Mißbrauchter Demokratieschutz

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

Die Iden­ti­tä­re  Bewe­gung  Deutsch­land  (IBD) steht seit eini­ger Zeit im Visier der Ver­fas­sungs­schüt­zer. Nach meh­re­ren Lan­des­äm­tern hat im August auch das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz die IBD mit der in die­sen Fäl­len übli­chen Aus­kunft, »Anhalts­punk­te für Bestre­bun­gen ge- gen die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung« aus­ge­macht zu haben, unter Beob­ach­tung gestellt.

Am unver­hoh­lens­ten indes sind die Dro­hun­gen, die das Ham­bur­ger Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz hin­sicht­lich eines  Enga­ge­ments in der IBD, der eine »völ­kisch-ras­sis­ti­sche Welt­an­schau­ung« unter­stellt wird, auf sei­nen Netz­sei­ten ver­brei­tet. Die­je­ni­gen, die sich für die­se angeb­lich »rechts­ex­tre­mis­ti­sche Grup­pie­rung« – was erst noch zu bewei­sen wäre – enga­gier­ten, wür­den in den »Fokus des Nach­rich­ten­diens­tes« gera­ten und als »Extre­mis­ten« gespei­chert. Das kön­ne für die Dau­er der Betä­ti­gung in der IBD »das Aus für bestimm­te beruf­li­che Per­spek­ti­ven bedeu­ten«. Beglei­tet wird die­se »staat­li­che Feinder­klä­rung«, wie es Josef Schüßlbur­ner in Stu­die 30 des Insti­tuts für Staats­po­li­tik aus­drückt, mit einem Appell an das »sozia­le Umfeld jun­ger Leu­te«, die mit dem Gedan­ken spie­len, sich in der IB zu enga­gie­ren: »Jeder soll­te sich so früh wie mög­lich an Behör­den oder sozia­le Ein­rich­tun­gen wen­den, wenn rechts­ex­tre­mis­ti­sches Enga­ge­ment wahr­ge­nom­men wird.«

Alles das, so wird als Begrün­dung »klar und deut­lich« nach­ge­scho­ben, wol­le unser Grund­ge­setz so, »damit unse­re frei­heit­li­che, plu­ra­lis­ti­sche  und auf Gleich­be­rech­ti­gung ange­leg­te Demo­kra­tie nicht von Ver­fas­sungs­fein­den beschä­digt wer­den kann«. Wer der Fra­ge nach­geht, ob »unser Grund­ge­setz« das wirk­lich so will, wird sehr schnell dar­auf  sto­ßen,  daß es  in  Deutsch­land  mit der »demo­kra­ti­schen Wehr­haf­tig­keit« eine ganz eige­ne Bewandt­nis hat. Es sei in die­sem Zusam­men­hang nur dar­an erin­nert, daß der Arti­kel 18 des deut­schen Grund­ge­set­zes, das Maxi­mi­li­an Zech in der Neu­en Zür­cher Zei­tung (»Kann der Rechts­staat vor sei­nen Fein­den geschützt wer­den?«, NZZ vom 12. Sep­tem­ber 2016) als die »wohl ›mili­tan­tes­te‹ demo­kra­ti­sche Ver­fas­sung der Welt« gekenn­zeich­net hat, die Mög­lich­keit eröff­net, Deut­schen die Grund­rech­te zu ent­zie­hen, wenn sie die­se »miß­bräuch­lich anwenden«.

In einer »dys­funk­tio­na­len Demo­kra­tie« sei dies, so Zech, der »Traum aller Dik­ta­to­ren«. Eine Demo­kra­tie, so argu­men­tiert Zech wei­ter, zeich­ne sich vor allem durch den in der Ver­fas­sung garan­tier­ten Schutz der Frei­heit aus – wor­un­ter auch die Frei­heit fal­le, sich gegen die poli­ti­sche Ord­nung zu wen­den. Wo die­ser Schutz nicht ge- geben sei, kön­ne »von einem demo­kra­ti­schen Rechts­staat kei­ne Rede mehr sein«.

Dem­ge­gen­über steht zwei­fels­oh­ne die Gefahr, daß ein Maxi­mum an Frei­heit – Stich­wort »Erfah­run­gen der Wei­ma­rer Repu­blik« – die Gefahr mit sich bringt, daß die­se Frei­heit ver­lo­ren gehen könn­te. Die Schutz­me­cha­nis­men gegen Ver­fas­sungs­fein­de, die auf­grund die­ser Über­le­gung in eini­ge Ver­fas­sun­gen imple­men­tiert wur­den, haben aller­dings im deut­schen Fall einen ganz eige­nen Hintergrund.

