Die Tücke der unblutigen Revolution

 Gastbeitrag

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Der vor­lie­gen­de Text Armin Moh­lers erschien erst­mals in einer Fest­schrift für den libe­ral­kon­ser­va­ti­ven Publi­zis­ten und Ver­le­ger Johan­nes Gross (1932 –1999). Deutsch­land, ein Land in Euro­pa. Eine Bestands­auf­nah­me vor der Jahr­tau­send­wen­de (Köln 1992), her­aus­ge­ge­ben von der Redak­ti­on Impul­se, war nicht für den Buch­han­del vor­ge­se­hen und erreich­te so nur eine klei­ne, über­wie­gend kon­ser­va­tiv aus­ge­rich­te­te Fach­öf­fent­lich­keit, die über den deut­schen Neu­be­ginn nach 1989 /90 sin­nier­te. Die Jun­ge Frei­heit brach­te daher einen – in Inhalt und Umfang iden­ti­schen – Par­al­lel­druck in ihrer Som­mer­aus­ga­be 1992, wäh­rend in der Tages­zei­tung Die Welt vom 17. Okto­ber 1992 eine gekürz­te Fas­sung als »Dorn­rös­chen liegt in der Trau­fe. Die Tücken einer unblu­ti­gen Revo­lu­ti­on« erschei­nen konnte.

Armin Moh­ler ging es in die­sem Zeit­raum grund­sätz­lich dar­um, daß noto­ri­sche Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung –  ob  Bewäl­ti­gung  des Drit­ten Reichs oder der DDR – nur dem poli­ti­schen Geg­ner in all sei­nen Schat­tie­run­gen zugu­te kom­me. Die dau­er­haf­te Selbst­kas­tei­ung, nach der Wen­de erwei­tert in bezug auf Sta­si und SED-Funk­tio­nä­re, wür­de, so Moh­ler mit Rück­griff auf Carl Schmitts Poli­tik­ver­ständ­nis, das natio­na­le Rück­grat und den Selbst­be­haup­tungs­wil­len der Deut­schen nach­hal­tig schwä­chen. In die­sem grund­sätz­li­chen Sin­ne ist sein wie­der­holt über­ar­bei­te­tes Buch Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung (1968, 1980, 1981), in bezug auf die ehe­ma­li­ge DDR vor allem aber sein poin­tier­tes Werk Der Nasen­ring (in sei­ner zwei­ten Fas­sung von 1991) zu lesen.

In dem nach­fol­gen­den Text wird Moh­lers Wider­wil­len gegen­über einem blo­ßen ideel­len wie poli­ti­schen West­ex­port in die neu­en Bun­des­län­der spür­bar. Der schwei­ze­ri­sche Wahl­deut­sche hat­te den für klu­ge Beob­ach­tun­gen nöti­gen Abstand zur jüngs­ten Geschich­te; er woll­te nicht, daß die all­zu­lan­ge vom Sta­li­nis­mus gepei­nig­ten Mit­tel­deut­schen nun direkt die Seg­nun­gen »gie­ri­ger Geis­ter aus dem Rhein­bund« emp­fin­gen. Statt­des­sen sei es an der Zeit, die natio­na­le Ver­söh­nung  jen­seits des West- und Ost­blocks-Den­kens herbeizuführen.

1.)

Im Febru­ar 1992 kam es zu einem Novum in der bis­her 43jährigen Geschich­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges: Ein Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter beging Selbst­mord aus poli­ti­schem Pro­test. Am Sams­tag, dem 15. Febru­ar, erhäng­te sich der PDS-Abge­ord­ne­te und Staats­rechts­pro­fes­sor Ger­hard Rie­ge in sei­nem Gar­ten irgend­wo in der ehe­ma­li­gen DDR. Am Sonn­tag nah­men sich der Rund­funk und das Fern­se­hen des Fal­les Rie­ge an. Am Mon­tag zog die Pres­se mit Details nach. So ist die­ser Frei­tod zu einer öffent­li­chen Ange­le­gen­heit geworden.

Ein Brief, den der 61jährige Selbst­mör­der, Vater von drei Kin­dern, sei­ner Frau hin­ter­las­sen hat­te, ließ kei­nen Zwei­fel dar­an, woge­gen sich die­ser demons­tra­ti­ve Akt rich­te­te. Er war einer­seits ein Pro­test gegen die »zwei­te deut­sche Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung« in Form des Sta­si- Rum­mels, in die der Pro­fes­sor als zeit­wei­li­ger Sta­si-Mit­ar­bei­ter sel­ber ver­wi­ckelt war. Eben­so­sehr war er aber auch ein Pro­test Rie­ges gegen sei­ne Behand­lung durch sei­ne Bun­des­tags­kol­le­gen: Er war kurz zuvor von jun­gen Abge­ord­ne­ten der West-CDU nie­der­ge­brüllt wor­den – eine Erfah­rung, die er als Ordi­na­ri­us einer DDR-Uni­ver­si­tät noch nicht hat­te machen kön­nen. Der Abschieds­brief ist eine Mischung von Per­sön­li­chem (es feh­le ihm »die Kraft zum Kämp­fen und zum Leben«) und von gezielt Politischem:

»Ich habe Angst vor der Öffent­lich­keit, wie sie von den Medi­en geschaf­fen wird und gegen die ich mich nicht weh­ren kann. Ich habe Angst vor dem Haß, der mir im Bun­des­tag ent­ge­gen­schlägt aus Mün­dern und Augen und Hal­tung von Leu­ten, die viel­leicht nicht ein­mal ahnen, wie unmo­ra­lisch und erbar­mungs­los das Sys­tem ist, dem sie sich ver­schrie­ben haben. Sie wer­den den Sieg über uns voll auskosten.«

