Sezession
1. Februar 2017

Der Flüchtling als Sündenbock

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wer sich René Girards Thesen nähern will, muß zunächst alles aus seinem Kopf verbannen, was er über das Heilige und die Gewalt zu wissen glaubt. Etwa Rudolf Ottos Definition des Heiligen als  »mysterium  tremendum  et fascin- ans« oder Mircea Eliades Diktum, das Heilige sei eine »objektive Realität«, die der profanen »Relativität subjektiver Erfahrungen« gegenüberstehe. Auch Jan Assmanns These, daß der Monotheismus die Gläubigen zum Eifern verpflichte und darum die Entfesselung von Gewalt begünstige, hat kaum Berührungspunkte mit René Girard.

Der 1923 in Avignon geborene und 2015 in Stanford, Kalifornien, gestorbene Literaturwissenschaftler und Religionsphilosoph bestand darauf, einen anthropologischen Universalschlüssel entdeckt zu haben, der sich mit der neutestamentlichen Offenbarung decke. Ausgangspunkt von  Girards Denken ist seine Auffassung  von  der mimetischen  Natur des Begehrens, die er 1961 erstmals in sei- ner literaturwissenschaftlichen Studie Figuren des Begehrens (frz. 1961, dt. 1999) ausarbeitete.

Nach Girard sind die menschlichen Gesellschaften von »Mimesis« geprägt, einem rivalisierenden Nachahmungsverhalten, das Konflikt, Haß, Neid und Ressentiment hervorrufe und im schlimmsten Fall zum Hobbesschen »Krieg aller gegen alle« eskalieren könne. Dabei stellt Girard die oft spiegelbildliche Ähnlichkeit der Konfliktparteien fest – es gäbe nichts, »was einer wütenden Katze oder einem zornigen Menschen mehr gliche als eine andere wütende Katze oder ein anderer zorniger Mensch.« Wie Tocqueville vor ihm erkannte er, daß, wer alle Menschen zu vaterlosen, gleichen Brüdern mache, die Rivalitätskämpfe nur ausweite und generalisiere. Dabei entzünde sich das menschliche Begehren, der Gegenstand des zehnten Gebotes, stets am Be- gehren der anderen. Der Mensch begehre nicht nur, was ihm fehlt oder was ein anderer Mensch besitzt, sondern auch weil es andere Menschen begehren, die dadurch zu Rivalen werden. Dabei geht Girard so weit, dem Begehren jeglichen autonomen Charakter abzusprechen: Der Mensch wisse nur dann, was er begehren solle, wenn andere Menschen es auch begehrten.

An dieser Stelle erhebt sich der erste Ein- wand gegen Girards Theorie: Wenn das Begehren tatsächlich rein mimetisch zustande kommt, wer hat dann zu begehren begonnen und aus welchen Gründen? Ist das Begehren eine Art Perpetuum mobile aus einander aufstachelnden subjektiven Begierden, die lediglich durch Nachahmung anderer Begehrender zustande gekommen sind? Hat das konkrete Objekt des Begehrens keine Wirklichkeit und keine Eigenschaften, die es objektiv begehrenswert machen, auch ohne die Anwesenheit eines Dritten?

Mit seinem Hauptwerk Das Heilige und die Gewalt (frz. 1972, dt. 1987) wechselte Girard von der psychologisch-individuellen auf die soziologisch-kollektive Ebene. Er präsentierte die Frage nach den Grundlagen der Kultur als eine Art Kriminalfall, dessen Spuren jahrtausendelang verwischt worden seien. Pate standen dabei Freuds Thesen aus Totem und Tabu (1913): In der Darwinschen Urhorde herrschte ein »gewalttätiger, eifersüchtiger Vater, der alle Weibchen für sich behält und die heranwachsenden Söhne vertreibt«. Der Akt der Tötung dieses Patriarchen durch die sich zusammenrottende Brüderschar und seine spätere,  das  Schuldgefühl der Täter kompensierende kultische Verehrung, habe den Totemismus und das Inzesttabu der primitiven Völker begründet.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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