Europa und die Rechte – Zehn Thesen zu einem Neubeginn

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Als im Juni die­ses Jah­res etwa 52 Pro­zent der Bri­ten per Refe­ren­dum für einen Aus­stieg aus der Euro­päi­schen Uni­on plä­dier­ten, ver­schärf­te das die Legi­ti­ma­ti­ons­kri­se der EU und ihrer Eli­ten. Eigent­lich hät­te dies wie ein Weck­ruf für kon­ser­va­ti­ve Geg­ner des Brüs­se­ler Kon­strukts wir­ken müs­sen, im Stim­mungs­va­ku­um nach dem Auf­takt des »Bre­x­it« euro­päi­sche Gegen­kon­zep­tio­nen zu dis­ku­tie­ren. Allein, es folg­te: nichts. Weder der Front Natio­nal noch die AfD, weder UKIP noch Fidesz, aber auch kei­nes der kon­ser­va­ti­ven Insti­tu­te oder Orga­ne war in der Lage, eine euro­päi­sche Linie zu for­mu­lie­ren und sie als gemein­sa­men Stand­punkt mit den ande­ren abzu­stim­men. Grund genug für eine Inter­ven­ti­on: zehn The­sen zu Euro­pa und zum not­wen­di­gen Neu­be­ginn rech­ter Europakritik!

1.) Es gibt kei­ne euro­päi­sche Rech­te, die das Attri­but »euro­pä­isch« im eigent­li­chen Sin­ne verdient.

Es gibt kein ein­zi­ges EU-Mit­glieds­land, in dem rele­van­te Tei­le der poli­ti­schen Rech­ten gesamt­eu­ro­päi­sche Kon­zep­te ver­tre­ten. Die euro­pa­po­li­ti­sche Agi­ta­ti­on kon­ser­va­ti­ver, frei­heit­li­cher und natio­na­ler Krei­se rich­tet sich gegen »Brüs­sel« und sei­ne Regu­lie­rungs­wut, gegen die supra­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen, und sie plä­diert für die Rück­erlan­gung natio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät, für die Rück­kehr zu einem gaul­lis­ti­schen Sta­tus quo ante, in dem jede Nati­on für sich han­delt und Euro­pa häu­fig nur als Flos­kel besteht.

Ein frap­pie­ren­des Bei­spiel hier­für sind jüngs­te Aus­sa­gen Mar­kus Frohn­mai­ers: Der Bun­des­vor­sit­zen­de der AfD-Jugend bewirbt sei­ne Jun­ge Alter­na­ti­ve in einem Gespräch mit dem Blog blauenarzisse.de schon des- halb als »euro­päi­sche« Kraft, weil sie Kon­tak­te zu Par­tei­ju­gend­or­ga­ni­sa­tio­nen des Aus­lands pfle­ge. Er spricht gar vom »Pro­jekt Jun­ges Euro­pa«, das er lei­der nicht mit »jun­g­eu­ro­päi­schem« Inhalt im Sin­ne Giu­sep­pe Mazzi­nis, son­dern mit natio­na­lis­ti­schem Pathos füllt: »Wir haben ein kla­res Leit­mo­tiv in unse­rer alter­na­ti­ven Außen­po­li­tik for­mu­liert und zwar: Deutsch­land zuerst.« Dem kann man zustim­men, weil es die der­zeit ver­nach­läs­sig­ten Befind­lich­kei­ten der natio­na­len See­le strei­chelt; dem kann man wider­spre­chen, weil es weder eine grund­sätz­lich »alter­na­ti­ve Außen­po­li­tik« ver­heißt noch irgend etwas mit einem »Jun­gen Euro­pa« zu tun hat. In jedem Fall wird durch sol­che pro­gram­ma­ti­schen Aus­sa­gen kein gesamt­eu­ro­päi­scher Rah­men auf­ge­spannt, son­dern viel eher ein rech­tes Dilem­ma bestä­tigt: Euro­pa taucht nur als okka­sio­nel­ler Gemein­platz auf, um klas­sisch natio­na­le Sujets zu verkleiden.

2.) Euro­pa­feind­lich­keit ent­steht, weil die EU fälsch­lich mit »Euro­pa« gleich­ge­setzt wird.

