1. Februar 2017

Der will nur spielen

Johannes Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

Politischer Aktivismus ist entweder illegal oder langweilig. Ob Besteigung eines Denkmals oder Sitzblockade vor einer Parteizentrale: Aktionen, die über die monotonen Sprechgesänge angemeldeter Demonstrationszüge hinausgehen, verstoßen in irgendeiner Weise gegen die staatlich verfaßte Ordnung. Es gibt einen propagandistischen Grund für den Regelbruch: Er erzeugt Aufmerksamkeit. Marshall McLuhans Diktum, daß das Medium die Botschaft sei, gilt jedoch nirgendwo so sehr wie hier. Der Regelbrecher erklärt sich bereits durch den Regelbruch zum nicht Einverstandenen. Er wirft dabei gleichzeitig die Frage auf, in welchem Verhältnis er, der Regelbrecher, zu der von ihm verletzten Ordnung steht.

Dieter Thomä versucht mit seiner Geschichte des Störenfrieds, des puer robustus, zu einer Theorie politischer Ordnung und Ordnungsstörung durchzudringen. Diese Geschichte beginnt mit Hobbes, der den puer robustus als Bild des gegen den Gesellschaftsvertrag aufbegehrenden Starrkopfs in die politische Literatur einführte. Sie beginnt jedoch auch in einem anderen Sinne mit Hobbes, mit der Herleitung des Staates vom Individuum. Die zahlreichen Volten seiner, im übrigen von einer ganz erstaunlichen Gelehrsamkeit getragenen, Reise durch die Geistesgeschichte der letzten drei Jahrhunderte führen in manches Mal an die Grenzen dieser Konstruktion, doch er kehrt immer wieder in sie zurück. Die Vertragstheorie kann er noch durch die Anerkennung der Tatsache überkommener Institutionen überwinden, doch an der Grundlage ändert sich nichts.

Denn daß Institutionen überhaupt vorhanden sind, wird von Thomä als Problem aufgefaßt. Durch ihr bloßes Vorhandensein verweisen sie den Gesellschaftsvertrag ins Reich der Legenden. Mit der Figur des puer robustus versucht Thomä diesen Schaden zu beheben, ohne die Gesellschaft freier Individuen dabei aufzugeben. Der puer robustus, der kräftige Kerl, steht dabei sinnbildlich für die Liminalität politischer Ordnung. Keine Ordnung umfaßt alles, sondern sie ist durch die eigene Schwelle bestimmt, eine Schwelle, die zwar hemmt und eingrenzt, aber auch überschritten werden kann. Die Dialektik von Ordnung und Störung tritt an die Stelle des einmal festgesetzten Gesellschaftsvertrags. An dieser Dialektik ist an sich nichts auszusetzen. Im Gegenteil, sie beschreibt eine grundlegende Tatsache. Doch da der Fehler der Vertragstheorien nicht systematischer, sondern substantieller Natur ist, gerät hier die Dialektik an ihre – absoluten – Grenzen.

Der individualistische Mythos der Aufklärung ist der einzige Blickwinkel, von dem aus Thomä das Problem von Ordnung und Ordnungsstörung zu betrachten vermag. Der Rahmen ist dadurch gesetzt. Zum Kernproblem  wird das »Paradox der Demokratie«. Es lohnt diese Problemstellung in extenso zu zitieren:

»Es werden zwei Kreise gezogen: ein Kreis derer, denen Rechte zugesprochen werden und für die sie gelten, und ein Kreis derer, von denen Rechte gesetzt werden. Um der Gleichheit willen muß die Demokratie versuchen, diese zwei Kreise zur Deckung zu bringen. Dies ist – kurz gesagt – unmöglich. Selbst wenn eine demokratische Ordnung etabliert ist, besteht sie nicht störungsfrei. Der erste Kreis weitet  sich  aus und umfaßt am Ende alle Menschen, denn wer Rechte beansprucht und wahrnimmt, tut dies in seiner Eigenschaft als Mensch, kraft seiner Freiheit.

Die Bürgerrechte sind demnach darauf aus- gelegt, sich zu Menschenrechten auszuweiten. Der zweite Kreis bleibt eng, denn die Gesetzgebung ist an einen kollektiven Prozeß gebunden, der faktische Teilnahme und aktive Mitwirkung erfordert. Die Ausweitung der Willensbildung auf alle Menschen ist nicht zu machen.« (S. 109) Die Demokratie wird also definiert als eine Setzung und Inanspruchnahme von Rechten, von welchen diese schon aus formalen Gründen universell sei und jene dem normativen Anspruch universeller Teilhabe unterliege.

Diese radikale Entortung, die die Demokratie im Wortsinne mit der Wurzel herausreißt, führt bei Thomä nicht zum Ruf nach der Weltrepublik, es entsteht aber ein Bild, in welchem beständig Außenstehende in die bestehende Ordnung eindringen und ihr Teilhaberecht einfordern. Da dieser Prozeß nie an ein Ende kommt, kann man Thomäs Idealdemokratie als permanente Emanzipation beschreiben. Daß soziale Prozesse entweder dynamisch sind oder tot, das sei hier noch nicht einmal ernstlich in Frage gestellt. Das Problem besteht darin, daß sein Schema gerade die Erkenntnis über solche Prozesse blockiert. Da die Inanspruchnahme von Rechten dogmatisch auf die Eigenschaft des vermeintlichen Rechteinhabers der menschlichen Spezies anzugehören gründet, kann die ganze Bandbreite seiner weiteren Eigenschaften nicht in Betracht kommen. Diejenigen, die nicht auf individuelle Eigenheiten reduzierbar sind, fallen sogar aus dem Wahrnehmungsraster.

