Sezession
1. Februar 2017

Rückzug aus Algerien – eine Lehre

Gastbeitrag

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Geschichte wiederholt sich nicht, so wissen wir oder glauben zu wissen. Doch sie kann vorausgreifen, kann antizipieren, und dies zumeist unerkannt, ja unbewußt. Nur wenige, die in die Geschehnisse ihrer Zeit involviert sind und zugleich in ausreichender Distanz zu ihnen leben, vermögen es, die Zeichen oder Menetekel auszumachen, die Zukünftiges symbolisch oder real vorwegnehmen. Geschichtsträchtige Ereignisse erschöpfen ihr Potential selten in der Tagesaktualität, und was geboren wird, wächst sich aus. Freilich kann es sehr lange dauern, bis etwas aus der Vergangenheit in der Zukunft ausgetragen sein wird.

Der Krieg in Algerien wurde von vielen, zumeist französischen Beteiligten, als epochale Zäsur wahrgenommen. Der Verlust des Département français Algerien war für sie auch ein Verhängnis, das weit über Frankreich hinausgreifen würde. Das ahnten die Soldaten und europäischen Siedler (Colons oder Pieds-noirs genannt) am Atlas. Damals als unverbesserliche Imperialisten und bald schon als Faschisten geschmäht, versteht man erst heute, was sie geahnt haben könnten.

Die bewaffnete Organisation de l’armée secrète (Organisation der geheimen Armee), kurz OAS, lieferte den algerischen Aktivisten des FLN sowie später den französischen Sicherheitsorganen ein blutiges Rückzugsgefecht, das sich heute angesichts neuerer dystopischer Ahnungen aus der Feder eines Boualem Sansal (2084) oder Michel Houellebecq (Unterwerfung) als Vorhut neuer, weiter reichender Rückzüge ausnimmt.

Memoiren von Generälen genießen literarisch wie historisch einen eher schlechten Ruf. Eine Ausnahme bilden ausgerechnet diejenigen de Gaulles, des Gegners von Luftwaffengeneral Maurice Challe (1905 –1979), des einstigen Oberbefehlshabers der 10. französischen Militärregion, Algerien. Dessen Erinnerungen, Stellungnahmen, Rück- und Ausblicke wurden unter dem Titel Notre Révolte / Unsere Revolte zusammengefaßt und 1968 veröffentlicht.

In diesem Jahr, das die Mai-Revolten der Linken in Paris sehen sollte, begnadigte de Gaulle den Putschisten des Jahres 1961 nach knapp siebenjähriger Haft. Diese Memoiren, die der Autor gleichwohl nicht als solche bezeichnen mochte, sind ein leidenschaftliches Plädoyer für das Handeln nach Maßgabe des eigenen Gewissens und eines einmal gegebenen Versprechens, und zwar auch dann, wenn das Handeln gegen die legitime staatliche Ordnung gerichtet ist. Ähnlich übrigens, wie es der frisch ernannte General de Gaulle 1940 selbst getan hatte, als er sich nach London absetzte und damit die Kapitulation seiner Regierung vor Deutschland rundweg ablehnte.

Maurice Challe beschreibt engagiert, unromantisch und mit geradezu seherischer Nüchternheit, die nur aus dem hautnahen Miterleben stammen kann, das Scheitern Europas (er spricht mehrfach ausdrücklich von Occident) in Nordafrika. Man lernt etwas über den unbarmherzigen Charakter des revolutionären Krieges, dem sich die Kämpfer des FLN, der Befreiungsfront für ein unabhängiges Algerien, verschrieben hatten und welcher den politischen Entscheidungsträgern im fernen Paris stets wie »Sanskrit« vorgekommen sein muß, so der bissige Ausdruck des Experten.

Man nimmt teil am Frust eines Militärs, der mit kühnen Operationen dabei war, in den Djebels des Hinterlandes den Krieg militärisch zu gewinnen, den die Regierung kurz darauf politisch verspielen würde. Man staunt über sein achtungsvolles Verstehen der muslimischen Mentalität, die Loyalitäten eher an Respektspersonen knüpft denn an abstrakte Verwaltungsnormen anonymer Apparate. Schließlich erfährt man Näheres zu dem Umsturzversuch einer Gruppe hoher Militärs vom 21. bis 25. April 1961, zu deren Führung er gehört hatte und dessen Scheitern in der fehlenden Einheit der französischen Armee sowie im noch intakten Nimbus des Weltkriegshelden de Gaulle begründet lag. Die darauf folgenden Säuberungen, die bis in die bundesdeutschen Garnisonen reichten, schwächten die Armee auf Jahre hinaus und ließen sie in den Augen ihrer algerischen Gegner an Achtung einbüßen.