Euro­pa ist nicht die Euro­päi­sche Uni­on, Brüs­sel nicht das Zen­trum des euro­päi­schen Geis­tes. Die EU ist von ihrem Beginn an, wie der bri­ti­sche Sozio­lo­ge Richard Sey­mour poin­tiert zusam­men­faß­te, »als ein kapi­ta­lis­ti­scher Block orga­ni­siert wor­den«. Sie ist dem­zu­fol­ge kei­ne euro­päi­sche Sache, son­dern eine Sache der trans­na­tio­na­len Ban­ken und Kon­zer­ne so- wie jener poli­ti­schen und media­len Akteu­re, die von einer pri­mär wirt­schaft­li­chen Aus­rich­tung pro­fi­tie­ren. Der Jurist Andre­as Wehr nennt die EU ein Kon­strukt, »das zur Bewah­rung und Ent­wick­lung der die kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­ord­nun­gen sichern­den Prin­zi­pi­en des frei­en Ver­kehrs von Waren, Per­so­nen, Dienst­leis­tun­gen und Kapi­tal ein­ge­rich­tet wurde«.

Anders gesagt: Die EU ist ein Eli­ten­pro­jekt kapi­ta­lis­ti­scher Prä­gung und Euro­pa der Schau­platz ihrer öko­no­mi­schen Ver­su­che. Daß sich an die­sem Inte­gra­ti­ons­kon­zept auch die Rie­ge der mul­ti­kul­tu­rell-links­li­be­ra­len Krei­se betei­li­gen, ver­schärft die anti­eu­ro­päi­sche Note der Euro­päi­schen Uni­on. Aber auch hier: ein rech­tes Dilem­ma. Denn der zitier­te Sey­mour ist Leni­nist, Wehr ist Mar­xist. Sub­stan­ti­el­le EU-Kri­tik ist also einst­wei­len die Domä­ne weni­ger Akteu­re am äuße­ren lin­ken Rand, wäh­rend von kon­ser­va­ti­ver Sei­te aus – über­spitzt gesagt – allen­falls über die Glüh­bir­nen­ver­ord­nung aus Brüs­sel doziert wird. Die EU als kapi­ta­lis­ti­sches Pro­jekt zu begrei­fen, heißt im übri­gen nicht, ihr das Prin­zip der Markt­wirt­schaft vor­zu­wer­fen. Im Gegen­teil: Der mono­po­li­sie­ren­de Kapi­ta­lis­mus ten­diert sogar dazu, Märk­te aus­zu­he­beln. Er hat nichts gemein mit selb­stän­di­gem Unter­neh­mer­tum des Mit­tel­stan­des, der von zwei Sei­ten unter Druck steht: Kapi­ta­lis­ti­sche Groß­kon­zer­ne und eine dem Finanz- und Indus­trie­ka­pi­tal höri­ge, auf­ge­bläh­te Büro­kra­tie à la bru­xel­loi­se schnü­ren ihm die Keh­le zu.

3.) Ein neu­es Euro­pa muß von vorn begin­nen. Die Refor­ma­ti­on der EU ist nicht möglich.

Ein­zel­ne Ein­grif­fe »Brüs­sels« in den All­tag sind nicht das Kern­pro­blem. Das wird viel­mehr von der kapi­ta­lis­ti­schen EU in ihrer Gesamt­heit ver­kör­pert. Für eine Neu­fun­die­rung des gesamt­eu­ro­päi­schen Erbes  jen­seits rein mate­ria­lis­ti­scher Denk­wei­sen soll­te alles Bestehen­de im euro­päi­schen Rah­men hin­ter­fragt wer­den – auch die Wirt­schafts­struk­tur. Rühr­te man die­se nicht an, so müß­te man am Ende eine Welt akzep­tie­ren, in der die von Sla­voj Žižek wie­der­holt auf­ge­zeig­te, ein­zi­ge rea­le Wahl­mög­lich­keit jene zwi­schen unter­schied­li­chen Gesell­schafts­or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men des Kapi­ta­lis­mus ist. Also blie­be etwa die Wahl zwi­schen der west­lich-mul­ti­kul­tu­rel­len kapi­ta­lis­ti­schen Zivi­li­sa­ti­on nach EU-Abbild und auto­ri­tär-kapi­ta­lis­ti­schen Alter­na­ti­ven, ver­gleich­bar den asia- tischen (chi­ne­si­schen) oder sun­ni­tisch-waha­bi­ti­schen (sau­di-ara­bi­schen) Vari­an­ten. Die Akzep­tanz die­ser ver­eng­ten Wahl ist kenn­zeich­nend für die tech­no­kra­tisch-refor­mis­ti­sche Rech­te, wie sie etwa von Bernd Lucke ver­kör­pert wird.