Die Mißachtung bestimmter Tatsachen zugunsten anderer ist nun keineswegs immer ein Irrtum. Sie ist notwendige Voraussetzung jeder Abstraktion und jedes Modells. Mit solchen Abstraktionen und Modellen kann und muß gearbeitet werden – aber im Bewußtsein ihrer Grenzen. Thomä aber, darin liegt die göttliche Ironie seines Werkes, schließt aus was nicht ins Schema paßt. Es darf nicht sein. Nichts ist hier so verräterisch, wie ein Satz über die Natur der Natur:

»Vielleicht sollte man hier besser von Pseudonatur sprechen, denn hinter deren Macht kann eigentlich alles stecken, wenn es nur dieses eine Kriterium erfüllt: daß es hors discussion, allem Zweifel enthoben, schlechterdings vorentschieden und im Einklang zu genießen ist.« (S. 248) Dieser Satz steht bezeichnenderweise im Kapitel über Richard Wagner und zwar gegen Wagners Forderung an die Menschen, in der »Erdnatur« die »Bedingung ihres Daseins, Lebens und Schaffens« anzuerkennen. Hierin erkennt Thomä ein Diskursverbot, allerdings nicht in dem Sinne, in dem dieses Wort in den letzten Jahrzehnten gebräuchlich wurde, als Verbot eines Diskurses über Tatsachen. Im Gegenteil, die Tatsachen sind hier das Problem. Sie stören die Freiheit der discussion, die hier mit der Verhandlung der Individuen über den Sollzustand ihrer Gesellschaft fast in Eins fällt. Diese kaum verhüllte Forderung nach einem Dispens  von der Wirklichkeit entspringt dem Willen ein auf dem Individuum basierendes politisches Schema zu halten. Ohne diese (halb-)bewußte Blindheit wäre dies unmöglich.

Thomä kann am Ende einen organischer Erneuerungsprozeß nicht einmal mehr von willkürlicher Zerstörung  unterscheiden.  In grotesker Konsequenz des »demokratischen Paradoxes« wird die Geburt neuer Kinder der Einwanderung gleichgestellt (S. 537). Daß auf diese Weise die Hauptleidtragenden des Großen Austauschs, die zukünftigen Generationen der europäischen Völker, durch eine Verkürzung der Wirklichkeit auf ein politiktheoretisches Rechenexempel more geometrico zur Rechtfertigung des ihnen zugefügten Unrechts herangezogen werden, das ist an Abartigkeit nicht mehr zu überbieten. Doch ist dieser Schluß für jede Rechtsauffassung unvermeidbar, die dem Recht seine strukturierende Funktion ebenso aberkennt, wie seinen Grund in der  Wirklichkeit und es in die Rechte von »Individuen« genannten Einheiten auflöst, welche in eine normative Gegenwelt entschweben.

Die Stoßrichtung Thomäs zeigt sich allerdings in vollster Klarheit erst in seinen Präferenzen, was die unterschiedlichen Arten von Störenfrieden angeht, die er im Verlauf der Neuzeit zu erkennen meint. Den »egozentrischen Stören- fried«, der aus Eigennutz die Regeln bricht, lehnt er noch aus offensichtlichen Gründen ab. Im »nomozentrischen Störenfried«, der die bestehende Ordnung durch eine andere ersetzen will, erkennt er den Irrweg des auf Dauer gestellten Gesellschaftsvertrages. Zum  Haßobjekt  wird ihm jedoch der von ihm so betitelte »massive Störenfried«. Hinter  diesem  Schreckgespenst verbirgt sich nicht weniger als der vollständige

Mensch, der das aufklärerische Schrumpfmenschenraster schon dadurch sprengt, daß sein Da- sein Dimensionen kennt, die darin nicht vorgesehen sind, vor allem solche, die über den Einzelnen hinausragen. Unfreiwillig komisch gerät Thomäs Versuch die »massiven Störenfriede« doch in dieses Raster zu quetschen: »Sie sind nicht nur, als Individuen, formal gleichgestellt, sondern fusionieren zu einer gleichgeschalteten Masse.« (S. 452) Thomäs Liebling ist demgegenüber der »exzentrische Störenfried«, der Individualist, der sich am Rand der Ordnung auf- hält, ihre Grenzen austestet, ohne sie einreißen oder verlassen zu wollen. Denn das Geheimnis der Demokratie à la Thomä ist nicht nur, daß ihr der Demos abhanden gekommen ist, sondern vor allem, daß sie mit ihren Bürgern nichts anzufangen weiß.

Einen ernstzunehmenden Störenfried, der aus einem drängenden Anliegen heraus die Regeln bricht, kann sie nur als Bedrohung wahrnehmen. Hingegen kennt ein solches System keine besseren  Bevölkerungsbestandteile  als Linksalternative. Die »Gesellschaft des Spektakels« (Guy Debord) lebt von denen, die viel Lärm machen und doch nur spielen wollen.


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.


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