Sezession
1. Februar 2017

Die Tücke der unblutigen Revolution

Gastbeitrag

von Armin Mohler

pdf der Druckfassung aus Sezession 76/Februar 2017

Der vorliegende Text Armin Mohlers erschien erstmals in einer Festschrift für den liberalkonservativen Publizisten und Verleger Johannes Gross (1932 –1999). Deutschland, ein Land in Europa. Eine Bestandsaufnahme vor der Jahrtausendwende (Köln 1992), herausgegeben von der Redaktion Impulse, war nicht für den Buchhandel vorgesehen und erreichte so nur eine kleine, überwiegend konservativ ausgerichtete Fachöffentlichkeit, die über den deutschen Neubeginn nach 1989 /90 sinnierte. Die Junge Freiheit brachte daher einen – in Inhalt und Umfang identischen – Paralleldruck in ihrer Sommerausgabe 1992, während in der Tageszeitung Die Welt vom 17. Oktober 1992 eine gekürzte Fassung als »Dornröschen liegt in der Traufe. Die Tücken einer unblutigen Revolution« erscheinen konnte.

Armin Mohler ging es in diesem Zeitraum grundsätzlich darum, daß notorische Vergangenheitsbewältigung –  ob  Bewältigung  des Dritten Reichs oder der DDR – nur dem politischen Gegner in all seinen Schattierungen zugute komme. Die dauerhafte Selbstkasteiung, nach der Wende erweitert in bezug auf Stasi und SED-Funktionäre, würde, so Mohler mit Rückgriff auf Carl Schmitts Politikverständnis, das nationale Rückgrat und den Selbstbehauptungswillen der Deutschen nachhaltig schwächen. In diesem grundsätzlichen Sinne ist sein wiederholt überarbeitetes Buch Vergangenheitsbewältigung (1968, 1980, 1981), in bezug auf die ehemalige DDR vor allem aber sein pointiertes Werk Der Nasenring (in seiner zweiten Fassung von 1991) zu lesen.

In dem nachfolgenden Text wird Mohlers Widerwillen gegenüber einem bloßen ideellen wie politischen Westexport in die neuen Bundesländer spürbar. Der schweizerische Wahldeutsche hatte den für kluge Beobachtungen nötigen Abstand zur jüngsten Geschichte; er wollte nicht, daß die allzulange vom Stalinismus gepeinigten Mitteldeutschen nun direkt die Segnungen »gieriger Geister aus dem Rheinbund« empfingen. Stattdessen sei es an der Zeit, die nationale Versöhnung  jenseits des West- und Ostblocks-Denkens herbeizuführen.

1.)

Im Februar 1992 kam es zu einem Novum in der bisher 43jährigen Geschichte des Deutschen Bundestages: Ein Bundestagsabgeordneter beging Selbstmord aus politischem Protest. Am Samstag, dem 15. Februar, erhängte sich der PDS-Abgeordnete und Staatsrechtsprofessor Gerhard Riege in seinem Garten irgendwo in der ehemaligen DDR. Am Sonntag nahmen sich der Rundfunk und das Fernsehen des Falles Riege an. Am Montag zog die Presse mit Details nach. So ist dieser Freitod zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden.

Ein Brief, den der 61jährige Selbstmörder, Vater von drei Kindern, seiner Frau hinterlassen hatte, ließ keinen Zweifel daran, wogegen sich dieser demonstrative Akt richtete. Er war einerseits ein Protest gegen die »zweite deutsche Vergangenheitsbewältigung« in Form des Stasi- Rummels, in die der Professor als zeitweiliger Stasi-Mitarbeiter selber verwickelt war. Ebensosehr war er aber auch ein Protest Rieges gegen seine Behandlung durch seine Bundestagskollegen: Er war kurz zuvor von jungen Abgeordneten der West-CDU niedergebrüllt worden – eine Erfahrung, die er als Ordinarius einer DDR-Universität noch nicht hatte machen können. Der Abschiedsbrief ist eine Mischung von Persönlichem (es fehle ihm »die Kraft zum Kämpfen und zum Leben«) und von gezielt Politischem:

