Abstiegsangst und Aufbegehren im Krisenkapitalismus

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land geht in einen  kon­stan­ten  Kri­sen­mo­dus über. Zog die mul­ti­ple Kri­se der Euro­päi­schen Uni­on, die zunächst als »Ban­ken-«, dann als »Euro-Kri­se« fir­mier­te, aber eigent­lich eine umfas­sen­de Kri­se des Finanz­markt­ka­pi­ta­lis­mus als sol­chem war, noch annä­hernd spur­los am All­tag der Deut­schen vor­bei, prägt die Flücht­lings- bzw. Zuwan­de­rungs­kri­se mit unter­schied­li­chen Kon­se­quen­zen die Lebens­wirk­lich­keit der Bür­ger. Hin­ter den unap­pe­tit­li­chen bis bar­ba­ri­schen Sym­pto­men wie »Brüs­sel« und »Paris« und hier­zu­lan­de »Köln« und »Chem­nitz« ver­birgt sich aber Gewal­ti­ge­res, ste­hen dem west­eu­ro­päi­schen Kapi­ta­lis­mus noch grö­ße­re Her­aus­for­de­run­gen bevor: Er erlebt eine Legi­ti­ma­ti­ons­kri­se in einem Aus­maß, das noch vor weni­gen Jah­ren undenk­bar erschien.

Alain de Benoist hat des­halb bereits – zuge­spitzt – das »Ende des Kapi­ta­lis­mus« ange­kün­digt. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph sieht die drei Grund­pfei­ler der Kapi­ta­lis­mus­ak­zep­tanz der (west­eu­ro­päi­schen) Bür­ger bedroht: Das all­sei­ti­ge Wachs­tums­ver­spre­chen kön­ne nicht mehr ein­ge­hal­ten wer­den, wes­halb der Kapi­ta­lis­mus sein posi­ti­ves Allein­stel­lungs­merk­mal ver­lie­re; das Lebens­ni­veau der brei­ten Mas­sen wer­de nicht mehr kon­stant geho­ben, und sei der spür­ba­re Zuwachs noch so gering; der Kon­sum bzw. die mate­ri­el­le Bedürf­nis­be­frie­di­gung – und dies ist immer­hin das Faust­pfand der kapi­ta­lis­ti­schen Heils­leh­re – sta­gnie­re auf einem bereits erreich­ten Niveau.

Nun kann frei­lich ent­geg­net wer­den, daß der Kapi­ta­lis­mus, zumal der west­li­che, höchst fle­xi­bel auf unter­schied­li­che Kri­sen­si­tua­tio­nen reagie­re, und es wäre eine aus­ufern­de Dis­kus­si­on, wie weit sei­ne Fle­xi­bi­li­tät noch rei­chen wer­de. Man kann mit Sla­voj Žižek von einer weit­rei­chen­den Kom­pe­tenz der Kri­sen­be­herr­schung des Kapi­tals im Zei­chen diver­ser sys­tem­im­ma­nen­ter Ver­tei­di­gungs­me­cha­nis­men aus­ge­hen, man kann aber auch mit Paul Mason anneh­men, daß das kom­ple­xe Sys­tem des zeit­ge­nös­si­schen Kapi­ta­lis­mus ange­sichts der Her­aus­for­de­run­gen der digi­ta­len Revo­lu­ti­on der Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie an die Gren­zen der Anpas­sungs­fä­hig­keit gesto­ßen sei.

Oli­ver Nachtw­ey hat jüngst fest­ge­stellt, daß – nun auch in Deutsch- land – die »kol­lek­ti­ve Angst vor dem sozia­len Abstieg« die Psy­che der Gesell­schaft domi­nie­re. Der Sozio­lo­ge ver­weist auf die neue Situa­ti­on der Bun­des­re­pu­blik, in der der Wan­del von einer Wohl­stands­ge­sell­schaft hin zu einer »Abstiegs­ge­sell­schaft« ein­ge­lei­tet wor­den sei – ein Pro­zeß, der von zuneh­men­der Armut und sozia­ler Ungleich­heit geprägt werde.