Zechs Kenn­zeich­nung des Grund­ge­set­zes als »wohl ›mili­tan­tes­te‹ demo­kra­ti­scher Ver­fas­sung« trans­por­tiert bereits das rich­ti­ge Stich­wort, näm­lich Mili­tanz. Mili­tant demo­cra­cy heißt näm­lich die Ant­wort, die die deutsch-jüdi­schen Emi­gran­ten Karl Löwen­stein und Karl Mann­heim unab­hän­gig von­ein­an­der auf die von ihnen iden­ti­fi­zier­ten Defi­zi­te der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung gaben, die es ihren poli­ti­schen Geg­nern – allen vor­an natür­lich den Natio­nal­so­zia­lis­ten – ermög­licht haben soll­ten, deren Abschaf­fung mit ihren eige­nen Mit­teln zu betreiben.

Zu die­sen Defi­zi­ten zähl­te der frü­he­re sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Münch­ner Rechts­an­walt Löwen­stein den »Wer­tere­la­ti­vis­mus« oder die »Wer­ten­eu­tra­li­tät« der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung,  die  maß­geb­lich  zu deren Unter­gang bei­getra­gen habe (»Mili­tant Demo­cra­cy and Fun­da­men­tal Rights«, 1937). Grund­le­gen­de Wer­te wie »Brü­der­lich­keit, gegen­sei­ti­ge Hil­fe, sozia­le Gerech­tig­keit, Anstän­dig­keit, Men­schen­wür­de usw.«, so Karl Mann- heim (Dia­gno­sis of Our Time, 1943), könn­ten nur in einer »mili­tan­ten Demo­kra­tie« geschützt wer­den und sei­en der Aus­gangs­punkt für das Funk­tio­nie­ren einer gesell­schaft­li­chen Ord­nung. Sowohl Löwen­steins als auch Mann­heims »demo­kra­ti­scher Fun­da­men­ta­lis­mus« (Zech) fokus­siert aller­dings  ein­sei­tig  ver­fas­sungs­recht­li­che Aspek­te; die all­ge­mei­ne Kata­stro­phen­stim­mung in der End­pha­se der Wei­ma­rer Repu­blik, die unter ande­rem durch die Ein­stel­lung der US-ame­ri­ka­ni­schen Kre­di­te für die deut­sche Wirt­schaft aus­ge­löst wur­de, ver­setz­te Deutsch­land in eine Existenzkrise.

Der ver­sie­gen­de  Kapi­tal­strom und die um sich grei­fen­de sozia­le Not eröff­ne- ten den Geg­nern der Repu­blik ein gro­ßes Agi- tati­ons­feld gegen die demo­kra­ti­sche Ord­nung, was die poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen rasch ver­än­der­te bis hin zur »Macht­über­nah­me« der Nationalsozialisten.

Es setz­te sich in der Fol­ge als bis heu­te herr­schen­de Lehr­mei­nung indes die The­se durch, die Wei­ma­rer Repu­blik habe kei­ne hin­rei­chen­den insti­tu­tio­nel­len Vor­keh­run­gen getrof­fen, um den Fein­den der Repu­blik die Stirn zu bie­ten. Die­se Sicht­wei­se hat auch im Grund­ge­setz, in das wich­ti­ge nor­ma­ti­ve Grund­la­gen einer »wehr­haf­ten Demo­kra­tie« imple­men­tiert wur­den, ihren Nie­der­schlag gefun­den. Die drei grund­le­gen­den Prin­zi­pi­en der »wehr­haf­ten Demo­kra­tie« lau­ten: Wert­ge­bun­den­heit, Abwehr­be­reit­schaft und Vor­ver­la­ge­rung des Verfassungsschutzes.

Die Ver­fas­sungs­vä­ter hat­ten dabei aus­schließ­lich tota­li­tä­re Strö­mun­gen von links und rechts im Auge, mit denen auch eine »geis­tig-poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung« zu füh­ren sei. Hier­zu soll­ten die Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­te, aber auch das Infor­ma­ti­ons­ma­te­ri­al der Lan­des­zen­tra­len oder der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung einen Bei­trag lie­fern. Der Zusatz »geis­tig«, so Chris­tia­ne Hubo bereits vor knapp 20 Jah­ren in ihrer Dis­ser­ta­ti­on Ver­fas­sungs­schutz des Staa­tes als geis­tig-poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung (Göt­tin- gen 1998), zie­le auf den »Kampf um die Köp­fe«, also auf das Bewußt­sein und das Den­ken. Aller­dings dür­fe der Staat der »hete­ro­gen den­ken­den und füh­len­den Bür­ger­schaft kei­ne Wer­te­ho­mo­ge­ni­tät auf­zwin­gen, wenn er etwa die Ver­wei­ge­rung einer Über­frem­dung der eige­nen Hei­mat als ›Frem­den­feind­lich­keit‹ brand­mar­ken wür­de, um eine mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft als Wert zu installieren«.