»Ich habe Angst vor der Öffentlichkeit, wie sie von den Medien geschaffen wird und gegen die ich mich nicht wehren kann. Ich habe Angst vor dem Haß, der mir im Bundestag entgegenschlägt aus Mündern und Augen und Haltung von Leuten, die vielleicht nicht einmal ahnen, wie unmoralisch und erbarmungslos das System ist, dem sie sich verschrieben haben. Sie werden den Sieg über uns voll auskosten.«

Der traditionelle Hinweis, daß das Blut ein besonderer Saft sei, ist eine Metapher. Das heißt, daß man sie auch auf einen Selbstmord anwenden darf, bei dem kein Blut fließt. Wenn der hier zitierte Brief von einem Bundestagsabgeordneten geschrieben worden wäre, der in Bonn noch immer seinem Beruf als Volksvertreter nachgeht, so wäre diese Klage eine Stellungnahme zur deutsch-deutschen Vereinigungskrise (Arnulf Baring dixit) wie so viele andere auch. Daß sie die letzten Worte eines Mannes sind, welcher sie mit dem höchsten Opfer bekräftigt, das ein Mensch bringen kann, dem freiwilligen Tod, verschiebt die Anklage in eine ganz andere Dimension. Die zweite deutsche Vergangenheitsbewältigung erhält dadurch eine neue, erschreckende Färbung, und das in einer Situation, in der es den Zauberlehrlingen in Politik und Medien allmählich dämmert, welches Faß der Pandora sie mit der Freigabe der Stasi-Akten geöffnet haben.

Unter dieser Belichtung löst sich alles, was ein aufrechter Verfechter der FDGO-Ideologie gegen ein Mitglied des DDR-Establishments wie Riege auf dem Herzen haben könnte, in Schattenboxen auf. Angesichts der Identifikation von DDR und Stasi kommt es auf die Details einer Stasi-Mitarbeit – in welchem Alter? wie lange? aus welchen Gründen? – gar nicht mehr an. Schließlich weiß man ja nun, daß jede Berufstätigkeit von einiger Wichtigkeit ohne Stasi- Kontakte gar nicht möglich  war.  Jedem,  der die Stufen hinaufzuklettern begann, war natürlich »sein« Stasi-Mann bekannt – auch wenn er das freiwillig nicht zugibt angesichts der heute durch die Gassen und Gossen tobenden Hexenjagd. Und diese Jagd erleichtern sich ihre Promotoren dadurch, daß sie zunächst jeden vorbeugend unter Verdacht stellen, der einen Weg zwischen aktivem Widerstand und totaler Staatshörigkeit suchte.

Wer weder ein Held noch ein Schurke war (und das war die große Mehrheit der DDR-Deutschen), steht jetzt unter Beweislast. Die Stasi-Akten, von denen keiner genau weiß, was an ihnen gelogen oder auch nur manipuliert ist, machen den Dschungel bloß dichter, aus dem schon jetzt kaum jemand mehr her- ausfindet, und das im Zeichen der Dämonisierung eines Ministeriums, von dessen Angestellten bloß eine Minderheit mit geheimpolizeilichen Aufgaben betraut war. Die Mehrheit hatte, neben reiner Verwaltungstätigkeit, eine ebenso gigantische wie absurde Aufgabe: Sie sollte mit einer Mixtur aus Psychologie und Ideologie den Apparat DDR im Gange halten – mit einer Art Doping als Ersatz für die Reize des Westens. Aber in der heutigen Stasi-Hysterie steht man wie ein Märchenerzähler da, wenn man so et- was zu erklären versucht.

Was  an  Bildern  zum  Fall  Riege  über die Presse und den Bildschirm kam, machte in seiner Zugespitztheit durch Extremfiguren die heutige Spannung zwischen Westdeutschland und der DDR physiognomisch deutlich. Auf der einen Seite, derjenigen der  Sieger,  die  Yuppies der West-CDU, welche, in fundamentaler Unkenntnis anderer Welten als der ihren, nun guten Gewissens einen alten »Roten« zur Strecke bringen konnten. Auf der anderen Seite der Abgeordnete Riege, immerhin vom Volk gewählt, aber schon durch seine geographische Herkunft in die Rolle des Besiegten gezwungen. Seinem müden, schmalen Gesicht war etwas von jener »Innerlichkeit« abzulesen, welche der Psychiater Hans-Joachim Maaz unter dem Begriff »Gefühlsstau« zur seelischen Grundstimmung sei- ner DDR-Landsleute erklärt hat.


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