Nachtw­ey sieht – wie Benoist – ähn­li­che Mus­ter für die bis­he­ri­ge all­sei­ti­ge Akzep­tanz des Kapi­ta­lis­mus grei­fen: Brei­ten Schich­ten wur­de durch stei­gen­de Löh­ne die Teil­ha­be am Mas­sen­kon­sum ermög­licht, auch Arbei­ter­fa­mi­li­en und die »unte­re Mit­tel­schicht« konn­ten in (mate­ri­ell) gesi­cher­ten Ver­hält­nis­sen in die Zukunft schau­en; der »Fahr­stuhl­ef­fekt« (Ulrich Beck) der Wachs­tums­ge­sell­schaft brach­te alle Typen – ob Arbei­ter oder Unter­neh­mer – zusam­men nach oben. Die Klas­sen­struk­tur ver­schwand  in der Fol­ge nicht, aber sie wur­de durch gemein­sa­men Erfolg, durch gemein­sa­mes Wachs­tum ver­deckt und in ihrer Bedeu­tung geschmälert.

Ab den 1970er Jah­ren kam es jedoch zur von Wolf­gang Stre­eck als »Revol­te des Kapi­tals« bezeich­ne­ten Gegen­be­we­gung, deren Ziel es war, die sozia­le und demo­kra­ti­sche Umman­te­lung des Kapi­ta­lis­mus – all­ge­mein: die Mixed eco­no­my (»gelenk­te Volks­wirt­schaft«) – von sich zu wei­sen. Es begann die »lan­ge Wen­de zum Neo­li­be­ra­lis­mus« (Stre­eck), die heu­te – nach dem neo­li­be­ra­len Umbau des (gewiß büro­kra­tisch auf­ge­bläh­ten) Sozi­al­staats – voll­zo­gen ist und andau­ert: Nachtw­ey ver­weist dar­auf, daß Rudolf Hil­fer­dings Vor­her­sa­gen aus dem Jah­re 1910, wonach das Finanz­ka­pi­tal die Wirt­schaft zuneh­mend domi­nie­ren und schließ­lich auch die Poli­tik bestim­men wer­de, heu­te fröh­li­che Urständ feiert.

Mit der Ent­wick­lung hin zu einer finanz­markt­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ord­nung geht die Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung ein­her, die seit Colin Crouchs Post­de­mo­kra­tie (2008) als Ent­ker­nung des demo­kra­ti­schen Wesens ver­stan­den wer­den muß: Die Men­schen ver­lie­ren Ein­fluß auf die poli­ti­schen Ent­schei­dungs­fin­dungs­pro­zes­se, wäh­rend Kon­zer­ne und poli­ti­sche wie wirt­schaft­li­che Eli­ten ihre hege­mo­nia­le Stel­lung aus­bau­en kön­nen. Neben der »Post­de­mo­kra­tie« kann indes auch »markt­kon­for­me Demo­kra­tie« zur Beschrei­bung ver­wandt wer­den. Wah­len sind nicht abge­schafft, aber in ihrer Bedeu­tung stark ein­ge­schränkt, da Lob­by­is­ten (in Ber­lin kom­men acht von ihnen auf einen Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten) und ande­re Inter­es­sen­grup­pen unmit­tel­ba­ren Ein­fluß auf die poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger gewon­nen haben und über sie direk­ten Zugang zu den Zen­tra­len der Macht erhalten.

Die­se Ent­wick­lung wäre für die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft zu ver­kraf­ten, wenn sie nicht mit einer ande­ren kor­re­lier­te, die die Abstiegs­ge­sell­schaft prägt: die wach­sen­de mone­tä­re Kluft zwi­schen »oben« und »unten« sowie der Über­hang von spe­ku­la­ti­ons­be­ding­ten Gewin­nen und Kapi­tal­ren­ten. Wäh­rend Rei­che ste­tig ihren Wohl­stand ver­meh­ren (zehn Pro­zent der Haus­hal­te ver­fü­gen über 52 Pro­zent des deut­schen Net­to­ver­mö­gens), sta­gniert die Ent­wick­lung der brei­ten Mit­tel­schich­ten, ero­die­ren ihre Rän­der und ver­lie­ren die Unter­schich­ten an Perspektive.

