Sezession
1. Februar 2017

Die Macht der Gewaltlosigkeit

Martin Sellner

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Am 28. Januar 2016 sitzt Jim Palmer, CEO von Campbell Edward, einer großen amerikanischen Werbeagentur, an seinem Schreibtisch und fühlt sich erstmals in seiner beeindruckenden Karriere machtlos. Bereits am nächsten Tag wird er arbeitslos sein. War Jim Palmer ein mächtiger Mann? Wirtschaftlich betrachtet: ja. Er war einflußreich, glaubte an die Macht des Geldes und verachtete wahrscheinlich die »unproduktiven« Ideologen und Geisteswissenschaftler an den Unis. Doch an diesem Tag zeigte ihm genau diese Gruppe, was Macht sei: Es war die eMail-Einladung zu einer Kostümparty, versandt von einem engen Mitarbeiter, die Palmer zu Fall brachte. Das Thema der Party hieß »Ghetto-Life«, und das Design spielte mit jenen Gangster-Stereotypen, die von Schwarzen selbst gerne in Rap- Videos verbreitet werden.

Palmer bearbeitete diese Einladung nicht mit der angemessenen »Sensibilität«, das heißt: Er verurteilte sie nicht scharf, brachte den Fall nicht an die Öffentlichkeit und entließ seinen Mitarbeiter nicht. Die Einladungsmail sowie Palmers Versäumnis wurden öffentlich. Das reichte, um die gesamte Macht Palmers zu zerstören. Die »antirassistische Agenda«, die wirtschaftlich unbedeutende Social justice warriors in häßlichen Hörsälen ausgebrütet hatten, konnte die Karriere eines Wirtschaftskapitäns in Augenblicken beenden. Ein Entrüstungssturm in den linken Medien – schon fürchteten Palmers Stakeholder um ihr Geld. Seine Verdienste galten nichts mehr, er mußte gehen.

Mit Max Weber gesprochen, bedeutet Macht »jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht«. Es gibt verschiedenste Grundlagen für Macht – von sozialem Druck über vertragliche Einigung bis hin zum staatlichen Oberbefehl. Das Beispiel Jim Palmers zeigt: Auch die größte ökonomische Macht besteht nur im Rahmen der und bei stiller Duldung durch die metapolitische Macht. Die kulturelle Hegemonie, das ist für mich der Ausgangspunkt jeder ernsthaften Analyse, ist das Zentrum der politischen Macht.

Kein Netzwerk und Vermögen kann so groß sein, daß es einen Ver- stoß gegen das moralische Regelwerk ermöglicht. Der metapolitische Canossagang Heinrichs IV., der gegen die damalige »kulturelle« Hegemonie aufbegehrte, findet heute tagtäglich statt. Die Hypermoral des Westens hat dies zur Tagesordnung gemacht. Der Rahmen des Sagbaren ist schnei- dend eng, eine machtvolle »Priesterherrschaft« der multikulturellen Intelligenzija führt die scheinbaren Potentaten am Gängelband. Was Antonio Gramsci in seinem Vergleich mit den westlichen-bürgerlichen Gesellschaften und dem feudalistischen Rußland herausarbeitete, hat sich verschärft. Wir sprechen heute von einem »Infokrieg«. Das Machtzentrum der europäischen Demokratien liegt nicht bei der Armee, der Polizei, dem Staat und auch nicht bei der Wirtschaft. Es liegt in der öffentlichen Meinung. Macht haben diejenigen, die sie in Fernsehsendungen, Zeitungsartikeln, Vorlesungen, Theaterstücken und Popsongs erzeugen.

Es war Alain de Benoist, der in seinem bahnbrechenden Werk die linke Kulturhegemonie als Hauptfeind und die Eroberung derselben als Hauptaufgabe einer Neuen Rechten erkannt hat. Doch was der Neuen Rechten weitgehend fehlte, war eine strategische Handreichung für ihre Aktivisten. Wie »kämpft« man als aktivistische Gruppe am besten in die- sem Infokrieg?


Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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