Georges Sorel- Sozialer Mythos und Gewalt

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Geor­ges Sorel (1847 –1922) ist ein unge­wöhn­li­cher Klas­si­ker sozia­lis­ti- scher poli­ti­scher Theo­rie und Ideen­ge­schich­te. Die Lin­ke tut sich bis heu­te schwer mit die­sem eigen­wil­li­gen Den­ker, den Wynd­ham Lewis – etwas schmei­chel­haft – in sei­nem Werk The Art of Being Ruled (Lon­don 1926) als »Schlüs­sel zum gan­zen poli­ti­schen Den­ken der Gegen­wart« pries. Spe­zi­ell in Deutsch­land ist auf­fäl­lig, wie stief­müt­ter­lich Sorel sei­tens jener Krei­se behan­delt wird, die sich ansons­ten an den ent­le­gens­ten Dis­kur­sen anar­chis­ti­scher, syn­di­ka­lis­ti­scher, sozia­lis­ti­scher und mar­xis­ti­scher Pro­ve­ni­enz inter­es­siert zei­gen. Anders als für Trotz­ki, Lenin, Marx, Engels oder selbst Proud­hon und Baku­nin gibt es für Sorel kei­nen Ver­lag, der die Gesam­mel­ten Wer­ke inte­gral oder zumin­dest in Aus­wahl ediert. Sorel- Leser müs­sen sich anti­qua­risch mit dem geis­ti­gen Man­na des Über­gangs­den­kers versorgen.

Ein blin­der Fleck ist Sorel indes nicht nur für welt­an­schau­lich dog­ma­tisch respek­ti­ve dok­tri­när aus­ge­rich­te­te Zir­kel der hete­ro­ge­nen Lin­ken, son­dern eben­so für ihre – heu­te rar gesä­ten – klu­gen und geis­tig auf­ge­schlos­se­nen Ver­tre­ter. Es ist bei­spiels­wei­se auf den ers­ten Blick irri­tie­rend, daß in Dome­ni­co Losur­dos grund­le­gen­dem Werk Der Klas­senkampf, in dem des­sen unter­schied­lichs­te Erschei­nun­gen und sozia­lis­ti­sche Ana­ly­sen erforscht wer­den, Sorel an kei­ner ein­zi­gen Stel­le auch nur nament­lich Erwäh­nung findet.

Dabei hat sich die­ser nicht nur in sei­nem Haupt­werk Über die Gewalt inten­siv mit der Fra­ge des Klas­sen­kampfs als sozia­lem Mythos für die pro­le­ta­ri­sche Klas­se  aus­ein­an­der­ge­setzt.  Was also stört die Lin­ke an Sorel, wel­che Stand­punk­te nahm er ein, und wer war der Mensch und Autor Sorel, den Carl Schmitt (aner­ken­nend) einen »Römer«, Lenin (weg­wi­schend) einen »noto­ri­schen Wirr­kopf«, Georg Lukács (ver­ächt­lich) einen »typi­schen klein­bür­ger­li­chen Intel­lek­tu­el­len«, Armin Moh­ler (respekt­voll) einen vor­aus­bli­cken­den »Regen­pfei­fer« und Micha­el Freund (lob­prei­send) den »viel­leicht größ­ten Kon­ser­va­ti­ven unse­rer Zeit« nannte?

Geor­ges Sorel wur­de am 2. Novem­ber 1847 als Sohn einer katho­lisch-bür­ger­li­chen Fami­lie im nor­man­ni­schen Cher­bourg gebo­ren. Mit 18 ging er an die Pari­ser Inge­nieurs­schu­le und arbei­te­te her­nach 25 Jah­re im Amt für Brü­cken- und Stra­ßen­bau. Ins­be­son­de­re durch ein respek­ta­bles Erbe war es ihm mög­lich, bereits mit 45 Jah­ren die Arbeit nie­der­zu­le­gen. In Bou­lo­gne­sur-Sei­ne, einem in der west­li­chen Pari­ser Ban­lieue gele­ge­nen Ort, kauf­te er sich ein Haus. Von dort aus inter­ve­nier­te Sorel in den Debat­ten sei­ner Zeit. Zunächst, ab cir­ca 1893, tat er dies als eigen­wil­li­ger Mar­xist, zwi­schen 1898 und 1902 als »Drey­fu­sard« (also als Ver­tei­di­ger des jüdi­schen Haupt­manns Alfred Drey­fus gegen Ver­leum­dung durch natio­nal­chau­vi­nis­ti­sche Krei­se), bevor er sich ab 1903 immer stär­ker dem revo­lu­tio­nä­ren Syn­di­ka­lis­mus (von Syn­di­cat /Gewerkschaft) an- näher­te. Die­ser reüs­sier­te 1905 und 1906 im Zei­chen einer bis dato bei­spiel­lo­sen Streik­wel­le im sozia­lis­ti­schen Lager.

