Sezession
1. Februar 2017

»Lieber feige als tot« – Ein theoretischer Aufruf zur Gewalt

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

  • Sezession

Gewalt ist mit Clausewitz, Weber und Luhmann wesentlich »Erzwingungshandeln«, sie erzwingt ultimativ körperliche Unterwerfung. Je weiter eine Kultur fortschreitet, desto deutlicher wird physische Gewalt über- flüssig, desto mehr wird sie zu einer bloß noch symbolischen »Deckungsgarantie«, von einem Durchsetzungs- zu einem Darstellungsmittel.

Gewalt nicht anwenden zu müssen, sondern ihren Einsatz auf ihre Nichteinsetzung zu übertragen, kennzeichnet moderne ausdifferenzierte Gesellschaften. Was nämlich bleibt, ist die Drohung. Keine der modernen »symbolisch generalisierten Kommunikationsmittel« (Recht, Liebe, Politik, Erziehung usw.) funktionieren ohne das, was Luhmann ihre »symbiotischen Mechanismen« nannte, und das sind nun einmal: Körper. Politik ist Machtkommunikation, deren Ultima ratio – selbst in den Debatten zwischen ununterscheidbaren Blockparteien und auf allen parlamentarischen Vermittlungsebenen – Gewalt ist. Die moderne Demokratie tut nur so, als wäre diese undenkbar geworden und als wäre das ihr glanzvolles Verdienst.

Im Jahre 1990 ist der französische Kulturphilosoph Pascal Bruckner fast schon so gründlich infiziert von den Debatten der Nouvelle Droite um Alain de Benoist, daß er die Demokratie am liebsten ihrem selbstgemachten Untergang preisgeben würde. Tut er dann doch nicht, Linke haben da ja immer so eine irrationale Hoffnung in der Hinterhand, die alle Widersprüche versöhnen soll, aber der Beginn von Die demokratische Melancholie (dt. 1991) liest sich prophetisch.

Bruckner schreibt: »Demokratie fordert Haß heraus, denn sie ist die Gegnerin der dunklen Seite des menschlichen Lebens.« Sie ist so friedlich, so ausgewogen, so vernünftig und allgemeingültig, daß Gewalt, Polarisierung, Irrationalität und Unterdrückung keinen Platz mehr haben, außer als Negativpol, den zu bekämpfen die Demokratie einzig und weltumspannend berufen ist. Die Demokratie hat es geschafft, ihre Entstehungsbedingungen (Kampf gegen Unterdrückung, Ungleichheit, Gewalt und Gefahr) völlig unsichtbar zu machen. Demokratie ist uns Heutigen nur in den Schoß gefallen. Daß es einmal ein ungeheurer Kampf war, demokratische Prinzipien zu erringen, fällt uns nicht mehr auf, soll uns nicht mehr auffallen, denn fiele es uns auf, hätte die Demokratie noch nicht alle »antidemokratischen« Widersprüche abgetötet.

Manès Sperber hat 1970 den revoltierenden jungen Leuten entgegen- gehalten, daß es ungeheuer vermessen sei, die Nachkriegsdemokratie der- art in den Schmutz zu ziehen und sie der »repressiven Toleranz« und des »Konsumterrors« zu bezichtigen, wo ihm, 1905 als galizischer Jude geboren, noch überdeutlich vor Augen stehe, was die eben erst überwundene Alternative zu dieser Gesellschaft gewesen sei. »Allerdings«, so notierte Sperber in seiner Schrift Wider den Zeitgeist, sei »ihre radikale Verachtung nur ideologisch, denn in der Praxis genießen sie mit vollen Backen alles, was der technische Fortschritt und eine generöse Wohlstandsgesellschaft Angehörigen der ›gebildeten Stände‹ bieten können, deren Appetit so konstant ist wie ihre Überzeugung, daß sie Anrechte haben, die die Vorrechte des ›Establishments‹ sind«.

Zwanzig Jahre später ist dieser Widerspruch wohlgeglättet, die Demokratie samt »sozialer Marktwirtschaft« hat sich alternativlos durch- gesetzt, noch die widerborstigsten Revolutionäre haben es eingesehen, sind älter und machen mit. Ihr Verbalaktionismus ist die eingemeindete Schrumpfform des Widerspruchs. Bruckner geißelt die damals wie heute endemische »Faschismus«- und »Barbarei«-Schreierei anläßlich völlig banaler institutioneller, politischer und kultureller Erscheinungen. Es  ist eine »Perversion der Begriffe, in völligem Frieden die Sprache des Krieges zu sprechen«. Wahrscheinlich merken aus diesem Grunde die gegenwärtigen Linken nicht mehr, wann es wirklich ernst wird. Ihre Hysterie im ausgehenden 20. Jahrhundert hat die Wahrnehmungsorgane bleibend geschädigt.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

  • Sezession

Kommentare (0)

Anmelden Registrieren