Nettoentgelt aus vier Arbeitsstunden aufzuwenden, um dem Dienstleister eine Arbeitsstunde brutto zu vergüten. Die Differenz ist des Staates und seiner Sozial- und Transfersysteme.

Rückflüsse in Rinnsalen

In der Produktionsfunktion der Wirtschaftswissenschaften gibt es einen Punkt, ab dem bei weiter gesteigertem Einsatz eines Produktionsfaktors der Ertragszuwachs sinkt, bis er schließlich negativ wird. In dieser Todeszone der Wirtschaftlichkeit bewegt sich das Industriesystem seit mindestens 20 Jahren. Allein um den Status quo aufrechtzuerhalten, müssen an allen Stellen mehr Mittel hochgepumpt werden: mehr Schulden, mehr Energie, mehr Intervention, mehr Sozialindustrie, mehr Staatsverwaltung, mehr Bildungsaufwand, mehr Gesundheitsaufwand… Die Rückflüsse werden immer mehr zum Rinnsal, und hier und da beginnt die Pumpe, selbst zu saugen.

Die großen »Best-First-Felder« der Ölförderung der 50er bis 70er Jahre gehen zur Neige, neue gibt es nur in Zonen der Schwerzugänglichkeit (Arktis, tief unterm Meeresboden oder in den Klüften amerikanischer Gebirgslandschaften). Diese Verschiebung drückt den »Über-alles-EROI« der Energiegewinnung schon heute steil nach unten. Die erneuerbaren Energien und die Kernenergie sind tief in die fossilenergetisch fundierte In- dustriestruktur verwachsen. Sie sind Derivate und keine Alternativen. Die Erneuerbaren liefern einen zu geringen EROI, um überhaupt zur Minderung der kommenden Knappheit in Betracht zu kommen. Eine rein thermodynamische Berechnung der weiteren Verläufe hat die amerikanische Hills-Group 2015 vorgelegt. Das Ergebnis: Die physikalischen Grenzen der Energieproduktion aus fossilen Quellen werden vor den geologischen Grenzen und zwar innerhalb der nächsten 15 Jahre erreicht. Ein großer Teil der Ölvorräte wird deshalb im Boden bleiben.

Vor diesem Hintergrund sind hinsichtlich der Grenzen des Wachstums drei Haltungen zu unterscheiden:

 

  1. Die »Cornucopians« (oder die Füllhornisten): Sie vertrauen auf die Ingeniösität der Ingenieure, auf die Substituierbarkeit aller Produktions- faktoren oder darauf, daß Öl nichtbiotischen Ursprungs ist und nachfließen wird, sobald in den Kavernen Platz geschaffen ist. Ansonsten freuen sie sich auf das iPhone 8 und die Industrie 4.0. Dazu gehören die meisten Ökonomen, alle Anlageberater und – das sei hier eingeschoben – ein Teil der Rechten, der diese Haltung als futuristische Beifracht in seinem Geistesgepäck aus den 20er Jahren mit sich führt.
  2. Die Ökologisten: Sie wollen die »Fossilen« ersetzen, nicht so sehr, weil sie knapp, sondern vor allem, weil sie schmutzig sind. Sie sind die eifrigsten Verkünder der Geschichte vom menschengemachten Klimawandel und lassen sich an deren Verbreitung auch dadurch nicht hindern, daß sich die zugrunde liegenden Modelle des IPCC als grundsätzlich falsch erwiesen haben. Zu ihnen gehören das ganze Spektrum der Grünen samt der vielen anverwandten NGOs, deren Ideologeme mittlerweile aber alle Regale des politischen Angebots füllen.
  3. Neomalthusianer: Sie blicken skeptisch sowohl auf die Überlebens- dauer des fossilen Energieregimes als auch auf die Tragfähigkeit der halb- entwickelten Alternativen. Der Verfasser bekennt sich zu dieser Hinsichtlich des politisch aktivierbaren Gehalts dieser drei Grundhaltun- gen kann man sich bei zweien kurzfassen: Die Füllhornisten als wohlgelaunte Vertreter eines »Weiter so« sind eine schwindende Größe. Auch bei optimistischen Gemütern bildet sich die aus Furcht und Hoffnung ge- mischte Einsicht, daß es »so nicht lange weitergehen« könne.

Der Neomalthusianismus ist auf den ersten Blick politisch unfruchtbar: Der Kollaps ist nicht mehrheitsfähig, und er entfaltet vor allem keinerlei mobilisierende Wirkung. Wenn man aber der Frage nachgeht, wieso die harten Fakten kommender Energieverluste als politisches Zukunftsthema nur in ökologistischer Maskerade (»Erwärmung stoppen«) auf politischen Bühnen erscheinen, während geopolitisch in allen energiestrategisch relevanten Weltgegenden äußerst aufwendige und hochrisikoreiche Interventionen laufen, dann ergibt sich der Verdacht, daß die Eliten selbst neomalthusianistisch sind und den Systemabbruch fest im Auge haben. Das ergibt den Folgeverdacht, daß das von allen medialen Kanzeln verlesene ökologistische Skript nur die publikumstaugliche Bühnenfassung des eigentlichen, elitistischen Drehbuchs darstellt.