Unter dem Ein­druck von über 1000 Aus­stän­den bei einer Betei­li­gung von über 400000 Strei­ken­den ver­faß­te Sorel eine Arti­kel­se­rie zur Affir­ma­ti­on des Gene­ral­streiks, die 1908 als sein Haupt­werk Réfle­xi­ons sur la vio­lence (dt. 1928 als Über die Gewalt) erschei­nen soll­te. Die Bedeu­tung Sorels für die Streik­be­für­wor­ter aus den Rei­hen des über­wie­gend syn­di­ka­lis­ti­schen Gewerk­schafts­bun­des Con­fé­dé­ra­ti­on Géné­ral du Tra­vail (CGT) darf indes nicht über­schätzt wer­den. Sorel blieb durch­aus ein Außen­sei­ter, der ins­be­son­de­re bei den Köp­fen der CGT nicht hoch im Kurs stand. Das ist nur einer der Grün­de, die dazu bei­tru­gen, daß sich Sorel nach neu­en Ver­bün­de­ten umsah und sie im Lager des Neo-Roya- lis­mus um Charles Mau­rras und sei­ne Action Fran­çai­se fand.

Mehr als Sorel und Mau­rras waren es jun­ge Anhän­ger bei­der Maî­tres, die eine Ideen­syn­the­se aus Syn­di­ka­lis­mus und Natio­na­lis­mus erar­bei­ten und ein Zusam­men­kom­men von pro­le­ta­ri­scher und natio­na­ler Jugend ermög­li­chen woll­ten, wäh­rend die Lehr­meis­ter die­ses Ansin­nen sol­cher Schü­ler wie Edouard Berth und Geor­ges Valo­is wohl­wol­lend dul­de­ten. Im Cer­cle Proud­hon tra­fen sie sich zu Gesprä­chen, in Sorels 1911 /12 er- schei­nen­dem Organ Indé­pen­dance und den Cahiers du Cer­cle Proud­hon publi­zier­ten und dis­ku­tier­ten sie, 1914 trenn­ten sie sich wieder.

Das Über­ge­wicht lag frei­lich bei den Natio­na­lis­ten; schon damals kam ori­gi­nä­res Quer­front­stre­ben vor allem von rechts. Doch Sorel lehn­te die Uni­on sacrée, die Burg­frie­dens­po­li­tik Frank­reichs, ab; die anhal­ten­de Kriegs­pro­pa­gan­da wider­te ihn an – er zog sich zurück. Erst 1917, als Lenin und sei­ne Bol­sche­wi­ki die bür­ger­lich-des­po­ti­sche Ord­nung in Ruß­land umstie­ßen, den Sozia­lis­mus aus den Hän­den der Intel­lek­tu­el­len ris­sen und der Entente-»Plutokratie« den Krieg erklär­ten, griff Sorel wie­der ein. Sein Essay »Für Lenin« (1919) zeugt einer­seits von einer Über­schät­zung der gestal­ten­den Rol­le der Räte/Sowjets sowie einer schwär­me­risch wir­ken­den Deu­tung des Bol­sche­wis­mus als genu­in rus­sisch-sozia­lis­ti­scher Erhe­bung wider die frem­de und »unrus­si­sche« Zarendiktatur.

Er läßt ande­rer­seits durch­bli­cken, daß Sorel – wie sein zeit­wei­li­ger Kom­pa­gnon Mau­rras – anti­se­mi­ti­schen Denk­ele­men­ten durch­aus nicht abhold war; Greu­el sei­tens der Okto­ber­re­vo­lu­tio­nä­re deu­te­te er schlicht als Ergeb­nis des Ein­flus­ses zur Revo­lu­ti­on gesto­ße­ner Juden. Par­al­lel beob­ach­te­te Sorel in Ita­li­en – sei­ner zwei­ten (geis­ti­gen) Hei­mat – den Auf­stieg des ehe­ma­li­gen Sozia­lis­ten­füh­rers Beni­to Mus­so­li­ni, den er schon in der Vor­kriegs­zeit posi­tiv wahr­ge­nom­men hat­te, mit Sym­pa­thie. Doch zwei Mona­te vor Mus­so­li­nis Marsch auf Rom ver­starb Sorel in Bou­lo­gne-sur-Sei­ne. Es bleibt daher offen, ob ein Essay »Für Mus­so­li­ni« gefolgt wäre.

