Sezession
1. Dezember 2016

Heimito von Doderer-Zauberhafte Beobachtung

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Heimito von Doderer, geboren am 5. September 1896 in Weidlingau bei Wien, Österreichs berühmtester Schriftsteller trotz »Nazivergangenheit«, war ein veritabler europäischer Moralist, einer von der beobachtenden Sorte. Er starb am 23. Dezember 1966, sein Todestag jährt sich heuer zum 50. Mal. Erst im fortgeschrittenen Alter wurde er, der zuerst erfolglos Kurzprosa schrieb, mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte studierte und in Wiener Secessionskreisen verkehrte, dem deutschsprachigen Lesepublikum als der österreichische Gegenwartsautor bekannt.

In den 50er Jahren unterhielt Doderer mit Carl Schmitt und Armin Mohler Briefwechsel und war überzeugt, daß Ernst Jünger neben seinem Freund Albert Paris Gütersloh »der größte deutsche Schriftsteller überhaupt sei«. In dieser Linie läßt er sich lesen, und diese wiederum von der Moralistik her, die man seit dem 16./ 17. Jahrhunderts mit Namen wie Macchiavelli, Gracián, Montaigne, La Rochefoucauld, Rivarol verbindet. Sie ist etwas, das sehr wenig mit Moral, dagegen sehr viel mit den ›Mores‹ zu tun hat, das heißt mit den Lebens- und Seinsweisen des Menschen in ihrer »reinen, auch ›unmoralischen‹ Tatsächlichkeit« (Hugo Friedrich).

Doderer hat Zeit seines schriftstellerischen Tuns parallel Aphorismen produziert, teilweise aus seinen Romanen herauskopiert, teilweise eigens für sein alphabetisch angeordnetes Repertorium. Ein Begreifbuch von höheren und niederen Lebens-Sachen von 1941 bis 1966 verfaßt. Manche seiner Figuren sprechen geradezu in Aphorismen, er zitiert auch mitunter seine Alter-ego-Protagonisten Sektionsrat Geyrenhoff, Leonhard Kakabsa, René Stangeler und Kajetan Schlaggenberg aus den Dämonen (1956), als wären sie Kollegen. Heimito (der singuläre Vorname ist eine Erfindung seiner offenbar auch mit der Kunst des Fabulierens begabten Mut- ter Wilhelmine, der der spanische Name »Jaime«, Koseform »Jaimito«, so gefiel, daß sie ihn eindeutschte, dem Jungen blieb der Spitzname »Heimchen«), Heimito von Doderer also (das adlige »von« war in Österreich seit Republiksgründung 1919 abgeschafft, als Künstlername jedoch zulässig, und wer wollte sich damit lieber zieren als so jemand wie Doderer, dem das Zeitaktuelle immer zuwider war?), lebte fast ausschließlich in Wien.

Er existierte in ärmlichen Verhältnissen, sein Adel nur mehr Papier- form, seine verschiedenen »Ateliers« waren spartanisch und nie von einer Frau (er war zweimal immerhin verheiratet) mitbewohnt oder mit ordnen- der Hand geschlichtet. 1916 geriet Doderer in russische Kriegsgefangenschaft und kehrte erst 1920 zurück, weil der Zug der Freigelassenen an der ukrainischen Grenze kehrtmachen mußte und zurück in andere Lager noch weiter nördlich geleitet wurde.

Doderer blieb immer klaglos, Kriegsgefangenschaft war für ihn kein Grund, sich den schnöden Zeitläuften außer durch innere Distanzierung zu widersetzen: »Mich soll alles Derartige nicht hindern, das Provisorium, in welchem wir leben, als ein Seiendes  zu apperzipieren« (Tangenten, S. 333) – schrieb er 1945 in gleichermaßen mißlicher Lage. Die Jahre 1940 bis 1945 waren für das Werk Doderers ein entscheidender Abschnitt. Während er, im Alter von über 40 Jahren un- freiwillig ein zweites Mal zur Wehrmacht beordert, »im Bauch des Leviathans« durch halb Europa geschleift wurde und schließlich in Norwegen in nun britische Kriegsgefangenschaft geriet, dokumentierte er keinesfalls das Tagesgeschehen oder politische Einlassungen, sondern notierte Aphorismen, (oft autodidaktische) Reflexionen über philosophische Gedankengebäude, Charakterisierungen seiner Romanfiguren, entwarf seine Bücher buchstäblich an Reißbrettern und extrahierte daraus anthropologische Maximen.

Und er schrieb von 1931 bis 1940 unter dem für ihn erotisch-geheimen Arbeitstitel »Dicke Damen« seinen besten Roman, eine wahre »Konstruktionsmonstrosität« (Mosebach). Erst Jahre nach dem Krieg ist dieser Text als Die Dämonen (Titel und Inhalt spielen mit Dostojewskis Dämonen und »DD« – »Dicke Damen«) erschienen. In der Erstfassung nannte er ihn »Die Dämonen der Ostmark«, ausprobierend, ob man dem für Doderer lebenslang untergründig wirksamen Gegensatz von Juden und Ariern Romanform geben könnte. Eine Revision des Textes 1939 /40 führte aber schon damals zum Verwerfen dieses psychohistorischen Programms.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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