Zehn Thesen zur Asylkrise

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Ein Jahr nach ihrem Man­tra »Wir schaf­fen das« steht Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel vor den Scher­ben ihrer Asyl­po­li­tik. Die CDU ver­liert flä­chen­de­ckend Stim­men, doch ein Umden­ken ist nicht in Sicht: Die Situa­ti­on spitzt sich zu und droht, außer Kon­trol­le zu gera­ten. Die Asyl­kri­se soll­te des­halb zum Anlaß genom­men wer­den, um eine grund­sätz­li­che innen- und außen­po­li­ti­sche Wen­de zu dis­ku­tie­ren. Dazu zehn Thesen:

1.) Mer­kel hat es nicht geschafft, einen Maß­stab fest­zu­le­gen, wann Deutsch­land zur Flücht­lings­auf­nah­me ver­pflich­tet sei. Die Men­schen- rech­te tau­gen dafür nicht. Wir soll­ten des­halb über ein mensch­li­ches Mini­mum nach­den­ken und danach das Aus­maß und die Metho­den unse­rer huma­ni­tä­ren Hil­fe bestimmen.
Das in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im Grund­ge­setz fest­ge­hal­te­ne Asyl­recht soll­te der rei­bungs­lo­sen Auf­nah­me von Ost­block­dis­si­den­ten im Kal­ten Krieg die­nen. Seit der Wen­de von 1989 steht unser Land jedoch vor voll­kom­men ande­ren Her­aus­for­de­run­gen: Schutz­su­chend sind vor allem poli­tisch Ver­folg­te, Kriegs- und Wirt­schafts­flücht­lin­ge sowie hun­gern­de Men­schen aus Afri­ka und dem erwei­ter­ten Nahen Osten.

Bei wei­ter Aus­le­gung des Asyl­rechts, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit sei­nen Urtei­len ab 1959 auf den Weg gebracht hat, müß­te Deutsch­land im Zwei­fels­fall eini­gen Mil­li­ar­den Men­schen Asyl gewäh­ren. Dies ist unmög­lich, und das muß poli­tisch und recht­lich auch zum Aus­druck gebracht wer­den. Statt mit dem Ver­weis auf die all­ge­mei­nen Men­schen­rech­te uner­füll­ba­re Erwar­tun­gen zu beför­dern, muß sich die Idee des mensch­li­chen Mini­mums an den bio­lo­gi­schen Grund­be­dürf­nis­sen ori­en­tie­ren, die tat­säch­lich bei allen Men­schen gleich sind. Die Flücht­lings­un­ter­brin­gung wür­de in einem sol­chen Fall direkt in der Kri­sen­re­gi­on in Exil­städ­ten stattfinden.

2.) Seit Aus­bruch der Asyl­kri­se ist es noch nicht ein­mal gelun­gen, die Flucht­ur­sa­chen rich­tig zu benen­nen. Bei der Bekämp­fung der Über­be­völ­ke­rung anzu­set­zen, ist dabei der ein­zig sinn­vol­le Weg.
Des­po­tien, Hun­ger, Armut, sozia­le Unge­rech­tig­keit und Krie­ge sind nur Ober­flä­chen­phä­no­me­ne und Fol­gen des rasan­ten Bevöl­ke­rungs­wachs­tums der Welt. Es gilt dabei eine ein­fa­che Glei­chung: mehr Men­schen = mehr Krie­ge = mehr Flücht­lin­ge. Vor den Zustän­den in ihren Her­kunfts­län­dern kön­nen jedoch nur die­je­ni­gen flie­hen, die dazu kör­per­lich und finan­zi­ell in der Lage sind. Das der­zei­ti­ge Ein­wan­de­rungs­asyl­recht unter­stützt damit gera­de die Men­schen, die am wenigs­ten Hil­fe benö­ti­gen. Die 800 Mil­lio­nen Hun­ger­lei­den­den aber, von denen jeden Tag rund 30000 ster­ben, gera­ten in Ver­ges­sen­heit. Den Aller­schwächs­ten vor Ort zur Selbst­hil­fe zu ver­hel­fen und zugleich Maß­nah­men gegen die Über­be­völ­ke­rung ein­zu­lei­ten, wäre daher eine Maxi­me, die mit dem mensch­li­chen Mini­mum in Ein­klang steht. Alle ande­ren denk­ba­ren Hand­lungs­op­tio­nen, die dar­auf abzie­len, Frie­den, Wohl­stand, Demo­kra­tie und das west­li­che Frei­heits­den­ken glo­bal durch­zu­set­zen, haben sich dage­gen als uto­pisch erwie- sen und die Lage fast immer verschlimmert.

