Macht: Gefühle

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Also, irgend­wo ist das total span­nend. – Auf irgend­ei­ne Wei­se hab ich das Gefühl, daß … – Ich weiß nicht. Für mein Emp­fin­den… – Ja, hört sich okay an, ich spü­re irgend­wie, daß du das Rich­ti­ge meinst. – Hm. Ich muß mal in mich gehen, da ist so ein gewis­ser emo­tio­na­ler Zwie­spalt … Seit wann ist die­se Art Emo­spra­che eigent­lich en vogue? Schon län­ger, oder? Das gefühls­zen­trier­te Reden und Wer­ten scheint ein Relikt der klas­si­schen 68er zu sein. In den acht­zi­ger Jah­ren (in mei­ner Kind­heit also) hat­te es sich in gewis­sen Krei­sen mei­nes Umfelds durch­ge­setzt: Gemein­de, Offe­ner Kanal, diver­se Bür­ger­initia­ti­ven. Von Gefüh­len zu reden im nicht-inti­men Umfeld: Das war ein Jar­gon, der damals ein­grenz­bar war auf Milieus.

Etwa um die Jahr­tau­send­wen­de her­um  erwuchs  dann  ein  Gen­re der Pop­kul­tur, das unter der Kate­go­rie »Emo« geführt wur­de, weil die ent­spre­chen­den Musik­ka­pel­len (Punk und Hard­core, also eine »kras­se«, har­te Spiel­art bevor­zu­gend) sich dezi­diert gefühls­be­ton­ter Tex­tua­li­tät wid­me­ten. »Emo« galt als links, wur­de gehört von Jung­män­nern mit Kaja­l­au­gen und Mäd­chen mit klei­ne­ren psy­chi­schen Problemen.

Heu­te ist Emo-Sprech Main­stream. Wo das Zeit­al­ter des Indi­vi­du­ums sei­nen Zenit über­schrit­ten hat, muß man mit Dis­tink­ti­ons­merk­ma­len prun­ken, die ent­we­der außen­ge­rich­tet (Kin­der­na­men­tat­toos etc.) sein kön­nen oder sich auf eine Art inners­te Inner­lich­keit bezie­hen. Im Emo­duk­tus gefragt: Was macht das mit uns? Wie fühlt es sich an?

Aus der ganz per­sön­li­chen Gefühls­kis­te: An einem Tag im spä­ten Som­mer häuf­te es sich. Wir waren gera­de aus unse­rem Kurz­ur­laub zurück­ge­kehrt. Zu unse­ren Rei­se­ge­pflo­gen­hei­ten gehört, daß wir uns – der Bei­fah­rer dem Fah­rer – vor­le­sen, näm­lich ein schö­nes Stück Lite­ra­tur. Ich hat­te Guter Mann im Mit­tel­feld aus­ge­sucht, das Roman­de­büt des rumä­ni­schen Neu­schwei­zers And­rei Mihai­les­cu. Das Buch gefiel uns zunächst sehr: Ein arti­ger, nur »zwi­schen den Zei­len« kri­ti­scher Jour­na­list gerät im Rumä­ni­en des Jah­res 1980 ins Visier der Secu­ri­ta­te. Er wird ver­ra­ten, gede­mü­tigt, gefol­tert. Neben­bei, so kann es kom­men, bahnt sich eine Lie­bes­ge­schich­te an. Der Jour­na­list ver­guckt sich in die Gat­tin eines Spit­zen­ka­ders und vice ver­sa. Auf unse­rer Fahrt durch Böh­men absol­vier­ten wir vor­le­send zwei Drit­tel des Buches. Am ers­ten Abend zu Hau­se ver­ab­schie­de­te sich Kubit­schek zei­tig zur Nacht. Er woll­te den Mihai­les­cu solo beenden.