Poli­ti­sche Akteu­re, die jen­seits der kapi­ta­lis­ti­schen Logik den­ken, soll­ten die­ser Kapi­tu­la­ti­ons­er­klä­rung des Geis­tes aus­wei­chen.  Sie  soll­ten ein­tau­chen in die drei­tau­send­jäh­ri­ge Geis­tes­ge­schich­te unse­res Kon­ti­nents, um aus dem »unver­brauch­ten Reich­tum an Intel­li­genz, Ener­gie und Schöp­fer­tum, den wir ›Euro­pa‹ nen­nen dür­fen« (Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner), Kraft zu schöpfen.

4.) »Euro­pa« war und bleibt eine rech­te Idee.

Oft wird ver­ges­sen, daß »der euro­päi­sche Gedan­ke ursprüng­lich eine rech­te Idee war«. Der His­to­ri­ker Tony Judt führ­te das Eini­gungs­stre­ben rech­ter euro­päi­scher Intel­lek­tu­el­ler auf die 1930er Jah­re zurück, als eine dop­pel­te Bedro­hung durch »Ame­ri­ka­nis­mus« und »Bol­sche­wis­mus« bestand und man einen eige­nen, einen euro­päi­schen Weg such­te. Aber der euro­päi­sche Gedan­ke als »ursprüng­lich rech­te Idee« umfaßt mehr als die Pra­xis der Feind­be­stim­mung. Dafür müs­sen bestehen­de (aber der­zeit ver­deck­te) rech­te Kon­ti­nui­täts­li­ni­en auf­ge­grif­fen wer­den. Die größ­te die­ser poli­ti­schen Lini­en ist die Nen­nung einer drei­fa­chen Zuge­hö­rig­keit eines Euro­pä­ers: zur Hei­mat­re­gi­on, zur Nati­on, zu Euro­pa als über­ge­ord­ne- tem Prin­zip. Alain de Benoist beton­te jüngst, eine Idee Pierre Dri­eu la Rochel­les aktua­li­sie­rend, daß sich in Euro­pa »Natio­nen und Regio­nen nicht feind­lich, son­dern kom­ple­men­tär zuein­an­der ver­hal­ten«. Ent­schei­dend sei, daß kei­ner der drei Pfei­ler abso­lut gesetzt wer­de. Und bei der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung in Frank­reich zählt die »trip­le appar­ten­an­ce« zu den Grund­pfei­lern ihrer Weltanschauung.

Die Kon­ti­nui­täts­li­ni­en eines rech­ten Euro­pa­bil­des müs­sen mit zeit­ge­mä­ßem Anti­ka­pi­ta­lis­mus und Anti­im­pe­ria­lis­mus ver­knüpft werden.

5.) Die Idee der drei­fa­chen Zuge­hö­rig­keit ist also die Basis rechts- oder jun­g­eu­ro­päi­schen Den­kens. Sie sieht sich auf all die­sen drei Fel­dern kon­fron­tiert mit der gegen­wär­ti­gen Euro­päi­schen Uni­on, deren feh­len­de geis­ti­ge »Erdung« durch euro­päi­sche Iden­ti­tä­ten mit ihrem rein kapi­ta­lis­tisch und impe­ria­lis­tisch aus­ge­rich­te­ten – und daher ver­gäng­li­chen – Nütz­lich­keits­den­ken korreliert.