Eines der tra­gen­den Ele­men­te der »alten« Bun­des­re­pu­blik, die soge­nann­te unte­re Mit­tel­schicht, hat – einer Ber­tels­mann-Stu­die von 2013 zufol­ge – seit 1997 um 15 Pro­zent abge­nom­men. Abstür­ze häu­fen sich, die Unsi­cher­heit ist zum Nor­mal­zu­stand gewor­den. Die­se Angst vor dem gesell­schaft­li­chen Abstieg ist begrün­det, und sie ist auch dar­auf zurück­zu­füh­ren, daß das »Nor­mal­ar­beits­ver­hält­nis« – die unbe­fris­te­te, sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Anstel­lung – pro­zen­tu­al ste­tig abnimmt, wäh­rend pre­kä­re – zeit­lich begrenz­te, sozi­al schwä­cher abge­si­cher­te – Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se in vie­len Berei­chen der indus­tri­el­len Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft zur Nor­ma­li­tät wer­den. Inzwi­schen arbei­tet in Deutsch­land allein jeder Vier­te im Niedriglohnsektor.

Sebas­ti­an Dörf­ler und Julia Fritz­sche wei­sen zudem dar­auf hin, daß eine hal­be Mil­li­on Men­schen in Voll­zeit arbei­ten, aber den­noch die Grund­ver­sor­gung wie Mie­te, Strom, Hei­zung und Kran­ken­ver­si­che­rung nicht mehr stem­men kön­nen und somit staat­li­cher Unter­stüt­zung bedür­fen. Etwa 1,6 Mil­lio­nen Kin­der in Deutsch­land wach­sen dar­über hin­aus in Fami­li­en auf, die über Hartz-IV-Leis­tun­gen abge­si­chert wer­den müssen.

Die Abstiegs­ge­sell­schaft repro­du­ziert so (rela­ti­ve) Armut und Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se, die wie­der­um von Ver­äch­tern des Sozi­al­staats argu­men­ta­tiv aus­ge­schlach­tet wer­den, obwohl ihre Ideo­lo­gie des Neo­li­be­ra­lis­mus sol­che Struk­tu­ren erst geschaf­fen hat, indem einer­seits alle poten­ti­el­len Sphä­ren von Gewinn und Pro­fit – u. a. die ehe­dem staat­lich kon­trol­lier­ten »Schlüs­sel­in­dus­trien« einer jeden Gesell­schaft – pri­va­ti­siert wur­den, wäh­rend man ande­rer­seits den Staat mit den Ver­wer­fun­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz- und Ell­bo­gen­ge­sell­schaft allein läßt.

Das Grund­übel die­ser Ord­nung ist frei­lich kein markt­wirt­schaft­li­ches, son­dern ein genu­in kapi­ta­lis­ti­sches. Marx hat­te in sei­ner Zeit zwar Markt­wirt­schaft und Kapi­ta­lis­mus sinn­gleich ver­stan­den, aber die klü­ge­ren sei­ner heu­te leben­den Anhän­ger – dar­un­ter Sah­ra Wagen­knecht – haben die­se Ineins­set­zung zum Ärger der letz­ten ver­blie­be­nen ortho­do­xen Lin­ken revi­diert: Denn dem Kapi­ta­lis­mus gelingt die Her­aus­bil­dung von gefrä­ßi­gen Mono­po­len und Oli­go­po­len nur auf­grund einer Total­durch­drin­gung der Gesell­schaft ent­lang sei­ner Rück­sichts­lo­sig­keit, wäh­rend im Gegen­satz dazu die Markt­wirt­schaft als eine zumin­dest poten­ti­ell sozia­le Wirt­schafts­ord­nung auf Wett­be­werb und offe­nen Markt nicht ver­zich­ten darf (bei­des sind ja Grund­be­din­gun­gen der Markt­wirt­schaft), die Ren­di­te aber mit den Rück­wir­kun­gen des Wirt­schaf­tens auf den Mensch, den Raum und die Struk­tur aus­zu­pen­deln hat, und zwar über eine wirt­schafts­ethi­sche Erzie­hung eben­so wie durch gesetz­li­che Rah­men­set­zun­gen und eine dras­ti­sche Beschnei­dung der rein finanz­ka­pi­ta­lis­ti­schen Erträ­ge. Denn die höchs­ten Ein­kom­men, die der­zeit bezo­gen wer­den, resul­tie­ren – wor­auf etwa Wagen­knecht in Reich­tum ohne Gier hin­weist – aus eben­die­sen leis­tungs­lo­sen Erträ­gen aus Kapi­tal­ei­gen­tum. Das kon­zen­triert sich indes in weni­gen Händen.