Exkurs zur »Elite«

Als Ersatz für den in diesem Zusammenhang störenden Begriff »Elite« läßt sich auch das eingebürgerte Pseudonym »die  Finanzmärkte« nutzen. Die »Finanzmärkte« haben aber, wie Federico Caffé richtig bemerkt, Namen, Vornamen, Spitznamen und Adressen. Über letztere (ohne Spitz- namen) gibt eine 2011 an der ETH Zürich erstellte Vernetzungsanalyse Auskunft. Auch die Linken haben einiges zur Aufdeckung des Pseudonyms beigetragen, und Jörg Huffschmidt gab seiner Studie zur Politischen Ökonomie der Finanzmärkte (Hamburg, 1999) den sprechenden Arbeitstitel »Unter Geiern«. Wir wollen im Folgenden bei den »Finanzeliten« bleiben, aber noch ergänzen, daß deren Zentrum viele Fäden spinnt in fast alle Regierungen dieser Welt, in alle Banken und die meisten Zentralbanken, in Forschungseinrichtungen, Medien und vor allem  in die jeweiligen US-amerikanischen Administrationen, was es nicht nur Wladimir Putin schwer macht, zu entscheiden, ob die USA eigentlich als Nationalstaat betrieben werden oder als Spielzeug der Finanzmarkt-Internationalen.

Die ökologistische Hülle

Die ökologistische Linke, also die  Grünen  und  der  ergrünte  Rest,  ist als Propagandist der windgeborenen Elektrizität und Ausrufer des Global warming natürlich nur sehr schemenhaft gekennzeichnet. Gebürtig war die Bewegung aus Milieu und Zeitgeist der 68er, der Generation des
»Booms«, der Ken Wilber eine neuartige Ideenkrankheit diagnostiziert, die er aufgrund der ätiologischen Befunde »Boomeritis« nennt. Die Boomeritis-Erkrankten sind ein gemischt-generationelles Phänomen der 68er und der nachfolgenden Generationen X und Y, entstanden in den späten 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, einer Zeit, die den Boden da- durch bereitete, daß sie die Welt mit arbeitsfähiger Energie flutete und damit in eine Art Schlaraffenland-Modus versetzte. Es war eine schismatische Bewegung, und das Schisma galt dem gesamten bisherigen Weltverständnis, den Tugendtafeln der Vergangenheit, den Erfahrungsvorräten aus Menschenaltern und dem daraus destillierten Common sense oder dem »gesunden Menschenverstand«, den ich hochschätze als eine wenig tiefsinnige, aber in Alltagsdingen klarsichtige Urteilskraft, die ihre Einsichten bar jeder Rabulistik vorlegt.

Es ist eine Generation der Erben, die nichts von dem, was ab den 60ern an »Wohlstand« über sie hereinbrach, selbst erdacht, vorbereitet, aufgebaut, noch weniger erarbeitet hätte. All das verdankt sie den drei bis vier Generationen vor ihr, die sie aber mit penetrantem Haß verfolgt; die sich qua konstruktivistischem Kopfkino eine Welt  vorspiegelt,  in der niemand ein Schicksal zu erleiden, zu ertragen oder zu überwinden habe. Schicksal ist Unrecht, und deshalb immer ein Vergehen Dritter.

Dieser schuldige Dritte war zunächst die »Gesellschaft«, wurde dann aber schnell der Staat, der auch insofern der bessere Adressat war, als er mit der ihm eigenen Kasse für allerlei Wiedergutmachungen, Vor- und Nachsorgeleistungen und für die Finanzierung ganzer Helferheere in Anspruch genommen werden konnte. Außerdem stellte er mit dem Bundesgesetzblatt ein einflußreiches Periodikum zur Verkündung guter, noch besserer und allerbester Absichten zur Verfügung. Das Nähere regeln immer die Gerichte; die eine stets sich steigernde Benevolenz pflegt gegen alles und jedes, was lebt und webt, was kreucht und fleucht, was wächst und wurzelt – mit der allerdings entscheidenden Einschränkung, daß es als »schwach« erscheinen muß und insofern als Opfer eines Stärkeren gelten kann. Diese Neigung zu uferloser Benevolenz ist mit der inzwischen etablierten Marke des Gutmenschen richtig getroffen. Der feminine Einschlag ist deutlich, was daran erinnert, daß klügere Epochen die Frauen auf einen Wirkungs- kreis verwiesen, in dem ihr Hang zu unentwegter Betüddelung von Petitessen allenfalls angebracht ist: die Familie.