3.) Ein erfolg­rei­cher Kampf gegen Über­be­völ­ke­rung, Armut und Hun­ger wür­de einen »Migra­ti­ons­bu­ckel« ver­ur­sa­chen. Des­halb ist es im Inter­es­se aller, wenn sich Euro­pa abschot­tet und Zuwan­de­rung gene­rell verhindert.

Ein stei­gen­des Pro-Kopf-Ein­kom­men in den ärms­ten Län­dern der Welt führt bei vie­len die­ser Auf­stei­ger zu dem Wunsch und der Fähig­keit, aus- zuwan­dern. In der Wis­sen­schaft ist dann von einem »Migra­ti­ons­bu­ckel« die Rede. Erst, wenn ein Land ein rela­tiv hohes Ent­wick­lungs­ni­veau erreicht hat, wol­len die Men­schen dau­er­haft in ihrer Hei­mat blei­ben und ihre erwor­be­nen Fähig­kei­ten zum Nut­zen des eige­nen Lan­des ein­set­zen. Sowohl für Euro­pa als auch Afri­ka und den erwei­ter­ten Nahen Osten ist es des­halb das Bes­te, sogar die Migra­tio­nen der klügs­ten Köp­fe ein­zu­däm­men, um sie in ihrer Hei­mat zu halten.

4.) Jeder, der ille­gal ein­reist, muß auto­ma­tisch – ohne Asyl­ver­fah­ren – in das zuvor bereis­te Land oder nach Mög­lich­keit in sein Her­kunfts­land zurück­ge­scho­ben werden.

Weder die Euro­päi­sche Uni­on noch die Natio­nal­staa­ten mit euro­päi­scher Außen­gren­ze (Ita­li­en, Grie­chen­land, Bul­ga­ri­en …) haben es bis­her geschafft, eine funk­tio­nie­ren­de Grenz­si­che­rung auf­zu­bau­en, an der ille­ga­le Ein­wan­de­rer kon­se­quent abge­wie­sen wer­den. In die­sem Jahr haben genau­so wie 2015 erneut über 100000 Men­schen mit dem Boot Ita­li­en erreicht. Über 4000 die­ser Flücht­lin­ge kamen im Lau­fe des letz­ten Jah­res bei ihrer gefähr­li­chen Migra­ti­on ums Leben. Die­ses Mas­sen­ster­ben wird erst enden, wenn Boots­flücht­lin­ge noch nicht ein­mal mehr Asyl in Euro­pa bean­tra­gen dür­fen und es den west­li­chen Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­bo­ten wird, sie 20 Kilo­me­ter vor der liby­schen Küs­te abzuholen.

5.) »Ech­te« Flücht­lin­ge müs­sen fair über Euro­pa ver­teilt wer­den. Vor­aus­set­zung dafür ist aber eine Abkehr von der Willkommenskultur.

Euro­pa hat für das de fac­to geschei­ter­te Dub­lin-Sys­tem, wonach Asyl­be­wer­ber ihren Antrag im ers­ten Land stel­len müs­sen, das sie betre­ten, bis­her kei­nen adäqua­ten Ersatz gefun­den. Wer glaubt, die Süd­eu­ro­pä­er mit dem Pro­blem der Mas­sen­ein­wan­de­rung allein las­sen zu kön­nen, soll­te sich nicht wun­dern, wenn die­se Staa­ten irgend­wann dazu über­ge­hen, die Neu­an­kömm­lin­ge ille­gal durch­zu­win­ken. Gera­de die klei­ne­ren Staa­ten in Euro­pa wer­den aller­dings nur bestimm­te Kon­tin­gen­te auf­neh­men, wenn es dafür eine klar benann­te Ober­gren­ze gibt. Tsche­chi­en etwa wehrt sich zu Recht dage­gen, die von Deutsch­land regel­recht ange­wor­be­nen »Flücht­lin­ge« auf­zu­neh­men. Das heißt: Statt jeden unkon­trol­liert ein­wan­dern zu las­sen und die Gesamt­zahl dann gerecht ver­tei­len zu wol­len, müs­sen die Natio­nal­staa­ten ertrag­ba­re Kon­tin­gen­te auf­neh­men, um den Exil­städ­ten in den Kri­sen­re­gio­nen etwas von ihrer Last abzunehmen.