Der tra­di­tio­nel­le Hin­weis, daß das Blut ein beson­de­rer Saft sei, ist eine Meta­pher. Das heißt, daß man sie auch auf einen Selbst­mord anwen­den darf, bei dem kein Blut fließt. Wenn der hier zitier­te Brief von einem Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten geschrie­ben wor­den wäre, der in Bonn noch immer sei­nem Beruf als Volks­ver­tre­ter nach­geht, so wäre die­se Kla­ge eine Stel­lung­nah­me zur deutsch-deut­schen Ver­ei­ni­gungs­kri­se (Arnulf Baring dixit) wie so vie­le ande­re auch. Daß sie die letz­ten Wor­te eines Man­nes sind, wel­cher sie mit dem höchs­ten Opfer bekräf­tigt, das ein Mensch brin­gen kann, dem frei­wil­li­gen Tod, ver­schiebt die Ankla­ge in eine ganz ande­re Dimen­si­on. Die zwei­te deut­sche Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung erhält dadurch eine neue, erschre­cken­de Fär­bung, und das in einer Situa­ti­on, in der es den Zau­ber­lehr­lin­gen in Poli­tik und Medi­en all­mäh­lich däm­mert, wel­ches Faß der Pan­do­ra sie mit der Frei­ga­be der Sta­si-Akten geöff­net haben.

Unter die­ser Belich­tung löst sich alles, was ein auf­rech­ter Ver­fech­ter der FDGO-Ideo­lo­gie gegen ein Mit­glied des DDR-Estab­lish­ments wie Rie­ge auf dem Her­zen haben könn­te, in Schat­ten­bo­xen auf. Ange­sichts der Iden­ti­fi­ka­ti­on von DDR und Sta­si kommt es auf die Details einer Sta­si-Mit­ar­beit – in wel­chem Alter? wie lan­ge? aus wel­chen Grün­den? – gar nicht mehr an. Schließ­lich weiß man ja nun, daß jede Berufs­tä­tig­keit von eini­ger Wich­tig­keit ohne Sta­si- Kon­tak­te gar nicht mög­lich  war.  Jedem,  der die Stu­fen hin­auf­zu­klet­tern begann, war natür­lich »sein« Sta­si-Mann bekannt – auch wenn er das frei­wil­lig nicht zugibt ange­sichts der heu­te durch die Gas­sen und Gos­sen toben­den Hexen­jagd. Und die­se Jagd erleich­tern sich ihre Pro­mo­to­ren dadurch, daß sie zunächst jeden vor­beu­gend unter Ver­dacht stel­len, der einen Weg zwi­schen akti­vem Wider­stand und tota­ler Staats­hö­rig­keit suchte.

Wer weder ein Held noch ein Schur­ke war (und das war die gro­ße Mehr­heit der DDR-Deut­schen), steht jetzt unter Beweis­last. Die Sta­si-Akten, von denen kei­ner genau weiß, was an ihnen gelo­gen oder auch nur mani­pu­liert ist, machen den Dschun­gel bloß dich­ter, aus dem schon jetzt kaum jemand mehr her- aus­fin­det, und das im Zei­chen der Dämo­ni­sie­rung eines Minis­te­ri­ums, von des­sen Ange­stell­ten bloß eine Min­der­heit mit geheim­po­li­zei­li­chen Auf­ga­ben betraut war. Die Mehr­heit hat­te, neben rei­ner Ver­wal­tungs­tä­tig­keit, eine eben­so gigan­ti­sche wie absur­de Auf­ga­be: Sie soll­te mit einer Mix­tur aus Psy­cho­lo­gie und Ideo­lo­gie den Appa­rat DDR im Gan­ge hal­ten – mit einer Art Doping als Ersatz für die Rei­ze des Wes­tens. Aber in der heu­ti­gen Sta­si-Hys­te­rie steht man wie ein Mär­chen­er­zäh­ler da, wenn man so et- was zu erklä­ren versucht.

Was  an  Bil­dern  zum  Fall  Rie­ge  über die Pres­se und den Bild­schirm kam, mach­te in sei­ner Zuge­spitzt­heit durch Extrem­fi­gu­ren die heu­ti­ge Span­nung zwi­schen West­deutsch­land und der DDR phy­sio­gno­misch deut­lich. Auf der einen Sei­te, der­je­ni­gen der  Sie­ger,  die  Yup­pies der West-CDU, wel­che, in fun­da­men­ta­ler Unkennt­nis ande­rer Wel­ten als der ihren, nun guten Gewis­sens einen alten »Roten« zur Stre­cke brin­gen konn­ten. Auf der ande­ren Sei­te der Abge­ord­ne­te Rie­ge, immer­hin vom Volk gewählt, aber schon durch sei­ne geo­gra­phi­sche Her­kunft in die Rol­le des Besieg­ten gezwun­gen. Sei­nem müden, schma­len Gesicht war etwas von jener »Inner­lich­keit« abzu­le­sen, wel­che der Psych­ia­ter Hans-Joa­chim Maaz unter dem Begriff »Gefühls­stau« zur see­li­schen Grund­stim­mung sei- ner DDR-Lands­leu­te erklärt hat.

Übri­gens ist der Tod von Ger­hard Rie­ge nicht der ers­te Selbst­mord aus Pro­test gegen die Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung in der deut­schen Geschich­te seit dem Zwei­ten Welt­krieg. Aller­dings fand die­ser Frei­tod unter ganz ande­ren Bedin­gun­gen statt. Er rich­te­te sich gegen die von den Sie­gern auf­er­leg­te Hit­ler-SS-Bewäl­ti­gung, und der Täter war kein Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter und auch sonst kei­ne Per­sön­lich­keit des öffent­li­chen Lebens, son­dern ein Pri­vat­mann, von Beruf Apo­the­ker. Er hat­te bis zur Nie­der­la­ge der SS ange­hört, war kei­ner Ver­bre­chen schul­dig und wehr­te sich dage­gen, allein wegen sei­ner SS-Zuge­hö­rig­keit zum Kri­mi­nel­len gestem­pelt zu werden.