Kapi­ta­lis­tisch ist die EU, weil sie in ihrer Gesamt­heit ein Pro­jekt der Finanzmarkt‑, Kon­zern- und Frei­han­dels­lob­by dar­stellt, das nicht das Wohl der euro­päi­schen Völ­ker als Pri­märz­iel auf­weist. Impe­ria­lis­tisch ist die EU, weil sie außen­po­li­tisch als Akteur an der Sei­te der USA wirkt und Gewalt­po­li­tik zur Erwei­te­rung der Hege­mo­nie kapi­ta­lis­ti­scher Groß­mäch­te betreibt. Bei­de Punk­te sind nicht von­ein­an­der zu tren­nen. Soll ein rech­tes Euro­pa­bild auf der Höhe der Zeit auf den Pfei­lern »Regi­on, Nati­on, Euro­pa« beru­hen, muß es daher anti­ka­pi­ta­lis­tisch und anti­im­pe­ria­lis­tisch aus­ge­rich­tet sein. Die Not­wen­dig­keit eines euro­päi­schen Anti­im­pe­ria­lis­mus schließt dabei die Not­wen­dig­keit eines euro­päi­schen Anti­ka­pi­ta­lis­mus ein et vice versa.

6.) Die Erwei­te­rung eines rech­ten Euro­pa­bil­des um zeit­ge­mä­ße welt­an­schau­li­che Stand­punk­te ist die Ant­wort auf die Kri­se der Solidarität.

Ob explo­die­ren­de Jugend­ar­beits­lo­sig­keit, Aus­teri­täts­zwän­ge, Ban­ken- und Kon­zern­plei­ten, wach­sen­de mone­tä­re Kluft zwi­schen den Gesell­schafts­schich­ten, Flücht­lings­strö­me: All die­se aku­ten Kri­sen­er­schei­nun­gen betref­fen das The­ma »Soli­da­ri­tät«. Es wird auch heu­te noch als urei­ge­nes Metier der poli­ti­schen Lin­ken wahr­ge­nom­men. Hier soll­te nun zwei­er­lei geleis­tet wer­den: Zum einen gilt es, dar­auf hin­zu­wei­sen, daß  die Lin­ke die Kri­se der Soli­da­ri­tät selbst beschleu­nigt hat, indem sie ihre Stamm­kli­en­tel – die ein­kom­mens­schwa­chen Schich­ten – den all­täg­li­chen Ver­wer­fun­gen der Mas­sen­zu­wan­de­rung aus­ge­setzt hat und eine indus­tri­el­le Reser­ve­ar­mee in die Län­der holt, die zwangs­läu­fig mit ihnen um Arbeit und Wohn­raum kon­kur­rie­ren wird.

Zum ande­ren gilt es, die Kri­se der Soli­da­ri­tät und die Abkehr der neo­li­be­ra­li­sier­ten Lin­ken von den »popu­lä­ren Klas­sen« als Anlaß zu neh­men, die sozia­le Pro­fil­schär­fung der Rech­ten wie­der aufs Tapet zu bringen.

7.) Sozia­le Soli­da­ri­tät ist ein Grund­stein für ein neu­es Europa.

Sozia­le Soli­da­ri­tät erfor­dert zual­ler­erst die Erkennt­nis,  daß der Haupt­wi­der­spruch inner­halb der EU nicht zwi­schen den euro­päi­schen Völ­kern ver­läuft, son­dern zwi­schen den Bedürf­nis­sen der Völ­ker einer­seits und dem Bedürf­nis des trans­na­tio­na­len Kapi­tals ande­rer­seits. Der in der EU aus­ge­foch­te­ne Klas­sen­kampf von oben wird von den herr­schen­den Eli­ten gegen die eige­nen Völ­ker geführt. Das zu erken­nen, heißt auch, sich von den roman­ti­schen Vor­stel­lun­gen eines »patrio­tisch« rück­ge­bun­de­nen Kapi­ta­lis­mus (nicht: Markt­wirt­schaft) zu ver­ab­schie­den: Die Trans­na­tio­na­li­sie­rung des Kapi­tals ist so fort­ge­schrit­ten, daß es kei­ne genui­nen natio­na­len Kapi­ta­lis­ten­klas­sen mehr gibt, die man als »die eige­nen« affir­mie­ren könnte.

Inso­fern geht bei­spiels­wei­se auch jede Scha­den­freu­de ob der Spar­maß­nah­men gegen Grie­chen­land nach den jüngs­ten Kri­sen­ent­wick­lun­gen fehl. Was die Troi­ka in Grie­chen­land durch­führt, könn­te sie schon bald woan­ders wei­ter­trei­ben. Grie­chen­land ist die Blau­pau­se für das Modell »ent­po­li­ti­sier­te Tech­no­kra­tie«. Trans­na­tio­nal agie­ren­de Ban­ker und ande­re Finanz­ak­teu­re kön­nen als »Exper­ten« schal­ten und wal­ten, wäh­rend popu­lis­ti­sche Res­sen­ti­ments (»Plei­te­grie­chen« et al.) die Völ­ker gegen­ein­an­der aufwiegeln.