6.) Öko­no­misch betrach­tet, ist Flücht­lings­hil­fe in Deutsch­land kurz- und lang­fris­tig am teu­ers­ten. Mit einem Bruch­teil des hier­zu­lan­de ein­ge­setz­ten Gel­des lie­ße sich in den Her­kunfts­re­gio­nen der Migran­ten wesent­lich effi­zi­en­ter helfen.

Die Bun­des­re­gie­rung geht davon aus, daß sie bis 2020 pro Jahr ca. 20 Mil­li­ar­den Euro für die Inte­gra­ti­on der Asyl­be­wer­ber benö­tigt. Das Kie­ler In- sti­tut für Welt­wirt­schaft kommt im nega­tivs­ten Sze­na­rio sogar auf jähr- liche Kos­ten in Höhe von bis zu 55 Mil­li­ar­den Euro. Erwirt­schaf­ten muß die­ses Geld die deut­sche Bevöl­ke­rungs­mehr­heit. Ori­en­tiert man sich da- gegen an den Kos­ten für das Flücht­lings­la­ger im jor­da­ni­schen Zaa­tari, könn­te man mit dem Geld, das die Bun­des­re­gie­rung gegen­wär­tig für Asyl­be­wer­ber aus­gibt, in der Regi­on um Syri­en fast zehn­mal so vie­len Men­schen hel­fen wie in Deutschland.

7.) Aus Macht­er­hal­tungs­grün­den wer­den es die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen nicht zu einer Wie­der­ho­lung der Asyl­kri­se kom­men­las­sen. Die Ideo­lo­gie der Eli­te dürf­te sich den­noch nicht durch den erlit­te­nen Rea­li­täts­schock ver­än­dert haben, wes­halb zu befürch­ten ist, daß die Über­frem­dung schlei­chend weitergeht.

Das Aus­maß der Asyl­kri­se 2015 war die Fol­ge eines Kon­troll­ver­lus­tes, der auf ideo­lo­gi­scher Bor­niert­heit beruh­te (offe­ne Gren­zen, Fach­kräf­te­man­gel, Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, Gleich­heit aller Men­schen). Man woll­te bis zu 500000 Ein­wan­de­rer pro Jahr von außer­halb Euro­pas anwer­ben (Ber­tels­mann-Stif­tung) und bei Errei­chen die­ser Schall­mau­er kei­nen Gesichts­ver­lust ris­kie­ren. Im Kri­sen­dis­kurs wur­de dar­auf­hin aus der gewoll­ten Zuwan­de­rung ein an- geblich völ­lig unvor­her­seh­ba­res Natur­er­eig­nis, mit des­sen Fol­gen nun eben jeder leben müs­se. Der Repa­ra­tur­be­trieb der Poli­tik reagier­te dar­auf – wie immer – mit einem tech­no­kra­ti­schen »Sofort­pro­gramm«, das dabei hel­fen soll, die finan­zi­el­len und sicher­heits­po­li­ti­schen Risi­ken abzufedern.

8.) Die tech­no­kra­ti­sche Logik der bun­des­deut­schen Eli­te impli­ziert zwar, daß die Natio­na­li­tät eines Men­schen kei­ne Rol­le spie­le. Nichts­des­to­trotz wird die Bun­des­re­pu­blik in den nächs­ten Jah­ren alles dar­an set­zen, um sowohl für Deut­sche als auch Aus­län­der eine Ver­hal­tens­nor­mie­rung durch­zu­set­zen, die ein fried­lich-anony­mes Neben­ein­an­der erlaubt.