Es ergab sich am Fol­ge­mor­gen, daß ich früh erwach­te und eben­falls den Guten Mann aus­las. Früh­dia­log um halb sie­ben: »Na, gut geschla­fen?« – »Fühlt sich müde an. Und selbst?« – »Fühlt sich aus­ge­schla­fen an.« Haha, ver­setz­te Par­al­lel­lek­tü­re! Daß ein Roman zum Ende hin kippt, ist ein häu­fig beob­ach­te­tes Phä­no­men. Der Bewer­tungs­ab­fall mani­fes­tier­te sich hier an die­ser auf den letz­ten hun­dert Sei­ten infla­tio­när gebrauch­ten Emo-For­mel »es fühl­te sich an«: »Zwei wei­te­re Wochen lang wehr­te Ral­u­ca ab, bis es sich nicht mehr rich­tig anfühl­te«, usw. usf. Ein Gefühl schrei­bend hap­tisch wer­den zu las­sen, das ist Kunst. Ein Gefühl gefüh­lig zu benen­nen: wie mau. Und auch, man ver­zei­he mir die­se geschlechts­po­li­tisch unso­li­da­ri­sche Hal­tung: wie wei­bisch! Wir alle füh­len. Män­ner sub­li­mie­ren. Frau­en ver­ba­li­sie­ren. Der ver­ba­li­sie­ren­de Mann: ein Schwät­zer, kein Täter. Man kann das mögen. »Aus­dis­ku­tie­ren« ist natür­lich char­man­ter als »Fak­ten schaf­fen«. Man muß es wohl mögen.

Am Nach­mit­tag, gera­de zu Hau­se ange­kom­men: Halb­jah­res­an­ruf eines Bekann­ten. Small talk. Ja, auch unse­re Jüngs­te ist nun Schul­kind! Er:

»Wie fühlt sich das für dich an?« Ich stut­ze. Der Mann ist seit acht­zehn Jah­ren beim Heer, Kampf­ein­sät­ze inklu­si­ve. Und nun Couch­ge­sprä­che? Habe ich über­haupt »Gefüh­le« bezüg­lich des Schul­ein­tritts der Klei­nen? Eigent­lich kaum. Ver­drän­ge ich sie womög­lich? Soll­te ich »in mich hor­chen«? Letzt­lich ent­schei­de ich mich, davon aus­zu­ge­hen, daß der Wort­laut der Fra­ge einer modi­schen Kon­ven­ti­on folg­te. Flos­keln sind Zeit­geist und nicht Aus­druck des Allerinnersten.

Wei­ter. Abend­li­che Fami­li­en­fahrt an den Bade­see. Im Auto­ra­dio: der Schla­ger »Bauch und Kopf«. Das Lied des Pop­sän­gers Mark Fors­ter hielt sich 2015 / 16 gan­ze 24 Wochen in den Charts. Mei­ne Kin­der sin­gen iro­nisch mit: »Ich hab immer was vor, bin immer ver­plant, doch wird’s mal still um mich, dann komm’n die Geis­ter hoch und ich hin­ter­frag mich jedes­mal. So wie du glaubst, so wie du lebst, und das ist ok, solang’s für dich paßt, halt dar­an fest, für mich gilt das nicht. Bauch sagt zu Kopf ja, doch Kopf sagt zu Bauch nein, und zwi­schen den bei­den steh ich.«

Wie­der: Ein Mann per­formt Psy­cho­spra­che, kehrt sein all­zu­mensch­lich Inne­res nach Außen. Über Lie­be, Ver­liebt­sein und Kum­mer hat man schon immer gesun­gen. Neu ist die­ser banal-reflek­tie­ren­de Duk­tus, gera­de im Pop. »Sich hin­ter­fra­gen«, »ok, wenn’s für dich paßt«: So spra­chen frü­her zot­te­li­ge Lie­ge­rad­fah­rer und Män­ner­grup­pen­teil­neh­mer. Für cool galt das bis­lang nie. Ich jeden­falls füh­le mich gefühls­mä­ßig bedrängt, ein Gän­se­haut­ge­fühl der schlech­ten Art. Mit den vor ein paar Jah­ren modisch gewor­de­nen sanf­ten »lie­ben Grü­ßen« am Ende einer Mail kom­me ich mitt­ler­wei­le zurecht. Die Fra­ge oder Aus­kunft über das »sich anfüh­len« ist für mich jedoch ein Zu-nahe-Tre­ten. Ja, das ist es! Sie erin­nert mich an jene Typen, die die abend­län­disch übli­chen Distanz­zo­nen in der Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht ein­hal­ten und einem redend auf die Pel­le rücken. Man will höf­lich sein, rückt instink­tiv aber ab.