Sozia­le Soli­da­ri­tät heißt daher auch, sich von der Iden­ti­fi­ka­ti­on mit »unse­rer« herr­schen­den Klas­se zu ver­ab­schie­den, nur weil sie »uns« nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung zur Expor­t­eu­ro­pa­meis­ter­schaft ver­hilft. Sozia­le Soli­da­ri­tät beinhal­tet, zu erken­nen, daß – um beim Bei­spiel zu blei­ben – nicht »die Grie­chen« geret­tet wur­den, son­dern daß sich der Finanz­markt­ka­pi­ta­lis­mus auf Kos­ten Deutsch­lands und der ande­ren Län­der ein wei­te­res Mal Zeit ver­schafft hat. Sozia­le Soli­da­ri­tät ver­langt in der Fol­ge gesamt­eu­ro­päi­sche Feind­be­stim­mung gegen das von Alexis Tsi­pras benann­te Drei­eck aus Kor­rup­ti­on, das sich aus dem bank­rot­ten poli­ti­schen EU-Sys­tem, den bank­rot­ten Ban­ken und den mora­lisch bank­rot­ten Medi­en zusammensetzt

8.) Natio­na­le Soli­da­ri­tät führt zu euro­päi­schem Bewußtsein.

Neben die­ser Form euro­pä­isch-sozia­ler Soli­da­ri­tät ist auch natio­na­le Soli­da­ri­tät in euro­päi­schem Aus­maß not­wen­dig. Wenn etwa Ungarn die Gren­zen schließt, han­delt es sich hier­bei um ein Bei­spiel für eine Nati­on, die aus natio­na­lem Inter­es­se euro­päi­sche Inter­es­sen ver­tritt. Bleibt man bei die­sem Aspekt der Mas­sen­zu­wan­de­rung, so gilt es, sich bewußt­zu­wer­den, daß natio­na­le Soli­da­ri­tät auf euro­päi­scher Ebe­ne über­haupt die Grund­vor­aus­set­zung ist, um der Migra­ti­ons­kri­se zumin­dest quan­ti­ta­tiv Herr zu wer­den. Der Ansturm auf Euro­pa, der im engs­ten Sin­ne und ange­sichts der beleg­ten Zah­len ein Ansturm auf Deutsch­land ist, aber zuerst die euro­päi­schen Grenz­län­der betrifft, muß gesamt­eu­ro­pä­isch gelöst wer­den. Natio­na­le Soli­da­ri­tät heißt daher, kein Land im Stich zu las­sen und dezi­diert poli­ti­sche, euro­päi­sche Lösun­gen zu fin­den, um den gemein­sam bewohn­ten Kon­ti­nent und das gemein­sa­me geis­ti­ge und his­to­ri­sche Erbe zu bewah­ren. Das ist einer von vie­len not­wen­di­gen Schrit­ten, die hel­fen soll­ten, ein Bewußt­sein euro­päi­scher Zusam­men­ge­hö­rig­keit zu stiften.

9.) Neu­es Euro­pa heißt: mehr als nur dage­gen sein.

Sowohl die sozia­le als auch die natio­na­le Soli­da­ri­tät unter Euro­pä­ern, wie sie hier kur­so­risch ange­ris­sen wur­den, sind zunächst ver­nei­nen­der Natur, d. h. anti­im­pe­ria­lis­tisch, anti­ka­pi­ta­lis­tisch, gegen den Gro­ßen Aus­tausch, gegen die spal­te­ri­sche natio­nal­chau­vi­nis­ti­sche Enge usw. usf. Die­se nega­ti­ve Her­an­ge­hens­wei­se ist aber kein Zei­chen von Schwä­che, son­dern poli­ti­sche Nor­ma­li­tät. Um den posi­ti­ven Stand­punkt zu umrei­ßen, muß vor­her geklärt wer­den, was bezüg­lich der gegen­wär­ti­gen Ver­faßt­heit Euro­pas wesent­lich falsch und fol­ge­rich­tig abzu­leh­nen ist.

