Sezession
1. Dezember 2016

Macht: Gefühle

Ellen Kositza

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Also, irgendwo ist das total spannend. – Auf irgendeine Weise hab ich das Gefühl, daß … – Ich weiß nicht. Für mein Empfinden… – Ja, hört sich okay an, ich spüre irgendwie, daß du das Richtige meinst. – Hm. Ich muß mal in mich gehen, da ist so ein gewisser emotionaler Zwiespalt … Seit wann ist diese Art Emosprache eigentlich en vogue? Schon länger, oder? Das gefühlszentrierte Reden und Werten scheint ein Relikt der klassischen 68er zu sein. In den achtziger Jahren (in meiner Kindheit also) hatte es sich in gewissen Kreisen meines Umfelds durchgesetzt: Gemeinde, Offener Kanal, diverse Bürgerinitiativen. Von Gefühlen zu reden im nicht-intimen Umfeld: Das war ein Jargon, der damals eingrenzbar war auf Milieus.

Etwa um die Jahrtausendwende herum  erwuchs  dann  ein  Genre der Popkultur, das unter der Kategorie »Emo« geführt wurde, weil die entsprechenden Musikkapellen (Punk und Hardcore, also eine »krasse«, harte Spielart bevorzugend) sich dezidiert gefühlsbetonter Textualität widmeten. »Emo« galt als links, wurde gehört von Jungmännern mit Kajalaugen und Mädchen mit kleineren psychischen Problemen.

Heute ist Emo-Sprech Mainstream. Wo das Zeitalter des Individuums seinen Zenit überschritten hat, muß man mit Distinktionsmerkmalen prunken, die entweder außengerichtet (Kindernamentattoos etc.) sein können oder sich auf eine Art innerste Innerlichkeit beziehen. Im Emoduktus gefragt: Was macht das mit uns? Wie fühlt es sich an?

Aus der ganz persönlichen Gefühlskiste: An einem Tag im späten Sommer häufte es sich. Wir waren gerade aus unserem Kurzurlaub zurückgekehrt. Zu unseren Reisegepflogenheiten gehört, daß wir uns – der Beifahrer dem Fahrer – vorlesen, nämlich ein schönes Stück Literatur. Ich hatte Guter Mann im Mittelfeld ausgesucht, das Romandebüt des rumänischen Neuschweizers Andrei Mihailescu. Das Buch gefiel uns zunächst sehr: Ein artiger, nur »zwischen den Zeilen« kritischer Journalist gerät im Rumänien des Jahres 1980 ins Visier der Securitate. Er wird verraten, gedemütigt, gefoltert. Nebenbei, so kann es kommen, bahnt sich eine Liebesgeschichte an. Der Journalist verguckt sich in die Gattin eines Spitzenkaders und vice versa. Auf unserer Fahrt durch Böhmen absolvierten wir vorlesend zwei Drittel des Buches. Am ersten Abend zu Hause verabschiedete sich Kubitschek zeitig zur Nacht. Er wollte den Mihailescu solo beenden.

Es ergab sich am Folgemorgen, daß ich früh erwachte und ebenfalls den Guten Mann auslas. Frühdialog um halb sieben: »Na, gut geschlafen?« – »Fühlt sich müde an. Und selbst?« – »Fühlt sich ausgeschlafen an.« Haha, versetzte Parallellektüre! Daß ein Roman zum Ende hin kippt, ist ein häufig beobachtetes Phänomen. Der Bewertungsabfall manifestierte sich hier an dieser auf den letzten hundert Seiten inflationär gebrauchten Emo-Formel »es fühlte sich an«: »Zwei weitere Wochen lang wehrte Raluca ab, bis es sich nicht mehr richtig anfühlte«, usw. usf. Ein Gefühl schreibend haptisch werden zu lassen, das ist Kunst. Ein Gefühl gefühlig zu benennen: wie mau. Und auch, man verzeihe mir diese geschlechtspolitisch unsolidarische Haltung: wie weibisch! Wir alle fühlen. Männer sublimieren. Frauen verbalisieren. Der verbalisierende Mann: ein Schwätzer, kein Täter. Man kann das mögen. »Ausdiskutieren« ist natürlich charmanter als »Fakten schaffen«. Man muß es wohl mögen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (0)

Anmelden Registrieren