Sezession
1. Dezember 2016

Weltbildfixierung, Weltbildwechsel

Gastbeitrag

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Anfang September rief Martin Lichtmesz im Netz-Tagebuch der Sezession dazu auf, Erfahrungen über das Leben als politisch Rechter in einer links- dominierten, polarisierten Gesellschaft zu notieren. Dieser Aufruf löste eine lebhafte Debatte aus, in deren Verlauf zahlreiche Leser ihr Unverständnis äußerten, warum die politisch Linken so schwer zu überzeugen seien. Eine grundsätzliche Betrachtung über die Bedeutung von Weltbildern, ihren Wechsel und die aktuelle Situation in der BRD erhellt jedoch die Zwangsläufigkeit und Logik hinter diesem gesellschaftlichen Mißverständnis.

Hierzu ist ein Werk aus der Wissenschaftsgeschichte des amerikanischen Physikers Thomas S. Kuhn von Interesse: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Kuhn geht davon aus, daß jeder Wissenschaftler ein Paradigma benötigt, das die grundsätzlichen Regeln seiner Forschung liefert. Dieses Paradigma besteht dabei gewöhnlich im Unterbewußtsein, und nur die wenigsten Wissenschaftler könnten dieses tat- sächlich ausformulieren. Es darf nicht hinterfragt werden, was auch not- wendig ist, da so nicht beständig aufs Neue die Grundlagen angezweifelt werden. Das macht den Blick auf die Details frei.

Diese Paradigmen sind nie perfekt. Tatsächlich werden immer wieder Beobachtungen gemacht, die dem Paradigma widersprechen. Dann werden die Beobachtungen ignoriert, zu Ausnahmen erklärt oder durch willkürliche Korrekturfaktoren in Gleichungen erklärt. Erst wenn der Druck zu groß ist, wenn zu viele Beobachtungen gemacht wurden, die es eigentlich nicht geben dürfte, kommt es zum Paradigmenwechsel. Dem Titel des Buches entsprechend, geht Kuhn davon aus, daß diese mit einer politischen Revolution vergleichbar sind.

Nun ist die Wissenschaft, und insbesondere die Naturwissenschaft, ein Bereich, in dem man um hohe Objektivität bemüht ist. Im Alltag sollten die Erkenntnisse Kuhns eine viel größere Rolle spielen. Tatsächlich hat auch jeder Mensch ein Weltbild, das sich in einem langen Prozeß entwikkelt und für gewöhnlich ungefähr mit dem Erreichen des Erwachsenenalters vollständig ausgeprägt ist.

Die Notwendigkeit für ein solches Weltbild liegt im Diktum Armin Mohlers begründet: »Die Welt geht nicht auf.« Egal, wieviel intellektuellen Aufwand man treibt, man wird nie eine vollständige Beschreibung der Realität erhalten. Man muß notwendigerweise Vereinfachungen treffen, um sich in der Welt zurechtfinden zu können. Die Art der Vereinfachung ist dabei mehr oder weniger willkürlich und unterliegt keinen rationalen Überlegungen, sondern hängt von persönlichen Neigungen und Präferenzen ab.

Das Weltbild ist bei den meisten Menschen nur im Unterbewußtsein vorhanden. Intuitiv sucht man beständig Bestätigungen für sein  Weltbild. Fakten, die dem Weltbild entsprechen, werden begierig aufgenommen, und wenn man weiß, wo man diese für gewöhnlich vorfindet, so wird man sich bevorzugt aus diesen Quellen unterrichten. Fakten, die dem Weltbild hingegen widersprechen, werden ignoriert. Über die Zeit verstärkt sich somit das Weltbild. Deshalb sind junge Menschen noch vergleichsweise einfach zu beeinflussen, ältere hingegen kaum noch.

Weltbilder können sehr wirkmächtig sein. Es ist davon auszugehen, daß Erich Mielke seinen Satz »Ich liebe doch alle Menschen« durchaus ernst meinte, und daß er wirklich nicht begreifen konnte, wieso die Massen gegen den Sozialismus demonstrierten, der nach seinem Weltbild den Menschen Freiheit, Frieden und Wohlstand brachte. Auch diejenigen bundesrepublikanischen Politiker, die den Kampf gegen Rechts intensivieren und gleichzeitig der Meinung sind, im freiesten und tolerantesten Deutschland, das es je gab, zu leben, werden diesen Widerspruch nicht bemerken.

