Sezession
1. Dezember 2016

Fünf Thesen zum ausbleibenden Ereignis

Johannes Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Dieser Thesenanschlag richtet sich an die Adresse der Identitären Bewegung und besonders an Martin Sellner. Konkreter Anlaß ist Sellners Text über ein kommendes Ereignis, der nebenstehend veröffentlicht ist und die innere Problematik jener Weltanschauung, die unter der Marke »identitär« die Jugend zu erobern versucht, allzu deutlich aufzeigt. Es ist die Weitschweifigkeit des identitären Realitätsverlustes, der mehr als alles andere die vorliegende Form der einzelnen Thesen erzwingt. Ich kann nur hoffen, daß dies trotz der notwendigen Schärfe zur Verständigung führt.

Die Vierte Politische Theorie ist ein Lückenbüßer.
An dieser Stelle kann ich nur betonen, daß sich dieser Angriff weit weniger gegen Alexander Dugin, als gegen seine europäischen und insbesondere deutschen Anhänger richtet. Dugin ist eine der tragischsten Figuren unserer Zeit. Er verkörpert wie kein anderer die nicht mehr erfüllbaren Sehnsüchte des Russentums.
Man muß nur kurz an der Oberfläche seiner Vierten Politischen Theorie kratzen, um den Gedanken des Dritten Roms dahinter zu erkennen, der sich in die moderne Welt verirrt hat.

Noch 1878, als russische Truppen sechzig Kilometer vor Konstantinopel standen und Dostojewski darüber in religiöse Ekstase geriet, hätte dieser Gedanke der Gründungsmythos einer jungen Kultur sein können, wie es der einer Translatio imperii ab Karl dem Großen im Abendland war. Doch die Welt hat sich seither auf eine Weise verändert, die dies unmöglich macht. Rußland, dessen Demographie sich der Westeuropas angleicht, hat die Züge eines vergreisten Kindes angenommen. Und seien wir ehrlich, ist es nicht dieses Hätte-sein-Können, das viele Deutsche mit Rußland fühlen läßt? Erblicken sie darin nicht ein verwandtes Schicksal?
Es mag sein, daß ich mich bezüglich Rußland letztlich dennoch täusche und in diesem Volke doch noch die Kraft eines großen Glaubens schlummert, mehr noch, daß die Russen in der Lage sein werden, diesen Glauben im 21. Jahrhundert zu behaupten und zu gestalten. Immerhin gibt es wieder Einsiedler in der Taiga. Selbst dann wäre die Übernahme der Vierten Politischen Theorie durch Europa aber eine Lachnummer. Das fängt bereits damit an, daß es sich dabei weit weniger um eine politische Theorie denn um eine seltsam erzwungene Übertragung von Adventsstimmungen auf eine politische Theorie handelt, die sich irgendwann offenbaren soll.

Man erhofft sich von irgendwoher einen geistigen Impuls, von dem man noch nicht einmal genau sagen kann, welcher Not er denn eigentlich abhelfen soll, außer dem Mangel an Weltanschauung per se. Die Vierte Politische Theorie ist nicht nur nicht ausgearbeitet, sie hat noch nicht einmal einen benennbaren Gegenstand 1968 taugt nicht als Schablone für die eigenen Zielsetzungen.
Die Studentenrevolte ist, gemessen an den eigenen Maßstäben, gescheitert. Der sogenannte Erfolg von 1968 bestand in der Integration von Teilen des Personals und einiger Affekte und Ideologeme in den Nachkriegskonsens. Dies geschah nur dort, wo dieser Konsens durch die Ergänzungen nicht gestört wurde. Dabei könnte man es belassen, wenn die Achtundsechziger nicht immer wieder oft recht unreflektiert als nachahmenswertes Beispiel für gelungene Metapolitik herangezogen würden.


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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