Die weiteren Charakteristika der ökologistischen Weltsicht, soweit sie in Zusammenhang mit unserem Thema stehen:

Sie pflegt einen »Kult des Individuums« und will es schützen vor der Beschädigung durch alle Zuschreibungen, die seine Freiheit der Wahl ein- schränken könnten: sein Geschlecht, seine Familie, Religion, Volk oder Nation. Die »Weltunmittelbarkeit« des einzelnen ist den Ökologisten eine Herzensangelegenheit, was dazu führt, daß die ehemals basisdemokratischen Grünen in den Reihen jener Finanzkreise mitlaufen, denen die Nationalstaaten mit den ihnen noch verbliebenen ordnungspolitischen Möglichkeiten ein Dorn im Auge und ein Hindernis im Wege sind.

Ob Nationalstaaten eine überlebte, geschichtlich kontingente Organisationsform und eigentlich ein Irrtum sind, wird die Geschichte klären mit der Antwort auf die allein entscheidende Frage: Wer sagt »Wir« zu sich? Ein solches WIR stellt sich spätestens unter widrigen Umständen ganz organisch her, aber es läßt sich allem konstruktivistischen Ehrgeiz zum Trotz nicht synthetisieren, wie alle politischen Grenzwillkürlichkeiten in der Nachfolge der Kriege des 20. Jahrhundert gezeigt haben. Das WIR der 1. Per- son Plural entsteht auf jeder Ebene, wenn sich dort ein IHR als eine 2. Person Plural findet, gegenüber dem es eine abgrenzende Identität bildet. Und wegen der wechselseitigen Bedingtheit von WIR und IHR wird es auch kein Welt-WIR geben, das nicht sofort wieder zerfiele – jedenfalls nicht, bevor den Erdbewohnern aus dem Star-Trek-Universum die Klingonen als ein IHR entgegenkommen. Das ist derzeit nicht abzusehen. Deshalb soll das vorgeblich menschengemachte Gobal warming als Ersatzschrecken dienen, der aber die beabsichtigte Wirkung schon deshalb verfehlen muß, weil er nicht Verteidigungsbereitschaft, sondern Schuldgefühle zu wecken bestimmt ist.

Das Ego auf der Borderline: Aber auch nach innen, in Richtung auf das Individuum, stiftet der boomeritische Haß auf alle gruppenbezogenen Identitäten und Loyalitäten nur Verwüstung: Die ursprüngliche Ich-Zen- triertheit des Neugeborenen ist eine Naturnotwendigkeit. Doch im Laufe einer gelingenden Sozialisation ist jede sich bildende Wir-Identität, jede »Gruppenzentriertheit« von der Familie bis zum Volk in der Lage, den Ich- Vektor des menschlichen Individuums aufzufangen und abzufedern und dafür Bausteine zur Identitäts- und Charakterbildung  zurückzuliefern. Wo diese Wir-Instanzen aber abgeräumt sind, entsteht ein leerer Raum, in den sich dann der nicht mehr »eingefangene« Narzißmus wie eine Flut ergießt. Der leere Raum – auch das sieht man mit bloßem Auge – wird langsam zur Klapse, denn der vor stützenden Wir-Gefühlen »bewahrte« Mensch wird nicht zum befreiten »postkonventionellen« Individuum, sondern über den Umweg der Aufgeblasenheit zu einem Häufchen Elend.

Feminisierung: Die mit Vorfahrtsberechtigung erfolgende, forcierte Einschleusung von Frauen in die wirtschaftlichen, halbstaatlichen und staatlichen Institutionen verändert deren Charakter grundsätzlich. Jede leistende Institution braucht, wenn sie funktionieren soll, einen »Geist« und ein Anspruchsethos und muß selbstverständlich an und von ihren Mitgliedern zehren. Der sichtlich nicht umkehrbare Anspruch der Frauen aufs »Versorgtwerden« (und ihre darauf basierende »Ethik der Fürsorge«) macht aus Leistungsinstitutionen Sozialwerke, wie man nicht nur an der Aufrüstung der Bundeswehr mit Kindertagesstätten sieht.

Die Dysfunktionalität einer Institution (Schule, Universität, Justiz, Medizin, Presse) ist zum Grad ihrer personalen und mentalen Feminisierung proportional. Bildung für alle: Das Ziel der boomeritischen Bildungsreform der 70er Jahre war durchaus ehrenwert: die Dummen durch mehr Bildung klüger zu machen, was der eine von exakt zwei möglichen Wegen zur Minderung von Unterschieden und der Mehrung von Gleichheit ist. Als dieser erste alsbald an sein natürliches Ende kam, wurde der zweite beschritten: die Klügeren dümmer zu machen. Dieses allgemeine Dumbing down ist durchschlagend gelungen: Jeder Absolvent der achtjährigen Volksschule (die 1964 abgeschafft wurde) war kulturtechnisch lebenstüchtiger als je- der Abiturient heute, dessen Schulzeit von zwölf oder 13 Jahren in nicht unbeträchtlichem Maße dazu verwendet wird, ihn mit boomeritischer Lebensweisheit vollzustopfen. Und es ist bezeichnend komisch, daß die Resultate dieses Verdummungsprojekts, bei dem jeder Schuljahrgang seit 30 Jahren schlechter für die Berufsausbildung gerüstet ist als der vorherige, zur Begründung dafür dienen, es unter Einsatz von noch mehr Geldmitteln weiterzutreiben. (Mehr Bildung, Bildung, Bildung, …!) Der boomeri- tische Unverstand ist zu einem Innehalten schlicht nicht in der Lage.