Bei alldem ist Maurice Challe weder ein glühender Imperialist noch ein Anhänger einer Militärdiktatur zur Rettung eines französischen Algeriens. Er ist vielmehr ohne Illusionen über das Schicksal der Europäer in Afrika wie über das der Algerier nach dem Rausch der Unabhängigkeit von Frankreich. Das Abtreten Algeriens an eine terroristische Organisation wie den FLN war in seinen Augen kein Akt der De-Kolonisierung, die er im Grundsatz begrüßt, für die es aber vernünftige Verhandlungspartner und eine innere Stabilität gebraucht hätte. Algerien hatte man vielmehr an Terroristen ausgeliefert, um so rasch wie möglich zu einem Frieden zu gelangen. Die europäische Bevölkerung, die 1958 noch voll Hoffnung auf die Rückkehr de Gaulles ins höchste Staatsamt geblickt hatte, vor allem, nachdem er die magischen Worte »Je vous ai compris!« aussprach (»Ich habe euch verstanden!«, was immer noch anders klingt als »Wir schaffen das«), wurde mehr oder weniger sich selbst überlassen.

Was nütze es da, Franzose zu sein, wenn einem die Kehle durchschnitten würde, fragt Challe bitter. Altruistisch sei man nur, solange es nicht an das eigene Leben gehe, hält er den betont humanistischen Stimmen aus dem fernen Mutterland entgegen. Am Ende steht die Einsicht eines altgedienten Militärs, der weiß, daß man sich bei der Menschenführung nicht allein auf Worte, sondern ebenso auf die Qualität von Blicken verlassen müsse.

Die OAS ist Vergangenheit. In der Wunde der Pieds-noirs hatte sie sich als Wundbrand entwickelt und hielt sie somit über Jahre offen, als Paris und das Mutterland von dem Schicksal ihrer Mitbürger auf der anderen Seite des Mittelmeeres schon nichts mehr wissen wollten. Sie wurde in der hysterischen Phase nach dem Militärputsch von französischen Intellektuellen der selbstgewissen Hauptstadt gar als faschistisch verfemt, obwohl in ihr neben den konservativen Militärs katholische Traditionalisten, rechte

Revolutionäre, linke Gewerkschaftler und auch ehemalige Résistance- Kämpfer eine Aktionsplattform gefunden hatten. Sogar einige wenige jüdische Mitglieder und Sympathisanten hatte sie, welche die Organisation an der Seite israelischer Siedlerbewegungen im Dauerkampf mit arabischen Ansprüchen verorten wollten. Allen gemeinsam war der Einsatz für ein französisches Algerien. Hinzu kam das  psychologische Trauma vieler junger Offiziere, denen das Foltern gefangener FLN-Kämpfer befohlen worden war und die man nach der abrupten politischen Kehrtwende mit dieser Schuld alleine ließ.

Dennoch ist unbestritten: Die OAS wählte den Weg des Terrors, vor allem dann, als Pläne, einen Maquis (Bezeichnung französischer Partisanen während des Zweiten Weltkriegs) in Gebieten befreundeter muslimischer Stämme zu gründen, buchstäblich im Sande verliefen und Propagandaaktionen wie Graffiti oder die Inbetriebnahme eines Piratensenders angesichts der sich zuspitzenden Lage nicht mehr ausreichend erschienen.