Am Ende jenes Tages dann ereilt mich eine Rund­mail der als super­hart gel­ten­den Rock­trup­pe Frei.Wild. Sie wol­len auf­hö­ren. Abschieds­wort­laut: »Wir such­ten kei­nen Bogen um non-kon­for­me The­men, stell­ten uns auch ohne Bock dar­auf den immer wie­der­keh­ren­den Fra­gen und möch­ten auch in Zukunft die­se eine Band sein, die ihren Weg ein­zig und allein nach ihrem Wil­len und eige­nem Gefühl geht. […] Man kann uns has­sen, man kann uns lie­ben, das wis­sen wir, von dem her ent­schei­det selbst, wir kom­men mit bei­dem zurecht. Alles ande­re wür­de sich in unse­rem Fall ein­fach nicht echt anfüh­len.« Soviel Gefühl, soviel »Anfüh­lung« an einem ein­zi­gen Tag! Und, man beach­te, stets aus Männerwarte!

Die Anfüh­ler sind unter uns. Das wie­der­um – fühlt sich selt­sam an. Mehr­fach und im Dop­pel­sin­ne komisch ist ja dies: Daß man­che pri­va­te Beklem­mungs­ge­füh­le (Ängs­te, Schwer­mut, Eifer­sucht, aber auch mut­maß­li­che Dis­kri­mi­nie­run­gen auf­grund von Eth­nie, Reli­gi­on, Alter, Ge- schlecht) als schwer­wie­gen­de und öffent­lich zu ver­han­deln­de Beein­träch­ti­gun­gen wahr­ge­nom­men wer­den, wohin­ge­gen ande­re soge­nann­te Bauch­ge­füh­le (fremd zu wer­den im eige­nen Land, die Gegen­wart als unsi­che­re Zeit wahr­zu­neh­men, medi­al infil­triert zu wer­den) als Pho­bien und Irra­tio­na­li­tä­ten patho­lo­gi­siert wer­den oder als poli­ti­sche Ver­ir­rung gel­ten. Die Gefühls­päd­ago­gik greift heu­te früh. Wir Plus-Drei­ßi­ger sind mit dem Gebot auf­ge­wach­sen, daß der olle Sinn­spruch »Jungs wei­nen nicht« von vor­ges­tern sei (The Cure als Pio­nie­re aller Emo­ka­pel­len, 1979: »Boys don’t cry«), ein über­hol­tes Gebot auto­ri­tä­rer Jahr­hun­der­te. Das heu­ti­ge lau­tet hin­ge­gen: Zeigt Gefüh­le! Weint, trotzt, hadert, alles ist okay! Laßt es zu! Nimm wahr! Geh in dich! Spü­re dei­nem Impuls nach! Dem rich­ti­gen und oppor­tu­nen, ver­steht sich. Nicht umsonst heißt der Impe­ra­tiv, auch wenn es um Emo­ver­ben geht, auf deutsch: Befehls­form. Wir sol­len füh­len, aber bit­te das Richtige.

Ein Mega­er­folg war 2015 der US-ame­ri­ka­ni­sche Pixar-Kino­film Alles steht Kopf. Er wur­de in Deutsch­land mit dem Prä­di­kat »beson­ders wert­voll« ver­se­hen. Hier tre­ten die Basis­emo­tio­nen der erst kind­li­chen, dann puber­tie­ren­den Haupt­per­son Riley per­so­ni­fi­ziert auf: Freu­de, Kum­mer, Angst, Wut und Ekel. Dahin geht der Trend: Dem eige­nen, oft komp­le- xen See­len­le­ben nicht als Ganz­heit zu begeg­nen, son­dern ein­zel­ne Emo­tio­nen zu iden­ti­fi­zie­ren, zu benen­nen und zu seg­men­tie­ren. In Deutsch­land fin­den Bücher wie Wei­nen, lachen, wütend sein. Dafür bin ich nicht zu klein!, die Bild­kar­ten: Gefüh­le oder die KiTa-Pro­jekt­map­pe Mei­ne Ge- füh­le – Dei­ne Gefüh­le regen Zuspruch. In der Grund­schu­le zählt die sof­te Sequenz »Was mir gut­tut« zu den Lern­zie­len, und an die Stel­le der har­ten Noten sind Lach­ge­sich­ter getre­ten. Was wäre eigent­lich mit dem Kind, das »nichts Beson­de­res« fühlt, weil alles irgend­wie »nor­mal« ist, ein­fach, weil sämt­li­che Emo­tio­nen bes­tens inte­griert sind ins kind­li­che Sein? Ist es gefühlstaub? Wird es auf­grund sei­ner infan­ti­len Unfä­hig­keit, eige­ne Gefüh­le zu par­zel­lie­ren und zu klas­si­fi­zie­ren, zum Frau­en­schlä­ger oder zur Bor­der­li­ne­rin? Oder: Ist es viel­leicht gera­de umgekehrt?