Unter den dama­li­gen Ver­hält­nis­sen hat­te er jedoch nur gerin­ge Chan­cen, gehört zu wer­den – dage­gen stand in jenen Anfangs­jah­ren der Bun­des­re­pu­blik nicht nur die offi­zi­el­le Poli­tik, son­dern auch das Bedürf­nis der Heim­keh­rer, sich von je- der Poli­tik unge­stört dem Wie­der­auf­bau zu wid­men. Nur ein Eklat in aller Öffent­lich­keit konn­te ihm Gehör ver­schaf­fen. Der Apo­the­ker ließ sich an einem der frü­hes­ten Evan­ge­li­schen Kir­chen­ta­ge (in Stutt­gart) vor  Tau­sen­den  von  Leu­ten am Mikro­phon auf ein Streit­ge­spräch mit Gün­ter Grass ein. The­ma: die Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung. Am Schluß der Aus­ein­an­der­set­zung rief der Apo­the­ker: »Ich grü­ße mei­ne Kame­ra­den von der SS!«, schluck­te eine Gift­kap­sel und sank tot um.

Die Rech­nung ging jedoch nicht auf; der Opfer­tod des Apo­the­kers stieß ins Lee­re. Die Ver­samm­lungs­lei­tung ließ den Kör­per des Toten als einen in Ohn­macht gefal­le­nen Gestör­ten in den Kulis­sen ver­schwin­den. Die Medi­en, die damals noch nicht so selbst­herr­lich waren, konn­te man auf ein tota­les Schwei­gen ver­gat­tern. Bloß in der Kir­chen­tags-Repor­ta­ge von Christ und Welt blieb aus Ver­se­hen (oder als Sabo­ta­ge?) ein ein­zel­ner, unkla­rer Satz über den Vor­fall ste­hen. Dem Kon­tra­hen­ten des Selbst­mör­ders, Gün­ter Grass, war die Geschich­te unbe­hag­lich: er ging spä­ter in einem sei­ner Bücher auf den Fall ein – doch ohne offen zu sagen, um wel­chen Pro­test es sich dabei gehan­delt hat­te. In unse­rer Medi­en­welt exis­tiert nicht, was nicht gemel­det wird. Ger­hard Rie­ge erging es bes­ser – sein Opfer­tod beweg­te die Öffent­lich­keit wenigs­tens wäh­rend eines Wochenendes.

Gewiß, nach weni­gen Tagen schon hat man nicht mehr vom Frei­tod Rie­ges gespro­chen. Hät­te Gün­ter Grass an jenem Kir­chen­tag aus Pro­test gegen – sagen wir: Glob­ke zur Gift­kap­sel gegrif­fen, so wäre die Bun­des­re­pu­blik in ihren Grund­fes­ten erzit­tert. Was da alles gesche­hen wäre und sich bis heu­te fort­ge­pflanzt haben wür­de – es  ist ein Roman­stoff wür­dig eines Eck­hard Hen­scheid. Da es sich umge­kehrt voll­zog, lei­er­te sich der gewohn­te Bewäl­ti­gungs- und Betrof­fen­heits- Dis­kurs bald wie­der ein. Doch der Schock wirkt. Die Pos­ten­jä­ger, wel­che den Sta­si-Mythos vor allem auf­blä­hen, erin­nern an jene »Car­pet-Bag­gers« (von eng­lisch Car­pet-bag – Rei­se-Tasche), die am Ende des ame­ri­ka­ni­schen  Bür­ger­krie­ges (1865) aus dem sieg­rei­chen Yan­kee-Nor­den in den ver­wüs­te­ten Süden aus­schwärm­ten. Wer sich auf das »mehr oder weni­ger« sol­cher Leu­te ein­läßt, ist bald in die Situa­ti­on gedrängt, in der nur noch das »ent­we­der-oder« gilt. Das war die Lage, auf die Ger­hard Rie­ge mit der abso­lu­ten Ver­wei­ge­rung antwortete.

2.)

Die Anpas­ser-Gesell­schaft kennt kei­nen Ernst­fall; sie kann ihn nicht gebrau­chen. Des­halb ist  ihr der Tod auch kein The­ma, denn er ist der abso­lu­te Ernst­fall, sozu­sa­gen der Ernst­fall an sich. Wer die deut­sche Poli­tik von heu­te ver­ste­hen will, der muß wis­sen, daß sie ein ein­zi­ger gro­ßer Ver­such ist, den Tod aus­zu­gren­zen. Das  liegt an den wei­ßen Jahr­gän­gen, die nun in ihr das Sagen haben. Für sie darf der Tod nicht mehr, wie Paul Celan sag­te, der Meis­ter in Deutsch­land sein. Unter der Käse­glo­cke der von ihren tüch­ti­gen Vätern errich­te­ten Bun­des­re­pu­blik erträum­ten sie sich eine Poli­tik, ja  über­haupt ein Leben ohne Tod. Ihren Vätern und Müt­tern war der Tod noch ver­traut, ob sie nun  drau­ßen im Feld oder in ihren Städ­ten den Bom­ben aus­ge­setzt waren. Sie wuß­ten, daß man dem Tod nicht aus­wei­chen kann, daß er jeden frü­her oder spä­ter erreicht.

Die­ser Satz ist, für sich allein, eine Bana­li­tät. Die Wür­ze gibt ihm erst eine tief im Men­schen ver­wur­zel­te, inten­si­ve Gewiß­heit, daß jedem von uns das­sel­be »Quan­tum« an Schmerz zuge­teilt wird, mit dem wir unser Leben zu »bezah­len« haben. (Absicht­lich drü­cken wir uns mecha­nisch-öko­no­misch aus, damit der Satz nicht zu mys­tisch tönt.) Die Fra­ge ist nur, ob wir von den Göt­tern, vom Zufall oder von wem auch immer jenes Quan­tum Schmerz und Lei­den auf einen Schlag zuge­teilt erhal­ten oder auf vie­le klei­ne Por­tio­nen ver­teilt. Hät­te Ger­hard Rie­ge nicht Hand an sich gelegt, son­dern noch lan­ge wei­ter­ge­lebt, so hät­te er viel­leicht mit täg­li­cher, leich­ter Migrä­ne bezah­len müs­sen – ein Intellektuellen-Schicksal.