Begonnen hatte sie im Ausland, in Franco-Spanien, wo sich in Madrid die zivile Bewegung FAF (Front de l’Algerie française) einen geheimen Zweig zulegte, der später den Namen OAS erhielt. Gegründet wurde sie von Zivilisten, die nicht am Putsch der Generäle in Algerien beteiligt waren (entgegen manch falscher Darstellung). Schlagkräftig wurde sie aber erst durch den Eintritt hoher Offiziere, darunter des ehemaligen Oberbefehlshabers der französischen Armee in Algerien und eines der späteren Köpfe des Putsches Raoul Salan, dem sogleich die Führung der Organisation übertragen wurde. Obwohl bereits während der legendären Schlacht um Algier 1956 eine rege Zusammenarbeit zwischen Zivilisten und Militärs bestanden hatte, gestaltete sich diese innerhalb der OAS besonders schwierig. Es rächte sich nun, daß die Organisation ein Sammelsurium an Strömungen vereinen und zu einer gemeinsamen Linie verpflichten wollte.

Es fehlte ihr eine klare politische Strategie ebenso wie eine effiziente Führung im Untergrundkampf, und dies, obwohl ausgerechnet die Militärs als Spezialisten des revolutionären Krieges galten. Trotzdem gelangen ihr mit der Zeit zum Teil spektakuläre Aktionen, wie 1962 die Einnahme des europäischen Stadtteils von Algier, Bab-el- Oued, der als eine Art europäisches Masada von Arabern und französischen Ordnungskräften gleichermaßen befreit werden sollte. Die Folge waren wochenlange Straßenkämpfe mit der regulären Armee. Den über- wiegenden Teil des Repertoires jedoch bildeten Attentate, die erst selektiv, später auch blindlings vorgenommen wurden und in der Endphase, als die Unabhängigkeit Algeriens unumkehrbar geworden war, in eine Politik der verbrannten Erde (Terre brûlée) einmündeten.

Der Terror verlagerte sich bald auch nach Frankreich, wo man versuchte, den Präsidenten der Fünften Republik, General de Gaulle, zu liquidieren, so wie es im berühmten Thriller Der Schakal von Frederick Forsyth beschrieben wird. Das bekannte Attentat von Petit-Clamart hingegen, bei dem Oberstleutnant Bastien-Thiry gleichsam zu einem Stauffenberg der französischen radikalen Rechten avancierte, entsprang nicht ihrer Planung (auch hier gibt es nach wie vor falsche Darstellungen).

Das Ende der OAS in Frankreich zeichnete sich ab, als die Anschläge völlig Unbeteiligte trafen, wie 1962 beim Angriff auf den Wohnsitz von André Malraux, bei dem das Mädchen Delphine Renard schwer verletzt wurde, was den Kampf der OAS bei der Bevölkerung endgültig in Mißkredit brachte. Zwar versuchten Aktivisten auf die vielen vom FLN ermordeten Kinder der Colons aufmerksam zu machen, doch war die mediale Schlacht endgültig verloren.

Die OAS hat keines ihrer Ziele je erreicht: Sie konnte nicht wesentlich Einfluß auf die Regierung in den Verhandlungen mit dem FLN nehmen. Im Gegenteil, sie diente dem FLN sogar noch als propagandistische Munition, um politisch Druck auszuüben. Auch konnte sie den massenhaften Exodus der europäischen Bevölkerung aus Algerien weder stoppen noch wirksam decken, und dies trotz eines Geheimabkommens mit dem FLN in Algier. Dem Massaker an der Zivilbevölkerung von Oran am 5. Juli 1962, bei dem auch pro-französische Algerier zu den Opfern enthemmter Teile der FLN gehörten, mußte sie machtlos zusehen.

Die OAS wurde schließlich zum Mythos, ja beinahe schon zum Wiedergänger in der französischen Innenpolitik. In den Reihen des Front National um Jean-Marie Le Pen, der zwar in Algerien gedient hatte, jedoch nie Mitglied der OAS gewesen war, witterte man regelmäßig ehemalige Aktivisten. Gleichwohl griff der Patriarch des FN in einer Rede 1992 in Nizza das Motiv ihres Kampfes auf, um ihm sogleich eine brisante Aktualität zuzuweisen: Der damalige Kampf für ein französisches Algerien sei die Vorbereitung gewesen für den anstehenden Kampf für ein französisches Frankreich.

Ausblick: Wie hältst Du es mit der Gewalt?