Diversität: Die permanente Feier des »Bunten«, des »Vielen« und des »Anderen« macht sich zunutze, daß Diversität mit »Mannigfaltigkeit« ver- wechselt werden kann. Mannigfaltigkeit ist aber ein Korrelativbegriff zur »Einheit«, und beide zusammen besagen, daß ein evolvierendes System sich nach innen immer höher ausdifferenziert und sich immer feiner »faltet«, wobei neue Nischen und Potentiale entstehen, deren Besetzung und Nutzung das »Ganze« stärken und es weiter ausdifferenzieren und verfeinern.

Mannigfaltigkeit und Einheit gehören also zusammen. Das ist eine Binsenweisheit der Systemtheorien und der Ökosystemwissenschaften und – nebenbei – auch die Erkenntnis aller Bemühungen um eine mathematische Theorie der Schönheit: George Birkhoff und Max Bense stießen bei ihren – ansonsten gescheiterten – Versuchen, Schönheit mathematisch zu formalisieren, auf den unaufhebbaren Zusammenhang von Ordnung / Einheit und Komplexität / Mannigfaltigkeit – sowie vor ihnen schon Christian von Ehrenfels mit seiner Gestalttheorie.

Die Diversity soll freilich nur das »Ganze«, das den Boomeritis- Kranken fremd und feindlich ist, additiv um das »Andere«, das »Viele« und das »Fremde« »bereichern«. Sie ist eine Leidenschaft der Liebhaber von Kramschubladen und Rumpelkammern.

Exkurs zur deutschen Mannigfaltigkeit

Im deutschen Sprachraum hat diese »Feinfaltung« eine weltweit einmalige Gewerbe- und Industriestruktur hervorgebracht: Im 19. Jahrhundert entstanden etwa im Schwarzwald und in Schwaben in jedem zweiten Tal feinmechanische Werkstätten, und im märkischen Sauerland hatte jeder zweite Hof sein »Fabriksen in de Schüür« (Scheune). In fast allen Mittelgebirgsregionen entwickelte sich ein solcher, häufig aus winterlicher Not und freier Zeit geborener Gewerbefleiß direkt aus der Landwirtschaft und wuchs mit den Handwerksgewerken zu früher Kleinindustrie zusammen. Ein ungeheurer Reichtum an Initiative, Fleiß, Arbeitsfreude, Gelingens- stolz, Verfahrenstechnik und Materialkenntnis hat sich da gesammelt, breit verteilt und schließlich mit der »genialen« Übernahme des zünftig- handwerklichen Instituts der betrieblichen Berufsbildung in die Industrie die spezifisch deutsche Figur des Facharbeiters geformt.

Sie war das Ergebnis einer gewaltigen kulturellen Anstrengung des Volks und bildete ganz organisch und nebenbei die über 200 Jahre gewachsene, vielbewunderte deutsche »Industriösität« aus. Die fruktifiziert noch heute in den vielen, weithin unbekannten, spezialisierten Weltmarktführern des Maschinenbaus in den deutschen Provinzen. Daß die ökologistische Fraktion ihre Leidenschaft zum Durcheinander freilich dazu nutzen konnte, eine Zuwanderung von Gruppen zu organisieren, die inzwischen 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland stellen und deren jüngere Generation weder integrations- noch ausbildungswillig ist und – im Gegensatz zu früheren Einwanderungswellen aus Frankreich oder Polen – in dieses »mannigfaltige« Feingewebe definitiv nicht (oder allenfalls in 100 Jahren) eingearbeitet werden kann, das wird in kommenden, nüchternen Zeiten als staatskriminelles Handeln gelten.

Der ökologistische Vektor: Entkräftung, Abspannung und Ende Das Gemeinsame all dieser ökologistischen Ideologeme (die Ken Wilber in etwas anderer Betonung als das »Mean green mem« zusammenfaßt), ihre Stoßrichtung ist Destruktion, Entkräftung, Substanzabbau, Unfruchtbarkeit, Energielosigkeit, Abspannung, alles in allem: der Verschleiß aller Produktivkräfte und die Feier des Kontraproduktiven.

Was hier aufbricht, ist der Ur-Gegensatz zwischen Linken und Konservativen. Jedes konservative Empfinden ist im Grunde heraklitisch: Leben ist betätigte Kraft, aber es gibt keine Kraft ohne Gegenkraft, kein Streben ohne Widerstreben, und eine Kraft, die ohne Gegendruck ungebremst ins Leere läuft, kommt lediglich ins Stürzen und bewirkt rein gar nichts – es sei denn, wie im Slapstick, reichlich Schadenfreude.