Der Schrei­ben­de ist sich bewußt, daß sol­che Spe­ku­la­tio­nen in einer auf maxi­ma­le Schmerz- Ver­mei­dung aus­ge­rich­te­ten Gesell­schaft rei­ne Obs­zö­ni­tä­ten sind. Er bricht sie des­halb an die­ser Stel­le ab und kehrt zur Inter­pre­ta­ti­on von kon­kre­ten geschicht­li­chen Situa­tio­nen  zurück. Er wen­det sich wie­der dem recht aktu­el­len The­ma der »wei­ßen Jahr­gän­ge« zu.

3.)

Der Begriff »wei­ße Jahr­gän­ge« wur­de ursprüng­lich für jene Jahr­gän­ge geprägt, deren Män­ner für die mili­tä­ri­sche Aus­bil­dung im Drit­ten Reich noch nicht und für die­je­ni­ge in der Bun­des­re­pu­blik nicht mehr in Fra­ge kamen. In die­sem engen Sin­ne ergibt das (sofern man die Luft­waf­fen­hel­fer noch der Wehr­macht des Drit­ten Rei­ches zurech­net) eine Reich­wei­te von zehn Jah­ren – etwas wenig, um von einer »Genera­ti­on« spre­chen zu kön­nen. Der Begriff »wei­ße Jahr­gän­ge« hat sich jedoch, wie so man­che Begrif­fe, bald von sei­ner Wur­zel gelöst und ist ins All­ge­mei­ne­re zer­flos­sen. Er wur­de zu einem Sam­mel­na­men für die heu­te etwa 40- bis 60jährigen. Und die Far­be Weiß scheint für die­se Jahr­gän­ge unmit­tel­bar ein­zu­leuch­ten – vom  Weiß der Unschuld über die wei­ße Fah­ne und »weiß vor Angst« bis hin zu dem von Mat­thi­as Horx in sei­nem Wör­ter­buch der 90er Jah­re so hin­rei­ßend geschil­der­ten Woh­nen (oder Nicht­woh­nen) in den soge­nann­ten »Wei­ßen Woh­nun­gen« (ein Pro­be­zi­tat dar­aus: »… die Bewoh­ner sind sel­ten anzu­tref­fen; oft­mals über Wochen glüht im Flur nur das rote Auge des Anruf­be­ant­wor­ters«  – fast ein Vers von Verlaine).

Der Schrei­ben­de denkt eher an ein wei­ßes, unbe­schrie­be­nes Blatt Papier als Emblem für die­sen geis­tig­see­li­schen Typus, dem natür­lich nicht alle Män­ner und Frau­en zwi­schen vier- zig und sech­zig zuzu­rech­nen sind. Doch ist sein Anteil an jener Genera­ti­on schon erschre­ckend hoch. Das  wich­tigs­te Cha­rak­te­ris­ti­kum die­ses Typus ist die Wei­ge­rung, die Kom­pli­ziert­heit, Unge­rech­tig­keit, Unaus­weich­bar­keit  aller Wirk­lich­keit zur Kennt­nis zu neh­men. Das In-sich-Ver­schlun­ge­ne, Para­do­xe, Nicht-auf- einen-Nen­ner-zu-Brin­gen­de der Welt um uns her­um (und in uns) ergibt eine Reli­ef­kar­te mit so vie­len Buckeln und schwar­zen Löchern, daß sie für die wei­ßen Eunu­chen inak­zep­ta­bel ist und nur die Erfin­dung böser Men­schen sein kann. Der Tod ist abge­schafft, und selbst­ver­ständ­lich auch alle Ver­bre­chen (Hit­ler hat  sie im Mono­pol über­nom­men). Man sitzt als frei­es Indi­vi­du­um (befreit vom Bösen wie von allen Bin­dun­gen) vor sei­nem glat­ten Blatt Papier und zieht mit kal­ten Stri­chen jene Grund­sätz­lich­kei­ten nach (Uto­pien sind out), die von eini­gen Wirk­lich­keits­be­ses­se­nen immer noch nicht respek­tiert werden.

4.)

Nun ist das Grund­sätz­li­che der Meis­ter in Deutsch­land. Es hat den Sturz der Uto­pien über­stan­den. Selbst Rea­lis­ten sind gegen die­sen Virus nicht gefeit. Auf die Fra­ge nach dem sou­ve­rä­nen Stil, in dem die Fran­zo­sen und die Spa­ni­er ihre innen­po­li­ti­schen Zer­reiß­pro­ben bestan­den – die einen nach dem Vichy-Staat, die ande­ren nach Fran­cos Tod – und den inne­ren Frie­den wie­der- her­stell­ten, gibt es bei­spiels­wei­se inter­es­san­te Erklä­rungs­ver­su­che, aber sie kran­ken meist an einer für die »wei­ßen Jahr­gän­ge« spe­zi­fi­schen Blind­heit: Sie machen die Aus­gren­zung des Todes mit. Man will ein­fach nicht sehen, daß jenen Amnes­tien mons­trö­se Blut­bä­der vor­aus­ge­gan­gen sind, ohne die es in Frank­reich und Spa­ni­en nie zu einer inne­ren Befrie­dung gekom­men wäre.

Zwi­schen dem Abzug der deut­schen Besat­zer im August 1944 und dem Som­mer 1945 erleb­te Frank­reich ein Inter­re­gnum, an das die Fran­zo­sen aller Lager, sofern sie es nicht ver­dräng­ten, nur mit Scham und Schre­cken zurück­den­ken. Die Macht war auf­ge­teilt zwi­schen einer alli­ier­ten Inva­si­ons­ar­mee, deren Ziel die Erobe­rung Deutsch­lands war, und einer pro­vi­so­ri­schen Regie­rung de Gaulles, die sich erst Auto­ri­tät ver­schaf­fen mußte.