Kriegführende tauschen Eigenschaften aus, so heißt es lapidar. Daß man vom Gegner lernen könne, gilt ebenso als bellizistische Binsenweisheit. Dennoch kann man ihn nie imitieren, Kontext und Mentalität müssen berücksichtigt werden. Sicher liegt auch hier ein Grund für das Scheitern der OAS, die als eine Art »französisch-europäischer FLN« ebenbürtig Antwort geben wollte und bald feststellen mußte, daß diese Form der Gewalt bei ihren Landsleuten fern des Maghreb auf keinerlei Verständnis stieß. Obwohl gerade die Militärs unter ihren Mitgliedern Mao Tsetung gelesen hatten, der lehrte, in einem Guerillakrieg müsse aufgrund des militärischen Ungleichgewichts besonderer Wert auf den inneren Zusammenbruch des Feindes gelegt werden, oder in Maos poetischem Stil gesprochen: »das Netz breit auswerfen und eng zusammenziehen«, gelang es nie, eine wirksame Subversion zu entwickeln.

Der Feind, der FLN, war im Gegenzug bereits früh an mehreren Fronten aktiv, insbesondere ab dem Zeitpunkt, als er militärisch de facto besiegt war. Wichtige Schauplätze waren die Mobilisierung der internationalen Öffentlichkeit sowie die Einwurzelung in die (damals schon) in Frankreich arbeitenden Algerier. So wurden harmlos klingende Parallel-Gewerkschaften gegründet, um der Propaganda und der »Spendensammlung« unter den algerischen Arbeitern eine legale Fassade zu verleihen. Aus einem Kommuniqué der Organisation von 1958, das im befreundeten Kairo verfaßt worden war, geht her- vor, wie der legale Rahmen Frankreichs hemmungslos ausgenutzt werden sollte, da nur die Souveränität Algeriens Loyalität verdiene. All dem war die OAS nicht gewachsen und hatte nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Vor allem aber fehlte ihr in Zeiten der allgemeinen Entkolonisierung die internationale Rückendeckung.

Was hat dieser Rückgriff auf eine vergangene Periode mit unserem Heute zu tun? Warum sich mit einem Phänomen wie der OAS überhaupt beschäftigen? Zum einen war sie der gewaltsame Ausdruck einer damals noch kaum bewußten Angst vor einem größeren Rückzug, der, wie eingangs gesagt, nicht auf das französische Algerien allein beschränkt bleiben würde. Doch auch aus der fehlgeschlagenen Strategie lassen sich Lehren für den Kampf in der längst begonnenen Neu-Kolonisierung Europas durch die Kultur des Islams ziehen.

Hierzu lohnt sich ein kurzer Blick auf einen anderen revolutionären Kampf, an dessen Ende ebenso eine nationale Unabhängigkeit stand: Gandhis gewaltlose Kampagnen gegen die britische Kolonialverwaltung Indiens. Man vergißt hierzulande schnell, daß Gandhi zuallererst indischer Nationalist war! Fußend auf der Darstellung des unbequemen indischen Psychologen Ashis Nandy, der sich intensiv mit den psychologischen Implikationen von Gandhis Kampf befaßt hat, könnte man folgendes in Betracht ziehen: Wie wäre es, wenn man keine Anpassungsleistung an  die Kampfmethode des aggressiven Islams erbringen würde, sondern konsequent dessen entschlossene Antithese verkörperte?

Wie wäre es, wenn man die Stereotype der Leitmedien umkehren, die tradierten Bilder auf den Kopf stellen und ihnen keinen Gefallen mehr tun würde und das Klischee der dumpfen, rechten Gewalttätigkeit durchbräche? Wie wäre es, wenn man den Gegner diskreditieren würde, anstatt seine Methoden zu kopieren? Wie wäre es schließlich, wenn man den Gegner durch emotionale Disziplin in seiner übersensiblen Emotionalität treffen und so zu taktischen Fehlern verleiten würde? Bei diesen Impulsen, die sicher schon in der Diskussion sind, gilt freilich auch, daß Gewalt als legitime Notwehr in ihrem Recht unangetastet bleibt.

Die schwachen Nerven großer Teile der (west-)deutschen Verwöhngesellschaft würden nichts anderes ertragen oder verstehen. Diese Teile gilt es zu gewinnen, möchte man sich nachhaltig etablieren. Doch sollte ihnen eines gezeigt werden: Gewaltlosigkeit heißt nicht Kampflosigkeit.


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