Die Art kapi­ta­lis­ti­scher Gesell­schaft, in der wir leben, ist schließ­lich dort erreicht (und somit ver­läßt man die rein markt­wirt­schaft­lich-öko­no­mi­sche Ebe­ne), wo die kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­wei­se kein Sub­sys­tem ist, »son­dern das die gesam­te Gesell­schaft beherr­schen­de Prin­zip«, wie Georg Fül­berth zusam­men­faßt. Hier, in der kapi­ta­lis­ti­schen, nicht der markt­wirt­schaft­li­chen Gesell­schaft, ist schlicht­weg alles eine Ware, das gesam­te Leben in den Bedeu­tungs­zu­sam­men­hang der kapi­ta­lis­ti­schen Logik gestellt – und »alles« schließt natür­lich auch den Men­schen ein, der sich als Arbeits­kraft »anbie­tet«, mit­hin als Ware prä­sen­tiert, wäh­rend noch die letz­ten Refu­gi­en sei­nes All­tags »kom­mo­di­fi­ziert« wer­den. Das Frei­heits­ver­spre­chen des moder­nen Libe­ra­lis­mus als sol­ches ist somit letzt­lich Betrug, und Frei­heit, die den Zwän­gen der alles umfas­sen­den neo­li­be­ra­len Dok­trin unter­liegt, kei­ne sub­stan­ti­el­le Freiheit.

Man unter­liegt kei­nem opti­mis­ti­schen Fehl­schluß, wenn man kon­sta­tiert, daß sol­cher­lei Ansich­ten sich zuneh­men­der Ver­brei­tung erfreu­en. Das Unbe­ha­gen ob der sozio­öko­no­mi­schen Zustän­de, der Arbeits­be­din­gun­gen immer grö­ße­rer Krei­se, der wirt­schaft­li­chen Kluft: es wächst. Vor allem schwillt es an in Süd- und West­eu­ro­pa, wo rela­ti­ve öko­no­mi­sche und insti­tu­tio­nel­le Sta­bi­li­tät, wie sie nach wie vor für Deutsch­land gilt, nur eine blo­ße Chi­mä­re ist. Der Pro­test kam zual­ler­erst – weil Anti­ka­pi­ta­lis­mus nach wie vor häu­fig eine lin­ke Domä­ne ist – von links­ori­en­tier­ten Gruppen.

In Grie­chen­land reüs­sier­ten die »Koali­ti­on der radi­ka­len Lin­ken«, Syri­za, und ihre Vor­feld-Struk­tu­ren, in Frank­reich außer­par­la­men­ta­ri­sche Initia­ti­ven, in Spa­ni­en zunächst die Bewe­gung der Indi­gna­dos (»Empör­te«), die dann wie­der­um die Par­tei Pode­mos (»Wir kön­nen«) for­mier­ten. Der lin­ke For­scher Wolf­gang Kraus­haar sprach bei die­sen Pro­tes­terschei­nun­gen, die ihre Glanz­zeit von 2011 bis 2015 erleb­ten, von einem »Auf­ruhr der Aus­ge­bil­de­ten«. An der urba­nen, aka­de­mi­schen Her­kunft die­ser Revol­te kann denn auch kein Zwei­fel bestehen. Bei Pode­mos sticht bis heu­te zudem der an Chan­tal Mouf­fe und Ernes­to Laclau geschul­te »pro­gres­si­ve Popu­lis­mus« durch, der die Rechts-Links-Dicho­to­mie bei­sei­te schiebt, um die Spal­tung in »oben« und »unten« (respek­ti­ve »Eli­ten« und »Volk«/»populäre Klas­sen«) frucht­bar zu machen.