Was man – nach Klä­rung der Feind­be­stim­mun­gen – braucht, ist eine posi­ti­ve Visi­on eines eini­gen Euro­pas, und das heißt: die Visi­on eines drei­tau­send- jäh­ri­gen Kul­tur­krei­ses, der von einem unvor­stell­ba­ren Reich­tum an kul­tu­rel­len, natio­na­len und reli­giö­sen Wer­ten, an Regio­nen, Kul­tu­ren und Völ­kern geprägt ist, die sich wech­sel­sei­tig befruch­tet und beein­flußt haben. Die­se tat­säch­li­che Viel­falt, die sich von der pro­pa­gan­dis­ti­schen Diver­si­ty offi­ziö­ser EU-Poli­tik erheb­lich unter­schei­det, muß für eine euro­päi­sche Zukunft erhal­ten bleiben.

Euro­päi­sche Ideen zu erschlie­ßen und neu zusam­men­zu­set­zen, hie­ße zu ver­su­chen, von vor­ne zu begin­nen, um für­der­hin von »rechts« mehr bie­ten zu kön­nen, als die EU zu ver­dam­men und die allein selig­ma­chen­de Rück­kehr des Natio­nal­staa­tes zu prei­sen. Daß  es kei­ne pan­eu­ro­päi­schen Patent­re­zep­te gibt, auch nicht von rech­ter Sei­te, ist selbst­er­klä­rend. Doch ange­sichts des per­p­etu­ier­ten Kri­sen­zu­stands der EU und der vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Zei­ten, in denen wir uns befin­den, ist die Zeit reif, Debat­ten über das euro­päi­sche Mor­gen zu füh­ren. Sie wer­den unter Dri­eu la Rochel­les Maxi­me »Revo­lu­tio­nie­ren und Anknüp­fen« ste­hen müs­sen. Gesucht wird: die kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on euro­päi­scher Dimension.

10.) Das euro­päi­sche Feld zu beset­zen, heißt, der Lin­ken den ent­schei­den­den Schritt vor­aus zu sein.

Stößt man kei­ne neu­en, inno­va­ti­ven Debat­ten über die Zukunft Euro­pas an – sei es aus natio­na­ler Gesin­nung her­aus oder weil man sich weigert,

»uto­pisch« zu den­ken –, über­läßt man den Euro­pa­dis­kurs kampf­los der poli­ti­schen Lin­ken. Die Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Ulri­ke Gué­rot ist dabei im lin­ken Lager die ver­sier­tes­te Euro­pa­den­ke­rin. Als sol­che ist sie aber auch der Pro­to­typ einer euro­päi­schen Idea­lis­tin, die Rich­ti­ges ana­ly­siert, aber – auf­grund ihrer feh­len­den Rück­ge­bun­den­heit an Regi­on, Nati­on und Euro­pa als Erfah­rungs­räu­me der Hei­mat – Fal­sches folgert.

»Ihr« Euro­pa kennt kei­ne loka­len, regio­na­len, eth­ni­schen, reli­giö­sen oder kul­tu­rel­len Beson­der­hei­ten, die es als genu­in euro­päi­sches Erbe zu bewah­ren gäl­te. Gué­rot kennt letzt­end­lich nur den auf­ge­klär­ten, mün­di­gen euro­päi­schen Welt­bür­ger, der bin­dungs­los, mit­hin zufäl­lig auf dem Ter­ri­to­ri­um der heu­ti­gen euro­päi­schen Staa­ten lebt. Die­se feh­len­de Rück­ge­bun­den­heit ist die Ursa­che aller wei­te­ren Fehl­schlüs­se. Sie wird die lin­ke Euro­pa­vi­si­on eben­so zum Schei­tern brin­gen wie die damit kor­re­lie­ren­de Preis­ga­be der sozia­len und natio­na­len Soli­da­ri­tät als Anker gesell­schaft­li­chen Han­delns. Heu­te ist also in vie­ler­lei Hin­sicht der rich­ti­ge Zeit­punkt für eine Neu­jus­tie­rung euro­pä­isch-neu­rech­ten Den­kens und die ent­spre­chen­de Beset­zung des euro­päi­schen Geländes.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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