Auch wenn anzu­neh­men ist, daß der Theo­re­ti­ker des revo­lu­tio­nä­ren Syn­di­ka­lis­mus letzt­lich die Kum­pa­nei Mus­so­li­nis mit der Mon­ar­chie und mit der ihr über­wie­gend die­nen­den Bour­geoi­sie abge­lehnt hät­te, bleibt an die­ser Stel­le bereits eini­ges zu kon­sta­tie­ren, näm­lich: daß Sorels revo­lu­tio­när-syn­di­ka­lis­ti­sche Anhän­ger vor allem in Ita­li­en über­wie­gend zum Faschis­mus über­gin­gen (dar­un­ter Kurt Erich Suckert, bekann­ter als Cur­zio Mala­par­te, in Frank­reich zudem Pierre And­reu oder Geor­ges Valo­is); daß Mus­so­li­ni beken­nen­der Sorelia­ner war; daß Sorel unter­schied­lichs­te Den­ker der poli­ti­schen Rech­ten in sei­nen Bann zog, die häu­fig – direkt oder auf Umwe­gen – im Lager der Faschis­men lan­de­ten; und daß schließ­lich der israe­li­sche His­to­ri­ker Zeev Stern­hell mit stu­pen­der Beweis­füh­rung (und gegen Ernst Nol­tes Miß­in­ter­pre­ta­tio­nen) eine direk­te ideen­po­li­ti­sche Linie von Sorel zu Mus­so­li­ni zog, deren Anfang er in Sorels ver­streu­tem Œuvre aus­macht und deren Kata­ly­sa­tor die »Keim­zel­le« des (roma­ni­schen) Faschis­mus in Gestalt des natio­nal­syn­di­ka­lis­ti­schen Cer­cle Proud­hon ver­kör­per­te. Gleich­zei­tig blieb Sorel aber zeit­le­bens der rei­chen Ideen­welt des fran­zö­si­schen Sozia­lis­mus und Syn­di­ka­lis­mus ver­haf­tet und wur­de über­dies auch von kämp­fe­ri­schen Kon­ser­va­ti­ven in Anspruch genommen.

Dies liegt zum ei- nen in Sorels unsys­te­ma­ti­schem, bis­wei­len chao­ti­schen Gesamt­werk be- grün­det, aus dem man sich mühe­los auch ein­zel­ne Ver­satz­stü­cke aneig­nen kann, und liegt zum ande­ren am strik­ten Anti­li­be­ra­lis­mus Sorels, des­sen kon­se­quen­te Ableh­nung des Par­la­men­ta­ris­mus und der bür­ger­li­chen Gesell­schafts­ord­nung als sol­cher es ermöglicht(e), daß sich Anti­li­be­ra­le und Libe­ra­lis­mus­kri­ti­ker jeder Cou­leur polit­theo­re­ti­sches Rüst­zeug der Sorel­schen Gedan­ken­welt zu eigen machen können.

Die blei­ben­de Tri­as die­ser Gedan­ken­welt bestand aus (bür­ger­li­cher) Deka­denz, (sozia­lem) Mythos und (pro­le­ta­ri­scher) Gewalt – trotz aller Schwan­kun­gen im Lebens­lauf des revo­lu­tio­nä­ren Den­kers, in dem der kon­ser­va­ti­ve Sorel mit dem sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren eher inter­agier­te als rang.

»Deka­denz« und »Bür­ger­tum« waren für Sorel in Zei­ten der bür­ger­li­chen Drit­ten Repu­blik in Frank­reich untrenn­bar mit­ein­an­der ver­knüpft. Er ver­ab­scheu­te den kar­te­sia­ni­schen Ratio­na­lis­mus, den Opti­mis­mus wie auch den Intel­lek­tua­lis­mus und die Erb­schaf­ten der Auf­klä­rung, höhn­te über Vol­taire und Des­car­tes, Rous­se­au und Comte, des­glei­chen über die zeit­ge­nös­si­schen par­la­men­ta­ri­schen Sozia­lis­ten wie Jean Jaurès.

