Sezession
1. Dezember 2016

Neues vom Ponyhof

Ellen Kositza

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich sehe was, was Sie nicht sehen! Nämlich: ein anderes Photo der »Rockröhre« (BILD) Jennifer Weist. Es zeigt wie das Bild rechts einen Ausschnitt aus dem aktuellen Video »Hengstin« der Popkapelle Jennifer Rostock, einem vorpommerschen Projekt zur Erschaffung zeitgeisttauglichen Liedguts. Das Bild, auf dessen Zurschaustellung wir hier aus Gründen des Anstands, des Geschmacks und des Jugendschutzes verzichtet haben, zeigt Jennifer W. nicht gerade wie Gott sie erschuf, aber doch unbekleidet. Sie sitzt zurückgelehnt, hat die Beine breit gespreizt und die Arme vor ihren Brüsten (»von A auf C getunet«, BILD) derart verschränkt, daß sich die Hände über ihrer Scham überkreuzen. »Scham«, haha!

Heute, wo »Schamverlust« wieder ein zu affirmierendes Thema ist, sagt frau dazu gern wieder mit Retrogezwinker: »untenrum«. Frl. Stokowski (Spiegel-online-Kolumnistin) hat ihr aktuelles Opus magnum so benannt (Untenrum frei); Charlotte Roche war mit Feuchtgebiete und Schoßgebete ebenso ein, hm, literarischer Vorläufer wie Frl. Laurie Penny (junge Nr. 1-Popfeministin, Buch: Fleischmarkt), Mithu M. Sanyal (Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts) oder das ältere Frl. Emcke, Friedenspreisinhaberin (Buch: Wie wir begehren). Bei all diesen Frauen mit ihrem Untenrumgeraune haben wir es mit sogenannten Role models zu tun, sprich: mit solchen, die als paradigmatisches Rollenvorbild für die heute mitteljunge, »zornige« Frauengeneration taugen.

Zurück zu Frl. Weists hier zu imaginieren- dem Photo: Wir sehen den fast vollständig tätowierten Körper der »Frontfrau« (die dieser Tage dreißig wird). Einen Oberschenkel ziert der breite Saum eines halterlosen Strumpfes. Auf den rechten Oberschenkel sowie auf die linke Wade sind mit heißer Nadel ausführliche Texte gestochen. Welche, können wir weder lesen noch wissen, das gehört – wie sämtliche anderen tätowierten Aus- sagen – für Frl. Weist zur Privatsphäre. (»Mein Körper ist mein Tagebuch.«) Es wird so etwas wie Wolfram von Eschenbach (rechts) und Walter Scott (links) sein – man sollte sich hüten, die Leute zu unterschätzen! Auch Frl. Weists Hals ist grell tätowiert. Bei der Einspielung ihres (klar: ironisch-abschreckenden) »Songs« »Dann wähl die AfD« trat klar hervor, daß das Frollein »so ’nen Hals!« hat. Knallrot! Die Stimme der Wut!

Weist und ihre Kapelle sind Teil jenes künst- lich gezüchteten Protestmilieus, das so tut, als schwimme es wütend gegen den Strom, wobei das ganze Arrangement tatsächlich darauf ab- zielt, die Kraft des Hauptstroms zu maximieren. Bilder, Satzfetzen und ein treibender Rhythmus dienen dabei als Botschaftsverstärker. Vor der Textanalyse wollen wir uns das nebenstehende Photo anschauen.

Bitte: Nicht fixieren, zunächst grob drüber- schauen! Eine traurige Frau (hängt da nicht ein kleiner Rotztropfen aus der Nase?) mit sorgsam gezupften Augenbrauen  schaut  melancholisch in die Ferne. Sie hat es nicht leicht! Zumindest, was ihr Ohrgehänge betrifft. So große, fragile Reifen an so kleinen Läppchen! Wie verletzlich! Eine unerwartete Bewegung, und das Häutchen würde einreißen! Außerdem hat ihr jemand Marshmallows in die Haare geklebt. Eine Situation, die wahrlich nicht zum Lachen ist! Schauen wir genauer hin, sehen wir, daß der großdimensionierte Ohrschmuck  die  filigrane Inschrift »Hengstin« beinhaltet. Ein genderirritierender Begriff, vergleichbar mit »Hebammer«.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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