Das Land geriet auf wei­te Stre­cken in die Hand von aus dem Vaku­um auf­ge­stie­ge­nen Pro­vinz­häupt­lin­gen ohne Legi­ti­ma­ti­on; unkon­trol­lier­ba­re Ban­den mit pseu­do­po­li­ti­schem Auf­putz zogen rau­bend und mor­dend durch das Land; die Jus­tiz, die Poli­zei und die ver­un­si­chert und gelähmt. Frank­reich war wie ein Kes­sel, der zu lan­ge auf dem Feu­er stand und dann den Deckel weg­spreng­te – die durch die Fremd­herr­schaft und den Anpas­sungs­zwang auf­ge­stau­ten Aggres­sio­nen hat­ten frei­en Lauf. Die Zahl der Men­schen, die in Frank­reich nach dem Abzug der deut­schen Trup­pen ohne gericht­li­ches Urteil umge­bracht wur­den, liegt bis heu­te im Dun­keln – ame­ri­ka­ni­sche Schät­zun­gen stie­gen bis auf 100000 Opfer. Es gibt viel pole­mi­sche Lite­ra­tur über die­se Cri­mes de la Libé­ra­ti­on (Befrei­ungs-Ver­bre­chen) – an wis­sen­schaft­lich zugäng­li­cher Lite­ra­tur liegt nur wenig vor. (Zuletzt das zwei­bän­di­ge Werk L‘épuration sau­va­ge 1944 –45 von Phil­ip­pe Bour­drel, 1988 und 1991 bei Per­rin erschie­nen.) Die­se Ver­gan­gen­heit ist bis heu­te unbe­wäl­tigt geblieben.

Was Spa­ni­en betrifft, so braucht auf des- sen vom Juli 1936 bis zum April 1939 wüten- den Bür­ger­krieg nicht  beson­ders  hin­ge­wie­sen zu wer­den – er ist bekannt als einer der mör­de­rischs­ten Bür­ger­krie­ge der neue­ren Geschich­te. Gefan­ge­ne wur­den auf bei­den Sei­ten kaum gemacht, der Haß war so inten­siv, daß man sogar längst mumi­fi­zier­te Pries­ter und Non­nen aus ihren Grä­bern zerr­te und vor den Kir­chen in Para­de auf­reih­te. Doch wenn nach Fran­cos  Tod ein Spa­ni­er oder eine Spa­nie­rin gefragt wur­de, wes­halb nun die alten Rech­nun­gen nicht prä­sen­tiert wür­den, so bekam man fast auto­ma­tisch die­sel­be Ant­wort zu hören: fast jede spa­ni­sche Fami­lie habe auf der einen oder ande­ren Sei­te des Bür­ger­kriegs ihre Opfer gebracht (oft sogar auf bei­de Lager ver­teilt) – nun müs­se end­lich ein Schluß­strich gezo­gen werden.

Im Nach­kriegs-Frank­reich war es ähn­lich. Die fran­zö­si­sche Amnes­tie-Gesetz­ge­bung nach 1945 ist zwar sehr kom­pli­ziert und auf vie­le Num­mern des Jour­nal Offi­ciel ver­teilt. Erkenn­bar ist jedoch ihr Bemü­hen, eine »Instru­men­tie­rung« des  in der Ver­gan­gen­heit Gesche­he­nen zu ver­hin­dern. Gewiß wur­den Fran­zo­sen wegen ihres Ver­hal­tens wäh­rend der deut­schen Beset­zung bestraft. Hat­te ein Bür­ger jedoch ein sol­ches Ver­fah­ren ein­mal hin­ter sich, so war es den Medi­en bei schwe­rer Stra­fe ver­bo­ten, dem Mit­bür­ger sei­ne alten Sün­den bei jeder Gele­gen­heit um die Ohren zu klat­schen. (Einer der Grün­de, wes­halb es kei­nen fran­zö­si­schen Spie­gel gibt.) Hin­ter die­ser Gesetz­ge­bung steht die Tra­di­ti­on des Oubli du pas­sé (Ver­ges­sen der Ver­gan­gen­heit), der ein Pro­dukt von Frank­reichs jahr­hun­der­te­al­ter Erfah­rung von Bür­ger­krie­gen ist. Er wur­de nach dem Ter­ror der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on zu einem Ver­fas­sungs­pa­ra­gra­phen. In der Ver­fas­sung von 1814 liest man den Arti­kel 11: »Jede Nach­for­schung nach den Mei­nun­gen und Stimm­ab­ga­ben bis zur Wie­der­her­stel­lung des König­tums ist ver­bo­ten. Die­ses Ver­ges­sen ist auch den Gerich­ten und den Bür­gern auf­er­legt.« Und nach der Juli-Revo­lu­ti­on ist die­ser Para­graph unver­än­dert in die Ver­fas­sung von 1830 über­nom­men worden.