In den letz­ten Jahr­zehn­ten ist die Zahl der Arbeits­un­fä­hig­keits­ta­ge auf­grund psy­chi­scher Erkran­kun­gen deut­lich ange­stie­gen: in den letz­ten elf Jah­ren um mehr als 97 Pro­zent. Im Jahr 2012 wur­den bun­des­weit 60 Mil­lio­nen Arbeits­un­fä­hig­keits­ta­ge wegen psy­chi­scher Erkran­kun­gen regis­triert. Seit ein paar Jah­ren sind Rede­wen­dun­gen, die mit dem Attribut

»gefühl­te …« ope­rie­ren, modisch gewor­den. Das schlägt sich nicht nur im offi­ziö­sen Wet­ter­be­richt (»fünf Grad, gefühlt: zwei Grad«) nie­der, son- dern auch in flap­si­gen Feuil­le­ton­re­de­wen­dun­gen: »Gefühl­te hun­dert Anruf­ver­su­che spä­ter …« – dabei waren es in Wahr­heit nur elf. Der ner­vö­se Mensch des post­fak­ti­schen Zeit­al­ters legt gern noch eine Schip­pe drauf, wenn es gilt, sei­nen Hader zu verdeutlichen.

Natür­lich kann man leicht fest­stel­len, daß die Mode­wen­dung »sich anfüh­len« ein zur Rede­wen­dung geron­ne­ner Angli­zis­mus ist. »Feels like«,

»a sen­se of« – das ist im anglo­ame­ri­ka­ni­schen Sprach­raum seit lan­gem gang und gäbe. Apro­pos: Sagt man nicht, »talk smart, act hard« sei Teil des angel­sä­chi­schen  Selbst­ver­ständ­nis­ses?  Eine  gewis­se  per­for­ma­ti­ve Lücke zwi­schen Gefühls­spra­che und Hand­lungs­im­pul­sen mag es auch hier­zu­lan­de geben. Man kennt das bei­spiels­wei­se gut von männ­li­chen Femi­nis­ten, die soft reden, aber über­aus tra­di­tio­nel­le Bezie­hun­gen pflegen.

Typen, die gefühls­se­lig Frau­en­quo­ten for­dern, Gen­der gaps bekla­gen und dabei gleich­zei­tig eine weit­ge­hend kin­de­run­be­las­te­te Exis­tenz frö­nen, sind Legi­on! Über den Zusam­men­hang von Spra­che, Erkennt­nis und Hand- lungs­mus­tern haben sich seit Wil­helm von Hum­boldt, Wal­ter Ben­ja­min und den in Ger­ma­nis­ten­krei­sen berüch­tig­ten Sprach­wis­sen­schaft­lern Ben­ja­min Whorf und Edward Sapir Genera­tio­nen von Lin­gu­is­ten abge­ar­bei­tet. Oder den­ken wir nur an Geor­ge Orwells Neu­sprech im dys­to­pi­schen Roman 1984, wo Spra­che und Gefüh­le so regle­men­tiert wer­den, daß ein Auf­stand gegen die herr­schen­de Klas­se schon des­halb undenk­bar ist, weil die Wor­te für ein Dage­gen-Sein feh­len! Wer sagt eigent­lich, daß »Gefüh­le« von »ganz innen« kom­men müs­sen? Was, wenn sie oktroy­iert wären? Als Gefühls-Must? Als Moden, denen man sich schwer­lich ent­zie­hen kann?