Im Wirbel, in der Wärme und in den Interferenzen, die sich am Reibungspunkt gegenläufig aufeinandertreffender Kräfte ergeben, liegt der Quell alles Schöpferischen und aller Fruchtbarkeit. Und dieses Geschehen, diesen Antrieb jeder Entwicklung aus dem Gegensatz, will der Konservatismus vital halten, indes die ewige Linke voll kleinmütiger Lebensängstlichkeit die Antagonismen stillstellen und alle bewegenden Gefälle einebnen will. Und sie gerät dabei heute, wie wir gleich sehen werden, in das Kraftfeld von Realdystopien, die tatsächlich das Ersterben jedes in irgend- einem Sinne als menschlich zu verstehenden Lebens wären.

Wildnis statt Landschaft, oder: Vom Garten zum Dickicht Sehr eindrücklich wird das, wenn man sich die Diskussionen im Naturschutz-Vorfeld der Grünen ansieht. Wie seinen historischen Vorgängern ging es dem grünen Naturschutz zunächst um die Bewahrung der europäischen Kulturlandschaften, die mit ihrem Mosaik aus Wald, Grünland, Äckern, Brachen und Wallhecken als Erbe einer zweitausendjährigen Agrikultur geschützt werden sollten vor der in den 70er Jahren einsetzenden technisch-chemischen Eskalation der Landwirtschaft. Die Anhänglichkeit an dieses in jeder deutschen Landschaft jeweils sehr typisch gemusterte Gewebe aus Land, Leuten, Sitten und Praktiken  war  groß und machte zunächst den Kern der Nachfrage nach der Grünen Politikofferte aus.

Seit zehn Jahren verabschiedet sich der Naturschutz von einem solchen integrativen Konzept einer Rückbindung der Landnutzung an Ziele des Landschafts- und Artenschutzes und verfolgt – eher klamm- heimlich als öffentlich diskutiert – einen »segregativen Naturschutz« mit den Mitteln der Nutzungsentnahme, der Stillegung,  des  Brachfallens, der Aushagerung und der völligen Abschottung von Landschaftsteilen, die nach ihrer Eigenlogik einer ungesteuerten Sukzession (Prozeßschutz) überlassen bleiben sollen: Wald zu Urwald, Acker zu Brache, Grünland zu Moor – der vollständige Rückbau einer vielhundertjährigen meliorativen Anstrengung, die aus der Wildnis einen großen Garten schuf.

Es handelt sich dabei um weit mehr als eine Methodenfrage des Naturschutzes, denn dahinter stehen aus der amerikanischen Wilderness-Bewegung entlehnte Großkonzepte zur »Zivilisation von morgen«, die der Naturschutzbeauftragte der Stadt Bamberg und BUND-Funktionär Jürgen Gerdes mit einem programmatischen Aufsatz »Betreten verboten! Wildnis und Zivilisation von morgen« in der Zeitschrift Gaia (19/1, 2010, S.  13 –19) propagiert: Die vollständige Isolation der »Zivilisation« in hochverdichteten Metropolregionen von einer in weiträumigen Schutzregionen abgeschirmten, völlig unbestellten, sich selbst überlassenen, verwildern- den Natur. In einer lesenswerten Diskussion auf Ludwig Trepls »SciLog«- Blog klingt das so:

»Die vorindustrielle Kulturlandschaft ist in einer Welt mit zehn Milliarden Menschen nicht zu halten. Deshalb sollte Ludwig Trepl von der Realversion seiner Träume [Kulturlandschaften, TH] Abschied nehmen und sich darauf einstellen, sie losgelöst von feudalen Gesellschaftsstrukturen und harten Arbeitsverhältnissen in Museen und virtuellen Räumen zu besuchen. Die Massenproduktion von Obst und Gemüse wird auf an- dere, technischere Art sichergestellt werden müssen in mehrstöckigen, energieneutralen Gewächshäusern – natürlich ›Bio‹! Ich setze auf eine starke Zunahme des Vegetarismus, der unserer modernen, wenig kraftaufwendigen Lebensart ernährungsphysiologisch weit angemessener ist als Fleisch- verzehr.«

Das ist also der Fluchtpunkt der ökologistischen Wege und ihr Schnittpunkt mit den dystopischen Deutungen eines laufenden elitistischen Großprojekts: weltweit metropolengroße Smart-Cities mit Google als technischem Vermittler aller Daten und Stellgrößen aus Smart-Me- tern in Smart-Homes für die Versorgung der dort in lichten Photovoltaik- Hochhäusern lebenden, glücklichen und gesunden, weil vegan sich näh- renden, Singles. Das Außerhalb dieser Mega-Städte ist die reine, landwirtschaftsfreie Wildnis, die endlich zu ihrem Schutz vor der Masse Mensch mit Zäunen versehen ist, an denen alle 50 Meter ein Schild »Betreten verboten!« hängt. Und nur aus den höchsten Hochhäusern erblickt man und aus den blinden Flecken bei Google Earth erahnt man, daß hier und dort aus einer Lichtung in der Waldwildnis das Dach eines sehr großzügigen Anwesens durchscheint.