Sorel ver­stand Geschich­te weni­ger als chro­no­lo­gi­schen  Ablauf von Klas­sen­kämp­fen, son­dern viel­mehr als ein bestän­di­ges Ankämp­fen gegen die all­ge­gen­wär­ti­ge Bedro­hung des Nie­der­gangs, wobei es an der kon­kre­ten Situa­ti­on des frü­hen 20. Jahr­hun­derts lie­ge, daß nun das moder­ne Pro­le­ta­ri­at als revo­lu­tio­nä­res Sub­jekt in den Kampf gegen die De- kadenz zie­hen müs­se. Die­se ist in Sorels Vor­stel­lun­gen untrenn­bar ver­bun­den mit der abs­trak­ten Form der Pari­ser Libe­ral­de­mo­kra­tie, dem Par­la­men­ta­ris­mus. Er war für Sorel nur eine Ver­schleie­rung der Herr­schaft eli­tä­rer libe­ra­ler Klün­gel, die sich zwar auf das Volk berie­fen, aber als Leisu­re class (Müßig­gän­ger­klas­se) die »Herr­schaft der Schwät­zer« er- rich­tet hät­ten. Was Sorel beson­ders ver­är­ger­te, war die Absi­che­rung die­ser par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie durch die Hypo­k­ri­sie der groß­städ­ti­schen Intel­li­gen­zi­ja und die Kol­la­bo­ra­ti­on durch die Reform­so­zia­lis­ten, deren Ver­söhn­ler­tum Sorels Ver­ach­tung weckte.

Letz­te­re rede­ten von sozia­ler Gerech­tig­keit und Gleich­heit, träum­ten vom Welt­pro­le­ta­ri­at und feilsch­ten mit ihrer Par­la­ments­kon­kur­renz, wäh­rend Moral- und Sitt­lich­keits­bil­der der Arbei­ter auf der Stre­cke blie­ben und sich eine nivel­lie­ren­de Mit­tel­mä­ßig­keit durch­set­zen konnte.

Dies berührt einen zen­tra­len Punkt: Sorels Sozia­lis­mus­bild war vor allem ein sitt­li­ches, sein Eli­ten­be­griff ein mora­li­scher. Sorel hoff­te, daß das revo­lu­tio­nä­re Pro­le­ta­ri­at zu einer sitt­li­chen und mora­li­schen Kraft wür­de, daß es sich im Kamp­fe zusam­men­schwei­ßen und in der kon­zen­trier­ten Anstren­gung zum heroi­schen Akteur gegen die Demo­kra­tie als Tür­öff­ne­rin der Deka­denz wer­den wür­de. Sei­ne See­len­grö­ße habe die Arbei­ter­klas­se dabei bereits erlangt: als »Pro­du­zent«, als gestal­te­ri­sche Kraft, als Trä­ger jener Wer­te wie »Mut« und »Schöp­fer­geist«, die einst­mals das auf­stre­ben­de Bür­ger­tum zeig­te, bevor es in den Stru­del der Deka­denz ge- riet und nun dro­he, das Pro­le­ta­ri­at mit sei­nem span­nungs­lo­sen, der Nütz­lich­keit und Bequem­lich­keit erle­ge­nen Den­ken anzustecken.

Wäh­rend also Marx die »Auf­he­bung« des Pro­le­ta­ri­ats in einer klas­sen­lo­sen Gesell­schaft anstreb­te, wich Sorel deut­lich davon ab: Sein Ansin­nen war die Zuspit­zung der gesell­schaft­li­chen »Pola­ri­sie­rung«, die Stär­kung der Klas­sen­di­cho­to­mie, der Kampf des Pro­le­ta­ri­ats gegen die Bour­geoi­sie als Mit­tel, den Geg­ner wie­der »in Form« zu bringen.

