Sezession
1. Oktober 2016

Land-Wende- Zehn Thesen zur Zukunft der ländlichen Welt

Gastbeitrag

2016, zur Lage auf dem Land: Am Beispiel der Zulassung des Grundwasser und Menschen gefährdenden Ackergifts Glyphosat – mit dem derzeit jährlich etwa 30 Prozent unserer Ackerflächen »behandelt« werden – zeigt sich, daß den Allgemeininteressen entgegenwirkende Lobbystrukturen mehr Macht haben als ein Bevölkerungsanteil von über 90 Prozent. Für die Agrogentechnik und das geplante Freihandelsabkommen TTIP, von denen dieselben Konzerne profitieren, die die Landwirte vom Glyphosat abhängig machen, gilt Entsprechendes. Die Landbevölkerung, die als erstes den Giftnebeln ausgesetzt ist, verliert gerade den Glauben daran, daß Demokratie Volksherrschaft bedeutet. Und sie fühlt sich auch von den Städtern im Stich gelassen, deren ökologisches Bewußtsein zwar weiter entwickelt ist, die aber das Land oft nur noch im Blick durch das Auto- oder Bahnfenster wahrnehmen – als unvermeidlichen Transitraum zwi- schen den Großstädten. Oswald Spengler sah den Degenerationsprozeß einer Kultur dadurch gekennzeichnet, daß mit der Konzentration auf wenige Metropolen die ländlichen Räume zur Provinz hinabgestoßen werden. Egal, ob wir die abendländische Kultur bewahren oder eine neue Kultur anbahnen wollen: Die Grundlage hierfür wächst auf dem Land. Was müssen wir dabei bedenken?

1.) Das lineare Geschichtsbild relativieren
Die gesellschaftlichen Zustandsformen des Menschen als Jäger und Sammler sowie als Ackerbauern und Viehzüchter sind keine historischen Epochen, sondern »Ökotypen« unserer Art: Es handelt sich um gleichwertige Populationen, die aufgrund verschiedener Umweltprägungen verschiedene Verhaltensveranlagungen für die Einbindung in verschiedene Lebensräume entwickelt haben. Der Vorstellungswelt einer rein ökonomisch definierten, linearen, historischen Gesetzmäßigkeit sollten wir ein zyklisches Denken zur Seite stellen. In seiner (epi-)genetischen und sozial- ökologischen Verfassung ist auch der in der Industriegesellschaft lebende Mensch ein Bestandteil des Ackerbaukultur-Ökotyps. Nur wenn sich in den »zivilisierten« Industrieländern wieder eine Mehrheit den Grundlagen der eigenen Kultur (Bauerntum und Seßhaftigkeit) zuwendet, kann eine kulturelle und genetische Degeneration vermieden werden.

2.)Den darwinistischen Irrglauben ablegen
Darwins Selektionslehre überträgt den Hergang der künstlichen Zuchtwahl von Domestikationsformen in Gefangenschaft auf die Evolutionsprozesse von Wildformen in freier Natur – und leitet daraus eine »natürliche Zuchtwahl« ab. Die Variation von frei lebenden Wildformen ist jedoch von einem inneren Zusammenhalt, einer genetischen Kohäsion ihrer Populationen geprägt, während in Gefangenschaft lebende Domestikationsformen stets von einem Auseinanderlaufen der Merkmale, ei- ner genetischen Divergenz ihrer Populationen bestimmt sind. Eine über die natürlichen Variationsbereiche hinausgreifende genetische Divergenz geht mit Degeneration einher. Entsprechende Mutationen sind in freier Natur genetisch und ökologisch unbeständig. Evolution geschieht epigenetisch über mehr oder weniger synchrone Veränderungen ganzer Populationen und nicht über eine Auslese von Individuen.

Die gegenläufigen Eigentendenzen der biologischen Variation von in natürlichen oder in unnatürlichen Milieus lebenden Populationen sowie die Tatsache, daß mutierte Einzelindividuen mit »neuen« Merkmalen in der Natur unbestän- dig sind, machen die Selektionslehre hinfällig. Kämpfe gehören zur Natur; daß aber die Kohlmeisen einen schwarzen und die Blaumeisen einen blauen Scheitel haben, weil ihnen das Vorteile im »Kampf ums Dasein« brächte, ist ein naturwidriger Irrglaube. Nicht Kampf und Konkurrenz leiten die Naturprozesse, sondern Kooperation und ökologische Integration, die Umweltresonanz.

3.)Die Wettbewerbslogik überwinden

Eine vom Selektionsdenken befreite Biologie entzieht der Wettbewerbslogik unserer Zeit das Fundament. Wettbewerb hebelt soziale und ökologische Beziehungen aus. Wettbewerb ist unvereinbar mit Resonanz. Wettbewerb desintegriert. Der Wettbewerb ist kein »naturgesetzliches« System, sondern Motor eines von den realen Bedürfnissen entkoppelten Wachstums, das die Endlichkeit unseres Planeten und seiner Ressourcen ignoriert. Die Konzentration der Landwirtschaft, die in den kommunistischen Ländern unter Zwang und Gewalt herbeigeführt wurde, wird im Westen durch das Prinzip des Verdrängungswettbewerbs bewirkt – durch die Logik vom »Wachsen oder Weichen« der Höfe. Dieses System überläßt die Vernichtung des Bauernstandes den Bauern selbst: Der Existenzkampf von Landwirten gegen Landwirte ist eine strukturelle Gewalt, die keinen Polizeistaat braucht, weil sich unter diesen Verhältnissen die Bauern gegenseitig den Boden wegnehmen – so lange, bis nur noch wenige agrarindustrielle Großbetriebe übrig sind. Wir brauchen Dritte Wege, also eine Kooperation jenseits des Kollektivismus und eine Alternative zum Kapitalismus jenseits des Sozialismus.


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