Diese Szenerie ist in einer etwas anderen, wenig schönenden Beleuchtung schon 1973 beschrieben und bebildert worden: Der Film heißt Soylent Green und spielt im Jahre 2022.

Der Zentralkonflikt: die globalistische Versperrung

Die in den letzten 25 Jahren mit Brachialmethoden von IWF und Weltbank durchgesetzte wirtschaftliche Globalisierung hatte – neben dem wahrscheinlich fehlkalkulierten furiosen Wiederaufstieg Chinas – vor allem eine Ausweitung der Zirkulationssphäre und damit die Erweiterung finanzwirtschaftlicher Interventionsmöglichkeiten und die Schwächung aller Volkswirtschaften zum Ziel und zur Folge. Strukturell war sie um- werfend: Ganze Branchen der Konsumgüterindustrie verschwanden aus Westeuropa. 5000000 oder ein Drittel aller Arbeitsplätze im produzieren- den Gewerbe gingen seit 1990 allein in Deutschland verloren.

Die globalistische Leidenschaft für die Hebung vermeintlicher komparativer Kostenvorteile macht ja auch vor dem augenfälligsten Widersinn nicht halt, wenn etwa in China aus kanadischem Weizen die Rohlinge für unser tägliches Brot geknetet, geformt, vorgebacken, tiefgekühlt und ver- schifft werden: Hauptsache, es entsteht dabei ein »Welthandelssystem«, in dem möglichst kein Produkt außerhalb einer Kontinente querenden Arbeitsteilung gebrauchsfertig wird, so daß schließlich auch das Brotbacken ein Werk ist, das nur noch von der »Weltgemeinschaft in gemeinschaftlicher, solidarischer Anstrengung bei fairem Austausch« bewältigt werden kann. Das freilich ist die völlige Entkräftung aller, auch der leistungsfähigsten, Volkswirtschaften im Namen von Freihandel und One world.

Das Fading der Politik

Die Politik entlastet sich schlicht durch Entschwinden, weil jede Gestaltungskraft von der »Komplexität« der globalen Verhältnisse überwachsen und damit ins Dickicht der Institutionen der »Weltgemeinschaft« oder der EU – einer Pfalz der Gobalisierung in Europa – entrückt ist.

Das Unbehagen der Menschen unterhalb dieses Funktionswildwuchses wird immer drückender, weil jederzeit Wirkungen in ihr Leben einschlagen können, für deren Ursachen und Verursacher es nicht einmal Namen gibt. Jedes scheinbar lokale Ereignis, wie die amerikanische Sub- prime-Krise 2007, schlägt über unübersehbare Rückkopplungsketten an allen möglichen, meist unvorhersehbaren Stellen ein. Alles, der denkbare Untergang der Volkswagen-AG, das plötzliche Erscheinen von einer Million Arabern und Afrikanern auf dem Staatsgebiet, der Terroranschlag in Innenstadt und Eisenbahnabteil, ein großflächiger Stromausfall, das Ver- dampfen der Altersvorsorgen, alles erscheint als Ergebnis einer im Prinzip ursachenlosen Kette, die in komplizierter Wicklung mehrmals um den Globus läuft. Das Weltgefühl nähert sich unter solchen Bedingungen wie- der demjenigen eines Vorzeit-Stammes an, der seinen Himmel von einer Schar tob- und trunksüchtiger, miteinander zerstrittener, blindwütiger Götter bevölkert sah.

Der Globalismus ist die heißeste politische Kampflinie unserer Tage. Auf allen radikal-pragmatischen Versuchen, den völlig hypertrophierten

»Quellraum des zu Duldenden« mit dem verschwindenden »Wirkraum eigener Kräfte« wieder stärker zur Deckung zu bringen, liegen hohe politische Prämien.

Der Kontrapunkt: ein binnenwirtschaftlicher Sektor

In den Widerstand geht jede Strukturpolitik, die die Kategorie und die Realität des Raums endlich wieder in Rechnung stellt und dabei die binnen- wirtschaftlichen Subsistenzbereiche der Wirtschaft, also die Produktionen des Lebensnotwendigen, unterscheidet von einem exportwirtschaftlichen Sektor, der die notwendigen Importe verdienen muß. Der erste muß nicht, der zweite muß mit Währungsdisparitäten, philippinischen Löhnen und brasilianischen Umweltstandards koexistieren und konkurrieren können. Die Güter des Lebensnotwendigen sind Grundstoffe, Lebensmittel, Hausbau und unterhalt, Wärme, Textilien. Diese Wirtschaftszweige in ihrer Orientierung wieder zu verräumlichen in – je nachdem – lokalen, regionalen, nationalen oder auch europäisch-nachbarschaftlichen Kreisbögen, ist eine einleuchtende und mitnehmende Politik und bedarf im übrigen weder dramatischer Regulierungen noch vollständiger protektionistischer Abschottung.