Daß Sorel in wesent­li­chen Fra­gen anti­ken Idea­len anhing, die er mit Gedan­ken Ernest Ren­ans und Pierre Joseph Proud­hons ver­meng­te, wird hier deut­lich: Es ist die Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit einer sitt­li­chen Erneue­rung, die Sorel die Action direc­te for­dern ließ. Der Wert eines Men­schen war für ihn dar­an zu bemes­sen, inwie­weit die­ser bereit war, An- stren­gung und Kampf zu inves­tie­ren, um an alte, aber ewig gül­ti­ge Über­lie­fe­run­gen eines »sitt­li­chen Hel­den« anzu­knüp­fen, der krie­ge­ri­sche Tugen­den in der Schlacht eben­so ver­in­ner­licht wie in der Pro­duk­ti­on. Der Klas­sen­kampf war nun jener Pro­zeß, in der die wich­tigs­te Klas­se zu ihrer Rol­le als Gemein­schaft sitt­li­cher Hel­den erzo­gen wer­den müs­se, der Gene­ral­streik sein Vehi­kel, der sozia­le Mythos die ent­schei­den­de Trieb­kraft. Sorel woll­te revolutionieren.

Daher stell­te er die Fra­ge, wie es mög­lich sei, Men­schen zu his­to­risch wir­ken­den Ein­hei­ten zusam­men­zu­schlie­ßen, die durch die schöp­fe­ri­sche Tat selbst Geschich­te schrei­ben. Für ihn bewirk­ten den Auf­bruch ele­men­ta­rer Kräf­te nie Begrif­fe oder abs­trak­te Theo­rien, son­dern – ein Bild. Ein Bild, das berührt, das die Men­schen ergreift. Der Jour­na­list Hans Barth bringt Sorels Mythos-Ide­al auf den Punkt, wenn er akzen­tu­iert, daß der Mythos Gemein­schaft erzeugt, »weil er Men­schen im Inners­ten trifft«. Er reißt mit und for­miert jene Mas­se, die nicht form­los vege­tiert, son­dern geord­net  zur  Ein­heit  drängt  und der Ver­ein­ze­lung der Men­schen ein Ende setzt. Nur ein sozia­ler Mythos kön­ne Begeis­te­rung wecken und die Men­schen zu Taten anre­gen. Der Mythos erweckt also die Kräf­te der mensch­li­chen See­le und hebt die Per­sön­lich­keit über ihr bis­he­ri­ges Dasein hin­aus. Sorel streb­te indes danach, einen eige­nen Mythos zu beschrei­ben, der eine revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung ent­facht und die über­kom­men­de bür­ger­li­che Ord­nung hinwegfegt.

Die­ser sozia­le Mythos ist für Sorel die Idee des Gene­ral­streiks, der durch eine or- gani­sier­te und dis­zi­pli­nier­te Arbei­ter­schaft durch­ge­führt wird und Schluß macht mit der bür­ger­li­chen Gesell­schafts- und Wirtschaftsordnung.

Her­vor­zu­he­ben ist, daß Sorels Mythos-Kon­zep­ti­on grund­sätz­li­che Erkennt­nis­se bereit­stellt, die los­ge­löst von die­ser kon­kre­ten gewerk­schaft­li­chen Pra­xis des ers­ten Dez­en­ni­ums des 20. Jahr­hun­dert zu betrach­ten sind. Zunächst ist für Sorel der Mythos ein Gegen­satz zur Uto­pie. Wäh­rend eine Uto­pie ide­al­ty­pisch, aber ratio­nal argu­men­tie­rend, eine künf­ti­ge Ord­nung ver­heißt; wäh­rend sie Men­schen zu Refor­men ver­an­laßt, die zumin­dest ein Teil­stück auf dem Weg zum gro­ßen Ziel ver­wirk­li­chen sol­len; wäh­rend eine Uto­pie also ratio­nal auf­schlüs­sel­bar und refor­mis­tisch in Tei­le auf­lös­bar wäre, sei der Mythos immer auf ein Gan­zes aus­ge­rich­tet. Er die­ne den Men­schen dazu, sich auf einen Kampf gegen das all­ge­mein Bestehen­de vor­zu­be­rei­ten, ohne aber eine kom­men­de Ord­nung mit prä­zi­sen Vor­stel­lun­gen zu ent­wer­fen (Sorel lie­ße uns hier ohne­hin im Stich: Er gou­tier­te weder Eli­ten­herr­schaft noch reprä­sen­ta­ti­ve Demo­kra­tie, weder Dik­ta­tur einer Avant­gar­de noch Basisdemokratie).