Das Gefühl, das mit unse­ren moder­nen Gefühls­prak­ti­ken und ‑äuße­run­gen asso­zi­iert ist, wur­zelt im alten Wort »Gemüt«. Heu­te sagt man »Bauch­ge­fühl«, wohl, um es vom soma­ti­schen Fühlen/ Tas­ten (ein Gegen- stand fühlt sich kalt, warm, weich etc. an) abzu­gren­zen. Pla­ton hat­te in sei­ner See­len­kun­de das Gemüt (Thy­mos) vom Trieb unter­schie­den. Spä­te­re Phi­lo­so­phen – und ab dem 19. Jahr­hun­dert Psy­cho­lo­gen – asso­zi­ier­ten mit »Gefühl« Begrif­fe wie Stim­mung, Emo­ti­on, Affekt, Intui­ti­on oder mora­li­sches Bewußtsein.

Die sich auf­drän­gen­den bei­den Fra­gen sind, ers­tens, inwie­weit das »Füh­len«, »Sich-Füh­len« und »Anfüh­len« heu­te als sub­jek­ti­ve, irra­tio­na­le, urei­ge­ne und damit »ech­te« Vor­gän­ge zu bewer­ten sind. Sind nicht gera­de Gefüh­le lenk- und steu­er­bar? Gibt es »sekun­dä­re«, also von außen nahe­ge­leg­te Gefüh­le, die inner­halb eines Sozia­li­sa­ti­ons­raums und Wer­te­sys­tems kul­ti­viert wer­den? Beruht das »Gefühl« auf unse­rem eige­nen Urteil? Die Stich­wor­te dazu lau­ten Psy­cho­po­li­tik und Gefühls­au­to­bahn. Und zwei­tens: Woher rührt über­haupt die neue Macht des Gefühls?

Eines ist unstrit­tig: Die Pra­xis und das Pos­tu­lat, (bestimm­te) »Gefüh­le zuzu­las­sen«, sind Wohl­stands­phä­no­me­ne. Sie gehö­ren gera­de­zu zwangs­läu­fig in eine sozi­al und medi­zi­nisch abfe­der­te, sedier­te und satu­rier­te Welt. Augen­fäl­li­ges Bei­spiel: Als einer der schlimms­ten denk­ba­ren Schick­sals­schlä­ge dürf­te heu­te der Ver­lust eines eige­nen Kin­des gel­ten. Eltern mit die­sem bit­te­ren Los fin­den sich heu­te in Selbst­hil­fe­grup­pen und in Psy­cho­sprech­stun­den, oft labo­rie­ren sie ihr Leben lang an die­sem Trau­ma. Nur der aller­gröbs­te Klotz wür­de es wagen, dies als Über­emp­find­lich­keit zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Heu­te ster­ben in Deutsch­land etwa fünf von 1000 Lebend­ge­bo­re­nen im ers­ten Jahr.

Unter den Men­schen der Stein­zeit erreich­te etwa die Hälf­te der Kin­der nicht das Puber­täts­al­ter – eine Quo­te, die sich bis weit in das Mit­tel­al­ter hin­ein hielt. Mit der Indus­tria­li­sie- rung ver­rin­ger­te sich die kind­li­che Mor­ta­li­tät. Um 1870  ver­starb etwa ein Vier­tel vor dem Jugend­al­ter. Erst im Lau­fe des 20. Jahr­hun­derts sank die Ster­be­ra­te auf unter zehn Pro­zent – bis zu den 0,5 Pro­zent, die heu­te als trau­ri­ge Ein­zel- und Son­der­fäl­le gel­ten. (Inter­es­sant, dies neben­bei, ist, daß die Säug­lings­sterb­lich­keit unter Migran­ten­kin­dern in Deutsch­land fast dop­pelt so hoch ist!) Das heißt: Was heu­te als zutiefst erschüt­tern­des, gera­de­zu skan­da­lö­ses Unglück gilt, war über Jahr­tau­sen­de die Nor­ma­li­tät, also ein Schick­sal, mit dem klar­zu­kom­men war. Es stand dafür kei­ne Schlag­zei­le zur Verfügung.