Wie das Weltbild die Wahrnehmung steuert, kann man auch am Bei- spiel der Masseneinwanderung arabisch-nordafrikanischer Siedler des letzten Jahres betrachten. Nach offiziellen Zahlen ist rund eine Million gekommen. Bei einer derart großen Anzahl sind, statistisch gesehen, einige dabei, mit denen man gut auskommen kann, die in der Tat so etwas wie eine »Bereicherung« darstellen können, wie auch einige, die nichts als Probleme verursachen werden. Je nach Weltbild wird man entweder die eine oder die andere Fraktion wahrnehmen. Die anderen werden ignoriert, oder, sofern dies nicht möglich ist, als »Ausnahme« oder »Einzelfall« er- klärt. Insbesondere führen Weltbilder dazu, daß in der Regel zunächst Entscheidungen getroffen und erst im Anschluß argumentativ gerechtfertigt werden.

Dies erklärt, warum politische Debatten oft unfruchtbar sind. Das ist nicht nur beim Migrationsthema ersichtlich, sondern ebenso in wirtschaftspolitischen Fragen. Oftmals findet man das Schema vor, daß einer der Auffassung ist, die Bundesrepublik sei vom »Neoliberalismus« zerfressen. Es gäbe beständig eine Umverteilung von unten nach oben. Der andere wiederum ist der Auffassung, die Bundesrepublik nähere sich in ökonomischen Fragen an die DDR an, und man leide unter einer Abgabenlast und viel zu hohen Staatsquote. Obwohl in dieser Art von Debatten oftmals beide Seiten gute Argumente haben, vermag niemand, den anderen zu überzeugen, da beide in unterschiedlichen Wahrnehmungswelten leben.

Viel stärker werden normative Fakten vom Weltbild  geprägt,  die sich in Wertungen umformulieren lassen. Bei obigem Beispiel über Wirtschaftspolitik könnten zwei besonnene Gesprächspartner vielleicht einen Konsens finden. Aber die viel grundsätzlichere Frage, wie Wirtschaft generell organisiert sein soll, ob der Staat überhaupt umverteilen oder jeder selbst um seinen Anteil kämpfen soll, läßt sich niemals objektiv beantworten, sondern ist immer an das spezifische Weltbild gebunden.

Dies einzusehen, ist wichtig, denn normalerweise ist jeder überzeugt, das Richtige zu tun und gut zu handeln. Niemand hält sich für den Bö- sen, und auch jene, die heute den Platz als größte Schurken der Geschichte innehaben, von Stalin über Hitler zu Mao, waren immer überzeugt, zum Wohle der Menschen, für die sie verantwortlich waren, zu handeln. Da man das eigene Handeln, das sich aus dem eigenen Weltbild ergibt, notwendigerweise als »gut« klassifiziert, muß man das Handeln des Opponenten, das sich aus einem widersprechenden Weltbild ergibt, notwendigerweise als »böse« klassifizieren. Weltbilder sind somit inkommensurabel, da das fremde Weltbild immer nur anhand der Maßstäbe des eigenen Weltbildes bewertet werden kann.

Bisher klang es womöglich so, als seien Weltbilder beliebig konstruierbar. Wir benötigen Vereinfachungen, um uns in der Welt orientieren zu können. Doch nicht jede Vereinfachung ist eine sinnvolle, und ein Welt- bild hat immer lebensdienlich zu sein. Dies ist situationsabhängig. Im Falle einer Masseneinwanderung aus Gegenden mit starkem zivilisatorischen Gefälle ist ein Weltbild, das diese Einwanderung gutheißt, gefährlich. In einer inzestuösen, genetisch degenerierten Gesellschaft (die wir entgegen Wolfgang Schäubles Behauptungen in Deutschland nicht haben) könnte ein Weltbild, das Einwanderung mißbilligt, gefährlich sein.

Über den Sinn des Lebens wurden unzählige Debatten geführt, die niemals zu einem allgemein anerkannten Ergebnis kamen: Diese Frage ist je nach Weltbild ganz unterschiedlich zu beantworten. Allerdings gibt es eines, an dem man nie vorbeikommen wird: die Selbstbehauptung. Selbstbehauptung ist sicher nicht das einzige, was im Leben von Bedeutung ist, aber wer auf sie verzichtet, wird untergehen. Zwar gab es immer wieder Weltbilder, die auf Selbstbehauptung verzichteten, nach denen es beispielsweise sinnvoll war, im Kloster zu leben, anstatt eine Familie zu gründen, aber ein derartiges Weltbild kann verständlicherweise immer  nur eine Randerscheinung bleiben. Es ist nicht notwendigerweise schlecht – schließlich gibt es für Weltbilder keinen universellen Maßstab –, aber man kann ganz darwinistisch argumentieren, daß solche Weltbilder von anderen verdrängt werden, die sich eher zur Selbstbehauptung eignen.

