Sezession
1. Februar 2017

Der Finger im Primatenkot – der schöne Traum vom gewaltfreien Leben

Lutz Meyer

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

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Jean-Jacques Rousseau war gewiß nicht der erste Mensch, der den Traum vom gewaltfreien Leben träumte. Doch er träumte ihn auf besondere Weise: als Kritik am Zivilisationsprozeß. Und er träumte ihn im weltgeschichtlich passenden Augenblick. So kam es, daß der Traum vom gewaltfreien, harmonischen Miteinander in der Rousseauschen Ausprägung eine besondere Wirkmächtigkeit entfalten konnte.
Hauptcharakter dieses Traums ist der edle Wilde als der unverdorbene Naturmensch. Unberührt von den Zwängen der Zivilisation, lebt er in friedlicher Harmonie und Koexistenz. Dieser Mensch im Naturzustand liebt sich selbst (Amour de soi), kann Wesen der gleichen Art nicht leiden sehen und stellt deshalb für sie keine Bedrohung dar (Pitié). Außerdem zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, sich selbst zu vervollkommnen (Perfectibilité). Erst im Zuge des Zivilisationsprozesses, der durch Bevölkerungswachstum und nachfolgende Ressourcenknappheit angetrieben wird, wandelt sich das Bild: Selbstliebe wird zur Selbstsucht, es kommt zur Entfremdung. Von Natur aus, so Rousseau, sei der Mensch gut.

Wirklich? Hätte man es nicht schon damals besser wissen können? Die zeitgleich ablaufende amerikanische Westkolonisation zeigte immer- hin deutlich, daß keiner der in den amerikanischen Weiten angetroffenen Indianerstämme von Natur aus friedlich lebte – Gewalt war immer dabei, und zwar nicht nur als rein reaktive Gewalt. Der Versuch, Rousseaus Traum im politischen Traum von Liberté, Egalité und Fraternité konkret auszugestalten, mündete bekanntlich in die Blutorgie der Französischen Revolution.

Als die junge Ethnologin Margaret Mead 1925 nach Samoa reiste, war sie weder der Sprache der Ureinwohner mächtig noch auf andere Weise sonderlich gut vorbereitet. Sie entstammte einer liberalen Familie aus Philadelphia/ Pennsylvania und glaubte wie viele Menschen ihrer Zeit voller Optimismus an das Gute im Menschen. Als Schülerin des Anthropologen Franz Boas war sie darüber hinaus wie dieser überzeugt, daß jede Kultur nur aus sich selbst heraus zu verstehen sei, ihre eigene Geschichte und Entwicklung habe – weshalb man auch nicht versuchen solle, ein allgemeines Gesetz aufzustellen, nach dem Kulturen sich entfalteten. Daß freilich schon die Grundannahme eines von Natur aus guten und zum gewaltfreien Miteinander neigenden Menschen von Voreingenommenheit und Realitätsblindheit zeugte, zogen weder Margaret Mead noch ihr akademischer Lehrer jemals in Betracht.

So durfte es auch nicht verwundern, daß Mead bei ihren Forschungen auf Samoa einen fast paradiesisch und traumhaft anmutenden Gegenentwurf zur lustfeindlichen und gewalttätigen westlichen Zivilisation anzutreffen glaubte. Sie berichtete verzückt von einer frei und ohne Zwänge heranwachsenden Jugend, schilderte die liebevolle Nachsicht bei der Erziehung des Nachwuchses, schwärmte von der Libertinage, die es der Jugend gestattete, gleichsam spielerisch und ohne verklemmte Moralvorstellungen sexuelle Erfahrungen zu sammeln.

So könnten die westlichen Neurosen sich gar nicht erst entwickeln – man bleibe ein Leben lang sanft gestimmt, locker und frei von Eifersucht, Rivalität, Ehrgeiz, Gewalt. Sie habe weder Mord noch Selbstmord noch Notzucht beobachten können, schrieb sie. Der Westen war begeistert – der Traum Rousseaus vom edlen Wilden, das Gauguinsche Südseeidyll stand in schönster Blüte und zog die Menschen magisch an: Seht, so sagte man, ein solches Leben ist möglich, wenn man sich nur von den Zwängen der Zivilisation befreit. Ganz ähnliche Träume träumten zuvor schon im Wilhelminischen Zeitalter und nach dem Ersten Weltkrieg die ersten deutschen Lebensreformer, Rohköstler und Nacktturner, freilich stark beargwöhnt von der Obrigkeit.


Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

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