Wenn von den fünf Kin­dern, die eine Frau bis vor 150 Jah­ren im Durch­schnitt zur Welt brach­te, sämt­li­che das Hei­rats­al­ter erreich­ten, war dies ein sel­te­ner Glücks­fall. Kinds­tod war ein Ein- schnitt, kein Ein­bruch. Heu­te bricht man weit frü­her zusam­men: Druck in der Arbeits­welt, man­geln­de Aner­ken­nung, Schluß­ma­chen per Mail, ein fal­sches Wort. Unse­re See­len­la­ge ist eine enorm ver­fei­ner­te, gemes­sen an sämt­li­chen vor­an­ge­gan­ge­nen Jahrhunderten.

Ein Kenn­zei­chen unse­rer hyper­auf­ge­klär­ten Welt ist, daß wir nicht mehr hin­neh­men. Wir hin­ter­fra­gen alles. Eine  Art Norm­ge­fühl  zu  allen Wider­fahr­nis­sen des all­täg­li­chen Lebens ist uns allen bekannt – dem Hand­wer­ker wie dem Aka­de­mi­ker. Ver­mit­telt wird es nicht mehr durch die Zehn Gebo­te oder die Auto­ri­tät eines Lehrers/ Vaters/ Men­tors, son- dern durch Freun­des­krei­se und vor allem durch die Medi­en. Wir wis­sen, was »man« »gemein­hin« über zeit­ge­nös­si­sche Kin­der­er­zie­hung denkt, über Eßge­wohn­hei­ten, über das Natio­nal­ge­fühl, über Treue, über Schuh­werk und Hautpflege.

Auf dem omi­nö­sen »man« las­tet jedoch ein schwe­res Gewicht. Denn die Mul­ti­op­tio­na­li­tät des Inter­nets bie­tet kei­nen siche­ren Halt. Im Gegen­teil! »Die einen sagen so, die ande­ren sagen so, wie wills­te wis­sen, was nu gül­tig ist?« (Ger­hard, Flie­sen­le­ger, Knei­pen­ge­spräch) Eine Ver­let­zung des nor­mier­ten Gefühls kann sowohl dann auf­tre­ten, wenn wir anders füh­len, als es unser Umfeld als »nor­mal« nahe­legt, als auch dann, wenn unser Umfeld auf uns anders reagiert, als es die medi­al ver­mit­tel­te Norm für wahr­schein­lich und typisch erklärt. Es scheint, daß es nicht mehr eine Viel­zahl an Gefühls­fa­cet­ten gibt, son­dern zwei Waag­scha­len. Wer zur Cau­sa X sound­so fühlt, denkt, emp­fin­det, gehört zu »denen«, also zu den »ande­ren«, oder zu »uns«. Nur, wer hat die­se Waa­ge geeicht? Gott und sei­ne Zehn Gebo­te? »Die Medi­en«? Der gesun­de Men­schen­ver­stand? Die »Welt­re­gie­rung«? Gefühls­mä­ßig ist die­se unse­re Gesell­schaft stark frag­men­tiert. Um im Jar­gon zu blie­ben: »Das tut nicht gut!«

Unse­re Gefühls­sen­so­ren blin­ken Alarm, ohne daß Kin­der mas­sen- haft ster­ben, Krie­ge ihren Tri­but for­dern oder Seu­chen wüten. Der no- tori­sche »Riß durch die Gesell­schaft« ist kein sozio­öko­no­mi­scher, erst recht kein eth­ni­scher: Er ist ein gefühl­ter. Das Phä­no­men der »Hyper­sen­si­bi­li­tät« geis­tert etwa seit der Jahr­tau­send­wen­de durch Hirn­for­schung und Medi­en. In frü­he­ren Zei­ten muß­te man sich die­ses hoch­sen­si­ble Dasein leis­ten oder es jeden­falls bezah­len kön­nen – den­ken wir an Vir­gi­nia Wool­fe, Syl­via Plath, Uni­ca Zürn, an Adal­bert Stif­ter, Hein­rich von Kleist oder Georg Tra­kl. Wer lei­det heu­te wie die­se? Wer lebt heu­te sei­ne Befind­lich­keits­stö­run­gen durch Gedich­te, Pro­test, Auf­schrei und ille­ga­le Mit­tel aus?