All die­sen poli­ti­schen Kri­sen­pro­duk­ten des euro­päi­schen Südens ist gemein, daß sie ihren Antrieb aus den Ver­wer­fun­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung bezo­gen und – wie auch klei­ne­re, rechts­ste­hen­de For­ma­tio­nen in Süd­eu­ro­pa (ob Hogar Social in Spa­ni­en oder Casa­Pound in Ita­li­en) – über- all dort aktiv und sogleich erfolg­reich wur­den, wo der klas­si­sche Sozi­al­staat sich zurück­zog oder gar nicht erst zum Zuge kam. Die mani­fes­te Legi­ti­ma­ti­ons­kri­se des Kapi­ta­lis­mus war also der Motor für die Revol­te; eine Legi­ti­ma­ti­ons­kri­se, die erst nach und nach auch in Deutsch­land spür­bar wird, wenn der Sozi­al­staat an den Grund­zü­gen einer ange­mes­se­nen Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit scheitert.

In Deutsch­land ist indes­sen mit einer Dyna- mik zu rech­nen, die weder in Ita­li­en noch in Spa­ni­en denk­bar war, wo die sozia­le Fra­ge stets alles über­lapp­te. Denn in der Bun­des­re­pu­blik wird die an Bedeu­tung stark zuneh­men­de sozia­le Fra­ge auf die bereits vor­han­de­ne »natio­na­le Fra­ge« in Form von Mas­sen­zu­wan­de­rung und Migra­ti­ons­kri­se sto­ßen. Und genau hier ver­sagt nun die Lin­ke, die für bei­de Kom­ple­xe kei­ne »plau­si­blen Visio­nen und mobi­li­sie­ren­den Uto­pien« (Nachtw­ey) mehr vor­wei­sen kann. Dies ist die Stun­de der poli­ti­schen Rechten.

Zählt man die Alter­na­ti­ve für Deutsch­land (AfD) nun zu die­ser Rech­ten, dann liegt es wesent­lich auch an ihr, ob die Gunst der Stun­de genutzt wer­den kann. Zwar ist die »Par­tei des gesun­den Men­schen­ver­stan­des«, als die sie sich prä­sen­tiert, »von vorn­her­ein theo­rie­schwach, nicht-ideell« und wirkt »als Anrei­che­rungs­be­cken für den arbei­ten­den, staats­tra­gen­den, prag­ma­ti­schen Bür­ger«, wie Götz Kubit­schek for­mu­lier­te. Doch die­se Fest­stel­lung über ihre Mit­glied­schaft muß um die Tat­sa­che ihrer Wäh­ler­struk­tur ergänzt wer­den, da die AfD mitt­ler­wei­le die Wahl­par­tei der unte­ren und mitt­le­ren Schich­ten, der »popu­lä­ren Klas­sen« gewor­den ist. Zunächst ist dies sicher­lich ein wahl­tech­ni­scher Sach­ver­halt, der aus Pro­test und Unzu­frie­den­heit mit dem Kar­tell der Eta­blier­ten erfolg­te und sol­cher­art weni­ger inhalt­lich begrün­det war. Denn die Bun­des­par­tei ist unter Frau­ke Petry einst­wei­len im alles umfas­sen­den Gedan­ken­ge­bäu­de des Neo­li­be­ra­lis­mus gefan­gen; Neu­mit­glie­der wie der libe­ral­ka­pi­ta­lis­ti­sche Trans­at­lan­ti­ker Nico­laus Fest dürf­ten die­se Bin­dung verstärken.

Im AfD-Pro­gramm wird bei­spiels­wei­se viel Frei­heit für den Markt und mög­lichst wenig Spiel­raum für den Staat gewünscht. Man for­dert die Abschaf­fung der Ver­mö­gen­steu­er und pre­digt Paul Kirch­hofs Steu­er­mo­dell, nach dem für Durch­schnitts­ver­die­ner der Mit­tel­schicht der­sel­be Spit­zen­steu­er­satz von 25 Pro­zent wie für Mil­lio­nä­re gel­ten wür­de. Die­ses FDP- ori­en­tier­te Wirt­schafts- und Sozi­al­pro­gramm wider­spricht nach­weis­lich den Inten­tio­nen brei­ter Wäh­ler­schich­ten, die der AfD aus Pro­test wie auch auf­grund ihrer sozi­al­ori­en­tier­ten Wahl­kampf­slo­gans ihre Stim­men geben. Will man sich nicht des Eti­ket­ten­schwin­dels schul­dig machen, muß daher eine fun­da­men­ta­le sozi­al­po­li­ti­sche Abwen­dung vom herr­schen­den Neo­li­be­ra­lis­mus erfol­gen, und das heißt kon­kret: Die poli­ti­sche Rech­te (mit der AfD als Wahl­par­tei) muß die sozia­le Fra­ge wiederentdecken.