Nun wird ver­ständ­li­cher, wie­so Sorel bis heu­te vor­ge­wor­fen wird, die Kräf­te des Irra­tio­na­lis­mus ent­fes­selt zu haben, denn er ver­weist Uto­pien in die Sphä­re der »Ver­nunft« respek­ti­ve des »Ver­stands«, wäh­rend sein Mythos nicht angreif­bar sei, da sei­ne Wur­zeln in den irra­tio­na­len, also den vor­ra­tio­na­len »Mäch­ten der See­le« lägen. Der Mythos erscheint so wie eine Reli­gi­on der Dis­kus­si­on ent­zo­gen: Man glaubt oder man glaubt nicht. Es ist dies ein wei­te­rer Aspekt, durch den Sorel klas­si­schen Mar­xis­ten als Häre­ti­ker erschei­nen muß­te, indem er die Macht des Irra­tio­na­len gegen ratio­na­le und mate­ria­lis­ti­sche Denk­wei­sen ausspielte.

Sorel dach­te hier aber ja nicht an das Eigen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln oder die fik­ti­ve kom­mu­nis­ti­sche Zukunfts­ge­sell­schaft, son­dern er streb­te nach einer mora­li­schen Phi­lo­so­phie des Pro­le­ta­ri­ats, für die er einen kraft­vol­len Mythos inau­gu­rie­ren woll­te, um der anhal­ten­den bür­ger­li­chen Deka­denz ein gewal­ti­ges Ende zu bereiten.

Man berührt hier den drit­ten und letz­ten Punkt der Sorel­schen Tri­as: die Gewalt. Die Spra­che Sorels arbei­tet, was Deka­denz und Mythen glei­cher­ma­ßen anbe­langt, häu­fig mit krie­ge­ri­schen Ter­mi­ni. Sorel woll­te aber kei­ne Mas­sa­ker, kei­ne stump­fe Gewalt (auch wenn er mein­te, es sei mit­un­ter nütz­lich, »die Red­ner der Demo­kra­tie und die Ver­tre­ter der Regie­rung zu ver­prü­geln«), kei­ne Ver­gel­tungs­ak­te gegen die Aus­beu­ter­klas­se oder ähn­li­ches. Wie Carl Schmitt nach ihm beton­te schon Sorel die Gefahr einer Ver­wi­schung der Feindbegriffe.

Haß und Rache dürf­ten in der Aus­ein­an­der­set­zung kei­ne Rol­le spie­len, Unbe­tei­lig­te sei­en zu respek­tie­ren, die Rit­ter­lich­keit des Kamp­fes zu bewah­ren, Exzes­se des Res­sen­ti­ments (wie 1789 /93) zu ver­hin­dern. Gewalt ist nach Sorel kein Selbst­zweck, son- dern eine Erschei­nung des Lebens, die der Mythos her­vor­ruft, um die herr­schen­de Klas­se in einem Hand­streich abzu­set­zen und eine neue Ära der Dis­zi­plin und Wür­de zu begin­nen. Der an Hen­ri Berg­sons Lebens­phi­lo­so­phie Geschul­te, der Dasein als Kampf und ewi­ges Wer­den dank des Schwungs des Lebens (Élan vital) begriff, bewegt sich hier gewiß auf der denk­bar schmals­ten Rasier­klin­ge; und daß Sorel von Freund und Feind als pau­scha­ler Apo­lo­get der Gewalt miß­ver­stan­den wur­de, lag vor allem auch in sei­nen eige­nen, bis­wei­len unkla­ren Gedan­ken­äu­ße­run­gen begründet.

Anzu­fan­gen wäre zunächst mit einer Nega­tiv­be­stim­mung der Sorel­schen Gewalt: Was war sie nicht? Sie war kei­ne Auf­for­de­rung zum Bar­ri­ka­den­kampf, kein Schrei nach dem anar­chis­ti­schen Furor der Blan­quis­ten. Sorel belä­chel­te deren indi­vi­du­el­len Ter­ror  eben­so wie ihre Vor­stel­lung, in 48 Stun­den eine Gesell­schaft umer­zie­hen zu kön­nen, denn das wür­de nichts ande­res bedeu­ten als sie zu ver­ge­wal­ti­gen und mit scho­ckie­ren­dem Ter­ror zu über­zie­hen. Sie war eben­so­we­nig eine nack­te Gewalt gegen die herr­schen­de Klas­se, weil das die Sitt­lich­keit unter­gra­ben wür­de. Auch Gewalt gegen Sachen – etwa Sabo­ta­ge in der Fabrik des Groß­in­dus­tri­el­len – schließt Sorels Gewalt­be­griff aus, da der Stolz des Arbei­ters in Sorels Vor­stel­lung sol­che Angrif­fe nicht zuließe.