5. Der Schrei­ben­de ist nicht so töricht

ein vor­aus­ge­hen­des Blut­bad als Conditio sine qua non für eine inner­po­li­ti­sche Befrie­dung anzu­se­hen. Er maßt sich auch kei­ne Aus­sa­ge an, wel­ches Aus­maß ein  Blut­bad anneh­men müß­te, um beson­ders frie­dens­stif­tend zu sein. Wenn etwas unbe­re­chen­bar  ist, nicht ein­ge­plant wer­den kann, dann der Tod. Und die Geschich­te funk­tio­niert nun ein­mal nicht wie ein Ziga­ret­ten­au­to­mat, wo unten stets das Gewünsch­te her­aus­kommt. Kei­ne geschicht­li­che Situa­ti­on wie­der­holt sich bis ins Detail; kei­ner kann die unzäh­li­gen, stets durch­ein­an­der wech­seln­den Fak­to­ren noch über­bli­cken, wel­che in ihrem Zusam­men­spiel die jewei­li­ge Situa­ti­on kon­sti­tu­ie­ren. Auch das sind alles Bana­li­tä­ten. Aber sie müs­sen aus­ge­spro­chen wer­den im Medi­en­zeit­al­ter, wel­ches das Nach­den­ken auf die Schlag­fer­tig­kei­ten eines Talk-Show- Stars zu redu­zie­ren ver­sucht. Ein His­to­ri­ker mag noch so dif­fe­ren­ziert das Gesche­he­ne dar­stel­len und ana­ly­sie­ren – als Pro­gnos­ti­ker kann er höchs­tens von Ten­den­zen, von Wahr­schein­lich­kei­ten spre­chen, und das mit Vor­sicht und Vorbehalt.

Eine letz­te »Bana­li­tät« ist noch nach­zu­schie­ben: Der Mensch ist weder ein Engel noch ein Teu­fel, son­dern wech­selt zwi­schen die­sen bei­den Polen hin und her. Die­se Bana­li­tät zielt gegen die unse­re Gesell­schaft beherr­schen­de Mode, daß jeder für sei­ne guten Absich­ten prä­miert wer­den möch­te. Der gro­ße alte Recke Geor­ges Sorel hielt die­se »idea­lis­ti­sche Des­or­ga­ni­sa­ti­on« für die Wur­zel unse­rer Deka­denz. Er hielt nichts von gro­ßen Wor­ten. (Sei­ne eige­ne Spra­che ist alles ande­re als flott – manch­mal wird sie quä­lend mäan­drisch.) Sorel, die­se absur­de Kreu­zung eines Revo­lu­tio­närs mit einem gigan­ti­schen Reak­tio­när, lehn­te es ab, einen Men­schen nach dem zu beur­tei­len, was er denkt, sagt oder zu tun vor­gibt – das ein­zig Gül­ti­ge war für ihn, was die­ser Mensch wirk­lich tat.

Der Hin­weis auf die blu­ti­gen Wir­ren in Frank­reich und Spa­ni­en hat sei­ne guten Grün­de. In der Repu­blik der Wei­ßen Jahr­gän­ge macht man es sich etwas leicht mit dem Kom­plex Blut/ Geschichte/Politik – und dies hat auch sei­ne Fol­gen. Die App­er­zep­ti­ons­ver­wei­ge­rung (Dode­rer dixit) gegen­über die­ser Sei­te der Geschich­te ist eine der Wur­zeln der Ver­stie­gen­heit und Ver­krampft­heit der Poli­tik – erst in der Bun­des­re­pu­blik, heu­te in Deutsch­land. Sie blo­ckiert seit lan­gem eine rea­lis­ti­sche Sicht der mensch­li­chen Natur und macht damit eine ver­nünf­ti­ge, wirk- same Poli­tik unmög­lich. Wer Poli­tik betrei­ben will, ohne dabei den »Schwei­ne­hund im Men­schen« wach­sam im Auge zu behal­ten, wird nicht bloß zum Gespött der weni­ger doo­fen Nach­barn. Er wird dadurch auch zu einem leich­ten Opfer jedes Erpres­sers, vom frem­den Staats­ober­haupt die gan­ze sozia­le Lei­ter run­ter bis zu loka­len Dem­ago­gen und zu Miß­brauch trei­ben- den Para­si­ten des »Sozia­len Net­zes« (wozu wir nicht bloß Schein-Asy­lan­ten aus wei­ter Fer­ne, son­dern auch Pseu­do-Intel­lek­tu­el­le aus nächs­ter Nach­bar­schaft rechnen).

Aller­dings haben die Wei­ßen Jahr­gän­ge in die­ser Sache ein wirk­sa­mes Ali­bi. Es heißt Adolf Hit­ler (oder Ausch­witz). Es ist ja nicht so, daß es für sie kei­ne poli­ti­schen Ver­bre­chen gäbe. Eine Art von poli­ti­schen Ver­bre­chen ist für sie exis­ten­zi­ell unent­behr­lich, weil sich die wei­ßen Hemd­chen so gut von ihnen abhe­ben. Die­se schwar­ze Hin­ter­grund­s­ku­lis­se ist nicht nur sehr abs­trakt und all­ge­mein (Jen­nin­ger bekam es zu spü­ren, als er ins Detail gehen woll­te). Sie ist auch äußerst sta­bil, weil ihre Unver­gleich­lich­keit nicht ins Grund­buch, son­dern ins Straf­ge­setz­buch ein- getra­gen wur­de In Sachen DDR hat sich der Schrei­ben­de 1975 als Pro­gnos­ti­ker versucht.

Er ant­wor­te­te auf die Rund­fra­ge der Zeit­schrift Euro­päi­sche Ideen (Wie­der­ver­ei­ni­gungs-Son­der­num­mer, 1975, Heft 10 /11), ob zwi­schen den bei­den deut­schen Staa­ten ein Bür­ger­krieg oder die Wie­der­ver­ei­ni­gung zu erwar­ten sei. Die Ant­wort lau­te­te: die Wie­der­ver­ei­ni­gung. Die Argu­men­te waren die Wider­bors­tig­keit des Men­schen im All­ge­mei­nen und die stets erstaun­li­chen Reser­ven der Deut­schen im Beson­de­ren. Vor allem aber: für das deut­sche Volk, dies­seits und jen­seits der Mau­er, war die natio­na­le Ein­heit eine Selbst­ver­ständ­lich­keit – die »deut­schen Iden­ti­täts­pro­ble­me« blie­ben stets die Ange­le­gen­heit einer klei­nen Min­der­heit von Intel­lek­tu­el­len und Berufspolitikern.