Dabei ist die­se vor allem eine Fra­ge der Soli­da­ri­tät, wobei letz­te­re immer eine vor­han­de­ne (kei­ne ima­gi­nier­te) Gemein­schaft vor­aus­setzt, die soli­da­risch han­deln kann. Soli­da­ri­tät ist dabei anthro­po­lo­gisch und his­to­risch zual­ler­erst ein Aspekt der Für­sor­ge für den räum­lich oder kul­tu­rell, reli­gi­ös oder eth­nisch Nächs­ten. Soli­da­ri­tät braucht daher gera­de auch ange­sichts der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wer­fun­gen Gren­zen, und die bun­des­deut­sche Lin­ke, die die sozia­le Fra­ge bis dato als ihre Domä­ne ver­ste­hen durf­te, begreift ange­sichts der Gesamt­la­ge 2016 nicht, daß sie mit ihrer For­de­rung nach eben­je­nen offe­nen Gren­zen die Grund­la­ge prak­ti­scher Soli­da­ri­tät untergräbt.

Mit ihrer »Grenzen-auf-für-alle«-Rhetorik ver­läßt sie den rea­len Hand­lungs­raum zuguns­ten einer bizar­ren Uto­pie der Bor­der­less world. Die Aus­blen­dung der Lebens­rea­li­tät der Mehr­zahl der Men­schen zuguns­ten eines ideo­lo­gi­schen Traums des »Ohne-Gren­zis­mus« (Régis Debray) bie­tet sich wie­der­um an als Angriffs­punkt für eine authen­ti­sche Rech­te, wel­che sich die sozia­le Fra­ge aneig­net. Da sozia­le Soli­da­ri­tät regio­na­les, natio­na­les oder euro­päi­sches Zusam­men­hö­rig­keits­ge­fühl erfor­dert, die Lin­ke aber in der Dau­er­kri­se Deutsch­lands und der Euro­päi­schen Uni­on nichts davon auf­weist, ist die his­to­ri­sche Chan­ce gekom­men, die Her­aus­for­de­rung der sozia­len Fra­ge anzu­neh­men und der Lin­ken neben der natio­na­len Fra­ge – in Form rea­lis­ti­scher Zuwan­de­rungs­po­li­tik, gesun­den Hei­mat­emp­fin­dens usw. – auch noch die­se end­gül­tig zu neh­men. Dann bleibt links nichts als die Pro­pa­gie­rung gesell­schafts­po­li­ti­scher Expe­ri­men­te im Rah­men der kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung. Ver­paßt die Lin­ke also die Gele­gen­heit, die Legi­ti­ma­ti­ons­kri­se der »markt­kon­for­men Demo­kra­tie« zu ihrer eige­nen Renovatio zu nut­zen, wäh­rend eine erneu­er­te Rech­te sozia­le Pro­gram­ma­tik adap­tiert und neue Reso­nanz­räu­me schafft, wer­den noch mehr Men­schen als bis­her zei­gen, daß es mög­lich ist, daß aus Lin­ken Rech­te werden.

Liest man nun Didier Eri­bons – 2009 geschrie­be­nes, aber erst 2016 ins Deut­sche über­tra­ge­ne – Doku­men­tar­werk Rück­kehr nach Reims als Offen­ba­rungs­eid über den lin­ken Ver­lust der popu­lä­ren Klas­sen, inter­pre­tiert man im glei­chen Zug die Hin­wen­dung vie­ler Fran­zo­sen zum Front Natio­nal »zumin­dest teil­wei­se als eine Art poli­ti­sche Not­wehr der unte­ren Schich­ten« (Eri­bon), dann wächst die Hoff­nung auf eine sozi­al auf­ge­stell­te deut­sche Neue Rech­te. So könn­te Frank­reich sich auch hier im Sin­ne Armin Moh­lers als poli­ti­sches Labo­ra­to­ri­um erwei­sen, des­sen Erfah­run­gen weni­ge Jah­re spä­ter in ande­ren euro­päi­schen Län­dern nach­er­lebt werden.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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