Nach all dem, was geschrieben wurde, könnte man meinen, es sei unmöglich, daß sich das Weltbild eines Menschen ändert, und jede Art, jemand anders von der Richtigkeit des eigenen Weltbildes zu überzeugen, sei zum Scheitern verurteilt. Tatsächlich ist das Weltbild nicht statisch, sondern nimmt immer wieder neue Erfahrungen auf. Diese Änderungen sind jedoch gering und betreffen unbedeutende Randbereiche. In den grundlegenden Fragen gibt es je- doch eine erstaunliche Stabilität. Unmöglich ist ein radikaler Wechsel des Weltbildes jedoch nicht, auch wenn er mit steigen- dem Lebensalter immer unwahrscheinlicher wird.

Für die betroffenen Personen ist dies immer ein einschneidendes Erlebnis, da viele Begriffe umdefiniert, ihre Konnotationen geändert, Bewertungen des vergangenen Handelns revidiert werden müssen. Der Wechsel des Weltbildes führt zum Bruch vieler persönlicher Traditionen, man muß alte Gewohnheiten fallenlassen, Freundschaften kündigen, Loyalitäten ändern und sich eingestehen, jahrelang im Irrtum gewesen zu sein. Das eigene Leben wird fortan aus der Perspektive des neuen Weltbildes bewertet, so daß die Vergangenheit voller Fehler erscheinen wird. Dies erklärt, warum sich die Menschen schwertun, ein Weltbild radikal zu ändern, und warum sie entgegen aller Vernunft an Vorstellungen festhalten, die sie vor sich selbst eigentlich nicht mehr rechtfertigen können.

Hat man den Schritt jedoch einmal vollzogen, empfindet man meistens eine große Befreiung, und eine Last fällt von den Schultern. Diese Leute bedürfen nun der Unterstützung, sie sind wißbegierig und wollen die Zusammenhänge des neuen Weltbildes erlernen. Stehen dabei aus dem Umfeld Menschen zur Seite, die hier anleiten können, so wird der Wechsel des Weltbildes retrospektiv trotz anfänglicher Schwierigkeiten als sehr positiv empfunden. Die bisherigen Ausführungen bezogen sich auf die individuelle Ebene; die Auswirkungen auf das Funktionieren einer Gesellschaft wurden noch nicht diskutiert. In einem wie auch immer gearteten Gemeinwesen prallen die verschiedenen Weltbilder aufeinander. Da Diskussionen zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Weltbilder nicht ohne weiteres möglich sind, bedarf es eines übergeordneten Weltbildes, das alle Mitglieder einer Gesellschaft teilen. Dieses muß nicht alle Bereiche des Lebens ausfüllen, und je nach Gesellschaft kann es sehr rigide sein oder viele Freiheiten lassen. Es wird immer Menschen geben, die dieses Weltbild nicht teilen, sollten es aber zu viele sein, besteht die Gefahr, daß die Gesellschaft auseinanderbricht.

Normalerweise sind die meisten Menschen unpolitisch. Sie adaptieren das vorherrschende Weltbild, sei es aus Unfähigkeit, ein eigenes zu entwickeln, oder aus Trägheit. Sollte sich das vorherrschende Weltbild wandeln, erkennen diese Menschen es schnell und ändern so, ohne groß nach- zudenken, ihr eigenes. Nach großen gesellschaftlichen Umbrüchen ist dies oft zu erkennen: Nach 1989 oder 1945 waren die meisten ganz selbstverständlich schon immer gegen das alte Regime.

Das vorherrschende Weltbild zu teilen, bringt verständlicherweise große Vorteile, da man so einfacher eine angenehme soziale Stellung er- reichen kann. Daher ist es wichtig, es zu kennen und sich immer wieder zu versichern, welche Inhalte es hat. Die meisten politischen Gespräche im Alltag dienen eigentlich nicht dem Zweck ernsthafter Debatten, son- dern dazu herauszufinden, was gemäß dem vorherrschenden Weltbild sagbar ist und was nicht.

