Sezession
1. Februar 2017

Die Logik der Gewalt

Gastbeitrag

von Wiggo Mann

pdf der Druckfassung aus Sezession 76/Februar 2017In postheroischen Überflußgesellschaften wird Gewalt als irrationale Folge von Ressourcenknappheit, Bildungsferne, Perspektivlosigkeit oder Intoleranz betrachtet, als eine »Kurzschlußreaktion« von Menschen, die – insofern sie nicht dem »rechten« politischen Spektrum zuzuordnen sind – aus Frustration und Verzweiflung zu Gewalt als Mittel greifen. Es gibt je- doch auch ganz andere Erklärungen. Um diese Erklärungsmodelle geht es im folgenden. Sie spielen im öffentlichen Diskurs jedoch kaum eine Rolle, denn sie stellen die gängigen Grundannahmen in Frage.
95 Prozent aller Konfliktsituationen lösen sich ohne Gewalt auf. In westlichen Gesellschaften hat die Gewaltbereitschaft in den vergangenen Jahrhunderten kontinuierlich abgenommen, etwa fünf Prozent der jungen Männer begehen etwa 60 Prozent der Gewaltdelikte. In den vergangenen Jahrzehnten sanken sowohl die Gewaltkriminalitätsrate als auch die Bereitschaft, für das eigene Land in den Krieg zu ziehen.

Evolutionspsychologen wie Martin Daly und Margo Wilson erklären den Rückgang der Gewalt mit der Anwesenheit von Staatlichkeit, denn in nichtstaatliche Gesellschaften komme es zu weitaus mehr tödlichen Gewalttaten. Der Psychologe Steven Pinker (Harvard) unterstützt diese Beobachtung und weist auf eine »humanitäre Entwicklung« der vergangenen Jahrhunderte hin, die durch Staatlichkeit überhaupt erst stattfinden konnte. Er sieht außerdem in den Feminisierungstendenzen moderner Gesellschaften eine Abkehr von machohafter Verherrlichung von Gewalt, wodurch die Wahrscheinlichkeit abnehme, daß »gefährliche Subkulturen« entstünden.
Wo Gewalt vorkommt, wird diese meist unter dem oben erwähnten Erklärungsmuster eingeordnet und sehr häufig als »sinnlos« bezeichnet. Die Verwendung des Begriffs »sinnlose Gewalt« transportiert dabei eine moralische Wertung, die zur Erklärung des Phänomens keinen Beitrag leistet. Denn Gewalt ist häufig häßlich, verwerflich, zerstörerisch und tragisch, doch über deren »Sinn« als auslösenden Impuls oder Motiv bestimmen fast ausschließlich die Täter, weniger die Opfer oder Beobachter.

Der »Sinn« wird dabei durch den Täter nach materiellen oder immateriellen Kriterien gestiftet, die nachvollziehbar sein können, es aber nicht zwingend sein müssen. Und hätte Gewalt keinen objektiv meßbaren Nutzen, wäre es also zutreffend, daß es dabei »immer nur Verlierer« gibt, dann hätte die Evolution sich dieses Phänomens längst entledigt. Selbst der Racheimpuls ist eine Reaktion, die zwar affektiv ist, objektiv betrachtet aufgrund von darin begründeten Gewaltspiralen sogar gesellschaftlich destabilisierend sein, aber dennoch eine sinnvolle Funktion haben kann. Tatsächlich dient Gewalt, angewandt oder angedroht, als Instrument zur Erfüllung materieller und immaterieller Bedürfnisse oder Ansprüche, Beute oder Prestige.
Die Hegung dieser Gewalt durch stabile Staatsgebilde und ein staatliches Gewaltmonopol war mit dem Westfälischen Frieden 1648 ein zentrales europäisches Projekt. Gewalt Einzelner auf eigene Rechnung sollte sich nicht mehr lohnen, sollte also zunächst materiellen und – mit zunehmen- der Ächtung – dann auch immateriell nicht mehr sinnvoll sein.


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