»Gewalt« im Sin­ne Sorels, um eine posi­ti­ve Bestim­mung zumin­dest zu umrei­ßen, heißt das akti­ve Stre­ben danach, daß etwas um jeden Preis ver­wirk­licht wer­den sol­le. Kein »Mehr oder weni­ger« wie bei Refor­mis­ten, son­dern ein apo­dik­ti­sches »Entweder–Oder«, kein Dis­ku­tie­ren und Aus­han­deln, son­dern die direk­te Akti­on, die ohne jede Ver­hei­ßung auf ein kon­kre­tes Neu­es das über­leb­te Alte stürzt. Sorels Gewalt­be­trach­tun­gen sind, wie Micha­el Freund her­vor­hob, ein »Bekennt­nis zur Wür­de des Krie­ges«: Der Kampf schaf­fe Dis­zi­plin, die Dis­zi­plin tra­ge einst die neue Gesell­schaft. Die Tugend des Krie­gers ist dabei die Tugend des Pro­du­zen­ten et vice ver­sa. Nicht Ideen, zeig­te sich Sorel über­zeugt, schaf­fen poli­ti­sche Kämpfe.

Erst die poli­ti­sche Akti­on an sich gebiert Ideen, die sich wäh­rend der Kämp­fe äußern und ent­fal­ten. Das ist all­ge­mein­gül­tig. Blickt man wie­der auf das kon­kre­te Emp­fin­den Sorels bezüg­lich des Gene­ral­streiks, so bleibt lapi­dar zu fra­gen, was Sorel sich denn in con­cre­to als Ziel des Streiks vor­stellt? Für Sorel hat­te der Gene­ral­streik sein Werk getan, wenn er das Pro­le­ta­ri­at heroi­scher wer­den lie­ße und die Rück­kehr zu Arbeit, Stren­ge und Dis­zi­plin beschleu­ni­ge – auch wenn ansons­ten nichts zu erzie­len wäre. Er schreibt an einer Stel­le in Über die Gewalt zwar von einem »Über­gang der heu­ti­gen Men­schen zu dem Zustan­de frei­er, in Be- trie­ben ohne Her­ren arbei­ten­der Pro­du­zen­ten«, aber Zukunfts­pro­gno­sen- zäh­len nun mal nicht zu Sorels Vermächtnis.

Geor­ges Sorels Ver­mächt­nis liegt in fol­gen­dem begrün­det: Er ver­an­ker­te – ers­tens – die Not­wen­dig­keit eines elek­tri­sie­ren­den Bil­des, eines Mythos, im poli­ti­schen Den­ken Euro­pas, das für jede poli­ti­sche Bewe­gung nötig ist, um sie nach vor­ne zu trei­ben oder um ihr die von Schmitt so benann­te »Kraft zum Mar­ty­ri­um« zu spen­den. Sorel lehr­te – zwei­tens – das Prin­zip der Unver­söhn­lich­keit. Sein Dik­tum besag­te, daß es nicht statt­haft sei, »auf allen Vie­ren vor einem alten Kame­ra­den zu krie­chen«, der Kar­rie­re im Beam­ten­ap­pa­rat mach­te und daß es gänz­lich über- flüs­sig sei, »vor den Toi­let­ten der Minis­ter­da­men vor Ent­zü­ckung außer sich zu gera­ten«. Dem­ge­gen­über riet er zu beschei­de­nem, dis­zi­pli­nier­tem und stren­gem poli­ti­schen Stre­ben. Drit­tens immu­ni­siert Sorel sei­ne Leser gegen den Gang in die harm­lo­se Bür­ger­lich­keit der arri­vier­ten Refor­mis­ten. Man müs­se sich nicht um Wohl­ge­fal­len einer »von Toll­heit befal­le- nen Klas­se« bemü­hen, schreibt er in sei­nem Haupt­werk. Über hun­dert Jah­re spä­ter scheint die­ses Sorel­sche Aper­çu gera­de­zu hochaktuell.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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