So weit so gut. Die bei­den letz­ten Sät­ze auf der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Sei­te waren jedoch zu eupho­risch, um zu tref­fen: »Wenn, aus irgend­ei­nem Grun­de, der Tat­zen­griff der Super­mäch­te locker wird, so ist die Wie­der­ver­ei­ni­gung eine Sache von Stun­den.« So schnell ging es dann doch nicht. Voll­ends dane­ben ging der aller­letz­te Satz: »Der ein­zi­ge Bür­ger­krieg wird dar­in bestehen, daß jene Funk­tio­nä­re und Ideo­lo­gen (wel­cher Far­be auch immer), die die Spal­tung kon­ser­vie­ren wol­len, weg­ge­fegt wer­den.« Der Schrei­ben­de kann sich die­sen Satz nur so erklä­ren, daß sein acht­jäh­ri­ges Leben in- mit­ten von Fran­zo­sen damals noch nicht so weit zurücklag.

War der Zusam­men­bruch der DDR, Mus­ter­bei­spiel einer Implo­si­on, 1989 im Zusam­men­hang der Welt­po­li­tik nur in Form einer fried­li­chen, unblu­ti­gen Revo­lu­ti­on mög­lich? Als einer, der bei einem blu­ti­gen Ver­lauf sei­ne Haut kaum hät­te zum Markt tra­gen müs­sen, wagt man die­se Fra­ge nicht zu beant­wor­ten. Einer, des­sen Stim­me Gewicht hat, ist der bereits zitier­te Hal­len­ser Psych­ia­ter Hans-Joa­chim Maaz. Wenn man sein »Psy­cho­gramm der DDR«, das 1990 unter dem Titel Der Gefühls­stau (Argon- Ver­lag, Ber­lin) zum Best­sel­ler wur­de, nach zwei Jah­ren wie­der liest, macht man eine eigen­ar­ti­ge Erfah­rung. Aus Abstand ent­deckt man den Kern des Buches. Es ist des Psych­ia­ters Skru­pel, ob er sei­ne von den DDR-Zustän­den bedrück­ten Pati­en­ten mit sei­nen the­ra­peu­ti­schen Anstren­gun­gen nicht um den erlö­sen­den Durch­bruch ihrer auf­ge­stau­ten Aggres­sio­nen betro­gen habe. Der Psych­ia­ter fragt sich sel­ber, doch ohne eine ein­deu­ti­ge Ant­wort zu geben: Was wäre gewe­sen, wenn’s doch blu­tig gewor­den wäre?

Die fried­li­chen  Demons­tra­ti­ons­zü­ge  auf den Stra­ßen der DDR im Herbst 1989 sind auch dem­je­ni­gen unver­geß­lich, der sie nur über das Fern­se­hen ver­fol­gen konn­te. Zunächst  hat­ten die Züge sich ja nicht son­der­lich von dem in der BRD Gewohn­ten unter­schie­den: Sprech­chö­re, Trans­pa­ren­te aller Art, Zwi­schen­ru­fe, Solos der Anfüh­rer am Laut­spre­cher, Fah­nen der ver­schie­dens­ten Lager und so fort. Doch lang­sam began­nen sich die Züge zu ver­än­dern. Als die Pro­mi­nenz aus der Kul­tur und den Kir­chen, die bloß die hal­be Wie­der­ver­ei­ni­gung woll­te, weg­zu­blei­ben begann, wur­den die Demons­tra­tio­nen zwar simp­ler – der Ber­li­ner Witz zog sich all­mäh­lich aus den Trans­pa­ren­ten zurück. Aber was wäre lapi­da­rer als zunächst »Wir sind das Volk«,  dann »Wir sind ein Volk«?

Man kann­te zwar Schwei­ge­mär­sche auch aus der Bun­des­re­pu­blik, doch nicht von die­sem Umfang, nicht von die­ser lang­sa­men Getra­gen­heit, von die­ser selt­sa­men Mischung aus Ver­zweif­lung, Trotz und Schick­sals­er­ge­ben­heit. Der Schrei­ben­de muß sogar geste­hen, daß die­se Züge für ihn etwas Unheim­li­ches hat­ten. Er konn­te es nicht mit dem ihm ver­trau­ten Bild der Deut­schen ver­ein­ba­ren. Die­se sich lang­sam und stumm vor­schie­ben­den Züge hat­ten etwas so trau­ma­tisch Erstarr­tes, daß  man der Fra­ge nicht aus­wei­chen konn­te: In was wird die­se Star­re umschla­gen? Zum Umschla­gen kam es aber nicht.

Alle Ver­glei­che zwi­schen der DDR und dem Drit­ten Reich sind unsin­nig, weil das eine Ver­gleichs­ob­jekt unter Fra­ge­ver­bot steht und das ande­re nun auch noch unter die­ses Ver­bot zu gera­ten droht. Aber viel­leicht darf man doch – wie der ver­folg­te Hase einen gro­ßen Haken schlägt – die Detail­fra­ge stel­len, wes­halb die West­deut­schen erst Jahr­zehn­te nach Kriegs­en­de so rich­tig in die Man­gel der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung gerie­ten. Die ers­ten Nach­kriegs­jah­re waren ja, min­des­tens in Sachen des Bewäl­ti­gens, eine Idyl­le gemes­sen an dem, was seit andert­halb Jahr­zehn­ten gespielt wird.

Die land­läu­fi­gen Ant­wor­ten kennt man: Die USA hät­ten sich die West­deut­schen als Fuß­volk für einen mög­li­chen Zusam­men­stoß mit der ande­ren Super­macht reser­vie­ren wol­len; die Söh­ne der deut­schen Kriegs­ge­nera­ti­on hät­ten die Bewäl­ti­gung als Waf­fe benützt, um ihre Alten Her­ren aus den Kom­man­do-Ses­seln zu drän­gen – dar­an mag eini­ges rich­tig sein. Es hat sich jedoch in der kon­kre­ten Situa­ti­on von 1945 für die West­deut­schen etwas ent­wi­ckelt, was man eine juris­tisch nicht kodi­fi­zier­te De-fac­to-Gene­ral­am­nes­tie  nen­nen könnte.