Wie sieht nun die aktuelle Situation in Deutsch- land aus? Bisher war es Teil des vorherrschenden Weltbildes, daß das, was Deutschland erst deutsch mache, in erster Linie die Verfassung sei. Das Grundgesetz erfährt manchmal eine an Religionen erinnernde Verehrung, und die »Werte«, die dahinter stehen, werden mit großem Machtanspruch durchgesetzt. Solange in Deutschland Menschen leben,  die  ebenso  an das Grundgesetz glauben, ist Deutschland gemäß diesem Weltbild gerettet und das Ziel des politischen Daseins erfüllt. Friedrich Eberts Bonmot dürfte man heute umkehren: »Wenn der Tag kommt, an dem die Frage auftaucht: Deutschland oder die Verfassung, dann werden wir die Verfas- sung nicht wegen Deutschland zugrunde gehen lassen.«

Nach diesem Weltbild ist die Masseneinwanderung auch kein Problem, schließlich kann jeder lernen, Deutscher zu sein. Biologische Differenzen der Menschen werden nicht wahrgenommen, da rassistisch, und das eigene Modell von Bindungslosigkeit und Konsum wird als derart attraktiv empfunden, daß es die Einwanderer aufnehmen werden. Die Menschen unterscheiden sich bestenfalls in der Sprache und den Eßgewohnheiten. Ersteres kann man ändern, Zweiteres wird als Bereicherung empfunden. Daß Religion derart mächtig sein kann wie in den Herkunftsländern der Einwanderer, wird nicht verstanden, da man nur die Seichtigkeit vieler deutscher Christen kennt.

Die andere Seite ist der Meinung, daß sich Deutschland primär über das deutsche Volk definiere und die Verfassung dabei bestenfalls eine Nebenfrage spiele. Das heißt nicht, daß diese Fraktion das Grundgesetz ab- lehnt, und schließlich finden sich auch im Grundgesetz Ansatzpunkte für diese Haltung, denn gemäß der Präambel hat sich »das deutsche Volk […] dieses Grundgesetz gegeben«, ohne das deutsche Volk verliert somit auch das Grundgesetz seine Daseinsberechtigung.

Mit der Masseneinwanderung des Jahres 2015, der Silvesternacht von Köln und den Terroranschlägen in Paris ändert sich diese Situation. Das vorherrschende Weltbild scheint die Wirklichkeit schlechter zu beschreiben, und plötzlich werden mehr Menschen empfänglich für einen Paradigmenwechsel. Die unpolitische Masse, die das vorherrschende Weltbild aus Bequemlichkeit übernahm, ist gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. Niemand kann mehr ignorieren, daß das deutsche Volk ausgetauscht wird. In den Leitmedien werden nun auch immer wieder die negativen Folgen der Einwanderung diskutiert, und es gibt Ansätze einer Debatte über deutsche Identität. Die Menschen stellen sich Fragen, die sie vorher nicht gestellt hätten, und es ist wichtig, ihnen jetzt Antworten zu liefern.

Dabei ist behutsam vorzugehen, um auch aus dem vorherrschenden Weltbild heraus einigermaßen verstanden werden zu können. Argumente der Funktionalität sind dabei immer besonders wirksam, denn eine Einwanderung bevorzugt aus dem arabisch-afrikanischen Raum wird nicht dazu beitragen, daß in Zukunft noch jemand das Grundgesetz hochhalten wird. Auch sind Maximalforderungen unnötig, da es nicht darum gehen kann, Einwanderung gänzlich zu unterbinden – es wäre ahistorisch.

Die Berufung auf auch in der Bundesrepublik anerkannte Autoritäten ist ebenso von Vorteil, sei es durch das Böckenförde-Diktum oder einzelne Aussagen von Personen wie Helmut Schmidt. Die Zielgruppe sind dabei primär die eigentlich Unpolitischen, die es nun zu politisieren gilt. Sie müssen den Eindruck gewinnen, daß unser Weltbild schon bald das vor- herrschende sein könnte. Überzeugungstäter, die die Masseneinwanderung befürworten, werden wohl erst bereit sein, ihr Weltbild zu ändern, wenn sie wirklich den Eindruck haben, es gehe nicht mehr anders, und selbst dann wird es immer noch jene geben, die an ihren Auffassungen festhalten wie jene Linkspartei-Politikerin, die von Einwanderern vergewaltigt wurde und zum Schutz der Täter von einer Anzeige absah.

Zu guter Letzt soll noch festgehalten werden, daß all diese Beobachtungen selbstverständlich auch auf diesen Text und seine Aussagen zutreffen. Auch hier wurden aufgrund des Weltbildes des Verfassers Aspekte simplifiziert und Widersprüche ausgeblendet. In der Tat könnte vieles auch unter umgekehrten Vorzeichen von der Gegenseite geschrieben worden sein. Jedoch sei noch einmal auf den Aspekt der Selbstbehauptung verwiesen. Es ist davon auszugehen, daß Befürworter der Masseneinwanderung ein untaugliches Weltbild haben, mit dem sie die Grundlagen dessen, was in ihrem Weltbild eigentlich wichtig ist, beseitigen.


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