Sezession
1. Februar 2017

Selbstverharmlosung

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Als ich 2009 mein mittlerweile längst vergriffenes Pamphlet Provokation veröffentlichte, stellte ich dem Buch folgendes Motto voran: »Laßt uns, wenn wir uns treffen, niemals harmlos über das Harmlose reden.« Diese Aufforderung – vor allem an mich selbst gerichtet! – hat heute noch weit größere Berechtigung als damals. Denn damals lebten wir noch im BRD-Biedermeier: Der Umbau in eine an der Lebenswirklichkeit der Normalbürger vorbeikonstruierte Gesellschaft lief gemächlich, sediert, ungestört ab, und wie immer vor großen Erschütterungen waren es wenige feiner justierte Seismographen, die erste Haarrisse in der Kruste aufzeichneten.

Mittlerweile nimmt jeder Besitzer eines Twitter-Accounts wahr, daß die Dinge in Deutschland ins Rutschen geraten sind: Es gibt eine täglich tiefer werdende Kluft zwischen den offiziellen Durchhalteparolen und der Lebenswirklichkeit im Lande. Die Verteidiger des rasenden Gesellschaftsumbaus, die Nutznießer der Ausbeutung unseres fehllaufenden Staates haben verbal und strukturell fast alle Hemmungen verloren, um zu bekämpfen und zu verhindern, was zwangsläufig kommt und von immer mehr mutigen Leuten organisiert wird: die Gegenbewegung zu den elenden Gesellschaftsexperimenten  auf  allen Feldern.

Diese Gegenbewegung, von uns auch als Widerstandsmilieu mit seinen unterschiedlichen Widerstandsbausteinen bezeichnet, hat sich parteipolitisch, publizistisch, aktivistisch und mental bereits jetzt so durchgesetzt, daß ihr die an lässige Siege gewöhnte politisch-mediale Klasse ratlos gegenübersteht. Es handelt sich um einen Erdrutsch, der die Talsohle noch nicht erreicht hat, von dem also noch keiner weiß, was er auf seiner Bahn noch mitreißen, zermalmen und verschütten wird. Es gibt Alternativen für Deutschland in allen Bereichen: Der große Abgeordneten-Austausch hat erst begonnen, nonkonforme, rechte Medien verzeichnen Wachstum, wo das herkömmliche Angebot in den Zeitungsständern vergilbt, und »Wir schaffen das« wird nur noch von Leuten verwendet, denen nichts peinlich ist.

Die dümmeren unter den selbsternannten Verteidigern einer offenen, geistig geradezu homogenen Gesellschaft holen ab und an noch mit der Faschismuskeule aus, aber sie fahren damit nur mehr durch die Luft oder finden sich zur Kenntlichkeit entstellt im Internet wieder, verwundert sich die Augen reibend, wenn ihnen jemand erklärt, daß diese Keule nicht mehr treffe und die Regeln des herrschaftsfreien Diskurses nicht mit dem Selbstverständnis einer linksliberalen, superoffenen und toleranten Gesellschaft vereinbar seien.

Aber Denunziations- und Empörungsrituale sind eben keine Methode, sondern Ausweise schlechter Charaktereigenschaft: Ständig ist irgendwer »fassungslos« darüber, daß Höcke ebenso laut denken darf wie Trittin, Petry selbstverständlich FPÖ-Hände schüttelt und gemeinsam mit Geert Wilders und Marine le Pen auf der Bühne steht, Pirinçci immer noch Bücher veröffentlicht und keine Woche ohne Artikel über die Köpfe der Neuen Rechten, die Identitären oder den nächsten prominenten parteilichen Aus- oder Übertritt vergeht, wobei sich ein neues Thema durchzusetzen beginnt: wie zu verhindern wäre, daß die Auseinandersetzung, die ja längst geführt wird, auf Augenhöhe gehoben wird. Noch immer treten in Talkshows vier Gute gegen den einen Bösen an, und selbst über dieses gebotene Podium sind viele noch immer fassungslos.

Diese »Fassungslosigkeit« ist ein Ausdruck der Hilflosigkeit: Höcke ist Fraktionschef und geht den »Thüringer Weg«, Petry weiß rund 15 Prozent der Wähler hinter ihrer Partei, bundesweit, und das sind ein paar Millionen Leute. Pirinçci findet einen neuen Verlag, auch dann, wenn Amazon, Libri, KNV, Random House und Heiko Maas in Treue fest zusammenstehen. Und wenn, wie im Januar geschehen, der sachsen-anhaltische Innenminister Holger Stahlknecht seine Beteiligung an einer Podiumsdiskussion im Theater Magdeburg mit meiner Beteiligung absagt, weil er von seinem Ministerpräsidenten zurückgepfiffen wird (es arbeiteten ganz viele Entmündiger mit Erfolg daran), dann wird er eben für den März zusagen, oder im Sommer oder in einem Jahr: Wir sind dran, sind interessant, das ist ja logisch, und alles andere wäre komisch.

Entmündiger? Ja, dieser Begriff ist bewußt gesetzt, denn auch in der Diskussionsverhinderung (der dritten von fünf Stufen der politischen Abwehrschlacht des Establishments) liegt verschüttet eine Gretchenfrage: Sagt, wie habt ihr’s mit der Mündigkeit, mithin der Vernunftbegabtheit, mithin der Wahlbefähigung des Normalbürgers? Ist er nur dann mündig, wenn er einen Bundespräsidenten Steinmeier akzeptiert, der in der einzigen freien Wahl, der er sich außerhalb seiner Partei je stellte, eine derbe Schlappe gegen Merkel kassierte? Oder ist der Normalbürger auch dann vernunftbegabt und einer Entscheidung fähig, wenn er sein Kreuz bei der AfD macht?


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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