Im August kün­dig­te Innen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) eine Ver­schär­fung der Sicher­heits­ge­set­ze an. Unter ande­rem ist mehr Per­so­nal für die Sicher­heits­be­hör­den vor­ge­se­hen, kri­mi­nel­le Aus­län­der sol­len schnel­ler abge­scho­ben wer­den und Ter­ro­ris­ten ihren Dop­pel­paß ver­lie­ren. Was zunächst ledig­lich nach einer Besänf­ti­gung des Wahl­vol­kes klingt, ist Teil einer per­fi­den Dop­pel­stra­te­gie zur Ver­hal­tens­nor­mie­rung von Deut­schen und Aus­län­dern: Wäh­rend de Mai­ziè­re dafür zu sor­gen hat, ein Mini­mum an Inne­rer Sicher­heit auf­recht­zu­er­hal­ten, setzt Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) sei­nen Kampf gegen ras­sis­ti­sche Mei­nungs­ver­bre­chen (»Haß­kri­mi­na­li­tät«) fort. Die­se »Zuckerbrot-und-Peitsche«-Taktik hat einen mul­ti­kul­tu­rel­len Über­wa­chungs­staat zum Ziel, der ein­zig und allein das fried­li­che Zusam­men­le­ben der unter­schied­lichs­ten Eth­ni­en in Deutsch­land gewähr­leis­ten könn­te. Frei­heit­lich zu sein, kön­nen sich dage­gen nur halb­wegs homo­ge­ne Staa­ten leisten.

9.) Aus­ge­löst durch die Asyl­kri­se schrei­tet die eth­ni­sche, sozia­le und poli­ti­sche Zer­split­te­rung vor­an. Das Cha­os in Deutsch­land nimmt wei­ter zu, doch das »rei­ni­gen­de Gewit­ter« fällt aller Wahr­schein­lich­keit nach aus.

Wie es in Deutsch­land wei­ter­ge­hen könn­te, erkennt man am ehes­ten, wenn man sich in Gegen­den umschaut, wo das mul­ti­kul­tu­rel­le Expe­ri­ment bereits geschei­tert ist: Detroit, die ame­ri­ka­ni­sche Groß­stadt mit dem höchs­ten Anteil an Schwar­zen, ist z. B. 2013 insol­vent gegan­gen. Was war passiert?

Die größ­ten­teils wei­ße Mit­tel­schicht floh zwi­schen 2000 und 2010 aus der Stadt in das Umland. Seit­dem leben in Detroit über 80 Pro­zent Schwar­ze, die über­pro­por­tio­nal häu­fig arm sind. Die Kon­se­quen­zen der Insol­venz muß­ten haupt­säch­lich sie ertra­gen, wäh­rend sich die­je­ni­gen, die früh genug weg­zo­gen, der Ver­ant­wor­tung ent­zie­hen konn­ten. In Deutsch­land ist ein ähn­li­ches Sze­na­rio abseh­bar: Wer es sich leis­ten kann, wird vor den Zustän­den in der mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaft in »Gated com­mu­nities« flie­hen, sei­ne Kin­der auf Pri­vat­schu­len schi­cken, gefähr­li­che Orte mei­den und sei­ne Finan­zen so ord­nen, daß der Staat dar­auf nicht zugrei­fen kann.

10.) Patrio­ti­scher Wider­stand wirkt!

Aus dem Erz­ge­birgs­kreis (Sach­sen) sind 2015 zwei Drit­tel aller Flücht­lin­ge nach ihrer Aner­ken­nung nach West­deutsch­land umge­zo­gen. Ins­ge­samt ist davon die Rede, daß bis zu 30 Pro­zent der Asyl­be­wer­ber in den neu­en Bun­des­län­dern wie­der »ver­schwun­den« sei­en, um sich einen ande­ren Wohn­ort zu suchen. Zum einen liegt dies an den Netz­wer­ken der Migran­ten in West­deutsch­land, zum ande­ren aber wohl auch an der ein­wan­de­rungs­kri­ti­schen Stim­mung im Osten. Lang­fris­tig dürf­te dies zu einer wei­te­ren Über­frem­dung West­deutsch­lands und dem Erhalt von Rück­zugs­räu­men für Deut­sche zwi­schen Ost­see und Erz­ge­bir­ge füh­ren. Das zeigt: Wer mit einer star­ken Gemein­schaft im Rücken für sei­ne Hei­mat kämpft, kann zumin­dest das Schlimms­te ver­hin­dern. Bei allem Wei­te­ren muß man auf das unend­lich unwahr­schein­li­che Sze­na­rio eines grö­ße­ren Umbruchs hoffen.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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