Sezession
1. Februar 2017

Georges Sorel- Sozialer Mythos und Gewalt

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Georges Sorel (1847 –1922) ist ein ungewöhnlicher Klassiker sozialisti- scher politischer Theorie und Ideengeschichte. Die Linke tut sich bis heute schwer mit diesem eigenwilligen Denker, den Wyndham Lewis – etwas schmeichelhaft – in seinem Werk The Art of Being Ruled (London 1926) als »Schlüssel zum ganzen politischen Denken der Gegenwart« pries. Speziell in Deutschland ist auffällig, wie stiefmütterlich Sorel seitens jener Kreise behandelt wird, die sich ansonsten an den entlegensten Diskursen anarchistischer, syndikalistischer, sozialistischer und marxistischer Provenienz interessiert zeigen. Anders als für Trotzki, Lenin, Marx, Engels oder selbst Proudhon und Bakunin gibt es für Sorel keinen Verlag, der die Gesammelten Werke integral oder zumindest in Auswahl ediert. Sorel- Leser müssen sich antiquarisch mit dem geistigen Manna des Übergangsdenkers versorgen.

Ein blinder Fleck ist Sorel indes nicht nur für weltanschaulich dogmatisch respektive doktrinär ausgerichtete Zirkel der heterogenen Linken, sondern ebenso für ihre – heute rar gesäten – klugen und geistig aufgeschlossenen Vertreter. Es ist beispielsweise auf den ersten Blick irritierend, daß in Domenico Losurdos grundlegendem Werk Der Klassenkampf, in dem dessen unterschiedlichste Erscheinungen und sozialistische Analysen erforscht werden, Sorel an keiner einzigen Stelle auch nur namentlich Erwähnung findet.

Dabei hat sich dieser nicht nur in seinem Hauptwerk Über die Gewalt intensiv mit der Frage des Klassenkampfs als sozialem Mythos für die proletarische Klasse  auseinandergesetzt.  Was also stört die Linke an Sorel, welche Standpunkte nahm er ein, und wer war der Mensch und Autor Sorel, den Carl Schmitt (anerkennend) einen »Römer«, Lenin (wegwischend) einen »notorischen Wirrkopf«, Georg Lukács (verächtlich) einen »typischen kleinbürgerlichen Intellektuellen«, Armin Mohler (respektvoll) einen vorausblickenden »Regenpfeifer« und Michael Freund (lobpreisend) den »vielleicht größten Konservativen unserer Zeit« nannte?

Georges Sorel wurde am 2. November 1847 als Sohn einer katholisch-bürgerlichen Familie im normannischen Cherbourg geboren. Mit 18 ging er an die Pariser Ingenieursschule und arbeitete hernach 25 Jahre im Amt für Brücken- und Straßenbau. Insbesondere durch ein respektables Erbe war es ihm möglich, bereits mit 45 Jahren die Arbeit niederzulegen. In Boulognesur-Seine, einem in der westlichen Pariser Banlieue gelegenen Ort, kaufte er sich ein Haus. Von dort aus intervenierte Sorel in den Debatten seiner Zeit. Zunächst, ab circa 1893, tat er dies als eigenwilliger Marxist, zwischen 1898 und 1902 als »Dreyfusard« (also als Verteidiger des jüdischen Hauptmanns Alfred Dreyfus gegen Verleumdung durch nationalchauvinistische Kreise), bevor er sich ab 1903 immer stärker dem revolutionären Syndikalismus (von Syndicat /Gewerkschaft) an- näherte. Dieser reüssierte 1905 und 1906 im Zeichen einer bis dato beispiellosen Streikwelle im sozialistischen Lager.

Unter dem Eindruck von über 1000 Ausständen bei einer Beteiligung von über 400000 Streikenden verfaßte Sorel eine Artikelserie zur Affirmation des Generalstreiks, die 1908 als sein Hauptwerk Réflexions sur la violence (dt. 1928 als Über die Gewalt) erscheinen sollte. Die Bedeutung Sorels für die Streikbefürworter aus den Reihen des überwiegend syndikalistischen Gewerkschaftsbundes Confédération Général du Travail (CGT) darf indes nicht überschätzt werden. Sorel blieb durchaus ein Außenseiter, der insbesondere bei den Köpfen der CGT nicht hoch im Kurs stand. Das ist nur einer der Gründe, die dazu beitrugen, daß sich Sorel nach neuen Verbündeten umsah und sie im Lager des Neo-Roya- lismus um Charles Maurras und seine Action Française fand.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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