Zunächst  ein­mal  kam  den West­deut­schen zugu­te, daß die Füh­rungs­gar­ni­tur des Drit­ten Rei­ches stell­ver­tre­tend für das Volk die Zeche bezahl­te. Von den füh­ren­den Män­nern hat kei­ner ver­sucht, am Tegern­see in Pen­si­on zu gehen. Die einen begin­gen Selbst­mord, die andern ende­ten am Nürn­ber­ger Gal­gen, einer wur­de vor Kriegs­en­de von Par­ti­sa­nen erschos­sen. (Zum Ver­gleich: kein Mit­glied des Polit­bü­ros oder des Zen­tral­ko­mi­tees der DDR hat sich umge­bracht; die gemel­de­ten Selbst­mor­de erfolg­ten nur bis zur Stu­fe der Bezirks- und Kreis­se­kre­tä­re, was unge­fähr den Gau­lei­tern und Kreis­lei­tern der NSDAP ent­spricht.) Vor allem aber haben die Deut- schen vor 1945 – ob sie nun für oder gegen Hit- ler waren, die alli­ier­ten Bom­ben unter­schie­den da nicht – wie ihre Geg­ner auch sel­ber immense

Opfer brin­gen müs­sen, ob als Sol­dat oder als Zivi­ler, als Gefan­ge­ner oder Ver­trie­be­ner, bis in jede Fami­lie hin­ein und unter aller­größ­ter Ver­wir­rung der Fron­ten. So konn­ten sich die über­le­ben­den Deut­schen von 1945, Gute und Böse neben­ein­an­der, dar­auf beru­fen, daß auch sie einen Teil der Zeche bezahlt hät­ten, im Kol­lek­tiv sozu­sa­gen – und in der berech­tig­ten Hoff­nung, daß sich in dem gro­ßen Auf­wasch das Klei­ne von selbst erle­di­gen wür­de, weil abso­lu­te Gerech­tig­keit ohne­hin nicht erreich­bar sei. Es ist denn auch in der Tat viel Bal­last weg­ge­schwemmt wor­den, des­sen »Auf­ar­bei­tung« nie­man­dem gehol­fen hät­te. Man konn­te auf­at­men und einen neu­en Anfang versuchen.

Das ist ein flüch­tig skiz­zier­tes Modell, wie man sich den Über­gang vom Drit­ten Reich in die Bun­des­re­pu­blik von Bonn vor­stel­len kann. Die geschicht­li­che Zäsur von 1945 wird sich nicht wie­der­ho­len. Doch ihr Modell soll­te zei­gen, was eine sol­che Zäsur bewir­ken kann. Das Zer­hau­en des Kno­tens allein hilft nicht. Es gilt auch Bal­last abzu­wer­fen und so Raum für einen neu­en Anfang zu schaf­fen. Lei­der hat die Geschich­te der DDR kei­ne sol­che Zäsur beschert. Kann man eine Zäsur simu­lie­ren? Dazu hät­te es eines gro­ßen Atems auf Sei­ten des west­deut­schen Part­ners bedurft. Doch Hel­mut Kohl hat­te sich, nach sei­nem respek­ta­blen Sturm­lauf zur natio­na­len Ver­ei­ni­gung, längst wie­der auf den libe­ra­len Stand­punkt zurück­ge­zo­gen: Geld und gute Wor­te, der Markt wird es schon von selbst regu­lie­ren – tschüß, wir fah­ren gleich nach Euro­pa weiter …

So fiel Dorn­rös­chen, noch beläm­mert von vier­ein­halb Jahr­zehn­ten sta­li­nis­ti­schen Stumpf­sinns, in die Hän­de klei­ne­rer und gie­ri­ge­rer Geis­ter aus dem Rhein­bund. Die woll­ten ihm weis- machen, es brau­che nur alles zu tun, was Rüdi­ger Alt­manns berühm­ter kas­trier­ter Kater schon immer getan habe – dann wer­de alles wie­der gut. Das unter der Bon­ner Käse­glo­cke ent­wikkel­te rechts­staat­li­che Instru­men­ta­ri­um reicht je- doch für den Ernst­fall nicht aus. Klei­ne Mau- erschüt­zen zu ver­kna­cken ist kei­ne läu­tern­de Kathar­sis, son­dern ein blan­ker Hohn. Und sich von den gei­len Medi­en mit dem Sta­si-Mythos eine zwei­te  deut­sche  Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung auf­schwat­zen zu las­sen, nach­dem die ers­te schon ver­sagt hat, ist ein hel­ler Wahnsinn.

Die Wes­sis soll­ten zur Kennt­nis neh­men, was ihnen ein legi­ti­mer Spre­cher der DDR, der gro­ße Maler Wolf­gang Mat­theu­er, schon am 10.April 1991 (in der Welt) in knor­ri­gem Maler­deutsch zuge­ru­fen hat: »Nur ein star­kes, vor allem selbst­ver­ständ­li­ches Natio­nal­be­wußt­sein ver­klam­mert die Tei­le und ver­söhnt und eint die Men­schen.« Ein sol­ches »real­exis­tie­ren­des Natio­nal­be­wußt­sein« sei jedoch nicht vor­han­den, »da ein sol­ches, in der geo­gra­phisch west- lichen und der poli­tisch lin­ken deut­schen Bevöl­ke­rung hoch­pro­zen­tig, wenn nicht sogar mehr­heit­lich, als Gefühls­du­se­lei bana­li­siert, der Lächer­lich­keit preis­ge­ge­ben oder als frie­dens­be­dro­hend ver­teu­felt, nur noch ein ver­steck­tes und ver­schäm­tes Erin­nern war und ist.«

 Gastbeitrag

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