Es reicht zunächst womöglich eine entsprechende Mehrwertsteuermodulation, mit der die Kette einer lokalen (Lebensmittel-)Erzeugung für die benachbarten städtischen Agglomerationen über alle Veredelungs- und Vertriebsstufen umsatzsteuerfrei gestellt wird.

Die Landwirtschaft ist auf den Weltmarkt regelrecht gehetzt worden und hat dabei ihren Weg in die Energie-Negativität noch einmal forciert. Mit Blick auf die absehbare Energieverarmung muß dieser Prozeß umgedreht werden durch den Einsatz der einzigen wirklich »erneuerbaren Energie«, der menschlichen Arbeitskraft. Dazu ist nötig:

Die Übergabe von fast 40 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen an einen erklärtermaßen kontraproduktiven, aber teuren Naturschutz zum Zwecke der Bodendegradierung muß zurückgeholt werden, allerdings ohne diese Flächen der heutigen, energieeskalierten Bewirtschaftungsweise zu übergeben. Sie können statt dessen genutzt werden für eine neue Siedlungsbewegung, bei der in diesen Flächen Hofgründungen stattfinden unter der Auflage einer energetischen Low-input-Bewirtschaftung. Dafür gibt es aus den beiden Nachkriegsnotzeiten des 20. Jahrhunderts das ausgearbeitete Konzept der Gärtnerhöfe (Heinrich Jebens, Max Karl Schwarz), die eine hocharbeitsintensive, eben gärtnerische Wirtschafts- weise mit bäuerlicher Tierhaltung verbanden, um den landwirtschaftlichen Düngerkreislauf schließen zu können.

Um überhaupt die Personalextensität eines rein binnenwirtschaftlichen Sektors wieder zu steigern und den Energieinput zu senken, kann die alte grüne Idee einer »Energiesteuer« als Ersatz für Lohnsteuer plus Sozialabgaben aufgegriffen werden. Sie ist nie ernsthaft ventiliert worden, weil sie nach der Vorstellung der Grünen flächendeckend und nicht binnenwirtschaftlich sektoral eingeführt werden sollte, was die deutsche Exportwirtschaft schwer geschädigt und dem Land einen wirtschaftlichen Vorab-Kollaps beschert hätte. Beides ist bei einer Beschränkung dieses Steuerungsinstruments auf einen technisch ohnehin abzurüstenden binnenwirtschaftlichen Subsistenzsektor nicht zu befürchten. Der viel  zu hohe Mechanisierungsgrad der etablierten Landwirtschaft und der anderen subsistenzwirtschaftlichen Bereiche käme durch eine Besteuerung der aufgewendeten Energie ins Fließen und würde sich tendenziell mindern. Es entstünden reichlich steuer- und abgabenentlastete Arbeitsplätze, und es begänne die dringend notwendige Rekonstruktion technisch einfacher, energiepositiver Wirtschaftsformen.

Eine neue  binnenwirtschaftliche  Orientierung  der  europäischen Volkswirtschaften ist die wahrscheinlich schärfste Kampfansage an die globalistische Agenda, die denkbar ist. Sie weitet den Kampf um Köpfe und Ideen aus in einen Kampf um Kräfte und Potentiale. Die Parole gegen die sich anbahnende und anschleichende »Zivilisation von morgen« lautet: Nicht mit uns! Es ist kein einsamer Ruf, denn er bildet gleichzeitig den Grundbaß der russischen Innen- und Außenpolitik.

Und, falls benötigt, eine hymnisch brauchbare Begleitmusik gibt’s ja auch schon: Bruce Springsteens »We take care of our own«.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser »Rendezvous mit der Globalisierung« fand also nicht erst, wie der Finanz- minister meint, anläßlich der Visite von 1000000 Arabern und Nordafri- kanern im Jahre 2015 statt, sondern bereits in den zwei Jahrzehnten zu- vor. Und: Nicht wenige  der in Deutschland unter- gegangenen Textilarbeits- plätze wurden nach Nord- afrika verlagert, was uns aber auch nicht davor be- wahrt, von den Einwoh- nern dieser Weltregion in der Erwartung künftiger Vollalimentierung in Scha- ren aufgesucht zu werden.

 

 

 

 

 

 

 

Die entstandenen Ver- hältnisse sind in Wirk- lichkeit, anders als post- moderne Soziologen mei- nen, in keiner Weise »kom- plex«, also vielschichtig, sondern lediglich »verwik- kelt«, also kompliziert.