Heu­te haben wir hin­ge­gen dop­pel­blind ran­do­mi­sier­te Che­mi­ka­li­en. Schau­en wir uns die am meis­ten ver­ord­ne­ten Medi­ka­men­te die­ser Jah­re an: Ganz oben, nur grob durch­bro­chen von Herz-Kreis­lauf­mit­teln, ran­gie­ren die Schmerz­arz­nei­en. Diclo­fe­nac, Ibu­profen und ande­re: Wir Deut­schen lei­den unter vie­ler­lei soma­ti­schem Schmerz! Auch dies berührt das Gefühl. An »Bauch-« oder »Kopf­schmer­zen« zu lei­den, welch Viel­deu­tig­keit! Nicht von unge­fähr sind psy­cho­so­ma­ti­sche Sym­pto­me heu­te Legi­on. Viel stär­ker noch als durch Schmer­z­an­ti­do­te wer­den unan­ge­neh­me Gefüh­le von Psy­cho­phar­ma­ka eingedämmt.

Etwa 22 Mil­lio­nen Tages­do­sen klas­si­scher Anti­de­pres­si­va wer­den jähr­lich Frau­en ver­schrie­ben. Bei Män­nern sind es acht Mil­lio­nen. Tran­qui­li­zer (Beru­hi­gungs­mit­tel) wer­den in acht Mil­lio­nen Tages­do­sen Frau­en per Rezept aus­ge­hän­digt, drei Mil­lio­nen an deut­sche Män­ner. Bei den gegen Melan­cho­lie ver­ord­ne­ten Sero­to­nin­wie­der­auf­nah­me­hem­mern sind es 25 Mil­lio­nen Tages­do­sen an weib­li­che Adres­sa­ten und neun Mil­lio­nen an männ­li­che. Frau­en schei­nen anfäl­li­ger zu sein für »schlech­te Gefüh­le«, und zwar so deut­lich, daß es jeder Gen­der­wis­sen­schaft hohn­spricht. Es gibt ein emp­find­sa­mes Geschlecht!

Nur: Die Män­ner holen auf. Die ZEIT schrieb im August 2016:

»Zwi­schen 2009 und 2014 hat die Zahl der Frau­en, die in Deutsch­land einen Psy­cho­the­ra­peu­ten auf­such­ten, um etwa zwölf Pro­zent zuge­nom­men – die Zahl der Män­ner im glei­chen Zeit­raum aber um 20 Pro­zent: Rech­net man all die Coa­ching-Ange­bo­te hin­zu, die gera­de von Män­nern aus­gie­big genutzt wer­den – einem Geschäfts­feld ohne ver­läß­li­che Zah­len, aber mit flie­ßen­den Über­gän­gen zur Psy­cho­the­ra­pie –, dann müß­ten wir bald umringt sein von the­ra­pier­ten Männern.«

Wenn einer grim­mig aus­schau­te, ein Mann oder ein Hund, sag­te man, falls man zu mil­dem Spott auf­ge­legt war: »Ach! Der will nur spie­len!« Heu­te soll­te es hei­ßen, ange­sichts all die­ser Typen mit asso­zia­ti­ons­rei­chen Täto­wie­run­gen bis zu den Fuß­soh­len und durch­sto­che­nen Haut­tei­len: »Ach. Der will nur füh­len.« Nun könn­te man mei­nen, das Gefühl der Mas­sen wabe­re plan­los demo­kra­ti­siert vor sich hin. Mit­nich­ten. All die­se unge­fäh­ren Gefüh­le rich­ten sich aus wie Feil­spä­ne auf einen Magne­ten. Gera­de in unse­rer Gesell­schaft, die das »Nor­ma­ti­ve«, die guten Sit­ten, die Tra­di­ti­on, einen »Volks­kör­per« abgrund­tief zu ver­ab­scheu­en vor­gibt, setzt die Gefühls­po­li­tik auf tota­le Ver­ein­heit­li­chung. Die media­le Kon­sens­ma­schi­ne setzt macht­voll dar­auf, gefühl­strun­ke­ne Homo­ge­ni­tät (»Wir! Schaf­fen das!«) als Resul­tat obsie­gen­der Herr­schafts­prin­zi­pi­en wider­zu­spie­geln. Man hat somit die deut­sche Roman­tik der deut­schen Auf­klä­rung ein­ge­mein­det. Und das ist schon ein Kunst­stück. Abs­trak­te, moder­ne Kunst, wie kaputt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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