Die  Art  und  Wei­se  der Wer­te­ver­mitt­lung (Stich­wort »Erzie­hung zur Tole­ranz«), die zum Bei­spiel im Infor­ma­ti­ons­ma­te­ri­al der Zen­tra­len für poli­ti­sche Bil­dung zum Aus­druck kommt, läuft aber genau dar­auf hin­aus, weil sie den geis­ti­gen Boden, der aus ihrer Sicht für die Ge- walt an Frem­den ver­ant­wort­lich sein soll, mit zu inkri­mi­nie­ren trach­tet. Bei dem Ver­such, die »rechts­ex­tre­me  Sub­stanz«  frei­zu­le­gen,  die  als »ras­sis­ti­sche und völ­kisch-natio­na­lis­ti­sche Denk- und Ver­hal­tens­wei­se« iden­ti­fi­ziert wird, gerät nach Hubo der »Bezug zum Natio­na­len, soweit es sich um die deut­sche Nati­on han­delt« bzw. »die Arti­ku­la­ti­on natio­na­ler Inter­es­sen« »unter das Ver­dikt der Ver­fas­sungs­feind­lich­keit«. Durch die »tabui­sie­ren­de Wir­kung« der Eti­ket­tie­rung als »ver­fas­sungs­feind­lich« indes wird aber das Ver­fah­ren der demo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dung im Hin­blick auf die Umwand­lung Deutsch­lands in einen mul­ti­eth­ni­schen Staat behin­dert. Dafür sind die »hoheit­li­chen Ver­rufs­er­klä­run­gen« (Hubo) im Hin­blick auf PEGI­DA-Bewe­gung und IBD nur die aktu­ells­ten Beispiele.

Die­se Umwand­lung hat im letz­ten Jahr er- heb­lich an Fahrt gewon­nen. Beton­te noch 1991 Eck­art Schif­fer, im Spie­gel als »Chef­den­ker für Aus­län­der­po­li­tik« des dama­li­gen Bun­des­in­nen­mi­nis­ters Wolf­gang Schäub­le vor­ge­stellt, daß Hei­mat im »Sin­ne ver­trau­ter Umwelt« so etwas »wie ein kol­lek­ti­ves Men­schen­recht« und die Brand­mar­kung der Ver­wei­ge­rung einer »Über­frem­dung der eige­nen Hei­mat« als »Frem­den­feind­lich­keit« »zum Schei­tern ver­ur­teilt« sei, hat sich die Regie­rung Mer­kel  spä­tes­tens  mit  ihrer Grenz­öff­nung im Jah­re 2015 über der­ar­ti­ge Kaute­len hinweggesetzt.

Es sei hier nur dar­an erin­nert, daß zwei ehe­ma­li­ge deut­sche Ver­fas­sungs­rich­ter, näm­lich Udo Di Fabio und Hans- Jür­gen Papier, die Bun­des­re­gie­rung auf­ge­for­dert haben, zum deut­schen Recht zurück­zu­keh­ren. Das ist bis heu­te nicht ein­ge­löst. Anfang Novem­ber lamen­tier­te Rein­hard Mül­ler in einem Kom­men­tar für die FAZ dar­über, daß im »offe­nen Deutsch­land ohne­hin jeder blei­ben« dür­fe, daher sei­en sowohl »Asyl für Ver­folg­te als auch eine Ein­wan­de­rungs­re­ge­lung  über­flüs­sig«.  Es gehe »allen­falls noch um Schutz«, und zwar »für Deut­sche« (»Wenn  jeder bleibt«,  FAZ vom 7.November 2016).

Die unzu­rei­chen­de öffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen Vor­gän­gen dürf­te auch mit der in Deutsch­land ver­brei­te­ten »eth­no­ne­ga­ti­ven Ein­stel­lung  zur eige­nen  Groß­grup­pe Volk« zusam­men­hän­gen, die es, so Hubo, gestat­te, »den Begriff Volk und sei­ne Ver­wen­dung als ein Anzei­chen von Rechts­ex­tre­mis­mus zu klas­si­fi­zie­ren«, womit eine wich­ti­ge Rah­men­be­din­gung von »Gemein­sinn, Sta­bi­li­tät des Staa­tes und demo­kra­ti­scher Ord­nung« »nach­hal­tig gestört« werde.

Aus all dem kann nur eine Schluß­fol­ge­rung gezo­gen wer­den: Nicht die IBD oder die AfD, die der deut­sche Vize­kanz­ler Sig­mar Gabri­el (SPD) bezeich­nen­der­wei­se gern in den VS-Berich­ten sähe, ero­die­ren die Demo­kra­tie in Deutsch­land, son­dern die­je­ni­gen »Extre­mis­ten der Mit­te« (Schüßlbur­ner), die unter dem Deck­man­tel der

»Wehr­haf­tig­keit der Demo­kra­tie« eine freie »geis­tig-poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung« mit unbe­que­men poli­ti­schen Oppo­nen­ten über die Gestal­tung Deutsch­lands  unter  miß­bräuch­li­cher Instru­men­ta­li­sie­rung des  Ver­fas­sungs­schut­zes zu unter­bin­den versuchen.

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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