 

turen und harten Arbeitsverhältnissen in Museen und virtuellen Räumen zu besuchen. Die Massenproduktion von Obst und Gemüse wird auf an- dere, technischere Art sichergestellt werden müssen in mehrstöckigen, en- ergieneutralen Gewächshäusern – natürlich ›Bio‹! Ich setze auf eine starke Zunahme des Vegetarismus, der unserer modernen, wenig kraftaufwendi- gen Lebensart ernährungsphysiologisch weit angemessener ist als Fleisch- verzehr.«

Das ist also der Fluchtpunkt der ökologistischen Wege und ihr Schnittpunkt mit den dystopischen Deutungen eines laufenden elitisti- schen Großprojekts: weltweit metropolengroße Smart-Cities mit Google als technischem Vermittler aller Daten und Stellgrößen aus Smart-Me- tern in Smart-Homes für die Versorgung der dort in lichten Photovoltaik- Hochhäusern lebenden, glücklichen und gesunden, weil vegan sich näh- renden, Singles. Das Außerhalb dieser Mega-Städte ist die reine, landwirt- schaftsfreie Wildnis, die endlich zu ihrem Schutz vor der Masse Mensch mit Zäunen versehen ist, an denen alle 50 Meter ein Schild »Betreten ver- boten!« hängt. Und nur aus den höchsten Hochhäusern erblickt man und aus den blinden Flecken bei Google Earth erahnt man, daß hier und dort aus einer Lichtung in der Waldwildnis das Dach eines sehr großzügigen Anwesens durchscheint.

Diese Szenerie ist in einer etwas anderen, wenig schönenden Beleuch- tung schon 1973 beschrieben und bebildert worden: Der Film heißt Soy- lent Green und spielt im Jahre 2022.

Der Zentralkonflikt: die globalistische Versperrung

Die in den letzten 25 Jahren mit Brachialmethoden von IWF und Welt- bank durchgesetzte wirtschaftliche Globalisierung hatte – neben dem wahrscheinlich fehlkalkulierten furiosen Wiederaufstieg Chinas – vor al- lem eine Ausweitung der Zirkulationssphäre und damit die Erweiterung finanzwirtschaftlicher Interventionsmöglichkeiten und die Schwächung aller Volkswirtschaften zum Ziel und zur Folge. Strukturell war sie um- werfend: Ganze Branchen der Konsumgüterindustrie verschwanden aus Westeuropa. 5000000 oder ein Drittel aller Arbeitsplätze im produzieren- den Gewerbe gingen seit 1990 allein in Deutschland verloren.

Die globalistische Leidenschaft für die Hebung vermeintlicher kom- parativer Kostenvorteile macht ja auch vor dem augenfälligsten Widersinn nicht halt, wenn etwa in China aus kanadischem Weizen die Rohlinge für unser tägliches Brot geknetet, geformt, vorgebacken, tiefgekühlt und ver- schifft werden: Hauptsache, es entsteht dabei ein »Welthandelssystem«, in dem möglichst kein Produkt außerhalb einer Kontinente querenden Ar- beitsteilung gebrauchsfertig wird, so daß schließlich auch das Brotbacken ein Werk ist, das nur noch von der »Weltgemeinschaft in gemeinschaftli- cher, solidarischer Anstrengung bei fairem Austausch« bewältigt werden kann. Das freilich ist die völlige Entkräftung aller, auch der leistungsfä- higsten, Volkswirtschaften im Namen von Freihandel und One world.

Das Fading der Politik

Die Politik entlastet sich schlicht durch Entschwinden, weil jede Gestal- tungskraft von der »Komplexität« der globalen Verhältnisse überwachsen und damit ins Dickicht der Institutionen der »Weltgemeinschaft« oder der EU – einer Pfalz der Gobalisierung in Europa – entrückt ist.

Das Unbehagen der Menschen unterhalb dieses Funktionswildwuch- ses wird immer drückender, weil jederzeit Wirkungen in ihr Leben ein- schlagen können, für deren Ursachen und Verursacher es nicht einmal Namen gibt. Jedes scheinbar lokale Ereignis, wie die amerikanische Sub- prime-Krise 2007, schlägt über unübersehbare Rückkopplungsketten an allen möglichen, meist unvorhersehbaren Stellen ein. Alles, der denkbare Untergang der Volkswagen-AG, das plötzliche Erscheinen von einer Mil- lion Arabern und Afrikanern auf dem Staatsgebiet, der Terroranschlag in Innenstadt und Eisenbahnabteil, ein großflächiger Stromausfall, das Ver- dampfen der Altersvorsorgen, alles erscheint als Ergebnis einer im Prin- zip ursachenlosen Kette, die in komplizierter Wicklung mehrmals um den Globus läuft. Das Weltgefühl nähert sich unter solchen Bedingungen wie- der demjenigen eines Vorzeit-Stammes an, der seinen Himmel von einer Schar tob- und trunksüchtiger, miteinander zerstrittener, blindwütiger Götter bevölkert sah.


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